Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Christian Jott Jenny

Frischer Wind für St.Moritz: Christian Jott Jenny. Bild: Henry Schulz

Der originellste Gemeindepräsident der Schweiz

Der Zürcher Opernsänger, Kabarettist und Kulturmanager Christian Jenny regiert neu im Engadin. Die SVP gratuliert, erste Investoren melden sich – doch was will der Neue?

Fadrina Hofmann und Patrik Müller / CH Media



Er habe nach seiner Wahl zum St.Moritzer Gemeindepräsidenten Hunderte von SMS erhalten, sagt Christian Jenny. Viele würden ihm schreiben: «Jetzt gibt es einen Grund, seine Papiere in St.Moritz zu haben oder heimzukommen.» Es gebe sogar Leute, die überlegen würden, jetzt in St.Moritz zu investieren. «Das Verrückte ist, dass auch internationale Reaktionen dabei sind», erzählt der Zürcher, der keiner Partei angehört. Er hat am Sonntag im Duell um das Gemeindepräsidium den bisherigen Amtsinhaber Sigi Asprion geschlagen.

Der bisherige Amtsinhaber Sigi Asprion.

Dessen Partei, die FDP, hatte den Newcomer Jenny im Vorfeld der Wahl als politisch unerfahren und polarisierend kritisiert. Doch nach dem Ergebnis – Jenny erzielte 894, Asprion 822 Stimmen – gratulierten die Freisinnigen dem Sieger. Ebenso wie die SVP-Ortspartei: Jenny habe «durch seinen Mut Farbe ins politische Umfeld gebracht».

Der 40-Jährige hatte seine Kandidatur damit begründet, dass er von jungen St.Moritzerinnen und St.Moritzern dazu motiviert worden sei. Er nehme seit einigen Jahren eine gewisse Unzufriedenheit in der Bevölkerung wahr. Vom einstigen Pioniergeist, der St.Moritz zur Marke von Weltformat gemacht habe, sei nicht mehr viel zu spüren, sagte er.

Kein Heilsbringer

Entsprechend gross sind jetzt die Erwartungen an den neuen Gemeindepräsidenten. Jenny dämpft sie gleich selbst: «Ich bin weder der Deus ex Machina noch der Heilsbringer», sagt er, «aber wenn die Leute wieder Lust, Freude und Hoffnung haben, wenn ich eine Haltung in und zu St.Moritz ändern konnte, dann haben wir die Hälfte schon gewonnen.»

Im Engadin kennt man ihn vor allem als Organisator des Festival da Jazz in St.Moritz, das er vor elf Jahren gegründet hat. Es strahlt inzwischen international aus. Wie aber soll es nun mit dem Festival weitergehen, das untrennbar mit dem Namen Jenny verbunden ist? «Ich habe bereits im Sommer zwei neue Mitarbeiter angestellt», erklärt der Initiant. Er habe im Hinblick auf die allfällige Wahl zum Gemeindepräsidenten vorgespurt. Jenny sieht diesen Schritt als Chance für die Veranstaltung: «Frischer Wind ist sowieso gut für das Festival.» Nach elf Jahren mache sich ein gewisser Trott breit. Ganz loslassen will er aber nicht: Er werde dem Festival weiterhin als Pate im Hintergrund zur Verfügung stehen «und künftig in meiner Freizeit ein wenig über die Programmgestaltung nachdenken».

Kritik an alten Parteien

Was aber will Jenny als Gemeindepräsident erreichen? Sein Wahlkampfslogan lautete: «St.Moritz kann es besser». Allein könne er nichts erreichen, er zähle auf die Bevölkerung und den Gemeindevorstand, betont Jenny. Beim Gemeindevorstand handelt es sich um die fünfköpfige Exekutive. Er wird am kommenden Sonntag gewählt. Jenny wünscht sich neue Persönlichkeiten im Vorstand. Er glaubt, dass das kommunale Parteizeitalter ausgedient hat. «Man muss künftig vielleicht mehr in Interessengruppen weiterdenken», sagt er. Es gehe um gescheite Köpfe und nicht um eine Partei.

Jenny hofft, dass seine Wahl ein Barometer für die Gemeindevorstandswahlen ist: «Ich bin nicht grundsätzlich gegen das alte Wissen, dieses ist hervorragend und wir müssen es mitnehmen, aber wir können nicht nur mit altem Wissen weiterfahren», sagt er. Die Parteien müssten darum offen sein, einen neuen Weg einzuschlagen.

Etwas ist schon passiert: Die CVP teilte unmittelbar nach Jennys Wahl mit, dass ihr bisheriger Gemeindevorstand Maurizio Pirola nicht mehr kandidiere. Für die SVP steigt mit Martin Berthod ein bekannter Kopf ins Rennen. Berthod ist langjähriger Direktor von St.Moritz Tourismus, Sport und Events.

«Demokratisches Aufbäumen»

Im Engadin erwartet man nun mit Spannung, wie sich Jennys Wahl auswirken wird. Sein Kommunikationsberater, PR-Profi Christian Gartmann, beschreibt die Stimmung so: «Einheimische und Gäste freuen sich auf einen neuen Schub für die weltweite Ausstrahlung ihrer alpinen Topdestination.» Und das Graubündner SP-Aushängeschild Jon Pult meint: «St.Moritz hat ein demokratisches Aufbäumen erlebt.»

