Schweiz
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one love phyllis

Unter Beobachtung der italienischen Polizei müssen freiwillige Flüchtlings-Helfer in Como ihre Zelte wieder abbauen.  Bild: zvg

«Offenbar war unsere Hilfe nicht erwünscht»– Zürcher Aktivistin zur Polizei-Aktion in Como

Aktivisten aus Zürich und Bern würden die freiwillige Arbeit der italienischen Helfer in Como stören, Unruhe stiften und die Flüchtlinge zum Hungerstreik auffordern, schreibt der «Blick» am Dienstag. Die Zürcher Studentin Phyllis Bussinger kontert die «Chaoten»-Vorwürfe. 

07.09.16, 15:14 13.03.17, 12:56


«Der Aktivisten-Ärger im Camp von Como», titelte der «Blick» am Dienstag auf der Frontseite. 15 Berner und Zürcher Aktivisten seien am Samstag angereist, um die ehrenamtliche Arbeit von italienischen Helfern zu stören, Unruhe zu stiften und die Flüchtlinge zum Hungerstreik aufzufordern. Ganz anders sehen es die freiwilligen Helfer aus der Schweiz. Sie waren zu fünft mit der Organisation One Love angereist, um Hilfe anzubieten. Die 24-jährige Studentin Phyllis Bussinger war dabei und nimmt Stellung. 

Phyllis Bussinger, der «Blick» schreibt, Sie hätten Flüchtlinge zum Hungerstreik aufgefordert. Was ist an diesem Vorwurf dran? 
Das stimmt nicht, wir haben niemanden zum Hungerstreik aufgefordert. Wir sind nach Como gefahren, um den gestrandeten Flüchtlingen dort unsere Hilfe anzubieten, nicht, um Streiks anzuzetteln. Gemäss unseren Informationen war die Essensversorgung im Park in Como nicht hinreichend gewährleistet. Wir haben Spenden, eine mobile Küche, Kleider, Schuhe, Zelte, Decken, Rucksäcke, Schlafmatten und Hygiene-Artikel mitgebracht. Offenbar war unsere Hilfe aber nicht von allen Akteuren, die in Como tätig sind, erwünscht. 

Was ist passiert, als Sie in Como angekommen sind? 
Wir sind mit unserem Küchenequipment in den Park gefahren und wollten beginnen, zu kochen. Kurz darauf kamen italienische Polizisten auf uns zu und verboten uns das Kochen mit Gasflaschen – aus Sicherheitsgründen. Wir unterbrachen die Arbeit. Am Abend erklärten uns dann italienische Helfer, dass wir hier nicht gebraucht würden, weil die Caritas das Mittagessen und sie das Abendessen bereitstellen würden.

Warum wollten Sie dann trotzdem kochen?
Weil die Flüchtlinge uns im Gegensatz dazu erklärten, dass sie sehr gerne bei uns essen würden. Einerseits, weil sie nicht von den anwesenden Hilfsorganisationen abhängig sein wollen, und andererseits, weil sie gerne beim Kochen vor Ort mithelfen, was sie bei uns können. Über die Idee des gemeinsamen Kochens haben die Flüchtlinge abgestimmt. 

Ist ein Container-Camp nicht besser als im Park zu schlafen?
Ja, bloss befürchten die Flüchtlinge, dass sie im neuen Camp zur Registrierung und damit zum Asylantrag in Italien gezwungen werden. Jene, die noch nicht registriert wurden und lieber in einem anderen Land Asyl beantragen wollen, wo sie beispielsweise Verwandte haben, wollen deswegen lieber im Park bleiben und da essen. Also haben wir unsere Kochaktivitäten wieder aufgenommen. 

Und dann schritt die Polizei ein? 
Ja, sie hatten uns inzwischen jegliche Kochaktivitäten verboten.
Warum genau wir den dort lebenden Menschen kein Essen zur Verfügung stellen dürfen, wissen wir bis heute nicht. Wir haben aber unter der Beobachtung eines Grossaufgebots der Polizei unser Equipment wieder abgebaut. Nicht wir haben Chaos gestiftet, die Situation in Como ist sehr chaotisch. 

Warum? 
Weil verschiedene Hilfsorganisationen am Werk sind, die Regierung offiziell gar nicht hilft, aber doch mit einigen Organisationen zusammenarbeitet und die Verantwortlichkeiten nicht geklärt sind.

