Schweiz
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Krank machende Bakterien werden immer häufiger antibiotikaresistent. Bild: shutterstock

Bund lanciert Millionen-Kampagne gegen Killerkeime

Für mehr als sechs Millionen Franken sensibilisiert das Bundesamt für Gesundheit die Bevölkerung für das Thema Antibiotikaresistenz. Das Geld würde besser für die Forschung eingesetzt, kritisiert eine Expertin.

Sven Altermatt / Nordwestschweiz



Es muss etwas Ernsthaftes dahinterstecken, wenn der Bund eine «massenmediale Bevölkerungsinformation» plant. Tatsächlich geht es um «eine der grössten globalen Herausforderungen»: So bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation das Problem der Antibiotikaresistenzen. Noch immer sind Antibiotika unabdingbar. Sie bekämpfen Bakterien und machen Krankheiten beherrschbar, die zuvor tödlich waren. Doch Antibiotika haben eine dunkle Seite. Weil sie zu häufig eingenommen werden, entwickeln sich Krankheitserreger, denen die Medikamente nichts mehr anhaben können – man spricht auch von Killerkeimen. Patienten wissen viel zu wenig über die richtige Einnahme von Antibiotika, das zeigen Studien regelmässig auf. Gegen einen viralen Infekt etwa nützen diese nichts.

Die Schweizer Behörden wollen das Problem nun entschiedener anpacken: Im November dieses Jahres startet eine grosse Kampagne gegen Antibiotikaresistenzen, wie das federführende Bundesamt für Gesundheit (BAG) gegenüber der «Nordwestschweiz» bestätigt. Ziel sei die Information und die Sensibilisierung der Bevölkerung. «Es wird aufgezeigt, dass unwirksame Antibiotika aufgrund resistent gewordener Bakterien jede und jeden betreffen können», sagt BAG-Sprecherin Katrin Holenstein.

Im Kampf gegen Resistenzen steht nicht nur die Humanmedizin in der Pflicht. «One Health» lautet der Begriff der Stunde. Neben dem BAG sind das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, das Bundesamt für Umwelt sowie das Bundesamt für Landwirtschaft beteiligt. Sie verabschiedeten bereits 2015 gemeinsam die «Strategie Antibiotikaresistenzen». Eines ihrer Ziele ist die Früherkennung von resistenten Keimen. Im Fokus steht namentlich auch die Landwirtschaft, gilt doch die industrielle Tierhaltung als Brutstätte für antibiotikaresistente Bakterien.

2000

Menschen sterben in der Schweiz jährlich an den Folgen einer spitalbedingten Infektion, so Schätzungen. Ein namhafter Teil dieser Infektionen sei auf resistente Keime zurückzuführen, heisst es bei der schweizerischen Expertengruppe im Bereich Infektiologie und Spitalhygiene (Swissnoso).

6.18 Millionen Franken für Agentur

Für die Kampagne gegen Antibiotikaresistenzen zeichnet sich die Zürcher Werbeagentur Havas verantwortlich. Sie hat sich soeben in einem mehrstufigen Vergabeverfahren durchgesetzt. In der Gesundheitsprävention des Bundes soll die Kampagne gegen Antibiotikaresistenzen fortan einen hohen Stellenwert geniessen – vergleichbar mit der berühmten Stop-Aids-Kampagne oder der Tabakprävention «Smoke free». Allein das Auftragsvolumen für die Werbeagentur beläuft sich auf 6.18 Millionen Franken, wie der Zuschlagsentscheid zeigt.

Das erste Jahr der Kampagne richtet sich an die Gesamtbevölkerung. Man wolle aufzeigen, wie wichtig Antibiotika für die Behandlung bakterieller Infektionen sind und das Problem der Resistenzbildung thematisieren, so BAG-Sprecherin Holenstein. In den Folgejahren stünden «vertiefte und spezifische Informationen» im Mittelpunkt. Erreicht werden sollen dann auch Fachleute wie Ärzte, Veterinäre, Apotheker und Landwirte. Konkreter will sich Holenstein noch nicht zu der Kampagne äussern. «Die Agentur ist dabei, gemeinsam mit dem BAG und den beteiligten Bundesämtern ein Feinkonzept auszuarbeiten.»

SP-Expertin Bea Heim ist skeptisch

Millionen für eine breit angelegte Kampagne? «Ich bin nicht sicher, ob das Geld so wirklich sinnvoll eingesetzt ist», sagt SP-Nationalrätin Bea Heim. Die Gesundheitspolitikerin leitet den «Round Table Antibiotika», eine interdisziplinäre Expertengruppe aus Forschung und Wirtschaft, die besser koordinierte Aktivitäten zur Entwicklung neuer Antibiotika fordert.

