Schweiz
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Lukas Linder Autor

Linder denkt in seiner Basler Wohnung, wo die Tapeten lampen. bild: watson 

Autor Linder: «Mit meinem Buch kann man nirgendwo mitreden oder an Partys auftrumpfen»

Eigentlich hat die Schweiz ihn ja schon seit 34 Jahren, aber bisher hat Lukas Linder ausschliesslich fürs Theater geschrieben. Nun endlich ist sein Erstlingsroman erschienen – ein Anlass für uns, ihm 37 höchst existentielle Fragen zu stellen.

20.09.18, 13:22 21.09.18, 06:36


Die NZZ hat ihn einen «aufstrebenden Erzähler» genannt, ich nenne ihn ein Phänomen. Das wage ich zu sagen, weil ich Lukas Linder kenne. Nur, dass ihr gleich Bescheid wisst und hinterher nicht klagt, ich hätte hier schamlos Schleichwerbung für einen guten Freund betrieben. 

Überdies hat Reich-Ranicki einmal gesagt: «Es gibt Menschen, die auf eine hinreissende Weise Blödes von sich geben.» 

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er damit Linder gemeint hat. Jedenfalls ist Reich-Ranicki tot, genauso wie Markus Werner, was bedauerlich ist, denn während der eine der unterhaltsamste Literaturkritiker aller Zeiten war, erschuf der andere in Schaffhausen wundervoll tragikomische Romanfiguren. 

Linder wiederum ist beinahe Werners Kantonsgenosse, ein Grenzkind, zwischen Zürich und Schaffhausen in Uhwiesen geboren – zum wilden Tosen des Rheinfalls. Und auch seine Figuren haben es nicht leicht. Aber sie nehmen ihr Scheitern wenigstens gleich selbst vorweg. 

Ebenso hat Linder – wie auch Werner einst – auffallend schönes, volles Haar. Von weitem sieht es ein bisschen so aus wie die Plastik-Matten, die Lego-Männchen auf ihren kleinen gelben Köpfen tragen, so fest und undurchdringlich scheint Linders Schopf.

Nur hat sich inzwischen auch ein wenig grau daruntergemischt, was ihm zusätzlich – und ganz im Gegensatz zu den Lego-Männchen – einen erheblich intellektuellen Touch verleiht. 

Linder beim allmorgendlichen kritischen Zeitunglesen – in seinen polnischen Pantoffeln, die er von seiner polnischen Frau bekommen hat. bild: watson

Ich habe schon einige Male gesehen, dass die Sprache einfach so aus Lukas Linder herausgeflossen ist. Dann sitzt er vor seinem Laptop, während sie zügig durch seine langen, dünnen Finger rinnt und irgendwo in den tanzenden Spitzen zu Sätzen wird, von denen du weisst, die kriegst du einzig auf diesem angeschmutzten Bildschirm zu lesen. 

Das klingt dann so:

«Ich stamme aus einer alten und sehr reichen Berner Familie. Uns gab es schon im vierzehnten Jahrhundert. Und das sieht man uns auch an. Wie die Wurzeln uralter Bäume sind unsere Gesichter in sich selbst verknorzt. Kein besonders schöner Anblick. Unsere Physiognomie hat sich zu lange am Wetzstein der Neutralität zerrieben, sodass heute kaum noch etwas von dem ursprünglichen triumphalen Ausdruck vorhanden ist. Erst vor dem Hintergrund ihrer langatmigen Vergangenheit fangen unsere Gesichter zu leuchten an. Und dann erkennt man: Das sind Gesichter, die gerahmt ins Museum gehören, nicht aber in die freie Wildbahn des einundzwanzigsten Jahrhunderts.»
Der Anfang von «Der letzte meiner Art»

Autor und Roman

Lukas Linder ist 1984 in Uhwiesen im Kanton Zürich geboren und studierte, als er alt genug war, Germanistik und Philosophie in Basel. Dort hat ihn die Autorin dieses Artikels auch kennengelernt und aus nächster Nähe beobachtet, wie aus ihm ein brillanter Dramatiker wurde und wie er als solcher einen Preis nach dem anderen absahnte. Nun warten wir darauf, dass er auch ein paar für seinen Erstlingsroman erhält, den ich euch allerwärmstens ans Herz legen will.

