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Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson – jetzt fordern Politiker Massnahmen

Die Nervenkrankheit Parkinson verbreitet sich stärker als andere Alterskrankheiten – und in Landwirtschaftszonen auffallend mehr als anderswo.

20.05.18, 11:14

Bettina Hamilton-Irvine / Schweiz am Wochenende



Zuerst fiel ihr das Zittern der Hände auf. Dann, dass sie, die früher kaum hatte stillsitzen können, manchmal plötzlich müde war. Auch da wollte sie sich noch nicht mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass sie krank sein könnte. Erst nachdem sie kurz nacheinander zwei Mal mit dem Velo gestürzt war, drängte ihre Familie sie zu einem Untersuch. Die Diagnose: Parkinson.

Damit befindet sich Erika Weber (Name geändert) in bester Gesellschaft: Sieben Millionen Menschen weltweit leiden an Parkinson – doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren. Forscher gehen davon aus, dass es bis im Jahr 2040 mehr als 14 Millionen sein werden.

Wie viele Menschen in der Schweiz betroffen sind, ist nicht klar: Weil keine Meldepflicht besteht, hat das Bundesamt für Statistik keine Zahlen dazu. Die Non-Profit-Organisation Parkinson Schweiz spricht von 15 000 Betroffenen – eine Schätzung, die sich an Statistiken aus dem Ausland orientiert. Klar ist auf jeden Fall: Auch in der Schweiz nimmt die Zahl der Parkinson-Patienten zu.

ARCHIVBILD ZUR PRESSEKONFERENZ DES SCHWEIZERISCHEN BAUERNVERBANDES ZUM THEMA PFLANZENSCHUTZ, AM MITTWOCH, 21. JUNI 2017 - Ein Landwirt versprueht ein Pflanzenschutzmittel, aufgenommen im Mai 2000 bei Sargans. Das Abkommen liberalisiert schrittweise den Handel mit Agrarprodukten. Voschriften in den Bereichen Veterinaermedizin, Pflanzenschutz, biologische Landwirtschaft sowie die Qualitaetsnormen fuer Fruechte und Gemuese werden anerkannt. Mehr als vier Jahre lang handelten die Schweiz und die EU die bilateralen Vertraege aus. Am 21. Mai 2000 stimmen Schweizerinnen und Schweizer ueber sieben Abkommen ab, welche das Verhaeltnis der Schweiz mit Europa in den Bereichen Personenverkehr, Landverkehr, Luftverkehr, technische Handelshemmnisse, oeffentliches Beschaffungswesen, Forschung und Landwirtschaft auf eine solide Basis stellen sollen. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Pflanzenschutzmittel im Fokus: Personen, die mit dem Gift in Berührung kommen, sollen häufiger an Parkinson erkranken. Bild: KEYSTONE

Erika Weber war 77, als sie die Diagnose erhielt. Damit gehört sie zu den achtzig Prozent der Personen, die über 60 Jahre alt sind, wenn sich das Parkinson bemerkbar macht. Weil es immer mehr ältere Menschen gibt, liegt es daher auf der Hand, dass auch Parkinson häufiger wird. Doch das kann nicht der einzige Grund sein. Bemerkenswert ist, dass Parkinson stärker zunimmt als beispielsweise Alzheimer, obwohl auch das eine typische Alterskrankheit ist.

Die Ursache lässt sich nicht eindeutig benennen. Doch Forscher gehen davon aus, dass Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Besonders stark im Fokus stehen Pflanzenschutzmittel. Bereits im Jahr 2000 haben Wissenschafter eine Verbindung zwischen Pestiziden und Parkinson aufgezeigt.

Seither wurden unzählige Studien zum Thema erstellt. Im Jahr 2011 beispielsweise zeigten Forscher auf, dass Bewohner des Central Valley in Kalifornien drei Mal häufiger an Parkinson erkranken, wenn sie in der Nähe von Feldern arbeiten, auf denen regelmässig Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden.

Parkinson: Nicht heilbar, aber behandelbar

Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der vor allem dopaminproduzierende Nervenzellen im Mittelhirn absterben. Der daraus folgende Dopaminmangel führt zu motorischen Störungen. Daneben sterben in anderen Hirnregionen Nervenzellen ab, was Schmerzen, Schlafstörungen, psychische Symptome und vegetative Störungen auslösen kann.

