Schweiz
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Der andere Dschihadist

Kerem Adigüzel ist das Gesicht der geplanten offenen Moschee, in der auch Frauen vorbeten dürfen. Der Schweiz-Türke träumt von einem Gotteshaus, in dem ein progressiver Islam verkündet wird.

Rebecca Wyss / Nordwestschweiz



Ein «Supermuslim», ein «bestens integrierter» Schweizer mit Migrationshintergrund. Nachdem Kerem Adigüzel im Sommer bekannt gab, dass er gemeinsam mit einer Gruppe von jungen Muslimen eine offene Moschee gründen will, rannte er damit offene Türen ein. Der Tenor in der Öffentlichkeit: Hier kommt einer, der es besser macht.

Besser als jene, die Männer und Frauen in Moscheen trennen. Und besser als die Radikalen vom Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) sowieso. Hier kommt einer, der kompatibel ist mit den Schweizer Werten. Ein 30-Jähriger, bescheiden auftretender Mann mit schlichten Jeans, schwarzem Pulli. Ein Schweiz-Türke, der als Software-Entwickler bei den SBB arbeitet, Mathematik und Informatik studierte, im Militär Karriere machte und auf Whatsapp mit seiner Frau vor einer Schweizer Flagge posiert.

Kerem Adigüzel

Kerem Adigüzel will mit der offenen Moschee jungen Muslimen eine Alternative bieten. Bild: twitter.com/adgzelkerem

«Ich bin nicht der Klischee-Südländer, der sich als Alphamännchen aufspielt», sagt er selbst. Seit vergangenem Sommer ist dieser Adigüzel also das Gesicht der geplanten liberalen offenen Moschee, deren Grundstein – zumindest auf Papier – gelegt wurde: Die Gruppe von Muslimen mit Wurzeln aus der Türkei, dem Balkan und der Schweiz gründete den Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe». «Al-Rahman» will über die Schweiz verteilt Räume einrichten, in denen Frauen und Männer, Schiiten, Sunniten und Sufis sowie Homosexuelle nebeneinander beten können.

Vorhaben erinnert an Reformation

Kerem Adigüzel und seine Mitstreiter nehmen den Koran wörtlich. Sie lehnen Geistliche und Autoritäten ab, die mit ihren Auslegungen der Glaubensgemeinschaft vorschreiben, wie gute Muslime leben müssen. Damit erinnert die Bewegung zum Teil an die Reformation des christlichen Glaubens.

Mehr noch: Frauen sollen als Imaminnen die Gebete leiten dürfen. Ein kühnes Unterfangen: Mehr als 80 Prozent der 350'000 Muslime in der Schweiz sind Sunniten. Zumindest die Autoritäten dieser Gruppe lehnen das alles ab. Entsprechend zurückhaltend sind die meisten Mitglieder der progressiven Gruppe. Auf der Website des Vereins tauchen sie nur mit Vornamen und abgekürztem Nachnamen auf.

Ein Mann auf Mission

Anders Adigüzel. «Einer von uns muss unsere Sache gegenüber den Medien vertreten», sagt der Ostschweizer. Dass er dieser «eine» ist, ist kein Zufall. Der junge Mann mag fortschrittlich sein, doch wenn es um seinen Glauben geht, ist er genauso konsequent und radikal wie die anderen religiösen Gemeinschaften.

Kerem Adigüzel ist auf einer Mission. Die offene Moschee, die Anstrengung für deren Gelingen, ist sein Dienst an Gott. «Das ist mein Dschihad», sagt er. Mit Krieg und Terror hat das bei ihm aber nichts zu tun. Auch wenn es ein Kampf ist, den er führt. Er kämpft mit Worten für seine Wahrheit. Für den einen Glauben, den er für richtig hält. Wie alle muslimischen Gruppierungen. Adigüzels Schlachtfeld liegt nicht in Syrien. Sondern im Internet.

Eigene Koranintepretation

Vor elf Jahren gründete er die Plattform Alrahman.de mit. Auf dieser veröffentlicht er seither Koraninterpretationen. Über die Website erreicht er monatlich bis zu 25'000 Userinnen und User. Daneben bietet er seine Interpretationen als Video-Blogger auf Youtube an, bespricht sie auf Diskussionspodien oder – und das ist sein grösster bisheriger Lupf – er verkauft sie als Buch. An der Koranübersetzung hat er Jahre gearbeitet. Dafür lernte er auch Arabisch – keine Sprache, die man im Vorbeigehen aufschnappt.

