Schweiz
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Catia Porri kam als Kind von italienischen Saisonarbeitern in die Schweiz. Sie musste sich jahrelang verstecken. Bild: watson/rar

Verbotene Generation

«Die Schweiz hat mir einen Teil meiner Jugend gestohlen» – Interview mit einem Saisonnier-Kind



Catia Porri kam 1962 als Kind von italienischen Saisonarbeitern in die Schweiz. Sie musste sich jahrelang in einem kleinen Zimmer mitten in Zürich verstecken. Heute wehrt sie sich gegen die Wiedereinführung des Saisonnier-Statuts, was zuletzt von SVP-Politikern gefordert wurde.

Frau Porri, was löst es in Ihnen aus, wenn SVP-Parteipräsident Toni Brunner, das Saisonnier-Statut als «sehr gutes System» bezeichnet
Catia Porri: Dann muss ich schon sehr an mir halten. Als SP-Vertreterin zähle ich die SVP jedoch einfach pragmatisch zu meinen politischen Gegnern. Ich bin zuversichtlich, dass wir verhindern können, dass die Schweiz solche Instrumente wieder einführt und sich total abschottet.

Mit 12 Jahren mussten sie sich drei Jahre lang in einem Zimmer mitten in der Stadt Zürich verstecken. Warum?
Es war im Jahr 1962, als meine Eltern sich entschieden, in der Schweiz ihr Glück zu suchen. Meine Mutter fand eine Stelle als Näherin, mein Vater arbeitete als Heizungsmonteur. Wir verliessen Florenz gemeinsam. Meine Eltern hatten jedoch keine Ahnung, welche Arbeits- und Migrations-Bedingungen da auf sie zu kommen. Meine Eltern fielen aus allen Wolken, als es nach sechs Monaten hiess: «Catia muss wieder ausreisen.» Und so fing für mich im Alter von 12 Jahren eine Zeit wie im Gefängnis an. 

Unia kämpft gegen ein neues Saisonnier-Statut

Das Saisonnierstatut, das 1934 in Kraft trat, schrieb vor, dass Arbeiter nach maximal neun Monaten geleisteter Arbeit nach Hause zurück fahren mussten. Die vorwiegend italienischen Arbeiter genossen nur geringen sozialen Schutz, arbeiteten zu sehr tiefen Löhnen in der Bau- und Landwirtschaftsbranche und durften weder den Arbeitgeber noch den Kanton wechseln. Familiennachzug war nicht vorgesehen.
Mit der Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 wurde das Saisonnier-Statut definitiv abgeschafft. 
Mit der Tagung «Baracken, Fremdenhass und versteckte Kinder» eröffnete die Gewerkschaft Unia am Freitag den Kampf gegen die Wiedereinführung von Einwanderungskontingenten und Saisonnier-Statut. Mit einer Ausstellung will die Unia an die unmenschliche Lebenssituation der Saisonniers in den 50er- und 60er-Jahren erinnern. (rar) 

Ihre Eltern durften bleiben, Sie aber nicht? 
Ja. Familiennachzug gab es schlicht nicht. Ausländer, die nicht arbeiten konnten – beispielsweise Kinder – waren in der Schweiz nicht erwünscht. Also musste ich gehen. Meine Eltern wussten aber nicht wohin mit mir, und ich wollte unbedingt bei ihnen bleiben.

«Ausländer, die nicht arbeiten konnten – beispielsweise Kinder – waren nicht erwünscht.»

Was haben Sie gemacht?  
Alle sechs Monate reiste ich offiziell aus, um den Stempel in meinem Aufenthaltsbewilligung zu haben. Kurz darauf reiste ich illegal wieder ein. 

Wie kamen Sie über die Grenze? 
Ich versteckte mich im Kofferraum meiner Eltern.

Und dann mussten Sie jeweils sechs Monate lang still halten?
Ja. Meine Eltern hatten an der Klosbachstrasse in Zürich zwei Zimmer gemietet. Im einen standen unsere Betten, im anderen gab es eine kleine Einbauküche. Dazwischen war ein langer Gang. Das Risiko war zu gross, dass mich da jemand entdeckte. Also blieb mir nur das Schlafzimmer. Ich durfte nicht einmal den Kopf aus dem Fenster strecken. 