Bea Heim, Nationalraetin SP-SO, spricht waehrend einer Medienkonferenz eines ueberparteilichen Zusammenschlusses fuer den Gegenvorschlag zur Ausschaffungsinitiative der SVP, am Freitag, 19. November 2010 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

SP-Nationalrätin Bea Heim. Bild: KEYSTONE

Heim betont, selbstverständlich sei jede Massnahme im Kampf gegen Resistenzen zu begrüssen. Ebenso sei Sensibilisierung unabdingbar. «Aber dafür braucht es kaum eine Kampagne, die sich an die ganze Bevölkerung richtet.» Wichtiger sei es, das Engagement von Fachleuten zu gewinnen; sowohl Ärzteschaft und Apotheker als auch Veterinäre und Bauern sollten noch stärker eingebunden werden.

Grundsätzlich begrüsst Heim die Bestrebungen des Bundes. Seine 2015 verabschiedete Strategie sei jedoch erst ein erster Schritt in die richtige Richtung. Grossen Nachholbedarf ortet die Nationalrätin in der Forschung. Die Entwicklung neuer Antibiotika müsse national und international vorangetrieben werden, fordert Heim. «In diesem Bereich würde das für die Kampagne eingesetzte Geld dringender benötigt.» (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • The Origin Gra 06.06.2018 20:34
    Highlight Highlight Antibiotikum im Fleisch und bei Nutzpflanzen zurückfahren, das hwürde schon viel helfen
    • Skip Bo 07.06.2018 08:37
      Highlight Highlight Antibiotika kommen bei Nutzpflanzen nur bei Obst und nur mit einer Bewilligung zum Einsatz.
  • Posithis 06.06.2018 11:22
    Highlight Highlight Bakteriophagen

    Mehr braucht man zur Antibiotikaresistenz-Krise nicht zu sagen
    • Graviton 06.06.2018 16:34
      Highlight Highlight Naja, da machen Sie es sich aber schon etwas sehr einfach. Bakteriophagen kommen natürlicherweise schon zahlreich in und um uns vor. Und Bakterien haben über Jahrmilliarden evolutive Schutzmechanismen gegen Bakteriophagen entwickelt. Denken Sie z.B. nur schon an das relativ neu entdeckte CRISPR/Cas system, das nach nur einmaligem Kontakt mit einem bestimmten Bakteriophagen dem Bakterium sofortige Immunität verleiht. Das Problem ist damit höchstens verschoben, sicher noch nicht gelöst.
    • Telomerase 06.06.2018 18:39
      Highlight Highlight Das probieren die Georgier schon seit den 1920er Jahren und es klappt immer noch nicht annähernd zuverlässig.

      https://en.m.wikipedia.org/wiki/Phage_therapy
  • Roxy_red 06.06.2018 10:41
    Highlight Highlight Ich hab mich über diesen Artikel gefreut und war schon gespannt, welcher Experte sich dazu kritisch äussert. Ernüchternderweise ist es aber eine SP-Politikerin, deren Kernanliegen schon in der Umsetzung sind.
    Willkommen beim Wahlkampf oder was soll das?!
  • Graviton 06.06.2018 10:38
    Highlight Highlight Es gibt ein zusätzliches Problem bei der Suche nach neuen Antibiotika: Wenn eine Firma ein neues, funktionierendes Antibiotikum auf den Markt bringt, wird dieses sogleich als Reserveantibiotikum kategorisiert. Das macht natürlich Sinn, weil es dann bei multiresistenten Bakterien als „letzte Hoffnung“ eingesetzt werden kann. Aber wirtschaftlich bedeutet das, dass die Firma praktisch nichts daran verdient weil es ja nur in der Reserveschublade rumsitzt. Das ist also ein Problem der marktwirtschaftlichen Organisation unseres Gesundheitssystems. Vielleicht sollte man da auch mal innovativ sein?
  • "Das Universum" formerly known as lilie 06.06.2018 07:55
    Highlight Highlight Moment mal, sind Antibiotika nicht verschreibungspflichtig? Da müsste man doch eher die Ärzte an die Kandarre nehmen oder sehe ich das jetzt falsch? 🤔
    • Roxy_red 06.06.2018 10:37
      Highlight Highlight Das ist eine theoretische Möglichkeit.
      Trotzdem gibt es Situationen, wo AB vorsorglich dem Patient mitgegeben werden mut dem Hinweis sie z.B. nur bei Neuauftritt von Fieber zu nehmen. Auch werden AB innerhalb von der Familie gemeinsam verbrauch... es gibt noch viel zu tun
    • "Das Universum" formerly known as lilie 06.06.2018 10:58
      Highlight Highlight Aber wäre es nicht am Arzt, eben genau zu erklären, weshalb er im Fall x auf Antibiotika verzichtet/damit wartet und über die multiresistenzen Keime aufzuklären?
    • "Das Universum" formerly known as lilie 06.06.2018 11:28
      Highlight Highlight @Hosch: Nun, Ausreisser wirds immer geben. Aber Ärzte sind eigentlich an bestimmte Regeln gebunden. Sie dürfen nicht einfach wahllos Medikamente verschreiben. Wenn man das entsprechend verschärft, würden in einigen Fällen eben gar nicht erst Antibiotika abgegeben. Also könnte der Patient sie auch nicht einnehmen.