«Der Letzte meiner Art» erzählt die tragikomische Geschichte Alfred von Ärmels, des jüngsten Sprosses einer ebenso reichen wie verwirrten Familie, der sich aufmacht, der Held seines Lebens zu werden, um auf der ganzen Linie zu scheitern.
Erschienen ist Linders Roman beim Zürcher Verlag Kein & Aber, erhältlich ist das Buch aktuell als Hardcover oder als eBook.

bild: watson, kein & aber

Reden tut hier Albert von Ärmel, der jüngste Spross der oben genannten reichen Berner Familie. Er will unbedingt ein Held sein und nicht irgendein blässlicher Nebendarsteller in der Chronik seiner Sippe. Er will herausragen wie sein historischer Namensvetter, der Schlächter von Marignano. Seit fünfhundert Jahren ist dieser unter der Erde, doch die Leute sprechen immer noch von ihm.

Er war ein Held, er hatte vierzig Franzosen niedergemäht.

Albert aber kennt nur ein einziges windiges Franzosen-Männchen und das will er nicht unbedingt niedermähen. Und so beginnt er sich zu fragen, mit welch hochkarätiger Tat er wohl seine Heldenkarriere starten könnte. 

So. Nun aber genug verraten. Lassen wir doch lieber den Autor selbst zu Wort kommen. Lukas Linder, sag ...

... warum sollte man dein Buch lesen?
Weil es endlich mal kein Buch zur Debatte ist. Zu gar keiner. Mit diesem Buch kann man nirgendwo mitreden oder an Partys auftrumpfen. Nein. Wer dieses Buch liest, isoliert sich total und findet sich wieder im Angesicht einer tiefen, rabenschwarzen Leere. Ab dem 6. Lesealter geeignet.

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Uhwiesen. Cool?
Es ist wie eine einsame Insel. Aber mit der Metzgerei Niedermann in Fussnähe.

Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?
Einen Grill.

Auch einfach mal im Stehen lesen. bild: watson

Was ist für dich die schlimmste Vorstellung?
Dass alles genauso ist, wie ich denke.

Wer ist dein Lieblingsautor?
Isaak Babel, Emmanuel Bove, Max Blecher (Hauptsache, sie fangen mit B an).

Irgendein bestimmendes Lebensgefühl?
Hochgezüchtete Panik. Und ein leichtes Hungergefühl.

Quallen. Bist du grundsätzlich dafür?
Wenn andere in sie hineintreten, ist das ein Anblick, der den seichtesten Tag am Meer zu einem Fest auf Erden machen kann.

Wo liegt der Ruhm?
Irgendwo zwischen Gölä und Gabo.

Was wird einmal auf deinem Grabstein stehen?
Wir vermissen dich (Deine Unterhosen).

Linder ist nicht nur ein wundervoller Poet, sondern auch ein Zeichnungswunder, wie unschwer an seinem Werk «Probeliegen für die Gruft» (2018) zu erkennen ist. Die Ähnlichkeit zum Genius eines Hohlbeins in «Der Leichnam Christi im Grabe» ist frappant. bild: linder

Warum hast du so schönes Haar?
Perwoll.

Worüber schreibst du am liebsten?
Über Hochstapler und Träumer. Über solche Figuren, die es vorziehen, ein verdorbenes Gericht bis zum Ende aufzuessen und sich noch die Finger abzulecken, als dem Gastgeber ihre Bedenken mitzuteilen.

Als was möchtest du gern wiedergeboren werden?
Als Prisma.

Welches ist der schönste Satz, den du je geschrieben hast?
Ilsebill massierte ihren Masseter.

Lukas Linder Autor

Linder kann sogar bei schlechten Lichtverhältnissen lesen. bild: watson

Was hältst du von Papst Franziskus?
Ich finde, Weiss ist nicht seine Farbe.

Schultern. Wo ist die Grenze?
Bei den Bremer Stadtmusikanten.

Lesungen von «Der letzte meiner Art» mit Lukas Linder

Do, 25. 10. Buchhandlung Bellini, Stäfa («Zürich liest»), 20 Uhr
Fr, 26. 10. Theater Winkelwiese, Zürich, im Anschluss an die Vorstellung des Theaterstücks «Der Präparator», das ebenfalls Linder geschrieben hat, 20 Uhr
So, 25. 11. Sofalesung, Zürich
Do, 29. 11. Fass-Bühne, Schaffhausen («Schaffhauser Buchwoche»), 18 Uhr
So, 20. 01. Sofalesung, Basel

Was für eine Rolle spielt Scham für dich?
Sie ist das Schweissband meiner Träume.

Was könnte man an der Welt verbessern?
Ich finde, sie könnte runder sein.

Wer ist dein Idol?
Meine Freunde.

Wer ist dein Anti-Idol?
Der Erfinder der Gorgonzola-Sauce.

Würste – ja oder nein?
Kalbsbratwurst vom Niedermann.

