DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Blutspenden

Schwule müssen in der Schweiz ein Jahr auf Sex verzichten, bevor sie Blut spenden dürfen. Bild: Shutterstock

Warum das Blut von Schwulen unerwünscht ist: 10 Fragen und Antworten

Wollen Schwule Blut spenden, so müssen sie ein Jahr lang auf Sex verzichten. Ist diese Regel wirklich nötig? Was du darüber wissen musst.



Das Blut ist knapp.

Jedes Jahr reagieren Spendenwillige auf diesen Warnruf. Viele tun dies im Wissen, vielleicht einmal selber auf Fremdblut angewiesen zu sein.

Tausende dürfen aber nicht helfen, auch wenn sie wollten. Gut, seit diesen Sommer sind Schwule nicht mehr per se vom Blutspenden ausgeschlossen. Aber die Bedingung, ein Jahr kein Sex, kommt einem Ausschluss sehr nahe. 

Am Mittwoch hat der Ständerat über diese Regelung diskutiert und kam im Gegensatz zum Nationalrat zum Schluss, nichts daran zu ändern.

Was du darüber wissen musst.

Wie ist die heutige Regelung?

Bis am 1. Juli 2017 galt folgende Regelung: Jeder Mann, der seit 1977 zumindest einmal sexuellen Kontakt mit einem anderen Mann hatte, darf kein Blut spenden.

Erst seit diesem Sommer sind Schwule wieder zum Blutspenden zugelassen. Zumindest in der Theorie. Denn es gibt ein grosses ABER. Die Bedingung an alle männlichen Spender: Sie dürfen ein Jahr lang keinen Sex mit einem Mann haben. 

Zum Vergleich: Heterosexuelle Männer dürfen auch dann Blutspenden, wenn sie Sex hatten. Sie müssen einfach seit über einem Jahr in einer festen Partnerschaft sein.

Auch Blutspende SRK Schweiz ist unzufrieden mit der heutigen Regelung: «Wirklich optimal scheint die Lösung indessen nicht, da vermutlich nicht viele schwule Männer davon profitieren können», schreiben sie auf ihrer Website.

Wird die Regel bald aufgehoben?

Die Fraktion der BDP hatte genau dies gefordert. Ihr Vorstoss verlangte vom Bundesrat die Ausschlusskriterien für Homosexuelle aufzuheben. Obwohl die Regierung den Vorstoss zur Ablehnung empfahl, stimmte eine Mehrheit im Nationalrat diesem zu. Nun scheiterte das Vorhaben aber am Mittwoch im Ständerat. 

Was sagt die Gay-Community dazu?

«Diese Regelung ist diskriminierend und macht auch aus medizinischer Sicht keinen Sinn mehr. Es besteht ein breiter Konsens, dass allein das Risikoverhalten zur Beurteilung herangezogen werden darf und nicht die sexuelle Orientierung.»

Stellungsnahme Pink Cross, Selbsthilfeorganisation von Schwulen

Auf Twitter

Wann wurde das Verbot eingeführt und warum?

Das schwule Männer kein Blut spenden dürfen, wurde in der Schweiz 1985 beschlossen. Aus Angst, dass sich Patienten bei der Bluttransfusion mit dem HIV-Virus anstecken könnten.

Dies ist tatsächlich passiert. Über die ersten beiden Fälle berichtete am 11. April 1986 die NZZ. Eine jüngere Frau und ein alter Mann hatten sich bei einer Bluttransfusion mit dem HIV-Virus angesteckt. Ihre Spender waren homosexuell. Der damalige Chefarzt des Roten Kreuzes erklärte in der Zeitung, dass zum Zeitpunkt der Blutspende (1983), die Überprüfung des Blutes nach dem HI-Virus noch nicht möglich gewesen sei. 

Sind Schwule tatsächlich eine Risikogruppe?

Noch immer ist bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), die Gefahr für eine HI-Infektion besonders gross. So infizierten sich 2015 247 von ihnen mit HIV, was in jenem Jahr fast der Hälfte aller neuen HIV-Infektionen in der Schweiz entspricht. Dabei machen die MSM lediglich 3 Prozent der sexuell aktiven Bevölkerung aus. Auch bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, ist die Infektionsrate bei MSM besonders hoch.