Obwohl die Krankheit bereits 1817 erstmals beschrieben und seither intensiv erforscht wurde, ist nach wie vor nicht genau bekannt, weshalb Parkinson entsteht. Klar ist: Bei 5 bis 10 Prozent der Betroffenen wird Parkinson vererbt. Daneben spielen bei der nichtvererbten Form genetische Risikofaktoren eine Rolle – sowie höchst wahrscheinlich Umweltfaktoren.

Die Krankheit beginnt meist mit Zittern, Verspannungen, Müdigkeit und Beschwerden beim Gehen und entwickelt sich über viele Jahre. Parkinson ist nicht heilbar, aber mit diversen Therapien behandelbar, sodass die meisten Patienten in den ersten Jahren ein praktisch normales Leben führen können. Die Neurodegeneration wird aber nicht gebremst, möglich ist nur eine Linderung der Symptome.

2012 gelang es Forschern aus Dresden, den Mechanismus zu entschlüsseln, mit dem das Insektenvernichtungsmittel Rotenon Parkinson auslöst. Und in Frankreich wurde erst vergangenen Monat eine Studie publiziert, die aufzeigt, dass nicht nur Winzer, die Pestizide einsetzen, eher an Parkinson erkranken. Auch andere Personen, die in einem stark von Weinbau beanspruchten Gebiet wohnen, haben ein um 10 Prozent höheres Risiko.

Als Berufskrankheit anerkannt

In Frankreich ist der Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson sogar staatlich anerkannt: Seit 2012 gilt Parkinson bei Landwirten als Berufskrankheit. In der Schweiz ist man diesbezüglich zurückhaltender.

Zwar anerkennt auch der Unfallversicherer Suva, dass, wer Pestiziden ausgesetzt ist, ein erhöhtes Parkinson-Risiko haben kann, wie Mediensprecher Isik Serkan sagt. Doch: «Ob das Risiko so hoch ist, dass es die gesetzlichen Vorgaben zur Anerkennung einer Berufskrankheit erfüllt, muss im Einzelfall beurteilt werden.»

Dass Parkinson in Frankreich als Berufskrankheit gilt, findet der Schweizer Parkinsonexperte Stefan Bohlhalter «bemerkenswert». In der Schweiz sei das Thema in der Forschung kaum belegt. Dennoch sei der Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson «ziemlich klar» – wenn auch die Kausalität nicht erwiesen sei, sagt Bohlhalter, der Chefarzt am Neurozentrum im Luzerner Kantonsspital ist und den Fachlichen Beirat von Parkinson Schweiz leitet. Für ihn steht fest: «Man muss das Thema ernst nehmen.»

ARCHIV - 09.03.2016, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen: Der Hirnforscher Alfons Schnitzler untersucht im Universitätsklinikum einen Parkinson Patienten mit einem Hirnschrittmacher. Immer mehr Parkinson-Patienten kommen in Bayern ins Krankenhaus. Foto: Maja Hitij/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Maja Hitij)

Sieben Millionen Menschen weltweit leiden an Parkinson – doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren. Bild: DPA

Auch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen weist auf die «signifikanten Zusammenhänge zwischen der Exposition mit Pflanzenschutzmitteln und der Erkrankung mit Parkinson» hin – wobei kein kausaler Zusammenhang erstellt sei. Bisher, sagt Mediensprecherin Nathalie Rochat, seien mit Rotenon und Paraquat erst zwei bestimmte Pestizide identifiziert worden, die ursächlich an der Entstehung von Parkinson beteiligt sein können.

Beide Wirkstoffe sind in der Schweiz mittlerweile nicht mehr zugelassen. In allen anderen Studien seien Assoziationen zwischen Pflanzenschutzmitteln allgemein und Parkinson gefunden worden, sagt Rochat. Hier seien weitere Untersuchungen nötig.

Dass die Datenlage verbessert werden muss, hat auch der Bundesrat erkannt. Im Rahmen seines im September 2017 verabschiedeten Aktionsplans Pflanzenschutzmittel plant er unter anderem eine Literaturstudie, um die Rolle von Pestiziden als Auslöser von chronischen Erkrankungen zu untersuchen.