Jenny will nicht gänzlich zum Berufspolitiker werden. Als Sänger und Kulturmanager werde er weiterhin «gewisse Sachen» machen. «Andere Gemeindepräsidenten sind in ihrer Freizeit im Turn- oder Schützenverein», sagt er, «ich bin dann halt einfach im ‹Musikverein›.» Und vielleicht wird er ja bald ein Filmstar. Eine der vielen Reaktionen am Sonntag kam nämlich von Regisseur Michael Steiner. Jetzt werde er einen Film über St. Moritz machen, schrieb er Jenny.

Mit Kreativität gegen leere Schweizer Pisten

abspielen

Video: srf/SDA SRF

Das könnte dich auch interessieren:

5 Antworten zu den geheimen Tapes zu Salvinis Parteispenden-Deal mit dem Kreml

Link zum Artikel

Warum wir aufhören müssen, uns selbst auszubeuten

Link zum Artikel

Wenn Kantonswappen ehrlich wären – die komplette Edition

Link zum Artikel

5 Dinge, die verzweifelte Singles tun – und unbedingt lassen sollten

Link zum Artikel

Hast du in Zürich einen Verrückten ins Wasser springen sehen? Wir wissen nun, wer es war

Link zum Artikel

9 absolut clevere Wege, wie Rechtsradikalen und Neonazis schon die Stirn geboten wurde

Link zum Artikel

Dieser Fotograf zeigt Hochzeiten – so wie sie wirklich sind

Link zum Artikel

Trump, Clinton, der Sex-Milliardär – und die Verschwörungstheoretiker

Link zum Artikel

Warum dieser NZZ-Artikel für einen Shitstorm sorgte – und er von Maassen retweetet wurde

Link zum Artikel

BBC-Moderator berichtet über Patrouille-Suisse-Fail – und lacht sich schlapp 😂

Link zum Artikel

Stell dir vor, die App einer Sportliga fordert per Push plötzlich 6000 Dollar von dir ...

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

14
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bits_and_More 09.10.2018 10:20
    Highlight Highlight Er glaubt, dass das kommunale Parteizeitalter ausgedient hat. «Man muss künftig vielleicht mehr in Interessengruppen weiterdenken», sagt er.

    Was ist den eine Partei, wenn nicht eine Interessengruppe?
    Das bei einer Wahl einer kommunalen Exekutive der Kopf und nicht die Partei gewählt wird, ist schon lange so.
    • Clife 09.10.2018 15:25
      Highlight Highlight Dass man faktisch denken soll und nicht stur (Siehe Klimaerwärmung, das von nicht-experten als Lüge dargestellt wird).
  • Alterssturheit 09.10.2018 09:58
    Highlight Highlight Zitat: "Es gehe um gescheite Köpfe und nicht um eine Partei."
    In dem Punkt gebe ich Herr Jenny 100% recht und wünsche ihm viel Glück.
    • Tilia 09.10.2018 11:30
      Highlight Highlight So sollte es grubdsätzlich bei jeder Wahl sein!
  • simiimi 09.10.2018 09:51
    Highlight Highlight Bin ich der einzige, der seinen Mittelnamen „Jott“ weltklasse findet? Haben seine Eltern sicher von Homer Jay Simpson abgeschaut🤣🤣
    • Mia_san_mia 09.10.2018 10:16
      Highlight Highlight Genau das habe ich auch gedacht 😂👍🏻
  • WolfCayne 09.10.2018 09:37
    Highlight Highlight Gratulation zur Wahl! Der erste Wahlgang war knapp, nur sechs Stimmen fehlten.
    Die Begeisterung von Jon Pult kommt bei diesem Zitat nicht so ganz rüber, auf Twitter bezeichnet er Jenny als Freund.
    • MacB 09.10.2018 13:15
      Highlight Highlight Das schreckt mich eher ab, wenn Jon Pult begeistert ist.
  • Howard271 09.10.2018 09:28
    Highlight Highlight Gemäss Jenny sei „St. Moritz bekannter als Zürich und Genf“ auf der Welt. Naja...
    • Salvador Al Daliente 09.10.2018 09:32
      Highlight Highlight Jeder hat seine eigene Welt, mal kleiner mal grösser...
    • Calvin Whatison 09.10.2018 10:55
      Highlight Highlight Zürich??? 😂😂😎
  • Uf em Berg 09.10.2018 09:02
    Highlight Highlight Sigi Asprion ist parteilos und nicht FDP-Mitglied.
    Gruss aus St. Moritz
    • il grischun 09.10.2018 10:10
      Highlight Highlight danke für die Bemerkung. Asprion ist parteilos. FDP wollte ihn nicht unterstützen. am Schluss dann zaghaft etwas geholfen.

    • Uf em Berg 09.10.2018 21:45
      Highlight Highlight @ il grischun: definiere „helfen“... 😉

Tausende Schweizerinnen verloren bis 1952 ihre Bürgerrechte, weil sie Ausländer heirateten

Schweizerinnen, die einen Ausländer ehelichten, mussten bis in die 50er-Jahre ihren Pass abgeben. Das konnte existenzbedrohend sein.

Als die gebürtige Schweizerin Elsa mit ihren zwei Kindern in Italien ankam, wütete der Zweite Weltkrieg. Ausser in Elsas Heimat. Doch dorthin, zu ihrer Familie und in ihr vertrautes Umfeld, durfte sie nicht zurück. Die Schweiz hatte die junge Mutter verbannt. In ein Land, dessen Sprache sie nicht verstand, in ein Land, in dem sie niemand kannte. Nicht nur Elsas zweijährige Tochter und ihr neunjähriger Sohn waren in der Schweiz zur Welt gekommen. Auch Elsa. Ihr Schweizer Bürgerrecht verlor …

Artikel lesen
Link zum Artikel