Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ehemalige Verdingkinder und Opfer von fuersorgerischen Massnahmen posieren mit Kinderfotos vor dem Bundeshaus am Montag, 31. Maerz 2014, in Bern. Opfer administrativer Zwangsmassnahmen werden per Gesetz rehabilitiert. Einem ueberparteilichen Komitee genuegt dies nicht: Am Montag hat die Gruppe eine Initiative lanciert mit dem Ziel, einen Entschaedigungs-Fonds ueber 500 Millionen Franken einzurichten. Rund 20'000 Menschen sind im letzten Jahrhundert in der Schweiz Opfer fuersorgerischer Zwangsmassnahmen geworden. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Ehemalige Verdingkinder am Montag bei der Lancierung der Initiative auf dem Bundesplatz. Bild: Keystone

Wiedergutmachungs-Initiative für Verdingkinder lanciert

«Die Gräuel werden relativiert und teilweise sogar verneint. Den Betroffenen muss die Würde zurückgegeben werden»

Die Opfer der «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» wurden bis in die 1980er-Jahre in Heime gesteckt, zwangssterilisiert und missbraucht. Eine Initiative soll endlich Gerechtigkeit schaffen, wie Initiator Guido Fluri erklärt.



Herr Fluri, am Montagmorgen haben Sie die Wiedergutmachungs-Initiative lanciert. Bis im Herbst wollen Sie die 100'000 Unterschriften beisammen haben – Zeit hätten Sie 18 Monate. Warum so ehrgeizig?
Guido Fluri: Ja, wir sind ehrgeizig. Wir werden auf der Strasse viel mit den Leuten reden müssen. Es besteht ein grosser Erklärungsbedarf. Denn es ist klar: Welcher Unter-30-Jährige weiss noch, was eine administrative Versorgung ist?

Erklären Sie es uns.
Bis in die 1980er-Jahre wurden Jugendliche und junge Erwachsene in der Schweiz ohne Schuldspruch und Richterurteil weggesperrt. Die jungen Männer und Frauen wurden zur «Arbeitserziehung» in geschlossene Anstalten und Gefängnisse eingewiesen, weil sie ein angeblich «liederliches Leben» führten oder als «arbeitsscheu» eingestuft wurden. Erst in den 1980er-Jahren wurde dieses dunkle Kapitel geschlossen. Nun muss es endlich sauber aufgearbeitet werden.

«Die Gräuel werden relativiert und teilweise sogar verneint.»

Guido Fluri, Initiator

Das war auch das Ziel des runden Tisches, an dem Sie mit dem Bundesrat diskutierten. Was kann die Initiative zusätzlich erreichen?
Die Gespräche waren gut, aber wir kommen nicht weiter, wenn die politische Mehrheit fehlt. Die Gräuel werden relativiert und teilweise sogar verneint. Den Betroffenen muss die Würde zurückgegeben werden. Dafür muss sich das Volk geschlossen und solidarisch hinter die Initiative stellen.

Betroffene diskutieren mit Bundesraetin Simonetta Sommaruga beim Gedenkanlass fuer Opfer von fuersorgerischen Zwangsmassnahmen am Donnerstag, 11. April 2013 in Bern. Justizministerin Simonetta Sommaruga hat die Betroffenen im Namen des Bundesrates um Entschuldigung gebeten. Bis in die 60er-Jahre waren in der Schweiz Waisen und Kinder armer Familien bei Bauern untergebracht worden, wo sie fuer Kost und Logis hart arbeiten mussten. Viele Betroffene berichten von schweren Misshandlungen und behoerdlicher Willkuer.  (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Weil der runde Tisch mit Bundesrätin Sommaruga kein befriedigendes Ergebnis brachte, soll es das Volk richten. Bild: Keystone

Wiedergutmachungs-Initiative

Das Parlament hat zwar kürzlich ein Gesetz verabschiedet, mit dem das Unrecht der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen anerkannt wird. Eine finanzielle Wiedergutmachung ist aber nicht vorgesehen.
Das soll die Initiative richten: Über einen Fonds, gefüllt mit 500 Millionen Franken, sollen die Opfer eine Wiedergutmachung erfahren. Zudem soll die lückenlose wissenschaftliche Aufarbeitung finanziert werden. Wird innert 20 Jahren nicht alles Geld aufgebraucht, fliesst es wieder dahin zurück, wo es hergekommen ist. (jas)

Die Initiative will eine wissenschaftliche Aufarbeitung und finanzielle Wiedergutmachung für die Betroffenen ermöglichen. Wie genau?
In der Schweiz leben rund 20'000 schwer betroffene ehemalige Verding- und Heimkinder, Opfer der sogenannten fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Für diese soll ein Fonds mit 500 Millionen Franken eingerichtet werden. Eine unabhängige Kommission prüft jeden Fall und verhindert so ein Giesskannenprinzip.

