Schweiz
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Die EDK-Präsidentin und Zürcher Bildungsdirektorin, Silvia Steiner, erklärt ihre Standpunkte zur Matura und den Entscheiden im Bildungsbereich. (Archivbild)

Kritik von fast allen Parteien: Silvia Steiner an einer Pressekonferenz in Zürich. Bild: KEYSTONE

Das grosse Corona-Schul-Chrüsimüsi: Wie Silvia Steiner zur Zielscheibe wurde

Silvia Steiner, Ex-Polizistin und Präsidentin der Bildungsdirektoren steht in der Kritik. Der Grund dafür ist nicht nur bildungspolitisch.

pascal ritter / ch media



In den beiden Basel, Bern, Solothurn und Zürich finden dieses Jahr am Gymnasium keine Maturaprüfungen statt. In den anderen Deutschschweizer Kantonen schon. Ein Teil prüft nur schriftlich, Appenzell Innerrhoden nur mündlich.

An der Volksschule gibt es ein ähnliches Wirrwarr. Zürich und St. Gallen unterrichten in Halbklassen, die meisten anderen Deutschschweizer Kantone unterrichten ganze Klassen.

Verantwortlich für diesen Flickenteppich sind die kantonalen Bildungsminister. Ihnen misslang es, in der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) eine einheitliche Lösung wenigstens für die Deutschweiz zu finden. (Die Westschweiz und das Tessin haben schon früh signalisiert, wegen des Virus auf ein vorsichtiges Regime zu setzen.)

Die Präsidentin der EDK, Silvia Steiner (CVP), ist nun in ihrem Heimatkanton Zürich arg unter Beschuss geraten. «Die EDK hat unter Führung unserer Bildungsdirektorin in den letzten Wochen versagt», heisst es in einer Erklärung fast aller Parteien. SP, FDP, SVP, GLP und AL schreiben, Steiner habe «vor dem überbordenden Eigensinn der kantonalen ErziehungsdirektorInnen kapituliert».

Früher jagte sie Zuhälter und Dealer

Und noch etwas sorgt für Kritik: Eine Taskforce des Bundes empfahl in einem Bericht, Klassen auf 15 Schüler zu beschränken. Diese Empfehlung setzten Steiner und der Bildungsrat in Zürich um; die Information, die der EDK bekannt war, gelangte aber offenbar nicht in alle Kantone. Das sorgte für Irritation.

Für Steiner ist die Bewältigung der Coronakrise der erste grosse Auftritt, auf Bühne der nationalen Politik. Steiner übernahm das Bildungsdepartement in Zürich im April 2015. Seit 2017 steht sie der EDK vor. Steiner ist Juristin und machte bei der Polizei Karriere. Die heute 62-Jährige leitete die Kriminalpolizeien von Zürich und Zug.

Silvia Steiner, Chefin der Kriminalpolizei Zuerich, aufgenommen am 25. September 2000. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Silvia Steiner war einst Chefin der Kriminalpolizei Zürich. Bild: KEYSTONE

Im Jahr 2005 kehrte sie als Staatsanwältin in den Kanton Zürich zurück. Als die CVP-Frau für den Regierungsrat kandidierte, schrieb der «Tages-Anzeiger» über sie: «Als Jägerin von Zuhältern und Dealern ist sie Spitze, als Politikerin aber bloss biederer Durchschnitt.»

Neu in der Bildung, aber gute Kontakte zu den Lehrern

Respekt verschaffte sie sich bei der Bewältigung der Jegge-Affäre. Sie liess von einem Rechtsanwalt untersuchen, ob die Behörden in den 1970er Jahren versagt hatten, als der damals gefeierte Pädagoge Jürg Jegge sich an seinen Schülern verging. Den Bericht präsentierte sie zusammen mit einem der Missbrauchsopfer. Ihre Erfahrung als Strafverfolgerin dürfte ihr damals geholfen haben.

In der Bildungspolitik hatte sie hingegen kaum Erfahrung. Doch auch ihre heutigen Kritiker attestieren ihr, sich schnell ins Dossier eingearbeitet zu haben. Der Kontakt zu Schulleitern und Lehrern ist gut. Der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband stellte sich denn auch vor die Bildungsdirektorin und nahm sie vor der Kritik aus dem Parlament in Schutz.

Die Ostschweizer Kantone wollten prüfen. Ist das unsolidarisch?

Steiner sagt, sie hätte sich gewünscht, die Kantone hätten einheitliche Lösung für die Wiedereröffnung der Schulen gefunden. Warum ist es ihr nicht gelungen? Die Ausgangslage war jedenfalls nicht einfach. Die Bildungssysteme der Kantone unterscheiden sich auch zu normalen Zeiten stark. Als neuer Faktor kam nun die unterschiedliche Ausbreitung des Coronavirus hinzu.