Im Aktionsplan wird erwähnt, dass epidemiologische Studien aus dem Ausland Hinweise darauf geben, dass die langfristige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu Parkinson führt. Das generelle Ziel des Plans: Die Risiken sollen halbiert, die Anwendungen weiter reduziert und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz gefördert werden.

Politiker fordern Massnahmen

Das sei «grundsätzlich erfreulich», sagt GLP-Nationalrätin Tiana Angelina Moser, welche die Erstellung des Aktionsplans vor sechs Jahren mit einem Postulat angestossen hat. Dieser sei aber in Bezug auf die Fristen und die Finanzierung noch ungenügend. Weil der Pestizideinsatz in der Schweiz sehr gross sei, brauche es weitere Massnahmen, so Moser: «Zahlreiche Studien zeigen auf, dass Grenzwerte nicht eingehalten werden.»

Tiana Angelina Moser, GLP-ZH, spricht im Nationalrat am letzten Tag der Sommersession der Eidgenoessischen Raete, am Freitag, 17. Juni 2016, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

GLP-Politikerin Tiana Angelina Moser will den Pestizideinsatz bekämpfen. Bild: KEYSTONE

Auch Urs Scheuss, Stellvertretender Generalsekretär der Grünen, nennt den Aktionsplan «zahnlos und zu wenig verbindlich». Für ihn steht fest: «Der Einsatz von Pestiziden müsste generell zurückgefahren werden.» Zwar finde eine Auseinandersetzung mit dem Thema statt, doch drehe sie sich bisher vor allem um einzelne Stoffe.

So sei es ein Erfolg, dass sich der Bundesrat letzte Woche zumindest bereit erklärt habe, den Ausstieg aus der Verwendung von Glyphosat zu prüfen. Besser wären jedoch, so Scheuss, eine Lenkungsabgabe oder ein generelles Verbot der risikobehafteten Stoffe. Denn wie die biologische Landwirtschaft zeige, gebe es durchaus Alternativen zu Pestiziden. (aargauerzeitung.ch)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 21.05.2018 09:22
    Highlight Immer mehr Menschen merken, dass Einiges faul ist in der Konventionellen Landwirtschaft, die angeblich und scheinbar massenweise preisgünstige Lebensmittel produziert.
    Oberflächlich gesehen ist das tatsächlich so.
    Unsere Supermärkte quellen über von einem Riesenangebot an Lebensmitteln und tadellos glänzende Früchte und knackig-frisches Gemüse strahlt die KonsumentInnen geradezu verführerisch an!
    Hinter dieser schönen Fassade aber verwandeln sich unsere Felder in Wüsten, die eigentlich nur noch eine Hors-Sol-Stützfunktion übernehmen für die mit Kunstdünger-Lösungen ernährten und Kulturen.
    13 1 Melden
  • Francis Begbie 21.05.2018 08:51
    Highlight & dann kommt Bauernverbandspräsident und CVP Nationalrar Markus Ritter und heult wieder rum. Es ist jedes Mal dasselbe, wenn man die Bauern endlich mal in die Pflicht nehmen will. Sei es beim Umweltschutz im Allgemeinen, bei der CO2 Reduktion, dem Tierschutz, dem Arbeitnehmerschutz und Mindestlöhnen, der Reduzierung von Hormonen und Antibiotika oder in diesem Fall dem Pestizideinsatz. Von der Sonderbehandlung betreffend Grundstückgewinnsteuer will ich gar nicht reden.
    Nicht die Industrie zerstört die Schweiz, sondern die geldgeilen, konventionellen Landwirte.

