Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Wie grausam die Tat auch ist, der Beschuldigte verdient einen fairen Prozess»

Matthias Fricker vertrat im Fall Lucie Trezzini den Mörder des Au-Pair-Mädchens als Pflichtverteidiger und weiss, welche Aufgaben auf die Anwältin des Rupperswiler Täters Thomas N. zukommen.

Fabian Hägler / Nordwestschweiz



Matthias Fricker kennt die Situation, in der sich die Anwältin des Mörders von Rupperswil befindet, aus eigener Erfahrung. Er vertrat im Jahr 2012 den Mörder des Au-Pair-Mädchens Lucie Trezzini als Pflichtverteidiger.

Matthias Fricker, Pflichtverteidiger. (Bild: az medien)

Matthias Fricker: «Der Klient soll wissen, was man von seiner Tat hält.»
Bild: az

Matthias Fricker, hätten Sie die Verteidigung von Thomas N. im Fall Rupperswil auch übernommen? 
Matthias Fricker: Es ist schwierig, diese Frage zu beantworten, da sie sich nicht konkret gestellt hat. Ich kann nur so viel sagen: Unser Rechtsstaat liegt mir am Herzen und ich bin überzeugt, dass jeder Beschuldigte, welch schreckliche Tat er auch begangen hat, Anspruch auf einen fairen Prozess hat.

Wie muss man sich ein Gespräch mit einem solchen Täter vorstellen – kann man als Anwalt die menschliche Reaktion auf eine solche Tat ausblenden, wenn man einen Beschuldigten verteidigen muss?
Nein, das kann und muss man nicht. Es wäre falsch, wenn man dem Klienten den Eindruck vermitteln würde, man könne seine Tat nachvollziehen oder verstehen. Der Klient soll wissen, was man von seiner Tat hält. Trotzdem sollte man dem Klienten mit Respekt begegnen. Man erklärt ihm, wie das Strafverfahren abläuft und was ihn nun erwartet. Schliesslich erarbeitet man eine Verteidigungsstrategie, wobei der Spielraum im vorliegenden Fall nicht allzu gross sein dürfte.

Nach der Verhaftung im Vierfachmord Rupperswil: 160 Eltern von Fussball-Junioren treffen sich in Sarmenstorf

Jahrelang trainierte der verhaftete Mörder talentierte Fussballjunioren im Seetal. Bei seiner Tat soll er sich auch an dem 13-jährigen Davin Schauer vergangen haben. Eltern und Junioren haben sich am Montag in Sarmenstorf getroffen und ausgetauscht. Video: kaltura.com

Thomas N. hat ein Geständnis abgelegt, die Tat wird in der Öffentlichkeit als bestialisch und sadistisch bezeichnet – wie wirkt sich das auf die Arbeit des Anwalts aus?
Auf die Arbeit des Verteidigers sollte sich die Berichterstattung nicht auswirken. Dies ist in einem Fall wie dem vorliegenden nicht einfach. Trotzdem muss man immer versuchen, sich im Gespräch mit dem Beschuldigten ein eigenes Bild zu machen.

Wie sehen die Aufgaben des Pflichtverteidigers aus – müsste dieser zum Beispiel einen Antrag stellen, dass Thomas N. aus der Untersuchungshaft entlassen wird, wenn der Täter das will?
Die Aufgaben des amtlichen Verteidigers unterscheiden sich nicht von jenen eines freigewählten Verteidigers. Beide haben die Interessen ihres Klienten bestmöglich zu wahren. Dies bedeutet aber nicht, dass der Verteidiger alles unternehmen muss, was der Klient von ihm verlangt. Verteidigungshandlungen müssen Sinn machen und zusammen mit dem Klienten erarbeiteten und besprochenen Verteidigungsstrategie übereinstimmen. Im vorliegenden Fall wäre ein Haftentlassungsgesuch aussichtslos.

Wozu ist der Anwalt in einem solchen Fall denn verpflichtet?
Der Verteidiger ist nicht dazu verpflichtet, aussichtslose Verfahrenshandlungen vorzunehmen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Verteidigers ist, dafür zu sorgen, dass der Beschuldigte einen fairen Prozess bekommt. Egal, wie grausam und verwerflich eine Tat auch ist, die Vorschriften der Strafprozessordnung sind einzuhalten.