Nehmen wir als Beispiel die Gymnasien in den Kantonen Genf und St. Gallen. In Genf schliesst jeder dritte Schüler das Gymnasium ab, gleichzeitig leidet der Kanton stark unter dem Virus. Auf 10'000 Einwohner kommen knapp 100 Infizierte. In St. Gallen erreichen 15 Prozent der Schüler die gymnasiale Matur, gleichzeitig verzeichnet der Kanton nur wenige Corona-Ansteckungen. Auf 10000 Einwohner kommen 15 Ansteckungen.

Silvia Steiners Zürich liegt da irgendwo dazwischen. Zürich, Bern und Genf verbindet, dass sie bei einem Entscheid für eine Maturaprüfung, eine grosse Zahl an Schülern unter besonderen Sicherheitsmassnahmen hätte prüfen müssen. Diese organisatorische Herausforderung scheute man offenbar.

Unter anderem deshalb dürfte Steiner in der EDK für die Absage der Matura in der ganzen Schweiz geweibelt haben. Doch damit waren Kantone mit wenigen Maturanden und wenigen Infizierten nicht einverstanden, etwa in der Ostschweiz. Als unsolidarisch möchte dies die Thurgauer Erziehungsdirektorin, Monika Knill (SVP), aber nicht verstanden haben. «Die Kantone, welche die Matura-Prüfung durchführen, sind in der knappen Mehrheit. Man hätte also auch das Tessin und die Romandie überstimmen können.» Dies habe man aus Solidarität aber nicht getan. Die Freigabe sei der Kompromiss.

Parlament nicht bei Entscheiden berücksichtigt

Die mangelnde Einheit der Kantone kann man Silvia Steiner kaum anlasten. Den Fehler machte sie an anderer Stelle. Ihre Zürcher Regierungskollegen tauschten sich während der Coronakrise mit der Geschäftsleitung des Kantonsrates aus – , Steiner nicht. Die Parlamentarier fühlten sich übergangen.

Im Gespräch mit Zürcher Politikern wird denn auch klar, dass etwas anderes wichtiger ist als die Enttäuschung über den kantonalen Flickenteppich: Zürich überlässt es den Gemeinden, wie sie die familienergänzende Betreuung wieder hochfahren. Sie müssen nun entscheiden, wer systemrelevant genug ist, um einen Krippenplatz zu bekommen. Es geht im Kern um den Flickenteppich in den Gemeinden, nicht in den Kantonen.

Steiner hält den Bildungs-Föderalismus hoch

Steiner verteidigt die Entscheidungen der EDK. Der Föderalismus funktioniere gut. In der Bildung habe man immer verschiedene Lösungen in den Kantonen.

«Daran stört sich im Normalfall niemand. In der Krise sehnen sich aber viele nach zentralistischen Lösungen.»

Mit Blick auf die Kritik der Parlamentarier räumt sie ein, dass es in einer Krise schwierig sei, «immer alle mitzunehmen». Sie sei froh, dass das Parlament wieder arbeite. Sie habe in einer ersten Kommissionssitzung bereits ihre Überlegungen darlegen können.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Freethinker 07.05.2020 16:22
    Highlight Highlight Frau Steiner macht ihre Sache gut. Krass, dass sogar die SP in dieses Horn bläst. Das zeigt wieder einmal, dass nicht für wenige die Schule in erster Linie eine günstige KITA ist. 🤦🏻‍♂️
  • nass 07.05.2020 15:25
    Highlight Highlight Ich werde sie wieder wählen! Ich bin froh, dass der Kt Zürich so entschieden hat und nicht gleich volles Programm fährt. Das einzig richtige meiner bescheidenen Meinung nach.
  • amore 07.05.2020 12:54
    Highlight Highlight Dass man die Virusschleudern Schulen vor den Sommerferien wieder öffnet, ist sowieso falsch. Hier hat sich der BR leider vertan.
    Zum Beispiel im Kanton AG: 25 👩‍🎓 in einem Klassenzimmer!!!!!
  • Lowend 07.05.2020 12:45
    Highlight Highlight "SP, FDP, SVP, GLP und AL schreiben, Steiner habe «vor dem überbordenden Eigensinn der kantonalen ErziehungsdirektorInnen kapituliert»."

    Anzumerken ist, dass diese ErziehungsdirektorInnen mit überbordendem Eigensinn oft aus SP, FDP, SVP, GLP und auch der CVP stammen.
  • fidget 07.05.2020 12:10
    Highlight Highlight Frau Steiner kann alleine auch nicht viel ausrichten. Im Endeffekt ist die Bildung jedem Kanton selbst überlassen. Wie es am Ende des Artikels geschrieben wurde, sind die Bildungssysteme auch in Normalzeiten sehr unterschiedlich.
    Problematischer finde ich, dass ab Montag in vielen Schulen wieder courant normal herrscht, so wie vor dem 16.03. Lehrpersonen werden mehr oder weniger allein gelassen und müssen mit 20+ Schülern in einem Raum sein. Von Behördenseite tönt es dann so nach: "Schauen wir mal wie es geht."
  • michiOW 07.05.2020 11:16
    Highlight Highlight Also fühlen sich die Parlamentarier in ihren Gefühlen verletzt, weil sie nicht einbezogen wurden?
  • Der Salzstreuer 07.05.2020 11:07
    Highlight Highlight Weint doch!