Am Koran liegt ihm viel, wenn nicht fast alles. Allein das, was dort steht, ist für ihn wahr und richtig – wenn der Interpretationsspielraum auch gross ist. Das zeigt sich schon beim täglichen Gebet. Die Mehrheit der Muslime richtet sich fünfmal am Tag auf den Knien Richtung Mekka aus. Nicht Adigüzel: «Ich habe den Koran auf diese Frage hin studiert und bin zum Schluss gekommen, dass nur drei Gebetszeiten verlangt sind.» Auch wenn es um moderne gesellschaftliche Fragen geht, gibt die Heilige Schrift ihm den Takt vor. Stichwort Homosexuellen-Ehe. «Dazu habe ich noch keine abschliessende Meinung, da muss ich zuerst über die Bücher», sagt er. Was, wenn der Koran die Homosexuellen-Ehe verbietet? «Dann wäre sie nicht richtig.»

Der junge Schweiz-Türke war nicht schon immer auf Mission, dem Dschihad verpflichtet. «Als Jugendlicher war ich ein ‹Papierli-Muslim›, ein ‹Ramadan-Muslim›.» Einer, bei dem der Islam nur bei besonderen Gelegenheiten eine Rolle spielte. Früher trank er vereinzelt auch Alkohol, heute lebt er abstinent.

Was hat ihn verändert, erweckt? «Enttäuschende Erfahrungen mit den etablierten Muslimen», sagt er. An die erste erinnert er sich genau: Es kam dazu, nachdem sein Freund vor vielen Jahren gestorben war. Während der Trauerfeier verkündete der Imam, dass den trauernden Eltern nach drei Tagen kein Beileid mehr bekundet werden durfte. So erfordert es das sunnitische Ritual. Für Kerem Adigüzel war das undenkbar: «Bei einem solchen Verlust müssen die Eltern doch länger zusammen mit anderen, eben auch mit Beileidsbekundungen trauern dürfen.»

Die Meinung ist gemacht

Der Imam war ein Sunnit. Er folgte – wie die meisten Muslime in der Schweiz – der Sunna: den überlieferten Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed. Sie sind die zweite Quelle der Muslime – neben dem Koran. «Bei vielen Sunniten geht es meist unbewusst darum, die Obrigkeit blind zu akzeptieren. Andererseits geht es um Macht, um den Status Quo.» Dagegen kämpft Adigüzel. Er ist keiner, der blind annimmt, er diskutiert. «Auch mit solchen, die anderer Meinung sind.» Und doch ist seine Meinung in einem Punkt gemacht: «Die konsequentesten Sunniten sind die, die für den IS kämpfen.»

Mit der Verwirklichung einer Koran-zentrierten Moschee will er genau diesen Muslimen entgegenhalten. Das passt nicht allen. «Mich regt eure Dummheit so sehr auf. Ihr könnt froh sein, dass ihr noch lebt. Am liebsten will ich euch umbringen», drohte kürzlich ein User in einem Kommentar auf Adigüzels Website. Angst habe er deshalb keine, versichert Adigüzel. «Ich weiss, welche Drohungen ich ernst nehmen muss.» In der Schweiz seien die radikalen Gegner nicht gewaltbereit. Nicht so wie in Berlin, wo Seyran Ates, die Gründerin der dortigen offenen Moschee, Polizeischutz brauchte.

Etablierte Muslime sind kritisch

Erfreut sind die etablierten muslimischen Verbände trotzdem nicht. «Sie beobachten genau, was passiert», weiss Hansjörg Schmid, der Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft. Nicht geheuer ist ihnen, dass die Progressiven um Adigüzel so viel Aufmerksamkeit bekommen. «Sie befürchten, dass durch den einseitigen medialen Fokus eine pauschale Unterscheidung zwischen guten progressiven und schlechten konservativen Muslimen gemacht wird.»

Welche Chancen räumt er der offenen Moschee ein? «Ich sehe das zurückhaltend.» Man könne nicht erwarten, dass auf einen Schlag Tausende die offene Moschee besuchen würden. Ein gesellschaftlicher Trend ist der Grund: Viele wollen ihren Glauben unabhängig von Institutionen praktizieren und sich weniger in religiösen Gemeinden engagieren, sagt Schmid. Dennoch vermutet er, dass das Angebot bei jungen Muslimen fruchten könnte. «Sie wollen sich herkunftslandübergreifend engagieren, was etwa bereits in muslimischen Studierendenvereinen geschieht.» Die meisten Moscheen sind nach Herkunftsländern organisiert.