«Ja, wir möchten weiter versuchen zu helfen.»

Wollen Sie wieder nach Como reisen? 
Ja, wir möchten weiter versuchen zu helfen, um mit den Flüchtlingen zusammen eine neutrale Lebensmittelbeschaffung sicherzustellen. Denn das ist es, was sie brauchen: Hilfe, die an keinerlei Bedingungen geknüpft ist. 

Aber Como ist doch ein Problem von Italien, nicht der Schweiz. 
Como kann nicht als isoliertes Problem betrachtet werden. Die Flüchtlingskrise hat schon lange ein Ausmass erreicht, das europaweit angepackt werden muss. Die steigende Flüchtlingszahl in Como lässt darauf schliessen, dass die Schweiz vor kurzem ihre Grenzen geschlossen hat. Das Dublin-Abkommen funktioniert aber geopolitisch gesehen nicht. Es kann nicht sein, dass Italien und Griechenland alle Flüchtlinge aufnehmen, während die anderen Länder ihre Grenzen und damit ihre Augen schliessen.

Und warum haben Sie das Gefühl, in Como helfen zu müssen? 
Ich bin nach Como gereist, um zu zeigen, dass nicht alle Schweizer ihre Augen verschliessen. Diese Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, tausende Kilometer gereist sind und ihr Leben mehr, als wir uns vorstellen können, aufs Spiel gesetzt haben, sind meiner Meinung nach berechtigt, ein gerechtes Aufnahmeverfahren zu bekommen. Viele von ihnen können nicht für sich selbst sprechen und werden deshalb diskussionslos abgeschoben. Durch unsere Menschlichkeit und Hilfeleistung ist es möglich, dieser Ungerechtigkeit entgegenzuwirken.

Hunderte Flüchtlinge stranden am Bahnhof von Como 

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • unky 08.09.2016 08:59
    Highlight Linksradikale Aktivisten, welche die Flüchtenden für ihre eigenen Interessen missbrauchen (zu beobachten u.a. in Italien, Griechenland), sind genau so wie ihre rechten Kontrahenten ein absolutes No-Go! Auf Kosten menschlichen Elends Politik zu betreiben ist schlicht verabscheuungswürdig.
    64 9 Melden
  • Stephan Locher 08.09.2016 00:38
    Highlight Danke für das Interessante Interview.

    In Artikeln und in den Kommentaren kommen immer wieder Vorwürfe auf wie z. B. die Migranten hätten Rechte gemäss internationalen Konventionen/Dublin welche nicht eingehalten würden. Ist dem so?

    Und weshalb lässt man nicht die Flüchtenden auf dem Formular wählen in welchem Land Sie Asyl beantragen möchten? Mit Option "mir egal, Hauptsache weg aus dem unwürdigen Camp"?
    Welche Dublin Paragraphen müsste man ändern um diesen (bürokratischen) Teil des Problems aus dem Weg zu schaffen und sich um das wirklich wichtige, die Nothilfe, zu kümmern?
    9 36 Melden
    • Hoppla! 08.09.2016 10:31
      Highlight Nur, dass dies kein bürokratisches Problem ist. Und eine Wunschdestination ist auch keine Nothilfe.

      Theoretisch hat man sich entschieden das Asylwesen zusammen zu lösen. Insofern muss eine gerechte Verteilung unter den Teilnehmern her. Wenn dem Wunsch des Asylantragssteller gerecht werden kann; super! Aber das kann nicht das primäre Ziel des Prozesses sein.

      Das es im Praktischen so momentan nicht funktioniert ist auch klar. Und, dass man dies endlich auf die Reihe kriegen muss umso mehr.
      8 1 Melden
    • Stephan Locher 08.09.2016 13:33
      Highlight Klar kann dem Wunsch nicht immer entsprochen werden,doch die Fälle mit Ziel Schweiz wo das zugesichert Kontingent ja noch lange nicht ausgeschöpft ist könnten so schneller behandelt werden.

