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Anwalt Marcel Bosonet mit Unterstuetzern der Angeklagten vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona, am Donnerstag, 14. Juni 2018. Das Bundesstrafgericht hat gegen die 13 angeklagten Personen im Tamil-Tigers-Prozess bedingte Freiheitsstrafen und Freisprueche ausgesprochen. Das Gericht geht nicht von der Unterstuetzung einer kriminellen Organisation aus. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

Anwalt Marcel Bosonet mit Unterstützern der Angeklagten vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Schweizer Tamil-Tigers-Anführer erzählt: «Ich verstand die Vorwürfe nicht»

Der ehemalige Schweizer Tamil-Tigers-Anführer Kulam Chelliah (63) stand sieben Jahre lang unter dem Verdacht, ein Terror-Unterstützer zu sein – nun erzählt er, wie sich sein Leben dadurch verändert hat.

Andreas Maurer / Schweiz am Wochenende



An einem Januartag im Jahr 2011 fuhr Kulam Chelliah wie gewohnt frühmorgens zur Arbeit. Als er in den Bus steigen wollte, hielten ihn zwei Zivilpolizisten an. Sie zeigten ihm ihre Ausweise und brachten ihn in Handschellen zurück nach Hause, wo ein Dutzend Beamte eine Hausdurchsuchung durchführten. Chelliah erzählt: «Das war ein Schock für mich. Ich verstand die Vorwürfe nicht.» Mehr als drei Monate sass er in Untersuchungshaft im Regionalgefängnis Bern. Einen gleich langen Aufenthalt im U-Haft-Regime hat soeben der ehemalige Raiffeisen-Präsident Pierin Vincenz absolviert, unter öffentlicher Anteilnahme. Chelliah erzählt, weshalb er in dieser Zeit besonders gelitten habe: «Der Raum war dunkel, weil er nur ein kleines Fenster hatte. Ich durfte ihn einzig für eine Stunde Hofgang pro Tag verlassen.»

Chelliah hatte bereits Gefängniserfahrung. Vor über drei Jahrzehnten wurde er von Polizisten in Sri Lanka verfolgt: «Sie kamen immer wieder unangemeldet vorbei, nahmen mich fest und folterten mich. Ich konnte mich nicht mehr frei bewegen und nicht mehr frei denken.» Deshalb sei er 1982 mit einem Arbeitsvisum nach Saudi-Arabien gereist, wo er zwei Jahre gearbeitet habe, und danach über Indien in die Schweiz geflüchtet.

Falsche VorwürfeMit der Entlassung aus der U-Haft war der Spuk nicht vorbei. Sieben Jahre lang dauerte das Verfahren der Bundesanwaltschaft gegen Chelliah als Hauptangeklagten und zwölf weitere Beschuldigte. Juliette Noto, die TerrorVerantwortliche der Bundesanwaltschaft, klagte die Männer an, in der Schweiz eine kriminelle Organisation betrieben zu haben. Sie sollen den Schweizer Ableger der sri-lankischen Rebellengruppe Tamil Tigers geführt haben und von hier Terroranschläge in ihrer Heimat mit Spendengeldern finanziert haben. Als das Bundesstrafgericht in Bellinzona vor einer Woche sein Urteil verkündete, brach der grösste Teil der Anschuldigungen in sich zusammen.

Es sprach alle Schweizer Tamil Tigers vom Vorwurf der kriminellen Organisation frei und verurteilte Chelliah einzig in Nebenpunkten. So soll er gewerbsmässigen Betrug begangen haben, indem er ein illegales Kleinkreditsystem unterstützt hatte. Die Bundesanwaltschaft hatte für ihn eine unbedingte Freiheitsstrafe von fünf Jahren gefordert. Doch nun muss er nicht mehr ins Gefängnis, falls er straffrei bleibt. Er erhielt nur 21 Monate bedingt.

Ein gefürchteter MannDie Anklägerin beschrieb Chelliah als «angesehenen, aber auch gefürchteten Mann», der unter Schweizer Tamilen «absolute Autorität» genossen habe. Diese war wenige Minuten nach der Urteilsverkündigung zu spüren, als sich Dutzende Tamilen vor dem Bundesstrafgericht versammelten. Chelliah war erleichtert, doch zum Jubeln war ihm nicht zumute. Der 63-Jährige war in ein Gespräch vertieft, als ihn das Geplapper seiner Schwestern störte. «Psst», zischte er. Augenblicklich verstummte die tamilische Gemeinschaft um ihn. Chelliah ist nicht nur wegen seines bestimmten Auftretens eine respektierte Persönlichkeit, sondern auch wegen seiner Vergangenheit. Er war ein persönlicher Vertrauter von Velupillai Prabhakaran, dem gefürchteten Gründer und Führer der Tamil Tigers in Sri Lanka. Diese Beziehung erleichterte es ihm auch, unter Schweizer Tamilen Spendengelder einzutreiben.