«Unsere Moschee ist eine Befreiung für jene, die nicht wissen, wie sie ihren Glauben mit einem modernen Leben in der Schweiz vereinbaren können», sagt Kerem Adigüzel. Und für jene, die unentschlossen, auf der Suche nach der eigenen Identität sind. «Wir wollen die jungen Muslime nicht allein lassen. Und wir wollen das Feld nicht den Radikalen überlassen.» (aargauerzeitung.ch)

Für ein offenes Frauenbild. Und zwar mit Kopftuch und Rap!

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 28.10.2017 00:35
    Highlight Highlight "Für den einen Glauben, den er für richtig hält."

    Ein Dschihadist der allerschlimmsten Sorte.
  • simiimi 27.10.2017 15:54
    Highlight Highlight Zum einen will Hr. Adigüzel progressiv sein, zum anderen ist er absolut schriftgläubig und akzeptiert nur das, was im Koran steht. Wie geht das zusammen?
  • Rabbi Jussuf 27.10.2017 14:07
    Highlight Highlight Ich finde gut, was er da macht. Dadurch gibt es noch eine weitere islamische Splittergruppe und mindert die Macht der konservativen Verbände.
    Allerdings ist er selber stockkonservativ. Das sieht man an seinen Aussagen: Der Koran ist die einzige Richtschnur.
    Selbständiges Denken? Fehlanzeige. Alles was gedacht werden darf, muss sich innerhalb der koranischen Leitlinien abspielen, das nennen Muslime dann: Den Verstand gebrauchen. So war es im Islam schon immer.

    Hier zu jubeln, scheint mir mehr als verfrüht, da wir es mit einer islamischen Variante ähnlich des ICF zu tun bekommen.
    • Grabeskaelte 27.10.2017 23:50
      Highlight Highlight Alles was gedacht werden darf, muss sich innerhalb der koranischen Leitlinien abspielen, das nennen Muslime dann: Den Verstand gebrauchen. So war es im Islam schon immer.

      Alles was gedacht werden darf, muss sich innerhalb der biblischen Leitlinien abspielen, das nennen Christen dann: Den Verstand gebrauchen. So war es im Christentum schon immer.

      Alles was gedacht werden darf, muss sich innerhalb der Leitlinien der Thora abspielen, das nennen Juden dann: Den Verstand gebrauchen. So war es im Judentum schon immer.

      Noch Fragen? Exterm kann man auch gleich überall anhängen wenn man will
    • Rabbi Jussuf 28.10.2017 12:29
      Highlight Highlight Grabeskälte
      Für den christlichen Kulturkreis gilt das schon seit mehr als 200 Jahren nicht mehr. Bei den Juden sind das allenfalls noch Thoragelehrte. Die aber machen das bewusst und sagen das auch.
      Nein, das Mit dem Verstand basierend auf Glaubenssätzen (Koran) hat wohl nur noch der Islam - und es ist keine Besserung in Sicht. Da ist diese "Religion" mindestens 200 Jahre hinter dem Rest der Welt hinterher.

      Nicht umsonst gibt es in arab. Unis ganze Fakultäten, sie nur schauen ob Neuheiten/Erfindungen auch korankonform sind. Kein Wunder gibt es aus dieser Ecke nichts Neues.
  • ubu 27.10.2017 11:34
    Highlight Highlight Modern in der Form, wortgläubig im Inhalt. Klingt wie ein muslimischer ICF.
    • Rabbi Jussuf 27.10.2017 14:47
      Highlight Highlight Dachte mir genau das Gleiche.

      Also kaum was zu jubeln.
    • Eine_win_ig 28.10.2017 12:39
      Highlight Highlight Ich war wohl noch nie so gespalten wie nach diesem Artikel. Einerseits super, dass es progressiver wird. Aber trotzdem immer noch so linientreu macht Angst.
      Ich sehe die Parallele zur Reformation auch. Nur waren die Reformierten dann ja nicht weniger extrem als die Katholiken, einfach anders extrem...
    • Rabbi Jussuf 28.10.2017 13:21
      Highlight Highlight Die Parallele funktioniert so nicht. Wenn man den Vergleich bemühen will, dann sind die Salafisten die Reformierer. Die wollen aus dem "dekadenten", "deformierten" Islam von heute zurück an die Anfänge der ersten Generationen. Genau das war auch Luthers Bestreben.
  • Chris Olive 27.10.2017 08:52
    Highlight Highlight "Am Koran liegt ihm viel, wenn nicht fast alles. Allein das, was dort steht, ist für ihn wahr und richtig – wenn der Interpretationsspielraum auch gross ist."

