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Freiwilliger Inländervorrang

Auch SBB, Post und Swisscom können nicht auf Ausländer verzichten

Bundesrätin Doris Leuthard forderte die Wirtschaft zum freiwilligen Verzicht auf ausländische Angestellte auf, damit die Zuwanderung gebremst wird. Doch selbst bundesnahe Betriebe winken ab: Es braucht die Ausländer.

Stefan Schmid / Aargauer Zeitung



Ein Artikel der

Am einfachsten wäre es für die Politiker, wenn sich das Problem der Zuwanderung von alleine lösen würde. Entweder setzt ein markanter Konjunktureinbruch der Attraktivität der Schweiz ein jähes Ende. Oder die Wirtschaft reguliert sich selber und stellt weniger EU-Bürger ein. Da niemand ernsthaft einen Abschwung herbeireden mag, ruhen die Hoffnungen somit auf den Unternehmern. 

Ein Umdenken in den Chefetagen aber zeichnet sich bisher nicht ab. Die Zuwanderung ist in den letzten Monaten unvermindert hoch. Bundesrätin Doris Leuthard liess sich deshalb vor Wochenfrist zu deutlichen Worten hinreissen. Sie sei enttäuscht von der Wirtschaft, sagte sie am CVP-Parteitag in Sempach. «Ich sehe immer noch keine Massnahmen zur Drosselung der Zuwanderung, die zeigen, dass die Wirtschaft den Volksentscheid vom 9. Februar ernst nimmt.»

Leuthard fordert faktisch einen freiwilligen Inländervorrang. Unternehmer sollen zuerst das inländische Potenzial ausschöpfen, ehe sie sich im Ausland nach Fachkräften umsehen.

Die Masseneinwanderungs-Initiative fordert einen verbindlichen Vorrang für Schweizer. Dies jedoch ist ein Verstoss gegen das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU. Ein Ausweg läge also tatsächlich in einer freiwilligen Selbstbeschränkung. 

Ausländer sind wichtig

Doch damit ist es selbst bei den bundesnahen Betrieben nicht weit her, wie eine Umfrage der «Nordwestschweiz» zeigt: Die SBB etwa haben zwischen dem 10. Februar und dem 31. Juli 876 neue Mitarbeitende eingestellt, wie Pressesprecher Christian Ginsig auf Anfrage sagt. Davon haben 203 (23 Prozent) einen ausländischen Pass. Insgesamt stammt das Personal der Bundesbahnen aus 89 Ländern. 2013 betrug der Ausländeranteil 13,7 Prozent.

Die groesste Bahnhofsuhr der Welt (Durchmesser 7 Meter) vor dem Gebaeude des neuen SBB-Hauptsitzes vor der Einweihungszeremonie am Donnerstag, 14. August 2014, in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Bei der SBB nicht wegzudenken: Ausländische Fachkräfte. Bild: KEYSTONE

Daraus könne indes nicht der Schluss gezogen werden, die SBB würden nun mehr Personal im Ausland rekrutieren. Die meisten neuen Mitarbeitenden mit ausländischem Pass lebten schon lange in der Schweiz. Man habe aber grundsätzlich nicht vor, künftig weniger Personal im Ausland zu rekrutieren. «Nicht die Nationalität, sondern die Qualifikation ist für eine Stellenbesetzung wichtig.»Die SBB betonen: «Ausländische Arbeitskräfte sind wichtig und aus dem Unternehmen nicht wegzudenken.» 

Bei der Post sind keine Zahlen zur Entwicklung seit dem 9. Februar verfügbar. Diese werden nur jährlich erhoben. Mediensprecher Bernhard Bürki sagt: «Die Post rekrutiert ihre Mitarbeitenden nach ihren beruflichen Erfahrungen und Fähigkeiten und schreibt die Stellen in der Schweiz aus.» Auf Ausländer verzichten kann das Unternehmen nicht: «Lassen sich im inländischen Arbeitsmarkt keine Kandidatinnen und Kandidaten mit dem entsprechenden Profil finden, rekrutiert die Post auch Personal aus dem Ausland.» Von den Post-Mitarbeitenden haben aktuell 15 Prozent keinen Schweizer Pass. 9,6 Prozent stammen aus EU-Staaten.

Ein Post-Mitarbeiter verpackt die vom Roboter transportierten Artikel zum Versand auf der vollautomatisierten Lager- und Kommissionierungsanlage, im neuen Post-Logistikzentrum

Bei der Post liegt der Ausländeranteil bei 15 Prozent. Bild: KEYSTONE

Auch die Swisscom hat keine Zahlen, die sich auf die Monate nach dem 9. Februar beziehen. 82,8 Prozent der Mitarbeitenden besitzen aktuell die Schweizer Nationalität. Die restlichen 17,2 Prozent verteilen sich auf Mitarbeitende aus 90 Ländern, davon 5,3 Prozent aus Deutschland, 3,8 Prozent aus Italien, 2 Prozent aus Frankreich und 1 Prozent aus Spanien. Punkto Fachkräftemangel im Inland hält Swisscom-Sprecher Olaf Schulze fest: «Wir werden auch in Zukunft Fachkräfte aus dem Ausland rekrutieren müssen, insbesondere bei Stellenprofilen, die in der Schweiz nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.»

Die Antworten zeigen: Die bundesnahen Betriebe beschäftigen weniger Ausländer, als deren Anteil an der Gesamtbevölkerung (rund 23 Prozent) vermuten liesse. Bei Mangel im Inland wird aber auch künftig weiterhin im Ausland rekrutiert. Der freiwillige Verzicht scheitert in der Realität am beschränkten inländischen Fachkräfteangebot.

Wenig Ausländer beim Bund

Anders ist die Situation bei der Bundesverwaltung. Dort spielen ausländische Angestellte generell eine geringere Rolle als in der Privatwirtschaft. Ein Reporting aus dem Jahr 2011 zeigt, dass sich die Zusammensetzung nach Nationalitäten seit Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit am 1. Juni 2002 nur unwesentlich verändert hat. Im Jahre 2002 waren 97,1 Prozent der Mitarbeitenden Schweizer, 2010 immer noch 95,8 Prozent. Am stärksten angestiegen ist der Anteil der Deutschen, die 2002 mit 0,5 Prozent (198 Personen) und 2010 mit 1,3 Prozent vertreten waren (476 Personen). Seither bewegt sich der Ausländeranteil zwischen vier und fünf Prozent. Auf Kaderstufe ist der Ausländeranteil indes noch weit geringer. (trs)

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