Schweiz
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JAHRESRUECKBLICK 2013 – OBIT – Der maennliche Baer M13 streift durch das Puschlav im Kanton Graubuenden, im September 2012. (KEYSTONE/AMT FUER JAGD UND FISCHEREI GRAUBUENDEN/Livio Costa)

M13 streift durch das Puschlav (September 2012): Am 19. Februar 2013 wurde der männliche Jungbär abgeschossen. Bild: AMT FUER JAGD UND FISCHEREI GR

Die Bären abschiessen? «Sie kommen ohnehin, schliesslich machen sie nicht Halt an der Landesgrenze»

Am Donnerstag wurde im Puschlav seit mehr als einem halben Jahr wieder ein Bär in der Schweiz gesichtet. Die Anwesenheit von Meister Petz befeuert auch die Debatte um das Zusammenleben zwischen Mensch und Raubtier.



Mehr als sechs Monate hat er sich nicht mehr blicken lassen, jetzt ist er wieder hier. Am Auffahrts-Donnerstag haben zwei Privatpersonen unabhängig voneinander an verschiedenen Orten im Puschlav einen Braunbären gesichtet.

«Es handelt sich wohl um ein männliches Jungtier,» erklärt Arturo Plozza, der den Bären während einer halben Stunde beobachten konnte. Plozza ist Puschlaver Wildhüter und hat schon den einen oder anderen Bären durch Graubünden streifen gesehen. Dass es sich beim jüngsten Exemplar um M25 handelt, glaubt Plozza indes nicht. «Der jetzt aufgetauchte Bär hat helles Fell, M25 eher ein dunkles.» Zudem trug M25 ein Halsband und eine Ohrmarke – beides fehlte dem Bär im Puschlav. 

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Wo ist M25?

M25 war der letzte Bär, der sich nachweislich auf Schweizer Boden aufhielt. Im September letzten Jahres streifte er durch Graubünden, bevor er sich für den Winterschlaf auf italienisches Gebiet zurückzog. Zu Beginn dieses Jahres hiess es in Medienberichten, M25 sei wieder auf dem Weg in die Schweiz. Seit März aber fehlt jede Spur von dem Bären. Das Halsband, das mittels GPS die Position des Bären übermitteln sollte, sendet keine Signale mehr. Behörden befürchten, dass der Bär von dem mittlerweile zu engen Halsband erdrosselt worden sei. Allerdings, so Jagdinspektor Georg Brosi im Blick, könnte der Peilsender auch einfach nur defekt sein.

Noch gibt es keinen Hinweis darauf, dass der Bär, der am Donnerstag nahe La Rösa das erste Mal gesehen wurde, Schafe oder andere Nutztiere gerissen hätte. Für die Bündner Behörden besteht deshalb kein Grund, die Spur des Tiers aktiv zu verfolgen. «Wir suchen nicht gezielt nach dem Bären, sagt Georg Brosi», Jagdinspektor des Kantons Graubünden. Erst wenn man konkrete Anhaltspunkte dafür habe, dass sich der Bär Siedlungen nähere oder Tiere von Bauern gerissen habe, werde man tätig. 

Bär Puschlav

Der Puschlaver Jäger und Naturfotograf Valerio Vecellio hat den Bären am Auffahrtsdonnerstag vor die Linse bekommen.  screenshot srf/valerio vecellio

Solange der Bär nicht auffällig, oder gar zum Problem- oder Risikobären wird, bleibt er also unbehelligt und das Schicksal seiner Artgenossen M13 und JJ13 bleibt ihm erspart. M13 wurde im Februar zum Risikobär eingestuft – und damit gemäss «Konzept Bär», das den Umgang mit Bären in der Schweiz regelt, zum Abschuss freigegeben.

Dass der jetzt umher streifende Bär unbehelligt bleibt, macht nicht alle glücklich. Die Mitglieder des Vereins für Lebensräume ohne Grossraubtiere beispielsweise. Sie haben sich einen Alpenraum ohne Bär auf die Fahnen geschrieben – die starren Regeln des «Konzept Bär» sind da hinderlich. 

Otmaro Beti ist gerade am Zäunen auf seinem Maisensäss, im Hintergrund ist Kindergeschrei zu hören: «Wissen Sie», sagt Beti in einem Schweizerdeutsch mit starkem italienischen Einschlag, «wir sind nicht gegen den Bären. Aber für uns Alpenbewohner und Bergbauern ist klar: Zuerst kommt der Mensch, dann das Grossraubtier.» 