    Wie alt ist der Koran? Ich halte es für "nicht ungefährlich", wenn Aussagen aus solchen Büchern in die heutige Zeit übernommen werden, ohne diese der neuen Realität anzupassen.
    Wir haben heute auch angepasste Gesetze.
  • River 27.10.2017 08:33
    Highlight Highlight Glaube an einen/den Gott ist eh nie fortschrittlich.
    • River 27.10.2017 12:33
      Highlight Highlight Götter wurden einst ausgedacht um sich Naturphänomene und Vorfälle zu erklären, bevor man in der Lage war, diese wissenschaftlich zu untersuchen, und später dann institutionalisiert um das einfache Volk einzuschüchtern und zu manipulieren. Zu wirtschaftlichen Zwecken.
    • River 27.10.2017 17:50
      Highlight Highlight Das ändert nichts daran, dass es nicht fortschrittlich sein kann.
      Und ich meine nicht speziell oder nur Allah, der ja der gleiche ist wie der der Christen (also Gott) und dieser wurde ausgedacht, wie jeder andere Gott auch.
    • Rabbi Jussuf 27.10.2017 18:11
      Highlight Highlight Bogy
      "Du verwechselst Aberglaube mit dem Islam."
      Gibt es da einen Unterschied?
      Ich sehe keinen.
      Aber bitte, wenn du Argumente hast, dann her damit.
    Weitere Antworten anzeigen
  • FancyFish - Stoppt Zensur! 27.10.2017 08:28
    Highlight Highlight „Sie befürchten, dass durch den einseitigen medialen Fokus eine pauschale Unterscheidung zwischen guten progressiven und schlechten konservativen Muslimen gemacht wird.“

    Macht doch eigentlich Sinn, oder nicht?
  • fcsg 27.10.2017 08:26
    Highlight Highlight Auch wenn ich persönlich mit Religionen überhaupt nichts anfangen kann: Besten Dank für dieses (teilweise auch mutige) Engagment für eine tolerante Ausübung des Glaubens.

    Was mich aber nachdenklich stimmt, ist das man in Berlin offensichtlich nur noch unter Polizeischutz leben kann, wenn man eine offene Moschee gründen will. Solche Muslime haben in der westlichen Welt nichts verloren und ich wünsche mir, dass in der Schweiz von Anfang an konsequent gegen solche Bewegungen vorgegangen wird.
  • Menel 27.10.2017 08:09
    Highlight Highlight "Was, wenn der Koran die Homosexuellen-Ehe verbietet? «Dann wäre sie nicht richtig.»"

    Religion ist für Menschen, die zu faul sind, selber zu denken.

    Man stelle sich mal vor, man bildet sich seine eigene Meinung und tritt dafür ein. 😆
    • fcsg 27.10.2017 08:41
      Highlight Highlight Da bin ich teilweise gleicher Meinung. Ich habe deshalb auch häufig mit mehr oder weniger gläubigen Menschen in meinem Umfeld geredet. Tatsächlich scheinen mir gewisse Leute zu wenig selbständig zu sein, um eine eigene Meinung zu haben. Das ist einerseits schade, andererseits gibt ihnen die Religion eine gewisse Stabilität. Ich denke aber nicht, dass diese Leute generell zu faul sind um zu denken, sie haben einfach nie gelernt ihren Glauben kritisch zu hinterfragen und sie können nicht mit Unsicherheiten leben. Standardantwort die ich jeweils höre: „An was soll ich denn sonst glauben?!“
    • fcsg 27.10.2017 12:21
      Highlight Highlight @Dr. Bogyman
      Meine Aussage bezog sich auf religiöse Menschen im Allgemeinen. Ich verstehe deshalb ihre Frage/Empörung nicht ganz...
    • fcsg 27.10.2017 17:44
      Highlight Highlight @Dr.Bogyman
      Wenn eine eigene Meinung für dich arrogant ist...
      Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass alle Atheisten zwingend selbständiger denken. Nur sind die in vielen Religionen verbreiteten Ansichten meiner Meinung nach veraltet, überholt, zu weit hergeholt oder passen schlicht nicht in unsere Gesellschaft. Das ist aber nur meine Meinung und du darfst mich für diese Ansicht gerne arrogant nennen, obwohl ich das schade finde, denn ein Diskurs der alleine aus persönlichen Anfeindungen besteht, führt sowieso nirgends hin. Wenn du mir wiedersprechen möchest, dann mach es bitte mit Argumenten.
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