Millionen Menschen fliehen aus dem Sudan – Das bedeutet es für Europa
Immer mehr Geflüchtete aus dem kriegsversehrten Sudan suchen Schutz in Europa. Die wichtigste Fluchtroute über das Mittelmeer führt von Ostlibyen nach Kreta, die zweitwichtigste von Westlibyen nach Süditalien. Italien registrierte 2025 bislang 3900 Ankünfte auf dem Bootsweg – im gesamten Vorjahr waren es 2150. Damit stammen am fünftmeisten Bootsflüchtlinge inzwischen aus dem Sudan, hinter Menschen aus Bangladesch, Ägypten, Eritrea und Pakistan.
Auch auf EU-Ebene zeigt sich der Trend: Stellten 2024 knapp 10'000 sudanesischen Staatsangehörigen ein Asylgesuch, waren es bis Ende Oktober dieses Jahres bereits 14'500, was weniger als vier Prozent der gesamten Asylanträge entspricht.
Die steigenden Ankünfte aus dem Sudan könnten allerdings erst der Anfang sein: Wegen des Kriegs, der mit der Eroberung der Stadt El-Fasher durch die paramilitärische Rapid Support Forces (RSF) weiter eskalierte, sind bislang über vier Millionen Menschen aus dem Sudan geflohen. Patricia Danzi, Chefin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), hat in Ägypten kürzlich mit einigen von ihnen gesprochen.
Viele sagten zu ihr: «Wir gehen sicher nicht mehr zurück – es war zu schlimm, was wir erlebt haben.» Selbst für den Fall eines Friedens fürchteten die Menschen, dass in zehn oder zwanzig Jahren erneut Krieg ausbrechen könnte. Dass die RSF diese Woche eine einseitige Waffenruhe ausrief, ändert also vorderhand wenig.
Deza-Chefin erwartet Zunahme der Asylzahlen
Danzi sagt: «Die Zahl der Sudanesinnen und Sudanesen, die sich auf den Weg nach Europa machen, wird weiter steigen». Auch das Staatssekretariat für Migration teilt mit: Zwar verfüge «die grosse Mehrheit» der aus dem Sudan geflohenen Menschen nicht über die Mittel für eine Flucht nach Europa. Doch wenn auch nur eine kleine Minderheit ihren Weg fortsetze, werde die Zahl der Asylgesuche von Sudanesen in Europa weiter wachsen.
Häufig vergehen ein oder mehrere Jahre, bis diese Europa erreichen. «Viele müssen sich unterwegs erst das Geld für die nächste Etappe verdienen. Ihr Erspartes haben sie im Sudan verloren oder auf der Flucht ausgegeben oder abgeben müssen», erklärt Danzi.
Was bedeutet das für die Schweiz? «Weil so viele Menschen aus dem Sudan unterwegs sind, wird früher oder später auch die Zahl der Asylgesuche in der Schweiz steigen, wenn es vor Ort keine Perspektive gibt und der Konflikt weiter tobt», sagt Danzi. Sie hebt darum die Wichtigkeit der Schweizer Friedensbemühungen und einer schnellen Hilfe vor Ort hervor. Der Bundesrat beantragte jüngst ein 50-Millionen-Paket für den Sudan: Am Mittwoch bewilligte die Finanzdelegation die Hälfte des dringlichen Nachtragskredits, über die andere Hälfte soll das Parlament im Dezember befinden.
Die Schweiz ist «kein primäres Zielland»
Danzi geht davon aus, dass steigende Asylzahlen hierzulande die Wahrnehmung des Sudan-Konflikts verändern könnten: «Dann betrifft uns der Krieg, der in der Öffentlichkeit oft untergeht, plötzlich alle viel direkter.»
Bislang ist in der Schweiz aber noch keine Zunahme festzustellen. 2024 entfielen 157 von 27'740 eingereichten Asylgesuchen auf Personen aus dem Sudan. In diesem Jahr ist die Zahl mit 115 Gesuchen bis Ende Oktober ebenfalls marginal.
Das Staatssekretariat für Migration schreibt: «Die Schweiz ist kein primäres Zielland für sudanesische Flüchtlinge. Es gibt im Moment keine Anzeichen dafür, dass sich dies kurzfristig ändern wird.» Zu den wichtigsten Zielländern zählen Griechenland und Frankreich. Weil sich dort bereits Angehörige und Freunde niedergelassen haben, dürften diese Staaten auch künftig eine grosse Anziehungskraft ausüben. (aargauerzeitung.ch)