In solchen Fällen dürfte es schwierig sein, einen Anwalt zu finden, der den Täter verteidigen will. Wie wählt die Staatsanwaltschaft den Pflichtverteidiger aus?
Es ist mir kein Fall bekannt, in welchem sich letztlich kein Verteidiger finden liess. Es gibt eine Pikettliste des Aargauischen Anwaltsverbandes. In der Regel – aber nicht immer – werden amtliche Verteidigungen anhand dieser Liste vergeben.

Muss man als Anwalt jeden Fall übernehmen, zu dem man als Pflichtverteidiger eingeteilt wird, oder kann man auch ablehnen?
Grundsätzlich könnte man gezwungen werden, ein Mandat zu übernehmen. Mir ist aber kein Fall bekannt, in dem dies tatsächlich geschehen ist. Ist ein Anwalt nicht bereit, ein Mandat anzunehmen, so wird dies respektiert.

Die Staatsanwaltschaft will im Fall Rupperswil ein Gutachten über den Täter in Auftrag geben. Ist seine Pflichtverteidigerin bei den Gesprächen mit dem Gerichtspsychiater dabei?
Obwohl der Beschuldigte und sein Verteidiger gemäss Strafprozessordnung für Beweiserhebungen ein Teilnahmerecht haben, geht die herrschende Lehre davon aus, dass der Verteidiger bei der Exploration (Befragung durch den Gutachter, die Redaktion) nicht dabei sein kann. Dies wird damit begründet, dabei handle es sich nicht um eine Beweiserhebung, sondern um die Vorbereitung der Erstellung eines Beweises. Diese Begründung erscheint mir ziemlich abenteuerlich, wenn man bedenkt, welche Bedeutung psychiatrischen Gutachten oft zukommt.

146 Tage Angst: Die Chronologie des Vierfachmords von Rupperswil

Dass ein Gutachten erstellt wird, weist darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Verwahrung beantragen könnte.
Das sich die Frage nach einer lebenslänglichen Verwahrung stellt, scheint mir mit heutigem Wissensstand klar. Die gesamten Umstände der Tat lassen vermuten, dass der Täter an einer gravierenden Persönlichkeitsstörung leidet. Dazu kommt die sexuelle Komponente der Tat. Es wird sich die Frage der Therapierbarkeit des Beschuldigten stellen. Je nachdem zu welchem Schluss die Gutachter diesbezüglich gelangen, stehen eine stationäre therapeutische Massnahme zur Behandlung von psychischen Störungen (kleine Verwahrung), eine ordentliche Verwahrung oder eine lebenslängliche Verwahrung im Vordergrund.

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass der Mörder lebenslänglich verwahrt wird?
Diese Frage kann ich ohne Vorliegen eines forensisch-psychiatrischen Gutachtens nicht seriös beantworten. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang aber der Hinweis, dass der einzige Unterschied zwischen der ordentlichen und der lebenslänglichen Verwahrung darin besteht, dass die ordentliche Verwahrung regelmässig überprüft werden kann. Sofern sich die Prognose zur Gefährlichkeit der betroffenen Person nicht wesentlich verbessert, kann auch ein ordentlich verwahrter Straftäter bis an sein Lebensende eingesperrt bleiben.

Strafrechtsprofessor Martin Killias sagte, es sei nicht sicher, ob der Mörder eine lebenslängliche Haftstrafe erhalte – was sind denn entlastende Elemente?
Fehlende Vorstrafen sind gemäss dem Bundesgericht nicht mehr strafmindernd zu berücksichtigen, weil ein deliktfreies Leben vorausgesetzt werden darf. Strafmindernd könnte sich allenfalls eine verminderte Zurechnungsfähigkeit oder ein besonders tragisches Vorleben auswirken. Im Gegenzug ist zu beachten, dass sich beispielsweise die Tatmehrheit (mehrere Taten, die gleichzeitig vor Gericht beurteilt werden, im konkreten Fall zum Beispiel Erpressung, sexueller Übergriff, Mord und Brandstiftung, die Redaktion) stark straferhöhend auswirkt.

