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epa04015806 Swiss satirist and cabaret artist Andreas Thiel poses for photographs in front of a portrait of himself at the German Academy Award ceremony held at Taafelhalle in Nuremberg, Germany, 11 January 2014. Thiel received the main prize which is endowed with 6,000 euros.  EPA/DANIEL KARMANN

Provoziert gerne: Kabarettist Andreas Thiel.  Bild: EPA

Provokateur: Andreas Thiel

Der selbst ernannte Aufklärer und Hofnarr

Eine Begegnung mit dem umstrittenen Kabarettisten Andreas Thiel.

Anna kappeler / schweiz am sonntag



«Den nächsten Mann muss ich nicht mehr vorstellen», ruft der Moderator süffisant. Und schon spurtet Andreas Thiel ins Rampenlicht. Die Zuschauer klatschen und johlen. Es ist Donnerstagabend in Bern, die Veranstaltung «Das Zelt» ist ausverkauft. Thiel wartet, bis der Applaus abgeklungen ist und er sagen kann: «Ich hatte eine sehr interessante Woche, wie ihr euch vorstellen könnt.» Wieder Klatschen und Johlen. Es folgen einige Seitenhiebe auf Roger Schawinski, bevor Thiel zu seinem aktuellen Programm mit dem Titel «Macht» übergeht.

Eine halbe Stunde zuvor sitzt der Satiriker im Backstage-Bereich auf einem Sofa, die Beine übereinandergeschlagen. Vom Medienrummel der letzten Tage lässt er sich nichts anmerken. «Hallo, ich bin Andreas. Willst du etwas trinken?» Fast kollegial wirkt er. Thiel trägt Jeans und T-Shirt, und nur der perfekt frisierte pinke Irokese erinnert daran, dass er in Kürze vor Publikum tritt. Er findet seine Frisur «fröhlich», einen tieferen Grund habe sie nicht.

«Mir schwirrt der Kopf», sagt er auf die Frage, wie es ihm gerade gehe. Ende November veröffentlichte er in der «Weltwoche» einen Text über den Koran. Thiels Fazit: Das Buch sei ein Aufruf zur Gewalt und Mohammed ein Sklaventreiber, Kinderschänder und Massenmörder. Vergangenen Montag sollte er im TV-Talk mit Roger Schawinski darüber sprechen. Die Sendung artete bekanntlich aus, in einen Hahnenkampf, der Gast wie Moderator unglücklich dastehen lässt. Seither wurde das SRF-Video 730'000-mal angesehen, 114 Beanstandungen gingen bis gestern Abend bei der Ombudsstelle ein.

Aufgewachsen ist Thiel in Bern und Solothurn als Sohn einer Hebamme und eines Elektroingenieurs. Seine Kindheit bezeichnet er als «ganz normal». Bei den Thiels wurde vegetarisch gekocht. Die Mutter habe dem Bruder und ihm aber beigebracht, auch auswärts zu essen, was auf den Tisch kommt. Inklusive Fleisch. «Den Unterschied zwischen Konsequenz und Fanatismus lernte ich bereits als Kind.»

Der Satiriker Andreas Thiel spricht bei der Delegiertenversammlung der FDP, am Samstag, 27. Oktober 2012 in Thun. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

 Thiel während einer Delegiertenversammlung der FDP 2012. Bild: KEYSTONE

Eltern und Lehrer hätten es nicht leicht gehabt mit ihm als Teenager, «Ich war ein Luftikus und Ausbrecher». Mit 17 flog er vom Gymnasium. Thiel: «Das war das Beste, was mir passieren konnte.» Denn sonst, ja sonst hätte er wie alle anderen irgendetwas studieren müssen. So machte er eine Bauzeichnerlehre und Schauspielausbildung, sagt allerdings: «Ich war ein schlechter Schauspieler. Die Stücke, die mir nicht gefallen, kann ich nicht spielen.» Also hat er mit Kollegen Auftragstheater gespielt, bis er bald als Solist auf den Bühnen stand. Er ist mehrfach preisgekrönt, etwa mit dem Salzburger Stier.

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Die Thiels wählten FDP. Noch heute steht die Partei dem Komiker am nächsten, sie ist ihm aber «zu etatistisch». «Ich bin anarcholiberal, will einen schlanken Staat und möglichst wenig Gesetze.» Die Masseneinwanderungs-Initiative unterstützt er, weil er die Kontrolle nicht Brüssel überlassen will. Thiel und seine Frau sind nach zweieinhalb Jahren in Indien gerade dabei, «wieder in der Schweiz sesshaft zu werden».

