Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Maya Graf, Co-Praesidentin alliance F und Nationalraetin GPS-BL, spricht an einer Medienkonferenz der Frauendachverbaende fuer die Rentenreform, am Donnerstag, 29. Juni 2017 im Medienzentrum des Bundeshauses in Bern. (KEYSTONE/Thomas Delley)

Maya Graf, Nationalrätin der Grünen, fordert, dass eine Frau und nicht ein Tessiner den Bundesratssitz bekommt.  Bild: KEYSTONE

Interview

Quotenstreit um Bundesrat: «Es gibt mehr Frauen als Tessiner in der Bevölkerung»

Der Tessiner Bundesrats-Kandidat Ignazio Cassis schnödet gegen Quoten-Frauen. Das kommt bei Maya Graf, Co-Präsidentin des Frauenverbands Alliance F, schlecht an. Im Interview sagt sie, warum jetzt eine Frau gewählt werden muss.



Bundesratskandidat Ignazio Cassis hat diese Woche die Quotendebatte neu entfacht. Gegenüber «Le Matin Dimanche» sagte er: 

«Wenn ich eine Frau wäre, wäre ich fast beleidigt, wenn man mich wählen würde, weil ich eine Frau bin»

Ignazio Cassis zur «Le Matin Dimanche»

Ein Satz, der viral ging. In den sozialen Netzwerken ärgerten sich User über Cassis Aussage oder machten sich über sie lustig. Vor allem Frauen. An der Debatte beteiligt sich auch Maya Graf, Nationalrätin der Grünen und Co-Präsidentin des Bunds Schweizerischer Frauenorganisationen Alliance F.

Frau Graf, was sagen Sie zur Aussage von Ignazio Cassis?
MAYA GRAF: 
Bundesratkandidat Cassis schiesst damit ein prächtiges Eigentor (lacht). Er spricht sich gegen die Quoten von Frauen aus, begründet seine Kandidatur aber selber mit dem Anspruch des Tessins auf einem Bundesratssitz. 

«Bis jetzt hat es offensichtlich gereicht, wenn man ein Mann war»

Macht Sie die Aussage von Cassis wütend?
Nein. Ich finde den Spruch so entlarvend, dass ich ihn bereits wieder lustig finde. Er entlarvt, dass Cassis gar nicht begriffen hat, worum es eigentlich geht. Um das Einbinden von allen Bevölkerungsschichten, was in unserem politischen System eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Sollte nicht einfach die fähigste Person gewählt werden, unabhängig von Geschlecht und Herkunft?
Generell kann man sagen, dass sowohl Frauen wie Männer Wert darauf legen, dass sie kompetent sind. Mit dieser Voraussetzung kann man den Spiess umdrehen und provokativ sagen: Bis jetzt hat es offensichtlich gereicht, wenn man ein Mann war?

Tessiner wie Frauen waren in den letzten 20 Jahren im Bundesrat untervertreten. Welche von diesen beiden Gruppen hat mehr Anspruch auf den freiwerdenden Sitz von Noch-Bundesrat Didier Burkhalter?
Ganz klar – die Frauen. Wobei ich damit den Anspruch des Tessins auf einen Bundesrat nicht verneine. Doch: Es gibt nachweislich mehr Frauen als Tessiner in der Bevölkerung. Am besten wäre gewesen, wenn die FDP eine Tessinerin aufgestellt hätte, zum Beispiel Laura Sadis.

Hat die FDP Tessin eine Chance vertan, indem sie nicht ein Zweierticket mit einem Mann und einer Frau ins Rennen schickte?
Sie wollte offensichtlich auf die Karte Cassis setzen. Mit einer Tessinerin als Gegenkandidatin wollten sie seine Chancen Bundesrat zu werden nicht verringern. Das ist das gute Recht der Kantonalpartei. Was ich aber fordere, ist, dass die FDP mindestens eine Frau, wenn nicht zwei, ins Rennen schickt.

«Dies würde in keiner Art und Weise einer modernen Demokratie im 21. Jahrhundert entsprechen»

Werden Sie selber ohne Wenn und Aber für eine Frau stimmen?
Zum jetzigen Zeitpunkt, ja. Unter Vorbehalt der Anhörung der Kandidatinnen und Kandidaten in der Fraktion und auch unter Vorbehalt, was wir als Fraktion entscheiden.