«Ich wünsche mir, dass er scheu bleibt»

Ein Miteinander von Mensch und Bär kommt für Beti und seine Mitstreiter nicht in Frage, wenn schon ein Nebeneinander, wobei da der Unterschied nicht ganz klar wird: In einem geschlossenen Park, einem Naturreservat, könnte Beti den Bär wohl akzeptieren – in der offenen Natur nicht. «Die Leute hier im Puschlav und anderswo haben Angst. Angst davor, beim Wandern oder Pilze sammeln auf einen Bären zu treffen.» Natürlich sei das nicht rational, schliesslich ist die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich einem Bären zu begegnen, äusserst gering. Aber man müsse die Ängste der Leute doch ernst nehmen, so Beti. 

«Die Menschen im Unterland nehmen die Natur anders wahr, als die Bergbevölkerung. Für die Städter funktioniert die Natur als Ausgleich. Für uns Bergbauern ist sie Lebensgrundlage.» Der uralte Konflikt zwischen Bergbewohner und Städter.

Was soll mit dem Bär geschehen, der am Donnerstag im Puschlav aufgetaucht ist? «Ich wünsche mir, dass er scheu bleibt, sich vegetarisch ernährt und sich fernab von Siedlungen und Menschen hält.» Aber das sei unrealistisch. «Der Bär ist ein Opportunist.» Und dann feuert Berti noch eine kleine Breitseite gegen die Medien: «Weniger mediale Aufregung würde natürlich auch nicht schaden.» Vielleicht – aber das sagt Beti so nicht – hätten die Menschen im Puschlav und in anderen Berggebieten dann auch weniger Angst.

«In den letzten 150 Jahren gab es in ganz Italien einen einzigen Fall, bei dem ein Mensch von einem Bären verletzt wurde.»

Gabor von Bethlenfalvy kann mit irrationalen Ängsten nicht viel anfangen. Der Mann mit dem komplizierten Namen ist Experte für Grossraubtiere beim WWF Schweiz und kämpft für die Wiederansiedlung von Grossraubtieren in der Schweiz. «In den letzten 150 Jahren gab es in ganz Italien nur einen einzigen Fall, bei dem ein Mensch von einem Bären angegriffen wurde – ein Pilzsammler, der anschliessend mit einigen Stichen genäht werden musste. Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema des Bären.» 

Die Schweizer Bergregionen kämen nicht darum herum, mit dem Bär irgendwie auszukommen. «Auch wenn wir strengere Gesetze einführen würden, mit tieferen Hürden für einen Abschuss: Einzelne Bären werden auch weiterhin einwandern, schliesslich machen sie nicht Halt an der Landesgrenze». Und in Italien, so Bethlenfalvy, sei die Haltung klar pro Bär.

«Längst nicht alle im Alpenraum sind gegen den Bär.»

Vier Esel und 30 Schafe riss M25 im vergangenen Jahr alleine in der Schweiz. In Italien kamen noch einmal 13 Esel und 45 Schafe dazu. Verständlich, dass Nutztierhalter in den betroffenen Regionen nicht in Jubelorgien ausbrechen. Die Probleme sind auf zwei Ebenen anzusiedeln: Einer sachlichen und einer emotionalen. Auf der ersten lautet die Frage: Ist ein effektiver Schutz vor Grossraubtieren überhaupt möglich? Auf der zweiten: Ist ein Umdenken bei den betroffenen Bergbewohnern realistisch?

«Der Herdenschutz funktioniert», gibt sich Bethlenfalvy überzeugt. Die Erfahrungen mit dem Bär im Trentino und dem Wolf in einzelnen Regionen in der Schweiz, zum Beispiel in der Calanda-Region, seien dafür Beweis. Und überhaupt: «Längst nicht alle im Alpenraum sind gegen den Bär.»

Revision der Jagdverordnung vs. Motion Engler

Auf politischer Ebene konkurrenzieren sich derweil zwei verschiedene Vorstösse. Einerseits ist da die vom Bundesrat initiierte Revision der Jagdverordnung, die einen leichteren Abschuss der Wölfe fordert, anderseits die Motion Engler, die ebenfalls die Bestandesregulierung der Wolfspopulation anpassen will. Auch wenn sich die Vorlagen in erster Linie auf den Wolf beziehen, zumindest Signalwirkung hätten sie auch für den Bär. Der Jagdverordnungs-Revision können Umwelt- und Tierschutzverbände nicht viel abgewinnen. Die Motion Engler scheint aber eine echte Alternative zu sein. 

Und auch für Biobauer und Bären-Gegner Beti geht die Motion Engler in die richtige Richtung. Auch wenn er damit dem in den Statuten festgeschriebenen Ziel einer Alpenwelt ohne Grossraubtiere nicht näher kommt: «Manchmal muss man Extrempositionen einnehmen, damit man am Ende beim gutschweizerischen Kompromiss angelangt», sagt Beti verschmitzt.

Glaubst du, dass Bär und Mensch in der Schweiz in nebeneinander in Frieden leben können?

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