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Die Angst-Bürger – jetzt sollen Bodyguards den Heimweg sicher machen

Seit den Silvester-Übergriffen haben viele Leute Angst. In Wien will jetzt eine Bürgerinitiative auf eigene Faust Ängstliche beschützen. Was sagt das über unsere Gesellschaft?

Alexandra Fitz / Aargauer Zeitung



Köln. Köln. Köln ist überall. Der Mob ist überall. Hamburg, Stockholm, Wien und Zürich. Kaum eine Stadt, in der keine Übergriffe an Silvester ans Licht treten. Die Schuldigen wurden schnell gefunden. Neben den Flüchtlingen wird die Polizei als Sündenbock beschimpft.

Als Ausgleich und Unterstützung für die Polizei sieht sich eine Organisation aus Wien, die seit Anfang Januar immense Aufmerksamkeit bekommt. Der «Weisse Flügel» will, dass sich die Bürger wieder sicher fühlen. Denn das subjektiv empfundene Sicherheitsgefühl sei in Schieflage geraten.

«Um mit der Angst umzugehen, muss man sich den angstauslösenden Bedingungen wieder aussetzen.»

Ulrich Wagner, Sozialpsychologe

Der Verein bietet ab dem 28. Januar Bodyguards für den Heimweg an. Ob abends nach dem Kino, nachts nach der Disco oder tagsüber nach dem Bankbesuch – ausgebildete Begleiter sollen Leute auf ihrem Heimweg eskortieren. Wer Angst hat, schreibt eine SMS mit dem Standort und dem Ziel – und erhält Gesellschaft.

«Seit Silvester haben wir viele Anfragen, die Menschen interessieren sich nun vermehrt für alternativen Schutz», sagt der Initiator Mario Schmidt auf Anfrage. Der Begleit-Service soll gratis sein. Der Verein wird sich via Spenden und Versicherungen finanzieren.

Weil zwei gute Freunde unabhängig voneinander überfallen wurden, gründete Schmidt die «nichtpolitische Bürgerinitiative». Er will das Angebot auf den ganzen deutschsprachigen Raum ausweiten. Auch in der Schweiz sucht er Partner.

Anwärter werden geprüft und während mehrerer Wochen ausgebildet. Trainiert werden Deeskalation und Selbstverteidigung, stichsichere Brustwesten, Kappen mit integriertem Stahl und Body-Kameras sollen die Amateure zusätzlich rüsten und schützen.

Aktuell sind in Wien 20 Begleiter in Ausbildung, auf 100 will der Weisse Flügel kommen.

Würdest du von einem persönlichen Beschützer Gebrauch machen?

Bürgerwehr und Pfefferspray

Seit Köln wurde die Gesellschaft selbst zum Mob. Sie ist in Rage. Menschen greifen vermehrt zum Selbstschutz, weil sie sich vom Staat nicht mehr beschützt fühlen. In Wien lassen sich irgendwelche Leute zum Bodyguard ausbilden, in Deutschland gründen sich immer mehr Bürgerwehren, die für die Nachbarschaft «in den Kampf ziehen», und der Absatz von Selbstverteidigungswaffen steigt immens.

Um Pfeffersprays gibt es gar einen richtigen Hype. «Die Verkäufe haben sich verfünffacht», sagt Samuel Bosshard, Geschäftsführer des Schweizer Pfefferspray-Herstellers Arasan, gestern gegenüber 20 Minuten.

Aber wo führt das alles hin? Diese Entwicklungen beunruhigen den deutschen Sozialpsychologen Ulrich Wagner. Er arbeitet im Zentrum für Konfliktforschung an der Universität Marburg und forscht zum Thema Gewaltphänomene unter und gegen Flüchtlinge: «Wenn solche Organisationen erfolgreich sind, bedeutet das, dass es Formen der Verängstigung gibt, die Menschen veranlassen, solche Dienste in Anspruch zu nehmen.»

Die Idee unserer modernen Staatlichkeit, der Staat hat das Gewaltmonopol und schützt uns, dafür verzichten wir auf Selbstverteidigung und das Tragen von Waffen, scheint nicht mehr zu gelten. Bürger, die sich nicht mehr auf die staatlichen Behörden verlassen, greifen plötzlich selbst zur «Waffe».

Der Experte warnt. Schliesslich sind bei der Selbstverteidigung die Übergänge zu eigenen Angriffen fliessend. Wagner erinnert an die USA, wo die weite Verbreitung von Waffenbesitz zu grossem Unheil und zu vielen Verletzten und Toten führe.

Auch nach der Silvester-Nacht übten sich Bürger in Eigenjustiz und griffen Flüchtlinge an. Und Schmidt vom Weissen Flügel gibt an, dass die freiwilligen «Ranger» genau zu prüfen sind. Anfänglich meldeten sich rechte wie linke Chaoten, die Drop-out-Rate sei hoch.

Generalisierte Angst

Wenn keiner mehr keinem traut, und jeder einen Begleitschutz im Schlepptau hat, dann ist das ein gesellschaftlicher Rückschritt.

Angst, so Wagner, sei eigentlich ein vernünftiger Mechanismus, um uns vor unangenehmen Ereignissen zu schützen. Problematisch wird es aber, wenn die Angst generalisiert wird. «Wir haben nicht nur Angst vor den Ereignissen, auf die die Angst ursprünglich zurückgeht – Kölner Hauptbahnhof an Silvester –, sondern auch anderswo abends auf der Strasse», so Wagner. Köln ist überall.

Das ist die falsche Strategie. Anstelle eines Bodyguards sollten wir auf Konfrontation setzen. «Um mit der Angst umzugehen, muss man sich den angstauslösenden Bedingungen wieder aussetzen.» Man müsste sich also sagen: Ich gehe trotz eines mulmigen Gefühls auf die Strasse und bewege mich frei. Und wenn ich dann einige Zeit auf der Strasse bin und es passiert nichts, dann geht meine Angst wieder zurück. Ich gewöhne sie mir ab.

Mit einem Begleit-Trupp stabilisiere sie sich mindestens. Die Konsequenz: Irgendwann ist man nicht mehr in der Lage, ohne Beschützer loszugehen. Die Gefahr für die Zivilgesellschaft und für einen selbst: Wir werden im eigenen Bewegungskreis immer weiter eingeschränkt. Das könnte damit enden, dass man nur noch zu Hause sitze. (aargauerzeitung.ch)

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