Guido Fluri, Unternehmer, lanciert im Namen eines ueberparteilichen Komitees eine Wiedergutmachungsinitiative fuer   ehemalige Verdingkinder und Opfer von fuersorgerischen Massnahmen  am Montag, 31. Maerz 2014, in Bern. Opfer administrativer Zwangsmassnahmen werden per Gesetz rehabilitiert. Einem ueberparteilichen Komitee genuegt dies nicht: Am Montag hat die Gruppe eine Initiative lanciert mit dem Ziel, einen Entschaedigungs-Fonds ueber 500 Millionen Franken einzurichten. Rund 20'000 Menschen sind im letzten Jahrhundert in der Schweiz Opfer fuersorgerischer Zwangsmassnahmen geworden. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Guido Fluri, Drahtzieher der Initiative zur Wiedergutmachung. Bild: Keystone

Guido Fluri

Der Immobilien-Unternehmer ist Präsident der nach ihm benannten «Guido Fluri Stiftung». Diese setzt sich ein für die Bekämpfung von Gewalt an Kindern, für die öffentliche Aufklärung bei Schizophrenie und für die Bekämpfung von Hirntumoren. Fluri selbst war an einem solchen erkrankt.
Im Jahr 2011 eröffnete die Stiftung in einem ehemaligen Kinderheim eine Ausstellung über Verdingkinder, Heimkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. (jas)

In Ihrem Initiativ-Komitee sitzen einige bekannte Persönlichkeiten – darunter zwölf namhafte Politiker von links bis rechts. Nur die SVP fehlt. Sind Sie enttäuscht?
Nein, enttäuscht bin ich nicht. Wir wollen nicht klagen. Wir wollen sie mit unserer Sensibilisierungskampagne auf unsere Seite bringen.

Ueli Maeder, Soziologe, Jacqueline Fehr, Nationalraetin SP, Guido Fluri, Unternehmer, Pascal Krauthammer , Kampagnenleiter und Luc Recordon, Satenderat GP, von links, lancieren eine Wiedergutmachungsinitiative fuer ehemalige Verdingkinder und Opfer von fuersorgerischen Massnahmen am Montag, 31. Maerz 2014, in Bern. Opfer administrativer Zwangsmassnahmen werden per Gesetz rehabilitiert. Einem ueberparteilichen Komitee genuegt dies nicht: Am Montag hat die Gruppe eine Initiative lanciert mit dem Ziel, einen Entschaedigungs-Fonds ueber 500 Millionen Franken einzurichten. Rund 20'000 Menschen sind im letzten Jahrhundert in der Schweiz Opfer fuersorgerischer Zwangsmassnahmen geworden. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Prominentes Komitee: Soziologe Ueli Mäder, SP-Nationalrätin Jaqueline Fehr und ganz vorne der Grüne Ständerat Luc Recordon. Bild: Keystone

Der SVP-nahe Bauernverband wollte nichts von finanziellen Abfindungen für ehemalige Verdingkinder wissen. Das muss Sie doch stören.
Nun, der Bauernverband sollte unseres Erachtens seine Haltung überdenken. Dafür müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten.

«Den Betroffenen muss die Würde zurückgegeben werden. Dafür muss sich das Volk geschlossen und solidarisch hinter die Initiative stellen.»

Guido Fluri, Initiator

Eine professionell geführte Organisation soll der Initiative zu schnellem Erfolg verhelfen. Sie bezahlen sogar Studenten, die Unterschriften sammeln.
Die Betroffenen können leider nicht mehr selber sammeln, viele von ihnen sind betagte Menschen. Je schneller die Unterschriften zusammenkommen, desto besser. Darum beginnen wir schon am nächsten Samstag. Weitere Kampagnen werden folgen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen

Interview

«Da ist ziviler Ungehorsam doch völlig legitim. Wie sollen die sich denn sonst wehren?»

Die zukünftige SP-Spitze erzählt im watson-Interview, was sie von der Besetzung des Bundesplatzes hält.

Bern hat turbulente Tage hinter sich. Wie ist die Stimmung im Bundeshaus?Mattea Meyer: Von unserer Seite her recht ruhig. Auf der rechten Ratsseite hat es einige, die haben offenbar das Gefühl, der Untergang der Schweizer Demokratie stehe kurz bevor.Cédric Wermuth: Uns erstaunt, wie schnell sich vermeintlich selbstsichere Multimillionäre hier empört haben.Meyer: Das ist eine künstliche Empörung. Das sind Nebelpetarden. Es geht darum, vom Inhalt abzulenken. Sie nehmen jetzt auch dankend …

Artikel lesen
Link zum Artikel