DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Natalia Sokol im Cabaret Voltaire. Mann und Kinder sind per Skype dabei.
Natalia Sokol im Cabaret Voltaire. Mann und Kinder sind per Skype dabei.Bild: watson/Petar Marjanovic

Eine russische Künstlerin bittet bei uns um Asyl. Vor allem für ihre Kinder, die sonst aus ihren Legos nur noch Kriegsspielzeug bauen

Natalia «Koza» Sokol vom Künstlerkollektiv Voina trat am Dienstagmittag im Zürcher Cabaret Voltaire mit ihrer Geschichte vor die Presse.
28.04.2015, 15:1804.05.2015, 11:52

Natalia Sokol ist jetzt also hier und bittet um politisches Asyl in der Schweiz. Zuerst jedoch um ganz praktische Dinge: Um ein Logis, um Unterstützung in jeglicher Form, um einen Anwalt. Vielleicht ist aber eine Frauenärztin am dringendsten: Natalias jüngstes Kind kommt in wenigen Wochen, vielleicht gar wenigen Tagen zur Welt. 

Ihr Mann Oleg «Wor» Worotnikow und die beiden Kinder Kasper (6) und Mama (4) sind noch in Russland, sagt sie. Es ist Natalias Traum, dass alle vier in der Schweiz leben und von der Schweiz aus Russland verbessern können. Denn Natalia und Nikolai sind Künstler, und als Künstlerin konnte Natalia jetzt auch in die Schweiz kommen, auf eine Einladung des Zürcher Cabaret Voltaire.

Banksy bezahlte ihre Kaution

Die Kunst, die sie seit 2005 machen, ist staatskritische Performance-Kunst, wie wir sie von Pussy Riot kennen. Einmal projizierten sie einen Totenschädel auf Putins Regierungssitz. Einmal machten sie eine Sex-Performance in einem Museum gegen Medwedew. Sie performten für Gastarbeiter und gegen Homophobie und McDonald's, auf der Strasse, in Supermärkten, Gerichtssälen, Museen und malten einen meterhohen Penis auf eine Brücke vis-à-vis des Inlandgeheimdienstes. Und alles in einem Kollektiv namens Voina. Zwei Frauen von Pussy Riot waren bei Voina. Voina heisst Krieg. Voina ist inspiriert von «Wor», denn «Wor» klänge wie das englische «War», sagt Wors Frau.

Wor, Kasper, Koza, Mama (v.l.).
Wor, Kasper, Koza, Mama (v.l.).bild: en.free-voina.org

Kennen gelernt hatten sich Nikolai und Natalia, die sich als Künstlerin «Koza» (Ziege) nennt, an der Uni, sie ist eine Doktorin der Physik. Ihre Kunst bezeichnen sie als Street Art. Weshalb auch ihr berühmtester Unterstützer Banksy heisst: Er bezahlte einmal eine Kaution, um sie aus dem Gefängnis zu holen. Seit 2011 werden Natalia, Nikolai und ihre Freunde nämlich verfolgt. Die Polizei habe lange gelauert, sagt Natalia am Dienstagmittag im Cabaret Voltaire, aber einen richtigen Grund hatte sie erst, als Voina 2011 in Moskau ein Polizeiauto umstiessen. 

Danach hingen ihre Fahndungsfotos in den russischen Museen mit der Bemerkung «Wenn Sie diese Personen sehen, melden Sie sich bei der Polizei». Am 15. November 2011, drang ein Spezialtrupp der Polizei in die Wohnung der Aktivisten, schlug sie vor den Augen ihrer Kinder und entwendete ihnen alles Geld, alle Papiere, Zeugnisse, Pässe, alle Hardware und den Ausweis der Krankenversicherung. 

«Wir haben vor nichts Angst»

Seit damals, sagt Natalia, lebt die Familie ohne Recht auf medizinische Versorgung, ohne die Möglichkeit, an Wahlen teilzunehmen. Die Gynäkologin, die sie trotzdem während ihrer zweiten Schwangerschaft unterstützte, wurde von der Polizei verhört, Natalia musste ihr Kind im Untergrund gebären, zum Glück ging alles gut. Die ganze Familie lebt seither als Stadtpartisanen ohne festen Wohnsitz oder festes Einkommen. 

Die Vergehen, wegen denen Natalie zur Fahndung ausgeschrieben ist, lauten: Beamtenbeleidigung, tätlicher Angriff auf Beamte, Vandalismus. Dafür bekommt sie in Russland mindestens fünf Jahre Gefängnis. Sie hat davor keine Angst. «Wir haben vor nichts Angst», sagt sie. Aber sie möchte, dass ihre Kinder endlich in Frieden gross werden.

Kasper als Coverboy eines Magazins.
Kasper als Coverboy eines Magazins.Bild: zvg

Wieder und wieder versuchte die Polizei, die Kinder als Waffe gegen den politischen Aktivismus der Eltern einzusetzen, sie zu brechen. Mehrfach wurde Kasper auf der Strasse seiner Mutter entrissen und irgendwo in Gewahrsam gegeben. Jetzt nimmt Kasper per Skype an der Zürcher Pressekonferenz seiner Mutter teil und zielt mit einem Legogewehr auf die Kamera. 

Russlands jüngster politischer Gefangener

Kasper, wie ist es, im Schatten der Polizeigewalt aufzuwachsen? «Man soll die Polizei bumsen», übersetzt die Dolmetscherin und wird rot, «vielleicht sagen Sie das besser auf Englisch?» «Natürlich», sagt Natalia, «bleiben bei ihm schlimme Bilder hängen und richten Schaden an.» «Kasper war Russlands jüngster politischer Gefangener», sagte sein Vater vor vier Jahren in einem Interview. Wir können uns das alles nicht vorstellen.

Kasper zeichnet am liebsten brennende Polizeiautos. Und liebt die «Transformers»-Filme. «Das ist ein Schiff mit geheimen Kanonen, die ein Haus bombardieren können, und dann brennt es», erklärt er eins seiner Legogebilde. Vor ein paar Jahren schaffte er es gar auf ein Magazincover: Er, selbstbewusst, mit kahl rasiertem Kopf und ganz in Rot vor einer Reihe schwerst bewaffneter Polizisten. Und dachte sich wohl damals schon, was er heute ganz fröhlich nach Zürich ausrichten lässt: Fuck the police.

Ein Interview mit Natalia Sokol folgt morgen Mittwoch. Die Künstlerin tritt heute Abend in der Kunsthalle St.Gallen auf.

Das Leben der Natalia Sokol alias Koza in Bildern

1 / 12
Natalia Koza
quelle: zvg
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Brüssel beendet «Sonderfall» – Schweiz kommt in Topf mit Grossbritannien und EWR-Staaten
Die EU-Kommission organisiert die Beziehungen zu westeuropäischen Partnerstaaten neu und will die Schweiz künftig gemeinsam mit Grossbritannien und den EWR-Staaten denken. Was technisch tönt, könnte politische Konsequenzen haben.

Nach dem Abschluss der bilateralen Verträge war die Schweiz für die EU 30 Jahre lang ein Sonderfall. Weder EU-Mitglied noch Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), aber trotzdem irgendwie Teil des gemeinsamen Binnenmarktes.

Zur Story