Schweiz
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Politiker-Roulette: Wer uns im Bundeshaus fehlen wird – und wer eher nicht

Sie waren jahrelang auf der nationalen Politbühne. Jetzt treten sie ab. Wir sagen, welche Persönlichkeiten wir vermissen werden. Und welchen wir keine Träne nachweinen.

Stefan Schmid / Aargauer Zeitung



Ein Artikel der

Der Tag des Abschieds naht. Am 25. September, am Ende der Herbstsession, werden sich selbst erbitterte politische Gegner umarmen – oder zumindest respektvoll die Hand schütteln. Man wird sich alles Gute für die Zeit nach der Politik wünschen, da und dort ein Tränchen verdrücken. Eine intensive Lebensphase geht zu Ende. Oder wie es weiland Moritz Leuenberger in seiner Abschiedsrede als Bundesrat formulierte: «Wir treten auf, wir spielen, wir treten ab.» 

Für elf Ständerätinnen und Ständerate senkt sich der Vorhang auf der nationalen Politbühne. Und auch für 26 Nationalrätinnen und Nationalräte ist das Spiel aus. Doch bevor mit den Wahlen vom 18. Oktober das Scheinwerferlicht auf die Wieder- und Neugewählten fällt, wollen wir nochmals innehalten und die Leistung der Abtretenden würdigen. Applaus haben sie alle verdient. Ihr Dienst für die res publica, die öffentliche Sache, verdient in Zeiten des grassierenden Individualismus Respekt. Wer Politik macht, exponiert sich, macht sich angreifbar. Das setzt mitunter eine dicke Haut voraus. Dennoch wollen wir nicht unbesehen Lorbeeren verteilen. Wir porträtieren vier Politiker, deren Abgang als Verlust bezeichnet werden kann. Gleichzeitig stellen wir vier bekannte Persönlichkeiten nochmals ins Rampenlicht, die wir aus verschiedenen Gründen nicht vermissen werden. Die Auswahl hat selbstverständlich nicht den Anspruch, vollständig oder gar gerecht zu sein. 

Wen wir vermissen werden ...

Oskar Freysinger

Le conseiller d'Etat valaisan Oskar Freysinger parle lors d'une conference de presse apres une annee au Gouvernement du canton du Valais ce jeudi 15 mai 2014 a Sion. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Oskar Freysinger, SVP/VS. Bild: KEYSTONE

Nur schon optisch hat der Berufs-Provokateur aus dem Unterwallis dem Bundeshaus gutgetan. Blasse Gestalten ohne Konturen gibt es genug. Männer mit Rossschwanz hingegen haben Seltenheitswert. Noch seltener sind SVP-Mitglieder, die selber Gedichte schreiben. Auch wenn Freysinger zu Recht als schlüpfriger «Pissoir-Poet» verschmäht wurde, als er 2002 Toni Bortoluzzis Bundesratskandidatur ins Pornografische zog (Dornwittchens klitzekleines Fuzzi ist wohl zu eng für Bortoluzzi). Der einstige Gymnasiallehrer war ein unübersehbarer Farbtupfer inmitten einer sonst eher gräulichen, sehr deutschschweizerisch geprägten SVP-Fraktion. Freysinger liebte den Tabubruch, das Nonkonformistische, er ritzte Anstand und guten Geschmack, seine Nähe zu dubiosen Gestalten in der rechten Szene machte jedoch viele misstrauisch. Und doch: Im Wallis, wo er in der Regierung sitzt, mögen sie ihn. Der undurchsichtige Querkopf passt irgendwie ins schroffe Bergtal. In Bern wird er künftig fehlen.

Urs Schwaller

Staenderat Urs Schwaller spricht im Staenderat an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete am Montag, 15. September 2014 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Urs Schwaller, CVP/FR. Bild: KEYSTONE

Mit dem 62-jährigen Freiburger verlässt ein politisches Schwergewicht das Bundeshaus. Ein Mann, der seit seiner Wahl 2003 die Politik der CVP entscheidend geprägt und die verschiedenen Flügel der christdemokratischen Familie zusammengehalten hat. 2005 übernahm er das Amt des Fraktionschefs. 2006 hievte er die damalige Parteipräsidentin Doris Leuthard problemlos in den Bundesrat. In der Folge wurde der eloquente Finanz- und Gesundheitspolitiker mehrmals selber als Kandidat für die Landesregierung gehandelt. Doch die konstante Schwäche der CVP sowie die Angst der SP, die Konkordanz ganz aufzugeben, machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Er unterlag 2009 in einer Kampfwahl dem Neuenburger Didier Burkhalter, der für die FDP den Sitz von Pascal Couchepin verteidigen konnte. Ein Karriereknick. Schwaller verlor an Schwung. Mit der Übergabe des Fraktionspräsidiums an den Tessiner Tausendsassa Filippo Lombardi nahm er seinen Abschied vorweg.