      Und somit würde aus den Fällen dann wieder Menschen welche Ihren Teil zur Gesellschaft beitragen können.
      0 8 Melden
  • kledi 07.09.2016 19:27
    Highlight Eigentlich kommentiere ich hier nicht aber dazu muss ich schon was loswerden den das geht gar nicht! Ich selbst wohne in Lugano und helfe auch abundzu in Como mit. Die sogennanten Aktivisten kamen ohne zu fragen, machten ihr Ding ohne sich mit den anderen die täglich etliche Stunde verbringen, mit der Stadt und co verhandeln und den ganzen Park auf trab halten und sich um die Flüchtlinge kümmern. Sie sagen den anderen sie sollen alle Suppenküche boykottieren und hetzten leute gegeneinander auf! Auch in Italien gibt es Regeln. Am schluss sind sie denn gegangen haben das Zeugs stehen lassen..
    114 4 Melden
  • thzw 07.09.2016 17:57
    Highlight Scheint momentan allem voran der eigenen Seele gut zu tun, als "Aktivist*in" oder "Helfer*in" nach Como kochen zu gehn.
    128 21 Melden
  • Grundi72 07.09.2016 17:30
    Highlight Ich dreh durch...! Das sind keine Flüchtlinge, das sind Touristen!

    "...Ja, bloss befürchten die Flüchtlinge, dass sie im neuen Camp zur Registrierung und damit zum Asylantrag in Italien gezwungen werden. Jene, die noch nicht registriert wurden und lieber in einem anderen Land Asyl beantragen wollen, wo sie beispielsweise Verwandte haben, wollen deswegen lieber im Park bleiben und da
    essen.."
    120 50 Melden
    • Nevermind 07.09.2016 18:03
      Highlight Die Familienzusammenführung erfolgt meines Wissens erst nach beendetem Asylverfahren und gilt nur für Ehepartner und deren Kinder.
      Die Beweislast liegt bei antragsstellenden.

      Und jetzt mal kurz überlegen was das wohl bedeuten könnte.
      12 37 Melden
  • 321polorex123 07.09.2016 17:27
    Highlight "Jene, die noch nicht registriert wurden und lieber in einem anderen Land Asyl beantragen wollen, wo sie beispielsweise Verwandte haben, wollen deswegen lieber im Park bleiben und da essen."
    Das erinnert mich irgendwie an die Rekrutierung: "Das hier ist kein Wunschkonzert!"
    So leid es mit tut, sie können nicht einfach mal dahingehen wo es ihnen passt. Klar ist er vorteilhaft wenn sie bei (am besten schon integrierten) Verwandten untergebracht werden können. Jedoch ist das Dublinabkommen in dieser Hinsicht recht deutlich.
    111 22 Melden
    • Schlafwandler 07.09.2016 21:11
      Highlight Dublin ist in dieser Hinsicht sowohl deutlich als auch dämlich. Warum? Weil der Verteilungsschlüssel nicht eingehalten wird obwohl Dublin auch in dieser Hinsicht recht deutlich wäre aber das ist halt der Teil des Päckli, der so blöd nach Kosten müffelt die man nicht nach Italien oder Griechenland abwälzen kann.
      Dabei wäre es doch für alle beteiligten das Beste, wenn man diejenigen die Verwandte in Europa haben und gerne in die Nähe würden (was nicht heisst, dass sie nicht verfolgt werden, btw) möglichst schnell dorthin leiten könnte.
      Aber was weiss ich schon ich bin ja nur ein Linker Träumer.
      18 17 Melden
  • m:k: 07.09.2016 17:02
    Highlight Ich würde mich politisch als Links bezeichnen. Aber mit was für einer Naivität viele linke Aktivisten an die Thematik rangehen, ist schon erstaunlich. Die Vorschläge von rechts sind meist auch nicht zu gebrauchen. Heute sieht es für mich wirklich so aus, als ob keiner der Beteiligten an der Debatte auch wirklich einen Plan oder eine gute Idee die über Polemik oder Träumerei hinaus geht, hat.
    136 5 Melden
  • Shabina 07.09.2016 16:45
    Highlight Ach so ist das! Die Flüchtlinge WOLLEN gar nicht in die Camps die zur Verfügung stehen! Sie WOLLEN gar nicht registriert werden!
    Das ist doch genau das Problem. Anstatt froh darüber zu sein, nicht mehr an Leib und Leben verfolgt zu werden stellt man Ansprüche!

    Ist den Flüchtlingen Italien nicht gut genug?