    Endlich haben wir eine Politikerin, die handelt statt labert und schon weint das Parlament!

    Wenn die vorgeschlagene Lösung so schlecht ist, wieso wird sie dann vom Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband gestützt?
  • meilestei 07.05.2020 11:03
    Highlight Highlight Naja, das eigentliche Problem liegt wohl wieder darin, dass einige Politiker keine Gelegenheit gegeben wurde sich in diesem Thema zu profilieren, was sie gekränkt hat.

    In dieser Situation war es wichtigere, die Lehrer und Schulleiter abzuholen, als sich mit politisch motiviertem Geplänkel rumzuschlagen, die sowieso nur kontraproduktiv ist und am Ende mehr schadet als hilft.

    Ich höre nur etwas Mimimi von ein paar Profilierungssüchtigen.
  • Guido Zeh 07.05.2020 09:43
    Highlight Highlight Was soll sie anders denn machen, wenn jede und jeder mitreden und dann auch noch mitentscheiden will - sie kommt jedenfalls glaubwürdig daher und packt die Sachen auch an.
  • Seb97 07.05.2020 08:33
    Highlight Highlight Liebes Watson-Team, ich würde euch sehr empfehlen auch mal über die Uni-Prüfungen zu berichten.
    Die Prüfungen an der HSG finden Mitte Juni ganz normal vor Ort statt. Das bedeutet, dass tagelang weit über 1000 Studierende in den sonst schon engen Räumlichkeiten die Prüfung schreiben und in engen Bussen anreisen.
    Das Schlimmste kommt aber noch: Personen mit Vorerkrankungen oder Dienstpflichtige dürfen die Prüfungen erst im Januar nachholen, wenn schon wieder die nächsten Semesterprüfungen anstehen. Da dies ein Ding der Unmöglichkeit ist, verlieren sie also faktisch ein ganzes Semester.
    • Stinkstiefel 07.05.2020 12:18
      Highlight Highlight Was genau forderst du?
      Der Kanton St.Gallen lässt Prüfungen nicht einfach ausfallen und das völlig zu Recht!
      Die Situation der Dienstleistenden ist echt übel, aber falls dich das betrifft, solltest du lieber mit der Studienadministration reden als in den Medien Stimmung zu machen. Es gibt da einen Grundsatz, dass dir durch die Dienstleistung keine Nachteile entstehen dürfen - darauf kannst du dich berufen.
    • Stiffmaster 07.05.2020 15:51
      Highlight Highlight Hast du das Mail des Rektorats überhaupt gelesen?
      Es werden mehr Räume eingesetzt, um Abstände einhalten zu können, den Studierenden wird empfohlen, zu Fuss oder per Velo an die Uni zu kommen und ein Hygienekonzept wird erstellt.

      Aber zuerst einmal in den Medien Unwahrheiten erzählen..

      @Watson: Sollte euch das tatsächlich interessieren, leite ich euch gerne das Originalmail weiter 😉
    • Seb97 07.05.2020 19:56
      Highlight Highlight @Leon1: Ich fordere, dass beispielsweise mein Kollege, der Diabetiker ist (und das Risiko von Präsenzprüfungen verständlicherweise nicht eingehen will) die Prüfung im Juli/August nachholen kann und nicht erst im Januar. Es ist völlig unmöglich alle Prüfungen im Januar nachzuholen und gleichzeitig die HS-Prüfungen schreiben. Es kann doch einfach nicht sein, dass für vorerkrankte oder dienstpflichtige Personen keine Ausnahmen gemacht werden. In Bern, Zürich oder Fribourg ist dies selbstverständlich. Kann dir gerne die Mails weiterleiten.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Bio Zitronensaft 07.05.2020 08:32
    Highlight Highlight Was ein Poliker oder eine Politikerin taugt wird immer erst in einer Krise klar.

  • c_meier 07.05.2020 08:21
    Highlight Highlight im Titel sehr negativ: "Das grosse Corona-Schul-Chrüsimüsi: Wie Silvia Steiner zur Zielscheibe wurde"

    doch dann gaaanz unten "Die mangelnde Einheit der Kantone kann man Silvia Steiner kaum anlasten" (Richtig da Bildung Kantonal und Virus unterschiedlich verbreitet)

    der Fehler sei, dass sie einige Kantons-Parlamentarier nicht informiert habe?
    und darum so ein Artikel?

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