Shakira oder Beyoncé?
Kalbsbratwurst vom Niedermann.

Welcher Song beschreibt deinen Arbeitsethos?
«Aux Champs-Elysées».

Welche Erfahrung hat dich geprägt?
Meine Geburt. Eine Schulreise auf den Napf.

Wie viel Zwieback ist zu viel?
Bereits das erste Stück.

Was steht immer in deinem Kühlschrank?
Kartoffelsalat (schon seit vier Jahren).

«Selbstbildnis mit Luzerner Rahmkäse», Lukas Linder, 2018. bild: linder

Wer geht dir so richtig auf den Sack?
Krämerseelen. Leute, die stets wissen, was das Richtige ist. Heilsbringer.

Dein grösstes Versäumnis?
Muskelmasse.

Was, wenn Adam und Eva nicht vom Baum der Erkenntnis genascht hätten?
Wären sie verhungert.

Was steht in deinem letzten SMS?
Fortan nur noch per Fax erreichbar.

Von welcher schlechten Eigenschaft bist du völlig frei?
Schadenfreude.

Was ist denn deine beste Eigenschaft?
Finanzielle Durchlässigkeit.

Lukas Linder Autor

Das Los des armen Poeten: keine Birnen weit und breit. Also habt Erbarmen, kauft Linders Roman! bild: watson

Was macht dich traurig?
Die Trauer der anderen.

Wenn du ein ausgestorbenes Tier wieder zurückholen könnntest, welches wäre das?
Gar keines. Weg ist weg, ist meine Devise.

Welchen Kanton sollte man abschaffen?
Den Kanton Fremdenfeindlichkeit.

Welchen Zaubertrick würdest du gern können?
Ich würde sehr gerne das Meer teilen können.

Welches Buch gehört verbrannt?
Waldemar Rogg: «Der Broccoli in meinem Bett».

Beende den Satz: Der Mensch ist grundsätzlich ...
... ungeeignet für die Welt.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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9
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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 21.09.2018 21:56
    Highlight Danke für den Tipp!
    Mir ist spontan Gion Mathias Cavelty
    in den Sinn gekommen.
    5 0 Melden
  • peter.achten@usa.net 21.09.2018 15:24
    Highlight Super! Sowohl Linder als auch Artikel und Interview. Kulturjournalismus vom Feinsten.
    5 0 Melden
  • rundumeli 20.09.2018 22:09
    Highlight grandioser einstieg und kecke fragen ... so ein bisschen wie YB gescht ... doch dann stolpert der gute leider über seine eigenen pointen ... just relax, linder ;-)
    4 4 Melden
  • Ataraksia Eudaimonia 20.09.2018 19:01
    Highlight Es braucht eindeutig mehr von dieser Art Menschen in den Medien, von denen die 'anti-materiell' Leben wahrnehmen, erfassen. Um etwas Gleichgewicht in von Quantität besessene Lebensart zu bringen.
    Bin bestimmt an einer der Lesungen dabei...gespannt darauf wie authentisch kann man heute noch schreiben. Buchstaben, Worte, Gedanken...bereits millionenfach kombiniert 🙃
    5 4 Melden
  • Hempamp 20.09.2018 16:25
    Highlight Grandios!!
    7 5 Melden
  • Elderwand 20.09.2018 14:38
    Highlight Haha, dieser Herr Linder scheint mir sehr sympathisch. Bin mal gespannt auf das Buch.
    24 6 Melden
  • DichterLenz 20.09.2018 13:52
    Highlight Sogar angekleidet in der Badewanne kann er lesen!

    Köstlich, bitte mehr davon!
    29 6 Melden
    • WolfCayne 20.09.2018 16:56
      Highlight Kann er denn auch Schreiben? 😅 Der Artikel jedenfalls ist sehr unterhaltsam, danke für den Tipp!
      11 3 Melden
    • DichterLenz 20.09.2018 17:25
      Highlight @WolfCayne: keine Ahnung, noch nie von dem gelesen geschweige denn gehört.
      4 1 Melden

Who runs the world? 148 Frauen, die ihr euch zum Vorbild nehmen könnt 

Wir haben einen Kanon gemacht. Das ist dieses Ding, in dem normalerweise steht, welche männlichen Künstler, Wissenschaftler, Denker für die Welt notwendig sind. Aber nicht bei uns. #DIEKANON

In Zusammenarbeit mit: Jelena Gučanin, Nana Karlstetter, Mahret Kupka, Julia Pühringer, Theresia Reinhold, Hedwig Richter, Nicole Schöndorfer, Margarete Stokowski und Brigitte Theissl.

Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten.

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