Verena Diener

ZUM RUECKTRITT VON VERENA DIENER AUS DEM STAENDERAT IM OKTOBER 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Die Gruenliberale Verena Diener freut sich am Sonntag, 25. November 2007, in Zuerich ueber ihre Wahl zur Zuercher Staenderaetin. Diener setzte sich gegen Ueli Maurer von der SVP durch. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Verena Diener, GLP/ZH. Bild: KEYSTONE

Wenn Verena Diener im Ständerat das Wort ergreift, wird es still im Saal. Mit ihrer ernsten Mimik verleiht sie den wohl gewählten Worten Gewicht. Als Vertreterin des mit Abstand stärksten Kantons zählt ihre Stimme mehr als andere – obwohl grosse und kleine Kantone auf dem Papier dasselbe Gewicht haben. Auch politisch steht Diener dort, wo sich die Mehrheit verortet: in der Mitte. Seit 1987 gehört die Zürcherin quasi zum Inventar im Bundeshaus – unterbrochen nur durch ihre Zeit in der Kantonsregierung. 2004 verlässt sie die Grüne Partei, ihre ursprüngliche politische Heimat. Zu links, zu staatsgläubig, zu sozialistisch, findet sie. Fortan prägt Diener zusammen mit Martin Bäumle das Gesicht der Grünliberalen. Diese werden die Ständerätin nicht ersetzen können. Und auch der Kanton Zürich verliert eine Politikerin mit nationaler Ausstrahlung, die stets mehr war als nur eine simple Standesvertreterin.

Christine Egerszegi

Staenderaetin Christine Egerszegi (FDP-AG) spricht an der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Donnerstag, 28. November 2013, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Christine Egerszegi, FDP/AG. Bild: KEYSTONE

Viele Rechtsfreisinnige freuen sich, dass sie endlich geht: Christine Egerszegi hat spätestens in ihrer letzten Legislaturperiode die Rolle des Enfant terrible des Schweizer Freisinns perfekt gespielt und ist damit faktisch in die Fussstapfen des Tessiners Dick Marty getreten. Sie gilt als eigensinnig, unberechenbar, unkontrollierbar. Sie macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube: Von Parteipolitik hält sie nicht viel, vom Parteipräsidenten noch weniger. Zusammen mit der linksliberalen Pascale Bruderer bildet sie die «ungeteilte Aargauer Standesstimme», wie viele Bürgerliche höhnen. Doch Egerszegi, die seit 20 Jahren in Bern politisiert, ist keine Linke. Viel eher verkörpert sie jenen humanistischen, staatstragenden, wahrhaft liberalen Freisinn, den es heute immer seltener gibt. Sie gehört zu jener bürgerlichen Minderheit, die nationalistische Anliegen der SVP ebenso entschlossen bekämpft wie die sozialistischen Umverteilungsprojekte der SP.

... und wen eher nicht

Andreas Gross

Andreas Gross (SP/ZH) aeussert sich zu einem persoenlichen Vorstoss am Donnerstag, 18. September 2014, im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Andreas Gross, SP/ZH. Bild: KEYSTONE

Die grosse Stunde des intellektuellen Überfliegers Andi Gross schlug 1989. Als Kopf der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) war er die treibende Kraft hinter der ersten Armeeabschaffungsinitiative. Für die bürgerliche Schweiz stand Gross im permanenten Ruch des Landesverrats. Doch ein Drittel der Bevölkerung stimmte dem radikalen Ansinnen zu – ein heilsamer Schock für das Land. Aus dem jugendlichen Rebellen ist nach bald 24 Jahren in Bundesbern ein gesetzter Herr geworden. Gross ist blitzgescheit, belesen und ein brillanter Analyst der direkten Demokratie. Und dennoch: Der einstige Flügelstürmer des FC Nationalrat hat seinen Abgang verpasst. Bereits 2011 reklamierten die Jungsozialisten lautstark seinen Sitz. Die Altersguillotine fiel nur deswegen nicht, weil Gross erfolgreich vorgab, Chancen auf das Präsidium im Europarat zu haben. So weit kam es nie. Jetzt erst verlässt der Armeeabschaffer der ersten Stunde das Bundeshaus – und die meisten sind froh darüber.