    Es ist ja wichtiger, in sein Wunsch-Land zu kommen, zu Verwandten, als ein Dach über dem Kopf, gesicherte Verpflegung usw. Dies ist doch auch über ein Asylgesuch in Italien möglich, oder?

    Sorry, aber das finde ich eine Frechheit. Jeder wirklich Verfolgte wäre froh um ein IKRK-Camp! Punkt
    119 31 Melden
    • Nevermind 07.09.2016 18:06
      Highlight Nein du kommst nicht zu Verwandten wenn du erst mal im asylprozess steckst.
      11 39 Melden
    • Big ol'joe 07.09.2016 21:11
      Highlight So wie es aussieht sind sie tatsächlich lieber draussen dem Wetter überlassen.
      Ob richtige Flüchtlinge oder nicht ist eigentlich völlig egal... Interessant ist doch das sie effektiv lieber im Dreck schlafen als im Zelt, damit sie ihre Familien sehen... Ich weiss nicht... Schau dir Bilder deiner Frau/Mann, Mutter, Kinder, Freunde an, dann lies das nochmal... Und dann mach einen Spatiergang in ein anderes Dorf und denke, dass du nie mehr nach Hause kommen könntest. Lass es auf dich wirken.... Und wenn du dann immer noch nichts fühlst, dann... Tja... Pech für dich
      14 42 Melden
    • Shabina 08.09.2016 09:07
      Highlight @Nevermind
      habs gerade gegoogelt und siehe da, Familienzusammenführungen können beantragt werden!
      Nur gilt die nähere Familie (Ehegatten/Kinder/Eltern) als Grund. Onkel/Tanten usw sind ausgenommen. Die Länder prüfen allerdings ob wirklich eine Verwandtschaft besteht, evtl schreckt ja das gewisse Flüchtlinge ab...
      19 1 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • wipix 07.09.2016 16:35
    Highlight Meines Wissens heisst die Registrierung in Italien nicht automatisch, dass die Flüchtlinge nicht weiterreisen können. sie würden nach einem Schlüssel auf die EU Länder verteilt. Dies scheint aber noch Probleme zu machen...
    Das nicht jeder wünschen kann wohin er reisen will sollte wohl klar sein. Italien hat eine grosse Aufgabe, die sie zu meistern versucht und bessert ständig nach. Dies geht natürlich nicht ohne "Nebengeräusche" ab...
    99 9 Melden
  • pamayer 07.09.2016 16:29
    Highlight Wenn bedingungslose Hilfestellung verboten wird, müssen grössere Interessen im Hintergrund stehen.

    Was, wenn man Flüchtlinge einfach als solche betrachten würde und ihnen gibt, was ihnen zusteht - oder dann sämtliche Konventionen kündet und dazu steht: 'hier nix du!' ??
    21 95 Melden
    • 足利 義明 Oyumi Kubo 07.09.2016 19:30
      Highlight @pamayer: wenn es denn "flüchtlinge" wären...
      30 12 Melden
  • NWO Schwanzus Longus 07.09.2016 15:50
    Highlight Eigentlich müsste die Polizei die Migranten zwangseincampen denn es wäre die Pflicht des Staates diese zu registrieren. Es gibt kein recht illegal weiter zureissen. Dann abzuklären ob sie Asyl bekommen können. Sicher kommen viele aus Kriegsgebieten. Aber auch kommen viele aus Sicheren Ländern und die haben kein anrecht auf Asyl. Die muss man zurückschicken. So ist nunmal das Recht.
    127 38 Melden
  • Fumo 07.09.2016 15:30
    Highlight Ich hätte noch gefragt: "Was denkst du, gibt dir das Recht, in ein anderes Land zu gehen, sich den Polizeiliche Anweisungen zu widersetzen und dann auch noch gegen diese Regierung herzuziehen und Gerüchte verbreiten?"
    "Warum glaubst du, dass das andere Land kein Recht hat zu entscheiden ob du da helfen kannst oder nicht?"
    "Kannst du dir, auch nur im entferntesten, vorstellen dass manche vorgeben könnten helfen zu wollen und dabei Gift im Essen verbreiten?"
    "Und das die örtlichen Behörden deswegen keine privaten Köche zulassen?"
    148 26 Melden
    • Imfall 07.09.2016 17:59
      Highlight @ stipps made my day!!!
      34 6 Melden

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