Lesbische Frauen sind keinem grösseren Risiko von sexuell übertragbaren Krankheiten ausgesetzt. Deshalb gelten bei Lesben die gleichen Ausschlusskriterien für die Blutspende wie bei heterosexuellen Personen.

Warum kann man das Blut nicht einfach testen?

Seit Mitte der 80er-Jahre gibt es Tests, die das HI-Virus im Blut nachweisen können. Doch es gibt ein Problem – es nennt sich diagnostisches Fenster. 

Obwohl die diagnostischen Tests in den letzten Jahrzehnten besser geworden sind, lässt sich der HI-Virus erst nach sieben Tagen im Blut nachweisen. Sprich: Wenn sich der Spender in der Woche vor der Blutabnahme mit Aids angesteckt hat, entgeht dem Labor die Krankheit. 

Auch bei anderen Krankheiten gibt es ein diagnostisches Fenster. Bei Hepatitis B beträgt es 20 Tage, bei Hepatitis C 5 Tage. 

Spezielle Regeln für Schwule: Darf man das?

Auch der Europäische Gerichtshof musste sich bereits mit dem Blutspende-Verbot für Schwule auseinandersetzen. Dabei kamen die Richter zum Schluss, dass ein Ausschluss rechtens sein kann. Aber nur dann, wenn geeignete Alternativen, wie wirksame Testmethoden oder eine genaue Befragung zu riskantem Sexualverhalten, fehlen. 

Wie regeln es andere Länder?

Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Viele europäischen Länder handhaben es wie die Schweiz. Sie erlauben Schwulen, erst nach einer einjährigen Sex-Abstinenz Blut zu spenden. Dies gilt beispielsweise in Irland oder Frankreich. Wie auch in der Schweiz, ist diese Regelung aber erst seit kurzem in Kraft. Zuvor galt auch dort ein Totalverbot. 

Tiefer ist die Hürde in Grossbritannien. Da dürfen Männer, die Sex mit Männer haben, bereits nach 3 Monaten nach dem letzen Sexkontakt Blut spenden.

In Italien, Spanien, Portugal und Polen sind Homosexuelle ohne Einschränkungen zum Blutspenden zugelassen.

Was gibt es für Alternativen?

Blutspende SRK Schweiz schwebt vor, dass die sexuelle Orientierung der Spender zukünftig keine Rolle spielen soll. Stattdessen soll bei allen Spendewilligen das sexuelle Risikoverhalten besser erfragt werden und massgeblich für einen allfälligen Ausschluss sein. Doch: «Die Erarbeitung dieser Kriterien ist komplex und dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Ob die Aufsichtsbehörde solchen Plänen zustimmen würde, kann zurzeit nicht abgeschätzt werden.»

Wer darf sonst kein Blut spenden?

Es gibt weitere Risikofaktoren, die den Ausschluss von der Blutspende bedeuten. So darf beispielsweise niemand Blut spenden, der selber schon einmal Blut erhalten hat. Auch wer zwischen 1980 und 1996 mehr als sechs Monate in Grossbritannien lebte, wird ausgeschlossen. Der Grund ist bei beiden Ausschlussfaktoren der gleiche: Die Befürchtung, der Blutspender könnte dem Empfänger die variante Creutzfeld-Jakob Erkrankung übertragen.

Erkennst du deinen Hausarzt?

Video: watson

Wie sich der Vibrator in die Schlafzimmer schlich

1 / 19
Weibliche Hysterie und ärztliche Intim-Massagen: Wie sich der Vibrator als Heilmittel getarnt in die Schlafzimmer schlich
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Das könnte dich auch interessieren:

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«Ehe light» neben «Ehe für alle»? Bundesrat schielt mit Plan nach Frankreich

Neues Partnerschaftsmodell: Der Bundesrat legt einen Bericht zur «Ehe light» nach Vorbild des französischen Pacs vor.

Am 26. September kommt die «Ehe für alle» an die Urne. Die Befürworter sind optimistisch, dass eine Mehrheit der Bevölkerung der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zustimmen wird. Umfragen aus den letzten Jahren zeigten eine wachsende Zustimmung.

Bei einem Ja zur «Ehe für alle» würde gleichzeitig die eingetragene Partnerschaft abgeschafft, die homosexuellen Paaren seit 2007 offensteht. Wer in einer solchen lebt, wird seinen Zivilstand zwar beibehalten können. Neu eingetragene …

Artikel lesen
Link zum Artikel