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kids smartphones, kinder

Für Urs Kiener, Kinder- und Jugendpsychologe, ist das Smartphone ein relevanter Stressfaktor. Bild: Shutterstock

Interview

«Die ersten Burnouts bei Kindern und ihr Zugang zu Smartphones fallen nahe zusammen»

Viele Kinder können wegen Stress und Leistungsdruck nicht richtig schlafen. Einige wenige entwickeln gar ein Burnout. Warum die Erfindung des Smartphones mitschuldig ist, erklärt Urs Kiener, Kinder- und Jugendpsychologe bei der Pro Juventute.



Urs Kiener, kann man sagen: Burnouts sind im Kinderzimmer angekommen?
Urs Kiener:
Tatsächlich diagnostizieren heute Psychiater bei Kindern eine Krankheit, die noch vor zehn Jahren Erwachsenen vorbehalten war. Es ist jetzt aber nicht so, dass es die Massen betrifft. Es sind vielleicht rund 3 Prozent der Schweizer Kinder, die eine Erschöpfungsdepression entwickeln.

Warum ist es soweit gekommen?
Da gibt es verschiedene Ursachen. Etwa den leistungsorientierten Erziehungsstil der Eltern oder die Tatsache, dass Schulen ein Teil des Lernstoffs in die Freizeit der Kinder verlagern. Es ist vielerorts normal, dass ein Kind drei Stunden Hausaufgaben am Tag macht. Und selbst über das Wochenende werden viele Schüler mit Aufgaben zugedeckt. Die ganze Freizeit ist durchorganisiert und Kinder verfügen heute kaum noch über selbstbestimmte Zeit.

Urs Kiener

Bild

Urs Kiener arbeitet als Kinder- und Jugendpsychologe für die Stiftung Pro Juventute.   bild: zvg

Können Sie weitere Ursachen ausmachen?
Eines fällt auf: Die ersten Burnouts bei Kindern und Jugendlichen und die erste grosse Welle, mit welcher Kinder Zugang zu Smartphones erhielten, fallen zeitlich recht nahe zusammen. Kinder empfangen täglich bis zu tausend Nachrichten. Viele befinden sich dadurch im Zustand permanenter Rastlosigkeit. Sie haben Angst, etwas wichtiges zu verpassen und sind daher nonstop online. Das ist sicher ein relevanter Stressfaktor.

Sollten Eltern ihrem Nachwuchs also besser gar kein Smartphone geben?
Gemäss der JAMES-Studie haben in der Schweiz 99 Prozent der 12-Jährigen ein Smartphone. Darum wäre es realitätsfern, dem Kind das Smartphone zu verbieten. Das wäre, als wenn man einem Erstklässler den Schulthek verweigern würde. Das Smartphone ist heute ein alltägliches Hilfsmittel. Ein Kind, das keines hat, kann schnell ausgeschlossen werden

Was raten Sie Eltern dann?
Kinder schauen das Smartphone-Verhalten zuallererst bei ihren Eltern ab. Eltern, die Ihr Kind spazieren führen und sich dazu ununterbrochen ihrem Smartphone widmen, gehören zum Alltagsbild. Eltern können den Kindern das richtige Verhalten vorleben. Leider kenne ich kaum Erwachsene, die ihren persönlichen digitalen Medienkonsum ernsthaft überdenken und nachhaltig verändern möchten.

Das richtige Verhalten vorleben – ist dies allgemein das richtige Rezept, um bei Kindern Erschöpfungssymptome zu verhindern?
Eltern sind für ihre Kinder die wichtigsten Vorbilder – ob sie das wollen oder nicht. Ebenso wichtig ist aber, dass Eltern ihr Kind genau beobachten. Wenn sie klassische Erschöpfungssymptome wie Schlaflosigkeit oder tägliche Kopf- oder Bauchschmerzen feststellen, sollten sie nicht zögern, professionelle Hilfe herbeiziehen. Erschöpfungsdepressionen können nicht im Familienkreis behandelt werden. Doch nicht nur die Eltern sind gefordert. Es ist jetzt Zeit für eine breite gesellschaftliche Debatte. Wir müssen jetzt reagieren. Darum die Kampagne von Pro Juventute.