«Ich verfiel in einen Zustand kompletter Lethargie.»

Was haben Sie den ganzen Tag gemacht? 
Nichts, schlichtweg gar nichts. Ich hatte sogar Angst, Schritte auf dem Zimmerboden zu machen, da ich befürchtete, er würde knarren. Also verbrachte ich meine Zeit im Bett. Ich habe viel geschlafen und versucht zu lesen.

Wie hält man das als 12-Jähriges Kind aus? 
Ich verfiel in einen Zustand kompletter Lethargie. Mir wurde eigentlich auch erst Jahre später bewusst, was mir passiert war, nämlich als ich selber Kinder hatte und sah, wie sie aufwuchsen. Meine Eltern hatten mir damals befohlen, still zu sein. Ich spürte ihre Angst, also war ich still. Sogar der engere Familienkreis durfte nicht wissen, dass ich da bin. Wenn jemand zu Besuch kam, versteckte ich mich im Schrank. 

Wie haben sich Ihre Eltern gefühlt? 
Als Kind war mir das nicht so bewusst. Aber ihnen muss es sehr schlecht gegangen sein. Sie haben auch sehr hart gearbeitet. Irgendwie versuchten wir alle, möglichst gut mit unserer jeweiligen Situation umzugehen. 

Wie endete Ihre Zeit im Versteck? 
Nach drei Jahren erhielten meine Eltern eine Jahres-Aufenthaltsbewilligung und ich mit ihnen. Ich habe die Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule gemacht und bestanden. Danach konnte ich eine Fotolehre machen.

Was fühlen Sie heute, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?
Ein tiefes Gefühl der Einsamkeit, Leere und Hilflosigkeit.

«Die Schweiz hat mir einen Teil meiner Jugend gestohlen, aber Hass verspüre ich nicht. Ich habe mich revanchiert.» 

Hassen Sie die Schweiz dafür, dass sie Ihnen das angetan hat?
Die Schweiz hat mir einen Teil meiner Jugend gestohlen, aber Hass verspüre ich nicht. Ich habe mich revanchiert. 

Revanchiert? 
Ich bin jetzt seit März dieses Jahres in der Sozialbehörde in Glattbrugg tätig. Ich habe die Möglichkeit, mitzubestimmen und mein Gefühl für Gerechtigkeit einfliessen zu lassen. Ich kann dafür kämpfen, dass solch menschenunwürdige Arbeitsbedingungen nie wieder statt finden. Das ist meine Revanche. 

Zur Person

Die gebürtige Florentinerin Catia Porri lebt in Glattbrugg bei Zürich und hat zwei Kinder. Die 64-Jährige sitzt für die SP im Gemeinderat und verantwortet die Fürsorge. Als Gemeinderätin will sie sich für Chancengleichheit und Integration der ausländischen Bevölkerung einsetzen. (rar)

Prägt Sie das Erlebte noch heute? 
Ich glaube meine Erlebnisse als Teenagerin haben mich stärker gemacht. Ganz nach dem Motto: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Am meisten Einfluss hat aber wahrscheinlich meine lückenhafte Schulbildung auf mein Leben gehabt. Immer wieder fehlten mir sechs Monate Stoff. Danach hatte ich Mühe, in der Schweiz Anschluss zu finden. Aber ich habe mich durchgekämpft.

Verboten und versteckt - Saisonnierkinder erzählen

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video: youtube/Schweizerischer Gewerkschaftsbund

