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Für den Staatsanwalt ist «Carlos» zwar kein «Vollpsychopath», er habe aber ein gröberes Problem und sei psychisch krank.

«Carlos» zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt – das sagt der Staatsanwalt

Das Zürcher Bezirksgericht hat am Montag den als «Carlos» bekannt gewordenen jungen Mann zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Der heute 21-Jährige wurde der versuchten schweren Körperverletzung für schuldig befunden.

06.03.17, 17:51 06.03.17, 19:55


«Carlos» hatte Ende März 2016 einen flüchtigen Bekannten beim Aussteigen aus dem Tram mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Dieser brach sich dabei den Kiefer und erlitt weitere Verletzungen.

Der Kampfsporterfahrene «Carlos» begründete den Schlag in seinen Aussagen mit Notwehr. Vor Gericht selber wollte er sich zum Vorfall nicht mehr äussern, ausser dass er sich angegriffen gefühlt habe und seinen Gegner abwehren wollte. Diesem Argument folgte das Gericht nicht. «Wir sehen keine Notwehr-Situation», sagte der Richter bei der Urteilseröffnung.

Aufgrund der verschiedenen Zeugenaussagen könne man zwar insgesamt von einer leichten aggressiven Stimmung beim Aussteigen sprechen, das Gericht gehe nicht von einem Tumult aus. Sein Schlag sei daher eine Reaktion auf eine Situation gewesen, die er falsch eingeschätzt habe.

«Das grösste Problem dabei ist, dass er das nicht einsieht und sich nicht helfen lassen will.»

Der Staatsanwalt

Der Richter stufte das aggressive Verhalten des Beschuldigten als bedenklich und unehrenhaft ein – «gerade aus Sicht eines Kampfsportlers». Er habe seinem Gegner keine Chance gelassen und unvermittelt sowie heftig zugeschlagen. Wie heftig der Schlag gewesen sein muss, zeige auch, dass sich «Carlos» dabei selbst einen Finger gebrochen habe.

«Verletzungen in Kauf genommen»

Die Verteidigung forderte vergeblich lediglich eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung. Für das Gericht war klar, dass «Carlos» aufgrund seines Kampfsporttrainings wusste, welche Verletzungen durch einen Schlag an den Kopf möglich sind. Diese habe er in Kauf genommen und sich damit der versuchten schweren Körperverletzung schuldig gemacht, urteilte das Gericht. Es folgte damit der Staatsanwaltschaft.

Das Bezirksgericht verurteilte den 21-Jährigen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Die Zeit, die er wegen des Vorfalls bereits im Gefängnis sass – immerhin 342 Tage – wird ihm angerechnet. Ausserdem muss er seinem Opfer neben Schadenersatz eine Genugtuung von 3000 Franken plus Zinsen bezahlen.

Reduziert wurde die Strafe durch eine verminderte Schuldfähigkeit. Gemäss einem psychiatrischen Gutachten leidet «Carlos» an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Er nehme seine Umwelt als Bedrohung wahr und habe immer das Gefühl, sich wehren zu müssen.

«Er schätzt die Situationen falsch ein. Das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben», sagte der Staatsanwalt, der eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten gefordert hatte, in seinem Plädoyer.

Für ihn ist «Carlos» zwar kein «Vollpsychopath, der sich wahllos Opfer herauspickt», er habe aber ein gröberes Problem. «Das grösste Problem dabei ist, dass er das nicht einsieht und sich nicht helfen lassen will.»

ARCHIVBILD ZUR SDA-MELDUNG UEBER DEN JUGENDSTRAFTAETER CARLOS AM 01. FEBRUAR 2017 --- Gerichtszeichnung von Linda Graedel:

Carlos auf einer Gerichtszeichnung eines Falls aus dem Jahr 2015. Bild: KEYSTONE

Verwahrung nicht «verhältnismässig»

Der Staatsanwalt brachte daher auch das Thema «Verwahrung» auf den Tisch, denn mit einer simplen Freiheitsstrafe – «egal wie hoch» – sei es nicht getan. «Carlos» sei weder therapiewillig noch -fähig. Allerdings sei im vorliegenden Fall eine Verwahrung nicht verhältnismässig, denn der 21-Jährige habe seit fünf Jahren kein vorsätzliches Gewaltdelikt mehr verübt.

