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Nicole war eigentlich schon tot – jetzt erzählt sie, wie sie die Magersucht besiegt hat

Als Nicole Knörr in die Klinik eingeliefert wird, ist sie so stark abgemagert, dass sie eigentlich nicht mehr leben dürfte. Die junge Leibstadterin überlebt. Ihren Leidensweg und wie sie aus der Magersucht herausgefunden hat, schildert sie nun in einem Buch.

Daniel Weissenbrunner / Schweiz am Wochenende



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«...never give up» steht auf Nicole Knörrs Unterarm: Sie litt jahrelang an Essstörungen. Die 21-Jährige hat nicht aufgegeben. Mit ihrem Buch will sie jetzt Betroffenen Mut machen. Bild: Sandra Ardizzone

Sie sitzt an diesem sonnigen Herbstmorgen auf einer Mauer im Zentrum von Baden. Ihre braunen mandelförmigen Augen leuchten. Sie lacht. Nicole Knörr wirkt entspannt und scheint mit sich eins. Sie blickt hinunter an die Limmat. Ihr Leben ist im Fluss – wieder.

Nicole Knörr trägt ein schwarzes, armfreies Kleid. Mit dem Selbstverständnis einer 21-jährigen selbstbewussten Frau. Beim Blick auf ihre Arme erhält dieses makellose Bild Kratzer. Narben, inzwischen verheilt, aber Zeugen, die bei Nicole Knörr tiefe seelische Wunden hinterlassen haben. Auf dem Unterarm ein Tattoo, darauf steht: «...never give up.»

In diesen Tagen erscheint ihr Buch «Magere Jahre – Wie ich meine Essstörung überwand.» «Schreiben Sie nicht zu viel über mich. Es geht mir um die Sache. Es geht um diese schlimme Krankheit», sagt sie. Die 184 Seiten sind Teil ihrer Verarbeitung, ihrer langen Leidenszeit. Nicole Knörr will mit ihrer Geschichte möglichst viele Menschen erreichen, die von der Krankheit betroffen sind und Hilfe suchen. Sie schildert, was im Kopf einer Magersüchtigen vor sich geht und warum es so schwer ist – ganz banal – einfach wieder zu essen. Knörr will Anorektikern, Magersüchtigen, eine Stimme geben. Was sie fühlen, wie sie denken, welche Zwänge sie haben. «Es ist so schwierig, das alles zu fassen und zu begreifen.»

Schwierige Familienverhältnisse

Um zu verstehen, was Nicole Knörr durchgemacht hat, ist der Rückblick in ihre Kindheit unvermeidbar. Sie wächst in Leibstadt auf. Die Familienverhältnisse sind schwierig. Sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Eliane leiden unter der Beziehung der Eltern. Sie erleben die dauernden Streitereien. Vater und Mutter sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um den Kindern den nötigen Halt und Zuneigung geben zu können. «Es wäre schön gewesen, wenn meine Mutter mich einmal in den Arm genommen hätte», sagt Knörr. Die Sorgen, die Bedürfnisse der Kinder haben keinen Platz. Als Nicole zwölf ist, trennen sich die Eltern. Der Vater verlässt die Familie.

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Nicole Knörr: «Magere Jahre – Wie ich meine Essstörung überwand». Das Buch erschien im Patmos-Verlag und ist ab sofort im Handel erhältlich. Die Psychologin Sylke Aust ergänzt die Texte mit Expertentipps für Betroffene und Angehörige. Eine Buchvernissage findet am 18. Oktober in Aarau (Stadtbibliothek, 19.30 Uhr) statt.

Macht sie ihren Eltern einen Vorwurf? Nicole überlegt lange. «Nein, denn um sie verurteilen zu können, müsste ich zuerst erfahren, wo ihre Probleme waren.» Über Probleme wird aber nicht gesprochen. Die Zustände im elterlichen Haus schweissen dafür die beiden Schwestern zusammen. «Wir sind die besten Freundinnen.» Wie sich zeigen sollte, ein überlebenswichtiges Verhältnis. Denn Knörrs nächstes Umfeld, die Schule, auch die Nachbarn, bemerken nicht, was sich abspielt. Sie erfahren es erst spät.

Mit dreizehn erlebt Nicole ein traumatisches Erlebnis ausserhalb des Hauses, das sie schliesslich vollends in die Magersucht treiben sollte. «Ich hätte damals eine erwachsene Person gebraucht, mit der ich hätte reden können.» Nicole beginnt zu hungern, weil sie das Erlebte verdrängen will. Ihr jagen zerstörerische Gedanken durch den Kopf. Sie ritzt sich die Arme und sie fragt sich, ob das alles noch Sinn macht. Das war im Frühling 2010.

Nur noch fünf Kalorien am Tag

Nicole verliert sehr schnell an Gewicht. Innerhalb von sechs Monaten nimmt sie dramatisch ab. Zuerst lässt sie die Zwischenmahlzeiten weg. Dann wird das Frühstück weniger. Das Abendessen besteht noch aus einem Joghurt. Mit der Zeit nimmt sie am Morgen noch ein wenig Obst und am Abend ein halbes Joghurt. Irgendwann ernährt sie sich nur noch von Obst und Gemüse. Im August ist es schliesslich noch eine fettfreie Bouillon.

Nicole führt ihrem Körper während zweier Monate täglich noch fünf Kalorien zu. Sie schliesst sich im Badezimmer ein. Sie trainiert stundenlang und presst das Letzte aus ihrem geschwächten Körper heraus. Selbst Eliane, die Einzige, die wirklich mitbekommt, wie sich die Lage ihrer Schwester verschlechtert, ist zu dieser Zeit machtlos. Nicole ist in ihrem Körper gefangen.