Max Binder

ZUR MITTEILUNG, DASS MAX BINDER IM OKTOBER 2015 NICHT MEHR FUER DEN NATIONALRAT KANDIDIEREN WIRD, STELLEN WIR IHNEN AM DONNERSTAG, DEM 9. APRIL 2015, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Der scheidende Nationalratspraesident Max Binder, rechts, laeutet die Wintersession am Montag, 29. November 2004 im Nationalrat in Bern ein. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Max Binder, SVP/ZH. Bild: KEYSTONE

Max Binder, Nationalratspräsident 2004, gehört wie Christoph Blocher, Toni Bortoluzzi, Hans Fehr oder Hans Kaufmann zu den alten Schlachtrössern der Zürcher SVP. Der Landwirt gehört zu jener bodenständigen Garde, die die jüngeren Akademiker in der Partei kritisch beäugen. Roger Köppel, Gregor A. Rutz oder Hans-Ueli Vogt verkörpern eine Welt, die nicht seine ist. Die SVP werde vorwiegend von Nicht-Akademikern gewählt und dürfe nicht intellektualisiert werden, findet er. Gleichzeitig spricht sich Binder, der seit 24 Jahren in Bern politisiert, gegen mehr Junge im Parlament aus. Dieses Nachtreten ist unnötig. 24 Jahre sind wahrlich genug und kein Grund, gegen potenzielle Nachfolger zu stänkern. Auch wenn in der Zürcher SVP mitunter ein ruppiger Umgangston herrscht und seit Jahren an den Stühlen der Amtsältesten gesägt wird: Binder wäre zum Abschluss etwas mehr Gelassenheit und Altersmilde zu gönnen gewesen.

Christophe Darbellay

ZU DEN FORDERUNGEN VON CHRISTOPHE DARBELLAY AN PHILIPP MUELLER, DIE FDP SOLLE EINE KLARE HALTUNG ZU LISTENVERBINDUNGEN MIT DER SVP IM WAHLKAMPF 2015 EINNEHMEN, STELLEN WIR IHNEN AM SONNTAG, 21. SEPTEMBER 2014, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG-  CVP Praesident Christophe Darbellay spricht an der CVP Delegiertenversammlung am Samstag, 12. April 2014, in Zug. (KEYSTONE/Sigi Tischler)

Christophe Darbellay, CVP/VS. Bild: KEYSTONE

Zugegeben: Der Unterhaltungsfaktor ist bei Christophe Darbellay stets hoch. Ob er einem Parteikollegen vor dem versammelten Nationalrat in den Rücken fällt, ob er die eigene Bundesrätin öffentlich kritisiert oder ob er politische Schnellschüsse abfeuert wie 2009 nach der Minarett-Abstimmung, als er sich zur Aussage verstieg, jüdische Friedhöfe seien zu verbieten. Langweilig wurde es um den Romand nie. Obwohl stets umstritten, kann sich Darbellay, dieser «Mechaniker der Macht» (NZZ), seit 2006 an der Parteispitze halten. Erfolgreich ist er dabei indes nicht. Die CVP schrumpft und sie macht einen zerstrittenen, zerfahrenen, ja fast zerfallenen Eindruck. Weil der Walliser wegen der Amtszeitbeschränkung zurücktreten muss, ist der Kampf um die Ausrichtung der CVP längst entbrannt. Für die Partei ist zu hoffen, dass endlich Ruhe einkehrt und eine Integrationsfigur das Zepter übernimmt.

Hans Altherr

Staenderat Hans Altherr, FDP-AR, spricht an der Sommersession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 2. Juni 2015, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Hans Altherr, FDP/AR. Bild: KEYSTONE

Der Ausserrhoder Freisinnige gehört zu den politischen Leisetretern. Grosse Sprüche oder markige Worte gibt es von ihm, der seit 39 Jahren in Bund, Kanton und Gemeinde politisiert, höchst selten. Im Gegenteil: Seine Stärke ist die nüchterne Sachpolitik. 2012 präsidierte er die kleine Kammer solide, aber glanzlos. Altherr ist ein Mensch mit feiner Ironie und überdies ein begnadeter Schachspieler. Doch im Bundeshaus zählt nun mal auch die Show, die Ausstrahlung, der Auftritt. Ergreift Altherr im Rat das Wort, macht sich Schläfrigkeit breit. Nicht, weil der Ausserrhoder Unsinn erzählen würde. Seine Ausdrucksweise packt einfach niemanden. Hoch anzurechnen ist ihm freilich, dass er nun rechtzeitig Platz macht. Mit dem so eitlen wie begabten Andrea Caroni zieht ein ganz anderes Temperament für Ausserrhoden in die kleine Kammer ein.

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