Auch könne er nichts dafür, dass er der bekannteste Straftäter der Schweiz sei. «Bei einer anderen Person wäre eine Verwahrung gar kein Thema», sagte der Staatsanwalt. Er sprach an die Adresse von «Carlos» dennoch eine Warnung aus: Wenn es erneut zu einem solchen Vorfall kommen sollte, dann müsse eine Verwahrung ernsthaft geprüft werden.

«Er schätzt die Situationen falsch ein. Das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben.»

Der Staatsanwalt

Dem schloss sich der Richter an. Jetzt sei eine Verwahrung zwar völlig unverhältnismässig, «sie könnte dann aber schon mal ein Thema sein», sagte er. Generell frage man sich, was man mit dem jungen Mann machen solle. Der Richter räumte denn auch ein: «Wir sind ratlos».

Zwar gäbe es Massnahmen, um die Defizite von «Carlos» aufzuarbeiten, beispielsweise im schulischen Bereich aber auch bei seiner Persönlichkeit. Allerdings torpediere er diese immer wieder, da er therapieunfähig sei. (sda)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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21
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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sambeat 06.03.2017 22:33
    Highlight Ich gebe zu, ich bin -wie alle hier- nicht wirklich hautnah an diesem Geschehen dabei, aber ich erlaube mir trotzdem diese Weissagung: Dieses Urteil nützt absolut nichts! Er wird weiterhin Straftaten begehen...
    34 6 Melden
  • stamm 06.03.2017 22:32
    Highlight ``Er nehme seine Umwelt als Bedrohung wahr und habe immer das Gefühl, sich wehren zu müssen``? Dann ist ja das Kampfsport-Sondersetting genau das Richtige. Dann kann er sich wenigstens wehren.... Warum werden Richter, Aerzte und Therpeuten nie in die Verantwortung gezogen? Die sollen unser Gesetz sein und dann Einzelfälle en Masse!
    30 23 Melden
    • dä dingsbums 06.03.2017 23:02
      Highlight Wozu brauchen wir überhaupt Richter, Ärzte und Therapeuten?

      Wir Kommentarschreiber wissen doch eh besser Bescheid als all diese ausgebildeten Fachleute die sich mit dem Fall beschäftigen.

      Ausserdem haben wir noch nie eine Situation oder einen Menschen falsch eingeschätzt.
      30 18 Melden
    • stamm 06.03.2017 23:39
      Highlight Das stimmt....was du aber vergessen hast, dass ich um dies zu erforschen keine 5 Jahre zur Schule musste, ich solche falsche Einschätzungen selber ausbaden muss und ich mit dem einschätzen kein Geld verdiene. Wenn aber ein studierter solche Leute falsch einschätzt, ist es ein Pfeiffe in seinem Beruf und sollte noch ein paar zusätzliche Kurse besuchen....
      18 12 Melden
  • pamayer 06.03.2017 20:31
    Highlight Therapieunfähig.