Chelliah spricht selten mit Schweizer Journalisten. Das liegt nicht etwa daran, dass hierzulande kaum jemand seinen ganzen Vornamen aussprechen kann: Kulasekararajasingham. Kulam ist heute sein Spitzname, früher war es sein Kampfname. Es liegt daran, dass Chelliah seine bisherigen 33 Jahre in der Schweiz mehrheitlich in einer Parallelwelt verbrachte, in der tamilischen Community.

Nach seiner Ankunft in der Schweiz fand Chelliah Arbeit in einer Lebensmittelverpackungsfabrik in Sargans, in der vor allem Tamilen arbeiteten. Später führte er in Zürich den Laden der Schweizer Tamil Tigers. Diese pflegten eine eigene Subkultur, kontrollierten Restaurants sowie Tempel und organisierten Tanzwettbewerbe, Cricket- sowie Fussballmeisterschaften, Sprachkurse und Demonstrationen. Als die Diaspora wuchs, entstanden weitere Läden und Chelliahs traditioneller Tamil- Shop rentierte nicht mehr. Mittlerweile arbeitet er in der Küche eines St. Galler Altersheims und er spricht etwas Deutsch. Doch um über Politik und seine Gesundheit zu sprechen, fühlt er sich weder auf Deutsch noch Englisch imstande. Bei den Gesprächen mit der «Schweiz am Wochenende» ist deshalb ein Übersetzer dabei. Chelliah gelobt Besserung. Er besuche nun einen Deutschkurs.

Die Verhaftung auf dem Arbeitsweg sei für ihn vor allem deshalb ein Schock gewesen, weil er als Schweizer Tamil-Tigers-Chef immer einen guten Kontakt zu den Schweizer Behörden gehabt habe. Zeitweise wurde er sogar als offizieller Tamilen-Vertreter angesehen. 2002, als eine Delegation aus Sri Lanka für Friedensgespräche in die Schweiz reiste, durfte Chelliah als Gastgeber auftreten. Er erzählt: «Ein Vertreter des Aussendepartements war anwesend, wir wurden mit einem Spezialfahrzeug der Behörden am Zürcher Flughafen abgeholt und durch einen VIP-Ausgang geführt.»

Der Herzinfarkt

Mit der Niederlage der Tamil Tigers brach für Chelliah eine Welt zusammen. Er erlitt einen Herzinfarkt, 2009 wurde er operiert. Es war das Jahr, als in Sri Lanka Regierungstruppen seinen Freund und Führer Prabhakaran erschossen. Mit dem Verfahren der Bundesanwaltschaft verschlechterte sich Chelliahs Gesundheitszustand. Bis heute habe er sich davon nicht erholt.

Wegen des Strafverfahrens musste Chelliah um seinen Job fürchten. Dass der mutmassliche Terror-Unterstützer weiterhin für Ostschweizer Senioren kochen durfte, hat er seinem Verteidiger zu verdanken. Marcel Bosonnet (68) ist ein legendärer Zürcher Anwalt mit langen weissen Haaren, dem etwa auch der Whistleblower Edward Snowden seine Rechtsgeschäfte in der Schweiz anvertraute. Bosonnet ging persönlich im Altersheim vorbei und nahm seinen Klienten in Schutz. Die Tamil Tigers sind seine letzte Schlacht, sein letzter grosser Sieg. Die Entschädigung, die ihm das Bundesstraf- gericht für seine Verteidigungsarbeit zusprach, verdeutlicht den Aufwand: Er erhält eine halbe Million Franken.

Wie ein «harmloses» Beruhigungsmittel einen Skandal auslöste

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Video: srf

Chelliahs berufliche Zukunft war nur eines von vielen Problemen. Seine Bankkonten wurden gesperrt. Heute habe er viele Schulden, sagt er. Zudem erhielt er zu seinem Flüchtlingsausweis keine Reisedokumente mehr. Sein Anwaltsbüro legte erfolglos Beschwerde ein, in der es eine Verletzung der Unschuldsvermutung beklagte.