    🤬🤮🤢
    15 1 Melden
    • rodolofo 21.05.2018 13:20
      Highlight Ich glaube nicht, dass Ritter als Bio-Bauer etwas gegen strengere Grenzwerte, oder gegen eine Koppelung von Direktzahlungen des Bundes an ökologische Landbau-Methoden!
      Aber Ritter hat ALLE Bauern zu vertreten!
      Ausserdem wäre es unfair, den Umweltverschmutzer-Peter allein den Konventionellen Bauern zuzuschieben!
      Wereliwer schimpft denn dauernd über "viel zu teure Lebensmittel" und geht demonstrativ in Deutschland einkaufen?
      Und schimpft aus dem BMW-Cabrio heraus über die von Subventionen verwöhnten Schweizer Bauern?
      Otto Normalverbraucher!
      Junk-Food läuft nur mit Dealer und Junkies...
      4 7 Melden
  • alessandro 20.05.2018 16:44
    Highlight Das ist ein Test. Entscheidet man sich für die Industrie oder für das Wohlergehen des Volkes? Von den wirtschaftlichen Auswirkungen krankheitsbedingter Einflüsse haben wir dann noch gar nicht gesprochen. Man sollte bei einem solchen Verdacht prophylaktisch agieren und nicht die Situation einfach laufen lassen, weil noch nicht zu 100 Prozent bewiesen wurde wie die Sachlage steht. Dann unterliegen die Unternehmen der Beweisschuld.
    22 4 Melden
    • rodolofo 21.05.2018 09:34
      Highlight Das ist tatsächlich die Haupt-Schwierigkeit.
      In einem Prozess, den NGO's gegen den Saatgut und Pestizid-Giganten Monsanto anstreben, sollen die "Ökozid-Verbrechen" dieses enorm mächtigen und finanzstarken Agro-Industrie-Riesen nachgewiesen werden, indem alle Informationen von hartnäckigen WissenschaftlerInnen mit Berufs-Ethos und von direkt betroffenen Farmern, Anwohnern und Konsumenten gesammelt, verarbeitet und kanalisiert werden.
      (auf "arte" kamen mal sehr interessante Filme darüber.)
      Aber das "Organisierte Verbrechen" schiesst aus allen Rohren auf diese mutigen und hartnäckigen Leute!
      7 0 Melden
  • AlteSchachtel 20.05.2018 15:34
    Highlight Diesen Artikel finde ich interessant, weil mir sofort der Gedanke kam "also doch".
    2017 erfuhr ich von einem Landwirt in der Region, der an Parkinson erkrankt war. Weil es in zwei benachbarten Dörfern (ZH) nun schon der 4. Fall war, wo diese heimtückische Krankheit einen Bauern getroffen hat und weitere 2 Bauern von schwersten neurolog. Krankheiten heimgesucht wurden, habe ich mich damals gefragt, ob ein Zusammenhang mit der Chemie bestehe.
    Schockierend!

    Aber die Chemie wird Gegenstudien finanzieren....damit die Pharma weiter Medis verkaufen kann...wie immer.
    32 6 Melden
  • lilas 20.05.2018 13:53
    Highlight Und im Gegenzug der Bienenartikel mit der Aussage, dass Pedtizide nicht gegen Insekten gerichtet sind..
    34 1 Melden
    • lilas 20.05.2018 19:11
      Highlight *Pestizide meinte ich...
      0 0 Melden
  • N. Y. P. D. 20.05.2018 12:13
    Highlight GLP-Politikerin Tiana Angelina Moser hat als eine der ersten erkannt, dass diese Pestizide uns umbringen.

    Auch die Studie aus Frankreich bestätigt das.

    Und unser Bundesrat : Im Rahmen eines Aktionsplans Pflanzenschutzmittel plant er unter anderem eine Literaturstudie..

    Nein, das kann es nicht sein. Das geht einfach zu langsam vorwärts.

    Wenn ich das Gehingesieche in den Pflegeheimen sehe, frage ich mich immer, ob da nicht ein Zusammenhang mit unserer Nahrungsmittelindustrie, inklusive all der Tonnen Pestizide, besteht.
    85 11 Melden
    • Katzenseekatze 20.05.2018 13:10
      Highlight Sicher gibt es einen Zusammenhang. Fast logisch, scheint mir. Die Medikamente tragen das Ihre dazu bei.
      7 5 Melden
    • Jol Bear 20.05.2018 13:16
      Highlight "Pestizide" umfassen eine riesige Menge von Pflanzenschutzmitteln. Die Giftigkeit für den Menschen ist z.B. bei Insektiziden wesentlich höher als bei Fungiziden (wirken gegen Pilze). Eine seriöse Massnahmenstrategie muss das berücksichtigen, schwarz-weiss-Denken ("Pestizide bringen uns um.") ist kaum zielführend, da ist der Ansatz des Aktionsplans vom Bund wesentlich seriöser.
      11 1 Melden
    • Astrogator 20.05.2018 13:33
      Highlight Mit die grössten Pestizidhersteller sitzen in Basel - wieso wohl will der Bundesrat nichts unternehmen?

      Es gilt der neoliberale Grundsatz: geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut.
      24 6 Melden
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