Trägt das gesellschaftliche Leistungsdenken eine Mitschuld an der Problematik?
Auch Eltern mit sehr ehrgeizigen Erziehungszielen haben stets die besten Absichten für ihr Kind. Sie wollen es möglichst optimal auf die Anforderung der Leistungsgesellschaft vorbereiten. Jede Familie kann aber selber definieren, welche Werte für sie wichtig sind. Es lohnt sich deshalb gelegentlich, die Werte, Einstellungen und das Verhalten in der Familie zu überdenken. Wenn wir die Maximierung von Konsum und monetären Werten an die erste Stelle setzen, werden diese und die damit verbundenen Stressorgen den Kindern fast automatisch weitervermittelt.

Hatten sie selber als Kind eine stressfreie Zeit?
Ich bin in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Das hiess am Morgen um 6 Uhr aufstehen und vor der Schule im Stall mithelfen. Auch nach dem Unterricht musste ich oft zu Hause mit anpacken. Ich war allenfalls körperlich erschöpft und schlief wunderbar. Stresssymptome, wie wir sie heute bei Kindern feststellen, kannte ich keine.

Also die bessere Zeit?
Im Gegenteil: In den letzten zwei, drei Generationen hat sich in der Erziehung und in der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern vieles verbessert. Eltern sind heute in der Regel verständnisvoller, gehen auf die Bedürfnisse der Kinder ein und interessieren sich für ihre Meinung. Kinder fühlen sich heute besser verstanden als das vor wenigen Generationen der Fall war. Und auch sind die Kinder von heute aufgeschlossener und reflektierter. Aber im Zusammenhang mit dem Druck und Stress den unsere Kinder heute erfahren, gilt es tatsächlich zu überdenken, was für eine Welt wir für unseren Kindern gestalten wollen.

Wie das Smartphone unseren Alltag verändert hat

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Video: srf/SDA SRF

Du weisst, dass du zu viel Zeit mit dem Smartphone verbringst, wenn ...

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    Alle Leser-Kommentare
  • nick11 15.10.2017 22:31
    Highlight Highlight Nicht zu vergessen: Psychiater leben davon, solche Dinge zu diagnostizieren.
    Gäbe es keine Burnouts etc., so gäbe es keine Psychiater. Leider kann man diese Aussage teilweise auch umkehren.
    Sensibilisierung für das Thema Smartphone ist aber grundsätzlich natürlich nicht schlecht.
    Aber zu behaupten, dass 3 Stunden Hausaufgaben die Norm ist finde ich ein Witz.
    Jetzt sind wir grad etwas über die "jedes x-te Kind benötigt Ritalin"-Phase hinweg, schon kommt das "Kinder haben Burnouts". Ein grosser Teil davon redet sich das aber auch ein....
    • Trouble 16.10.2017 20:47
      Highlight Highlight Gäbe es keine Blinddarmentzündungen etc., gäbe es keine Viszeralchirurgen.
      Psychische Erkrankungen sind Gebrechen wie andere auch.
    • nick11 16.10.2017 23:11
      Highlight Highlight Nur sind Blinddarmenzündungen eindeutig diagnostizierbar.Warst du schon mal beim Psychiater? Erzählst du dem glaubhaft du hättest ein Burnout,dann kriegst du das auch schnell bestätigt. Psychiater sind auf Aussagen von Patienten angewiesen.Redet sich jemand ein er habe ein Burnout, was sich rel. schnell durch google und co. falsch selbst Diagnostizieren lässt, so wird dir das auch ein Psychiater bestätigen...du lässt dich dann darin "fallen", krankschreiben und medikamentös behandeln, aus meiner Sicht oft der falsche Weg.
      Ich behaupte damit natürlich nicht, dass es keine echten Burnouts gibt!
    • nick11 16.10.2017 23:21
      Highlight Highlight Am Ende behandeln wir Kinder bei den kleinsten Anzeichen von psychischen Problemen mit Medikamenten, wie dies oft schon bei erwachsenen passiert. Damit lernt kein Kind mehr mit Psychischem Druck umzugehen und wird ein Leben lang behandelt werden müssen, stürzt evtl. irgendwann komplett ab.
      Statt das man ihm beibringt damit umzugehen und daran zu wachsen!
  • CheGue 15.10.2017 17:43
    Highlight Highlight Nach diesem Interwiev unbedingt Manfred Spitzer "Digitale Demenz" lesen. Wenn sich auch nur die Hälfte vom Dokumentierten manifestiert, dann: Gute Nacht, Welt!!
  • leu84 15.10.2017 16:24
    Highlight Highlight Das Problem Smartphone ist in allen Altersgruppe zu finden. Man muss immer auf dem laufenden sein und die Whatsapp-Nachrichten müssen alle gelesen werden.
    Ich sehe dass Problem auch bei den Eltern, die nur das BESTE für ihr Kind (Ego) wollen. Das es ein Instrument spielt und in einem Sportverein aktiv ist (plus weiteres wie Ballett, Englisch ...) ist noch ok, aber es muss in allen Aktivitäten die Nummer eins sein. Das Kind soll ein zwei Sachen machen wo es Spass macht und Gspänli findet. Wenn es Spass macht, dann macht man auch etwas mehr und dies ist gut für die Moral. Also weniger Stress
    • Willkommen 16.10.2017 07:34
      Highlight Highlight Laut deiner aussage endet jedes kind anscliesend wie ich... 10 ununterbrochen arbeitslos aber endlos weitergebildet
  • Toerpe Zwerg 15.10.2017 15:07
    Highlight Highlight "Kinder schauen das Smartphone-Verhalten zuallererst bei ihren Eltern ab."