Diese Woche war eine besondere für Chelliah. Als er wie gewohnt wieder zur Arbeit erschien, sei er herzlich empfangen worden. Sein Chef und seine Mitarbeiter hätten ihm gratuliert und den Freispruch gefeiert. Dass er nun ein erstinstanzlich verurteilter gewerbsmässiger Betrüger ist, spielte keine Rolle. «Die Gerechtigkeit hat gesiegt», sagt er. Doch so einfach ist die Sache nicht. Das schriftliche Urteil wird erst in einem Jahr erwartet. Sollte dann die Bundesanwaltschaft Berufung einlegen, beginnt der nächste Prozess. (aargauerzeitung.ch)

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 24.06.2018 23:51
    Highlight Highlight Ich glaube es fast nicht!

    Gemäss diesem Bericht sind die Tamil Tigers ein seriöses Hilfswerk, das unterstützt werden muss.

    Die Tamil Tigers haben es den dummen, naiven Schweizer Hirtenbuben gezeigt. So ist das!
    • Ueli der Knecht 25.06.2018 09:22
      Highlight Highlight Spooky: Es ist gut-schweizerische Tradition, solchen Organisationen (zB. auch der PLO, der PKK, der UÇK, der FARC-EP etc) Schutz und logistische Basis und vorallem auch Zugang zu den UN-Organisationen in Genf zu bieten. Bedingung ist Einhaltung der Genfer Konvention mit Überwachung durch das IKRK.
    • Spooky 26.06.2018 01:16
      Highlight Highlight @Ueli der Knecht

      Jedenfalls könnte ich mir - als gewöhnlicher Schweizer - keinen Staranwalt leisten.

      Das ist der Unterschied zwischen mir und einem Tamil Tiger.
  • Spooky 24.06.2018 22:27
    Highlight Highlight Dass die Schweizer Justiz gegen die Tamil Tigers keine Chance hat, hätte ich schon vorher sagen können.

    Vor Jahren hat die Schweizer Justiz gegen die PKK der Kurden ermittelt. Wegen zwangsmässigem Eintreiben von Unterstützungsgeldern. Die Schweizer Justiz hatte keine Chance. Sie ist gegen die Staranwälte dieser Organisation wie gegen eine Mauer gerannt.
  • Spooky 24.06.2018 16:50
    Highlight Highlight Er hat einen Schweizer Staranwalt bekommen.

    (Könnt ihr von Watson wenigstens diesen neutralen Kommentar aufschalten?) (Oder bereits nicht mehr?)
    (Sind wir schon so weit?)
    • Ueli der Knecht 24.06.2018 23:26
      Highlight Highlight Spooky: Es gibt diese Fälle von notwendiger Verteidigung (im Strafrecht) und von unentgeltlicher Rechtspflege (im Zivilrecht). In beiden Fällen darf der Betroffene selbst den Anwalt seines Vertrauens wählen. Und In beiden Fällen übernimmt der Staat dessen Honorars (kann es aber allenfalls beim Betroffenen wieder zurückfordern).

      Die notwendige Verteidigung (und allenfalls die Übernahme der Kosten für Staranwälte) dient der Rechtspflege.
      https://www.rwi.uzh.ch/dam/jcr:00000000-09ca-eb9b-ffff-ffff986bf548/02_Verteidigung_nach_Art.130_f.pdf
    • Spooky 26.06.2018 01:28
      Highlight Highlight @Ueli der Knecht

      Entweder bist du total naiv oder du tust so!

      Oder anscheinend hast du nur theoretische Kenntnisse.

      In der Praxis ist die Schweiz eine Bananenrepublick, wo nur diejenigen vor der Justiz gewinnen, die auch den entsprechenden Hintergrund und vor allem genug Kohle haben.

      Die Tamil Tigers können von einem Tag auf den anderen ein paar Millionen locker machen.

      Ein kleinkrimineller, armer Schweizer muss in den Knast für überhaupt nichts, weil er nicht einmal die Kohle hat, um einen abgewrackten Winkeladvokaten zu bezahlen.

      Ehrlich, du hast keine Ahnung.
  • swisskiss 23.06.2018 19:13
    Highlight Highlight Wieder mal hat der Berg eine Maus geboren. Und wie bei den Hell Angels sind dieselben Vorwürfe vor Gericht zerpflückt worden.

    Da muss man sich nicht nur fragen, welche mangelne Fachkompetenz unsere Bundesanwaltschaft immer wieder an den Tag legt, sondern wer den politischen Druck ausübt, um solche Prozesse zu führen, die juristisch auf solch wackligen Füssen stehen.

    Es ist ärgerlich und störend, dass nicht nur Steurgelder verbraten werden, sondern auch Manpower absorbiert wird, die bei dem total überlasteten BG an anderer Stelle besser eingesetzt wäre.

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