Obwohl sie schon stark abgemagert ist, geht sie weiterhin an die Bezirksschule in Leuggern. Eine Lehrerin sagte ihr einmal: «Nicole, du bist viel zu dünn. Iss mehr!» Ihre Ärztin ist ebenfalls überfordert. Nicole versteckt Gegenstände in ihren Kleidern, damit sie genügend Gewicht auf die Waage bringt.

Im Spätsommer wird Nicole endlich krankgeschrieben. Ihre Klassenlehrerin setzt die nötigen Hebel in Bewegung. «Eigentlich war sie es, die mir das erste Mal das Leben gerettet hat.» Es ist fast zu spät.

Körpertemperatur noch 34 Grad

Am 27. September 2010 wird Nicole Knörr ins Triemlispital in Zürich eingeliefert. Ihr Body-Mass-Index (BMI) liegt zu dieser Zeit unter 9. Ihr Gewicht erwähnt sie bewusst nicht. «Ich will nicht, dass auch nur eine Magersüchtige auf die Idee kommt, meinen Tiefpunkt zu erreichen.» Medizinisch gilt ein BMI unter 12 als lebensgefährlich, unter 10 als nicht mehr überlebensfähig. Ihre Körpertemperatur war unter 34 Grad gefallen. Die Ärzte sind sich einig: Einen Tag länger und sie hätte tot sein können.

Nicole wehrt sich gegen einen stationären Aufenthalt. Ihre Schwester Eliane bittet sie schliesslich, es für sie zu tun. Sie lässt sich umstimmen. Nicole beginnt zu essen, aber widerwillig. Sie legt an Gewicht zu. Vor dem Wiegen trinkt sie sechs Liter Wasser und überlistet so die Ärzte. Alles, um so schnell wie möglich rauszukommen. Nach vier Monaten wird sie aus der Klinik entlassen. Über die Gründe, die sie in die Magersucht getrieben haben, spricht sie mit den Fachpersonen auch hier nicht. «Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren.»

Nicole beginnt plötzlich zu kochen. Sie beschäftigt sich rund um die Uhr mit Essen. «Wie eine Wahnsinnige», erinnert sie sich. «Aber nicht für mich. Ich habe damals nicht realisiert, wie krank das ist.» Ein typisches Verhalten eines Anorektikers.

Hilfe beim Traumatherapeuten

Im Frühling 2011 verschlechtert sich ihr Zustand erneut. Sie gibt zwar vor, die Situation im Griff zu haben. «Magersüchtige lernen, hervorragend zu lügen», sagt Nicole Knörr. Sie verschleiert ihr Untergewicht unter anderem mit dem Tragen von weiten Kleidern. Zu diesem Zeitpunkt hat sie einen BMI von 13. Unter 17 gilt ein Mensch als magersüchtig. Nicole Knörr geht trotzdem wieder in die Schule. 2012 kommt sie an die Kanti Wettingen.

Dort folgt der nächste Rückfall. Ein Klinikaufenthalt scheint die letzte Möglichkeit. Das Problem: Man findet keinen Platz. Wartezeit: drei Monate. Man versucht es mit einer kombinierten Psycho- und Körpertherapie.

Die Resultate sind zunächst ermutigend. Sie beginnt zu essen – endlich. Und sie nimmt wieder zu. Plötzlich hat sie Fressattacken, auch das typisch für den Krankheitsverlauf von Magersüchtigen. Daraus entwickelt sich eine Bulimie. Nicole hat ihre Kräfte aufgebraucht. «Nach sechs Jahren konnte ich einfach nicht mehr.»

Sie sucht und findet schliesslich Hilfe bei einem Traumatherapeuten. Sie erhält Psychopharmaka und redet erstmals mit einer Fachperson über ihre Lebens- und Leidensgeschichte. Ihm gelingt es, dass Nicole ihre innere Spannung abbauen kann. Sie beginnt mit Joggen, sie malt und sie entdeckt das Schreiben. Der Therapeut gibt ihr das Selbstwertgefühl zurück. Nicole reagiert positiv darauf. Allmählich entwickelt sich bei ihr wieder ein Körpergefühl.

Der Weg zurück ins normale Leben

September 2017: Nicole Knörr ist nach wie vor daran, das Chaos in ihrem Leben, wie sie sagt, aufzuräumen. Sie hat nach wie vor Stimmungsschwankungen. Aber sie kann und will vor allem wieder eines: leben. Inzwischen hat sie die Kanti abgeschlossen. Nächstes Jahr beginnt sie mit dem Studium. Entweder Medizin oder Psychologie. «Ich bin inzwischen stabiler.» Auch ihr Gewicht entspricht dem durchschnittlichen BMI einer 21-jährigen Frau, die begonnen hat, Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Darin nicht eingeschlossen ist der Wunsch nach einer Beziehung. «Wenn mir Personen zu nahe kommen, drehe ich durch.» Konzertbesuche oder Shoppen im Ausverkauf lösen bei ihr ebenfalls Ängste und Panik aus. Sie wird Geduld benötigen, das weiss sie. «Es ist aber alles nichts im Vergleich zu den letzten Jahren», sagt Nicole Knörr. «Wenn ich am Morgen aufwache, freue ich mich auf den Tag.» Sie schaut zur Limmat. Ihre Augen strahlen. (aargauerzeitung.ch)

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