Doris Leuthard hat ihren Rücktritt innerhalb dieser Legislatur angekündigt. Was haben Sie sich gedacht?
Wir laufen in die Gefahr, dass Simonetta Sommaruga bald die einzige Bundesrätin ist. Dies würde in keiner Art und Weise einer modernen Demokratie im 21. Jahrhundert entsprechen, wenn über die Hälfte der Bevölkerung in der Regierung massiv untervertreten ist. Diese Sorge war mit ein Grund für die parlamentarische Initiative, die ich in der Frühlingssession eingereicht habe.

Ihr Vorstoss fordert, dass in der Bundesverfassung festgeschrieben wird, dass nicht nur die Landessprachen und Landesgegenden, sondern auch die Geschlechter angemessen im Bundesrat vertreten sind. Ist das wirklich nötig?
Seit Einführung des Frauenstimmrechts 1971 haben es nur sieben Frauen in den Bundesrat geschafft. Zudem wurde eine davon nicht wiedergewählt und die andere musste gar zurücktreten. Wenn man die Vorgaben der Bundesverfassung liest, dann ist es heute für alle selbstverständlich, dass die Landessprachen und Landesregionen im Bundesrat vertreten sind. Bei den Geschlechtern ist dies nicht der Fall.

«Die bürgerlichen Parteien haben offensichtlich die Förderung von Politikerinnen vernachlässigt»

Woran liegt dies?
Wenn man die Analysen macht, wie in den Parteien die Männer- und Frauen-Vertretung ist, merkt man sehr schnell, dass vor allem links-grün die Frauen im Parlament stellt. Die bürgerlichen Parteien haben offensichtlich die Förderung von Politikerinnen vernachlässigt und somit fehlt die Ausgewogenheit bei ihrer Vertretung. Was aber nicht heisst, dass sie nicht bereits ausgewiesene Politikerinnen auf nationaler und kantonaler Ebene hätten, wie zum Beispiel die FDP.

Schon 1993 und 2003 gab es bereits sehr ähnliche Vorstösse, die versuchten der Anteil Frauen im Bundesrat zu erhöhen. Wie erklären Sie sich, dass diese gescheitert sind?
Damals war man noch der Ansicht, es komme von alleine. Übrigens: Auch ich vertrat diese Meinung. Gesetzlich ist die Gleichstellung schon lange vollbracht, bei der Umsetzung der tatsächlichen Gleichstellung hapert es aber leider überall, wie die Zusammensetzung des Bundesrats zeigt.

Der Frauenanteil liegt im Ständerat bei 15 Prozent, im Nationalrat bei 33. Ist dies mit ein Problem: Wählen Männer bewusst Männer in den Bundesrat?
Das glaube ich nicht. Sehen Sie – es ist heute keine Frau-Mann-Frage mehr, sondern eine gesellschaftliche. Denn jeder moderne Mann weiss heute, dass die Vielfalt um zukunftsfähige Lösungen zu finden entscheidend ist und dass die beiden Geschlechter gemeinsam viel besser sind.

Die sieben bisherigen Tessiner Bundesräte

Und jetzt zu den wichtigen Sachen im Leben: 10 komische Dinge, die jeder tut

Video: watson

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

3 Tote und 6 Verletzte bei Terror-Attacke in Nizza

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Hilft die Konzern-Initiative den afrikanischen Bauern oder nicht? Das sagen Ökonomen

Die Abstimmungskontroverse dreht sich auch um die Frage, ob die Konzerninitiative entwicklungspolitisch sinnvoll ist. Die Gegner führen an, die Initiative würde jenen schaden, denen sie helfen soll. Was ist daran?

Eine der pointiertesten Gegnerinnen der Konzernverantwortungsinitiative ist die Grünliberale Nationalrätin Isabelle Chevalley. Das ist vor allem deshalb interessant, weil sich die Waadtländerin seit 20 Jahren in Afrika engagiert. Burkina Faso ist ihre zweite Heimat, seit drei Jahren hat sie einen diplomatischen Pass des westafrikanischen Landes. So hat sie sich vorgenommen, den «Kontinent zu reinigen» – Abfall ist ihr grosses Thema. Sie baut konkrete Projekte auf, etwa in Burkina Faso, wo …

Artikel lesen
Link zum Artikel