Der Täter hat bereits letzte Woche ein Geständnis abgelegt – kann sich dies strafmindernd auswirken?
Ja, ein Geständnis kann sich strafmindernd auswirken, wenn es nicht erst zu einem Zeitpunkt kommt, wenn die Beweislast ohnehin schon erdrückend ist. Aber auch beim Geständnis gilt, dass andere, straferhöhende Umstände dazu führen können, dass die Strafe im Ergebnis doch nicht tiefer ist.

Der Fall Rupperswil

Diese drei Erkenntnisse brachte der heutige Rupperswil-Prozess

Link to Article

Thomas N. bleibt ordentlich verwahrt ++ Therapie gestrichen

Link to Article

«Man kann nicht sagen, Thomas N. sei therapierbar»: Psychiater kritisiert Gutachter

Link to Article

«Urbaniok missbraucht seine Autorität» – Fall Rupperswil: Richterin tadelt den Psychiater

Link to Article

Vierfachmord in Rupperswil: Thomas N. will seine Verwahrung ersatzlos aufheben lassen 

Link to Article

Zürcher Anwalt verteidigt Renate Senn: «Was das Gericht hier macht, ist extrem arrogant»

Link to Article

Warum die Anwältin von Thomas N. mehr als nur den Prozess verlor

Link to Article

Jetzt liegt das schriftliche Urteil für Thomas N. vor – 20 Tage Zeit für Berufung

Link to Article

Die lange Datenspur: Wie die Polizei dem Mörder von Rupperswil auf die Schliche kam

Link to Article

Hinterbliebener von Rupperswil: «Da beginne ich zu ahnen, dass man mich verdächtigt»

Link to Article

Plauderte Polizist Rupperswil-Morddetails aus? «Er sagte mir, ich solle vage bleiben»

Link to Article

Thomas N. schuldig und ordentlich verwahrt ++ Staatsanwältin: «Wir sind zufrieden»

Link to Article

Wie Thomas N. auf das Urteil reagierte

Link to Article

Sie muss Thomas N. verteidigen – der schwierige Job der Renate Senn

Link to Article

Wie Staatsanwältin Loppacher die Psychiater umgeht – und warum das problematisch ist

Link to Article

«Entschuldigung»: Thomas N. hält kurzes Schlusswort

Link to Article

Was Thomas N. zur Bluttat in Rupperswil sagte – das Wichtigste zum ersten Prozesstag

Link to Article

«Rachegedanken dürfen keine Rolle spielen»: Richterin Marianne Heer zum Rupperswil-Prozess

Link to Article

Thomas N.: «Es tut mir Leid, was ich da verursacht habe»

Link to Article

Thomas N. hatte 11 weitere Buben im Visier – und spionierte sie aus: «alle zuhause, wach»

Link to Article

Was hat diese Tat mit Rupperswil gemacht? Ein Besuch vor dem Prozess gegen Thomas N.

Link to Article

Pöschwies-Direktor über Thomas N.: «Schreckliche Straftaten bewegen auch Gefängnis-Insassen» 

Link to Article

Nicht erst seit der Bluttat von Rupperswil – «Hunde-DNA wird bei der Fahndung immer wichtiger»

Link to Article

Harsche Kritik von Anwaltskollege: Setzt sich Pflichtverteidigerin Senn zu wenig für Thomas N. ein?

Link to Article

Partner der getöteten Mutter von Rupperswil: «Es ist unglaublich, dass man Spuren hat, diese aber nicht verwenden darf.»