    Das wage ich zu bezweifeln.
    • Toerpe Zwerg 15.10.2017 22:09
      Highlight Highlight Wir haben zu Hause ein Tablet. Das brauchen wir fast ausschliesslich zur Steuerung der Musikanlage und selten zum Lesen.

      Die Kinder fahren ab auf das Teil seit sie ab und zu damit spielen oder mal ein Filmchen sehen durften. Sie imitieren dabei in keinerweise unseren Umgang mit dem Tablet. Sie sind inhaltlich fasziniert und wollen es deshalb haben.

      Mit den Smartphones ist es genau dasselbe. Das ist eigener Antrieb und nicht Imitation.
    • Toerpe Zwerg 15.10.2017 23:02
      Highlight Highlight Ist das ein Bauchgefühl oder haben Sie dazu wissenschaftliche Quellen?
    • p4trick 16.10.2017 00:55
      Highlight Highlight @Toerpe: Kind ruhig stellen um mit dem iPad einen Film zu schauen und dann werden die Kinder süchtig davon. Und was bitte schön trägt die Eltern keine Schuld?
    Weitere Antworten anzeigen
  • cocorumo 15.10.2017 13:22
    Highlight Highlight Da hat wohl Herr Kiener seine Hausaufgaben nicht gemacht.

    "Es ist vielerorts normal, dass ein Kind drei Stunden Hausaufgaben am Tag macht."

    Meiner Meinung nach eine sehr reisserische Aussage, der Herr stellt gleich in den ersten Sätzen seine Professionalität in Frage. Die Grundregel sind eigentlich 10min pro Klasse (1. Kl. = 10min, 5 Kl. = 50min). Klar gibts einige Ausreisser die mehr Aufgaben geben, aber "vielerorts normal" ist definitiv eine masslose Übertreibung. Mal ganz abgesehen davon, dass Tagesschulen auf Vormarsch sind, da gibts gar keine Hausaufgaben mehr.
    • AndreaNeunVier 15.10.2017 21:06
      Highlight Highlight Das habe ich mir auch gedacht. Ich bin Lehrerin an der Primarschule, ich gebe immer nach Zeit Hausaufgaben (z.B. 20 min. lesen und 10 min. Französichwörer üben). Wenn ich bestimmte Aufgaben geben würde (z.B eine Seite im Matheheft lösen), wäre ein Kind nach 10 min. fertig und das andere nach 2 h. Ich glaube nicht, dass man so pauschal wie Herr Kiener sagen kann, dass viele Kinder 3h Hausaufgaben machen. Das Bewusstsein für die Hausaufgabenproblematik ist uns Lehrern sehr bewusst (zumindest an meiner Schule).
  • Madison Pierce 15.10.2017 13:14
    Highlight Highlight Vielleicht bin ich zu konservativ, aber meine Kinder werden vor 12 Jahren kein Smartphone haben. Ihre taktilen Erfahrungen sollen sie mit Bauklötzen und einer Brio-Bahn machen, so wie ich es erleben durfte.

    Aber wie im Artikel steht: Vorbild zu sein ist das Wichtigste.
  • Paddiesli 15.10.2017 13:08
    Highlight Highlight Also, ich finde 3% erschreckend hoch!
  • Calvin Whatison 15.10.2017 11:50
    Highlight Highlight wie die Alten singen, so zwitschern die Jungen.

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