      Aber klar, vielleicht macht es Sinn, die breite Öffentlichkeit aufzuklären, damit die Ärzte nicht jeden einzeln überzeugen müssen. Aufklären müssen sie allerdings immer noch.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Ein watson-Leser 06.06.2018 07:46
    Highlight Highlight Ich denke man sollte die Bevölkerung durchaus auch informieren... ich komme aus einer Ärztefamilie und höre oft von "schwarzen Schafen", die Antibiotika verschreiben, obwohl es noch andere Behandlungsmöglichkeiten gäbe...

    Wichtiger wäre meiner Meinung nach aber viel mehr die Information an die Bevölkerung, dass man im normalen Alltag nicht den ganzen Haushalt desinfizieren muss: die meist eher schwachen Desifektionsmittel die im TV beworben werden, entfernen vorallem die "normalen" Keime. Sind diese erst mal weg, ist der Nährboden für die resistenten Keime noch grösser!
  • fabsli 06.06.2018 07:29
    Highlight Highlight Ein bisschen spät jetzt mir der Info zu Resistenzen, nicht? Hätte es vor 20 Jahren gebraucht.
  • dracului 06.06.2018 06:15
    Highlight Highlight Der umfangreiche Einsatz von Antibiotika in der Tiermast wird als eine der möglichen Ursachen für die Verbreitung von multiresistenter Keime angesehen. Obwohl es für neue Medikamente endlose Zulassungsverfahren benötigt, fehlt es seit Jahrzehten an einer Grundlagenforschung bezüglich der Wirkung auf den Menschen. Der Bund sollte vorsorglich den Einsatz von Antibiotika als Futterzusatz in der Schweiz verbieten und die Importe von Antibiotikafleisch kritisch beurteilen. Mindestens bis die Wirkung wissenschaftlich ausreichend abgeklärt ist.
    • sikki_nix 06.06.2018 08:11
      Highlight Highlight Genau, solange sogar Reserve Antibiotika in der Tiermast legal eingesetzt werden können, besteht det grösste Handlungsbedarf dort!
    • The Origin Gra 06.06.2018 20:35
      Highlight Highlight Aber auch an die Pflanzenbehandlung denken
    • Skip Bo 07.06.2018 08:45
      Highlight Highlight Der präventive Einsatz von AB im Futtermittel ist verboten und wird auch kontrolliert. In Schlachthöfen gehört die AB Untersuchung zur Routine.
      Auf meinem Betrieb wird ca. 1 mal jährlich AB eingesetzt und nur auf tierärztliche Verordnung (Entzündungen im Klauenbereich wegen durchnässten Weideböden). Das eingesetzte AB ist seit 40 Jahren auf dem Markt und wirkt trotzdem noch gut bzw. es haben sich keine Resistenzen gebildet.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Spooky 06.06.2018 05:08
    Highlight Highlight "Das Geld würde besser für die Forschung eingesetzt, kritisiert eine Expertin."

    Darf ich fragen, wo diese Expertin arbeitet?
    • Olifant 06.06.2018 06:07
      Highlight Highlight Guckst du hier:
      https://www.parlament.ch/de/biografie/bea-heim/1156
      Keine Verbindungen zur Pharma, und ich verstehe ihre Bedenken, finde aber, man sollte beides fördern, die Forschung und die Aufklärung der Bevölkerung.
    • Keepitsimple 06.06.2018 17:27
      Highlight Highlight Zeigt einmal mehr die Marktwirtschaftlichen grenzen auf. Gerade im Gesundheitssystem ist leider nur ein kranker Mensch ein 'Konsument'

Wie der Schweizer Arzt Ruedi Lüthy in Simbabwe tausende Menschen vor dem Aids-Tod rettete

Ruedi Lüthy war einer der Pioniere der Aids-Medizin in der Schweiz. Seit 2003 lebt er hauptsächlich in Harare, wo er eine Aids-Klinik aufgebaut hat. Im Interview mit watson spricht er über seine erste Begegnung mit der Krankheit, seinen Umgang mit afrikanischem Aberglauben und die Entwicklung in Simbabwe seit dem Sturz von Diktator Mugabe. 

Anfang der 80er-Jahre war Ruedi Lüthy (77) einer der ersten Ärzte in der Schweiz, der sich mit Aids auseinandersetzte. Als Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich musste er zunächst zusehen, wie seine HIV-positiven Patienten wegstarben, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre war er mit dabei, als in der Schweiz grosse Fortschritte bei der Behandlung von HIV-positiven Menschen erzielt wurden.

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