Link to Article

Fall Rupperswil: Die 100'000 Franken Kopfgeld gehen an die beteiligten Polizisten

Link to Article

Rupperswiler Täter wurde in Aarauer Starbucks verhaftet: Die Polizei liess ihn noch den Kaffee austrinken

Link to Article

«Wie grausam die Tat auch ist, der Beschuldigte verdient einen fairen Prozess»

Link to Article

Feuerwehrkommandant aus Rupperswil: «Es war schwierig, nicht darüber zu reden»

Link to Article

Das sagen die Rupperswiler über den Täter: «Thomas war ein beliebter Trainer»

Link to Article

Was wir jetzt wissen: Protokoll der unglaublichen Tat von Rupperswil

Link to Article

Vater von Rupperswil-Mordopfer: «Ich werde jeden Tag daran erinnert»

Link to Article

Vierfachmord: «Von einer Trennung waren wir weit entfernt», sagt Carla Schauers Lebenspartner

Link to Article
Alle Artikel anzeigen

5 perfekte Schweizer Morde

Abonniere unseren Newsletter

7
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • HansDampf_CH 17.05.2016 18:51
    Highlight Highlight Ja der faire Prozess dann sollte aber auch gehandelt werden. Wer so etwas tut gehört für immer weggesperrt, EGAL warum er das getan hat.
  • Bruno Wüthrich 17.05.2016 12:50
    Highlight Highlight Interssantes Interview. Einzig im titel hat sich ein falsches Wort eingeschlichen.

    Dieser Täter «verdient» keinen fairen Prozess. Denn er war ja mit seinen Opfern auch nicht fair.

    Doch er hat von Rechts wegen einen fairen Prozess zu gut. Dies ist auch gut so. Aber von verdient kann keine Rede sein.
  • Asmodeus 17.05.2016 10:41
    Highlight Highlight "Grundsätzlich könnte man gezwungen werden, ein Mandat zu übernehmen. Mir ist aber kein Fall bekannt, in dem dies tatsächlich geschehen ist. Ist ein Anwalt nicht bereit, ein Mandat anzunehmen, so wird dies respektiert."


    Die Anwälte werden nicht von Gesetzes wegen gezwungen, aber von der Kanzlei.
    Entweder man übernimmt einen Fall oder wird Entlassen.

    Das ist der Grund wieso es einige nur zum lic. jur. schaffen, also zum Rechtsberater, aber nicht zum Anwalt.

    Sie wollen an ihrer Freiheit festhalten niemanden zu verteidigen der offensichtlich schuldig ist und keine Reue zeigt.
    • Asmodeus 17.05.2016 11:35
      Highlight Highlight In diesem Fall wird es vermutlich so sein, dass auf geistige Unzurechnungsfähigkeit plädiert wird. Eine Gefängnisstrafe soll deswegen zugunsten einer geschlossenen Therapie aufgeschoben werden.

      Die Vorverurteilung durch die Medien wird strafmildernd genutzt.

      Eventuell lässt sich sogar noch eine schwere Kindheit attestieren als weiterer strafmildernder Punkt.
    • wipix 17.05.2016 11:46
      Highlight Highlight Das beruhigt mich doch ordentlich! Würde ja keinen Sinn machen die Anwälte, die Probleme haben sich den vollumfängliche Aufgaben eines Strafverteidigers zu stellen für solch anspruchsvolle Aufträge auszuwählen, sie zu zwingen!
    • Fee.22 17.05.2016 13:34
      Highlight Highlight Asmodeus, ich empfehle dir, mal die Art. 34-73 des StGB durchzulesen. So schafft man es nicht einmal zum BLaw.
    Weitere Antworten anzeigen

Schimpftiraden und Buh-Rufe – Fragerunde mit Sommaruga läuft aus dem Ruder

Die Podiumsdiskussion mit prominenter Besetzung um die Selbstbestimmungsinitiative wurde zum Forum für wütende Beleidigungen und Gelächter über Sommaruga.

Die Diskussion dauert noch nicht einmal fünf Minuten, als Bundesrätin Simonetta Sommaruga trotz Mikrofon von lauten Buh-Rufen aus dem Publikum übertönt wird. Rund 400 interessierte Zuhörer haben sich im Zentrum Bärenmatte in Suhr eingefunden, als Notlösung haben die Veranstalter spontan zusätzliche Stühle im Foyer aufgestellt.

Die Besucher sind überwiegend männlich und weisslichen Hauptes. Die Arme verschränkt, die Mundwinkel unzufrieden nach unten geformt. Die Stimmung im Saal ist bereits …

Artikel lesen
Link to Article