    Sag ich auch mal, wenn ich einen groben Scheiss gemacht habe.
    41 19 Melden
    • Entenmann 06.03.2017 21:42
      Highlight Superidee, wenn Sie eine unbedingte Freiheitsstrafe oder gar eine Verwahrung riskieren wollen. Ausserdem hat das nicht Carlos gesagt, sondern der Richter.
      35 2 Melden
    • Saraina 06.03.2017 21:58
      Highlight Sei froh, dass du's nicht bist. So ein Leben ist kein Zuckerschlecken. Vor einer Verurteilung hat ihn die Diagnose ja nicht gerettet, und eine Verwahrung steht auch schon zur Diskussion.
      23 2 Melden
  • LubiM 06.03.2017 19:07
    Highlight Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass der Richter ihn ausdrücklich gewarnt hat: Beim nächsten mal wird über Verwahrung geredet... obs das bringt bei ihm?
    59 3 Melden
  • DieWaage 06.03.2017 18:27
    Highlight Erscheint mir als sehr milde Strafe. Mir tut das 2018/19 Opfer bereits jetzt leid.
    126 16 Melden
    • Corrado 06.03.2017 19:00
      Highlight Die Taten sind total verwerflich, gehören bestraft. Doch was sagst du zu anderen Taten, die auch vor kurzem passiert sind: ein Mann tritt einen am Boden liegenden 12 Mal (12) mit Stahlkappenschuhen in den Kopf..... ein Dutzend Polizisten wurden zum Teil sehr schwer verletzt beim Einsatz an der Reitschule in Bern, so genannte Fans machen permanent Radau nach einem Fussball- oder Eishockeyspiel... bist du da auch auf der Opferseite? Dann bitte will ich deinen und euren Kommentar dazu doch auch mal sehen und hören!!! Habt ihr euch auch schon dagegen gewehrt?? Wohl kaum. Mainstream ist so einfach!
      29 52 Melden
    • DieWaage 06.03.2017 20:04
      Highlight Corrado bei dem Beispiel mit dem am Boden liegenden Mann der 12mal getreten wurde (mit Stahlkappen) bin ich auf der Seite des Opfers. Bei den Einsätzen rund um die Reitschule auf der Seite der Polizei. Radau nach einem Spiel? Wie definierst du das? Das Opfer wären lärmgeplagte Stadionanwohner? Auf der Seite der sogenannten Fans! Radau im Sinne von Pyromaterial in der Menge zu zünden und werfen? Dann auf der Seite des Opfers. Wow. Verstehe irgendwie dein Kommentar gar nicht auch nach mehrmaligem lesen.
      33 3 Melden
  • Amazing Horse 06.03.2017 15:55
    Highlight Liegt es an mir, oder hat Carlos bei dieser Zeichnung drei Arme?
    79 3 Melden
    • Nuscheltier 06.03.2017 19:19
      Highlight Ich glaube er bewegt den einen Arm nur sehr schnell hin und her
      30 0 Melden
  • Mr. Spock 06.03.2017 14:55
    Highlight Bitte keine Sondersettings mehr für Straftäter irgendeiner Art! Kosten und Nutzen dieser scheint nicht ausgeglichen zu sein! Gemäss neuer Forschungsergebnisse der positiven psychologie führt bei gewalttätigen kriminellen eine bemutterung zu mehr problemen als diese löst! Fall carlos scheint dies zu bekräftigen! Grundsätzlich sollte menschen mit Problemen geholfen werden, wenn diese dies jedoch nicht zulassen... müssen sie mit den vollen konsequenzen ihres handelns leben!
    99 35 Melden
    • ands 06.03.2017 18:26
      Highlight Der Fall Carlos ist ein schlechtes Beispiel, um die Wirksamkeit von Sondersettings zu widerlegen. Die Massnahme wurde ja frühzeitig abgebrochen.
      64 33 Melden
    • Walter Sahli 06.03.2017 19:04
      Highlight Ausserdem gilt es das jugendliche Alter zu berücksichtigen.
      Und wenn man im Strafvollzug beginnt, von Kosten und Nutzen zu sprechen, landet man sehr schnell bei Systemen, die man nicht als zivilisiert bezeichnen kann. Aber vielleicht kann uns ja Mr. Spock erklären, wie man mit solchen Typen umgehen soll, damit es besser rauskommt.
      35 24 Melden
    • dä dingsbums 06.03.2017 19:52
      Highlight Das Sondersetting war einzige was anfangs genützt hat. Dann kam der DOK, die mediale Empörung und die Politiker...
      30 36 Melden
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