In seinen Programmen lotet Thiel bewusst die Toleranzgrenzen aus. Mit seinem Pamphlet in der «Weltwoche» gegen den Koran ist er jetzt noch einen Schritt weitergegangen. Hat er eine Marktlücke gefunden? Das bringt Thiel zum Lachen, «zu absurd ist diese Anschuldigung». Warum dann hat er seine Rolle als Satiriker abgelegt, um eine todernst gemeinte Streitschrift zu publizieren? «Seit 9/11 beschäftige ich mich mit dem Islam», sagt Thiel, der gläubig ist und sich als Buddhist, Christ und Parse bezeichnet.

«Ich bin anarcholiberal, will einen schlanken Staat und möglichst wenig Gesetze.»

Andreas Thiel

Drei Übersetzungen des Korans habe er gelesen – nun will er die Leute «die Wahrheit» wissen lassen über das Buch. Thiel, der sich als Aufklärer und Hofnarr sieht, holt zu einer Erklärung aus und geht dafür weit zurück. «Im Mittelalter dachten alle, die Erde sei flach. Es brauchte Aufklärung, um die Menschen vom Gegenteil zu überzeugen.» Mit dem Koran verhalte es sich ähnlich, denn laut gängiger Auslegung sei dieser friedlich. «Ich sehe das anders.»

Der Kabarettist Andreas Thiel tritt am Mittwoch, 14. Mai 2008, im Stadttheater Olten auf, bevor ihm der Schweizer Kabarett Preis

Thiel für einmal ohne Irokesen-Frisur. Aufnahme von 2008 im Stadttheater Olten. Bild: KEYSTONE

Statt seine Sicht darzulegen, hat sich Thiel vergangenen Montag bei «Schawinski» der Diskussion meist verweigert. Zur Stärkung seiner Thesen bezog er sich in der Sendung mehrmals auf einen österreichischen Professor, Manfred Schlapp, und auf ein neues Buch des Altphilologen. Dazu sagt Schlapp gemäss Newsportal «Infosperber»: «Wenn sich Thiel mit den Äusserungen auf mein Buch beruft, ist das ein fürchterlicher Irrtum, ein schreckliches Missverständnis. Wer mein Buch liest, wird dies sofort feststellen.»

«Die Journalisten scheinen alle blind zu sein, anders kann ich es mir nicht erklären, dass noch niemand Klartext geredet hat über den wahren Inhalt des Korans.» 

Andreas Thiel

Damit konfrontiert, sagt Thiel: «Der Journalist des ‹Infosperbers› möchte bitte erläutern, wo ich Schlapp falsch zitiert habe.» Schlapp sagt auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag», dass er die erwähnten Zeilen noch nicht gesehen habe und die Aussage so nicht stimme. Weiter wolle er sich dazu nicht äussern.

Was treibt Thiel an? «Ich finde Mitläufertum schwierig», sagt er. Wie gefährlich das Buch sei, sehe er daran, dass er jetzt eine Morddrohung bekommen habe. Den Einwand, die historische Kontextualisierung seines Textes fehle und sei vor allem Provokation, will er nicht hören. «Die Journalisten scheinen alle blind zu sein, anders kann ich es mir nicht erklären, dass noch niemand Klartext geredet hat über den wahren Inhalt des Korans.» Gegen Kritik scheint Thiel immun. Durch den Text würden Grenzen verschoben und der Islam dadurch zum Feindbild, warnte Markus Notter, Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS), im «Blick». Der ehemalige SRF-Chefredaktor und heutige MAZ-Direktor Diego Yanez bezichtigt Thiel auf «persönlich.com» des «unverblümten Antisemitismus». Kabarettist Patrick Frey wirft Thiel auf 20min.ch Rassismus vor. Thiels Reaktion? «Darüber kann ich nur lachen.» Gegenüber dem «Blick» sagte er, dass man von ihm aus auch den Holocaust leugnen könne. Er steht nach wie vor zu dieser Aussage und sieht darin nichts Problematisches. «Die Redefreiheit steht über allem.» Durch seinen Text sei eine lange überfällige Diskussion ausgelöst worden.

«Ziel erreicht», sagt Thiel.

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