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    Alle Leser-Kommentare
  • canadienne 08.11.2014 00:32
    Highlight Highlight @ catia: bravo. es ist nicht einfach, mit einer solchen geschichte an die öffentlichkeit zu treten. eltern zum arbeiten zulassen aber die kinder sollen gefälligst zuhause bleiben? unmenschlich und der schweiz nicht würdig - lassen wir es nicht nochmals so weit kommen.
    @ redaktion, catia ist in der sozialbehörde der stadt opfikon (opfikon-glattbrugg ist stadt opfikon) und nicht im gemeinderat. bitte besser recherchieren.
  • buco 07.11.2014 21:14
    Highlight Highlight Wenn ich auswandern möchte, würde ich mich über die Bedingungen, Einwanderungsregeln etc. der neuen "Heimat" sehr intensiv erkundigen und falls nötig einen mindestens 6-monatigen Intensivkurs der nötigen, neuen Sprache belegen. Und fast rund um die Uhr (vorgängig) liefe ein massgebender Sender der neuen "Heimat" in Radio oder TV, damit bereits viel über das Einwanderungsland wüsste. Ich ging im Leben viermal ins Ausland in den Urlaub. Habe mich jeweils mindestens 50 Stunden darauf vorbereitet. Klar, es wäre vermessen, ich würde mich nun als Kenner des Gastlandes ausgeben. Aber ich habe in allen vier Ferien sehr viel über Land, Leute und Brauchtum mitbekommen. Mehr als dumbe Touristen- Shows in einer Hotelhalle, sondern mich jeweils mitten unter bedeutende "Einheimischen-Feste" gemischt. Die Ferien zeitlich optimal und den Aufenthaltsort gezielt gewählt. Das geht nicht, wenn "Geiz ist geil" Primat hat.
    • Tux 08.11.2014 09:59
      Highlight Highlight Wer 1962 4x pro Jahr in die Ferien konnte und einen eigenen Fernseher hatte der über ein fremdes Land informierte - war höchstens ein Einwanderer aus Melmak...
      Das alles gab es 1962 schlichtweg noch nicht.....
      Zudem warb die Schweiz MASSIVST vor allem in Italien um billigste Arbeitskräfte, die herkommen sollten, um zu arbeiten.
      Was wir heute an Fremdenhass erleben, ist nur noch ein Zuckerbrot im Gegensatz zu dem was damals abging. Ich kann mich sehr gut erinnern. Es gab damals echte Strassenschlachten sogar unter Kindern - Schweizer gegen Italiener....
  • Lowend 07.11.2014 17:51
    Highlight Highlight Fremdenfeinde schieben gerne alle Schuld auf die bösen Ausländer, dabei ist es absolut undemokratisch und zeugt eigentlich von einer erschreckenden Mentalität, über dass Schicksal von fremden Menschen zu urteilen, geschweige denn über sie abzustimmen, im Wissen, dass es einem nicht betrifft und ihnen dann sogar die Schuld zuzuschieben, dass sie in ihrer Not dazu gezwungen waren, TROTZ diesem menschenverachtenden Saisonnierstatut hier leben zu müssen, denn vergessen wir Max Frisch nicht, der sagte: "Sie HOLTEN Arbeitskräfte und es kamen Menschen."; Sie kamen eben nicht, sondern wurden geholt!!!
  • Baba 07.11.2014 15:56
    Highlight Highlight Das ist wirklich eine traurige Geschichte (wie es damals wohl viele - zuviele - gab). Ich bin wie Frau Porri froh, dass dieses Saisonnier-Statut Geschichte ist und wehre mich mit allen Mitteln dagegen, dass dies wieder eingeführt wird. Aber: ich bin nicht einig mit Frau Porri, dass die Schweiz ihr ein Stück Jugend gestohlen hat. Es waren ihre Eltern, die mit ihrer Unwissenheit ihrer Tochter dieses unwürdige Dasein aufgezwungen haben. Die Spielregeln (Gesetze) der Schweiz waren damals klar und es wäre die Pflicht der Eltern gewesen, diese "Spielregeln" im Vorfeld nicht richtig abzuklären!
    • Baba 08.11.2014 12:29
      Highlight Highlight Ich habe die Schweiz nicht als Sauberstaat verteidigt, ich finde und fand das Saisonnier-Statut miserabel (aber diesen Teil haben Sie ja grosszügig überlesen).
      Es ist ja wohl ein massiver Unterschied von einem Schiessbefehl zu einer Vorschrift über Familiennachzug. Den ersteren haben zuviele mit dem Leben bezahlt, vom zweiten kann das nicht behauptet werden... Schade für Sie, dass Sie die Welt so schwarz/weiss sehen.
      Übrigens: ich habe mich nicht persönlich angegriffen gefühlt, aber eine andere Ansicht und bin so frei, diese zu äussern. Es befremdet, dafür mit "Geht's noch" bedacht zu werden!

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