Schweiz
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Der 17-jaehrige Carlos beim Kampfsporttraining in Reinach BL, Screenshot aus der Sendung ''Reporter'' vom Sonntag, 25. August 2013 des Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Die Resozialisierungsmassnahmen des 17-jaehrigen Zuerchers , welcher durch einen Fernseh-Dokumentarfilm unter dem Pseudonym

Der schweizweit berühmt gewordene Carlos beim Thaibox-Training während seines Sondersettings der Zürcher Jugendanwaltschaft.  Bild: SRF

Vielleicht kommt «Carlos» heute zurück ins teure Sondersetting. Nur, wer ist dann eigentlich der Dumme? 

Der jugendliche und von den Medien ins Gefängnis geschriebene Straftäter Carlos steht heute vor Gericht. Er muss sich für die Zerstörung einer Zelle verantworten, in der er nie hätte sitzen dürfen. 



«Carlos» ist kein Heiliger. Carlos lernte besser mit Fäusten zu sprechen als mit Worten. Doch Carlos war auf gutem Wege, bevor sei Anwalt Hansueli Gürber ihn am 25. August 2013 als Therapie-Erfolgsbeispiel in einer SRF-«Reporter»-Sendung vorführte und ein «Blick»-Reporter in tags darauf zum «Fall Carlos» hochschrieb – zu Carlos, dem Verbrecher, dem man in einem teuren Sondersetting auch noch ein schönes Leben machte. 

Fakt ist, dass Carlos' richtiger Name überhaupt nicht spanisch klingt. Und dass, je nach dem, wie das Bezirksgericht heute entscheidet, Carlos wieder genau da ankommt, wo er vorher war: In einem teuren ambulanten Sondersetting. Nur, wer ist dann eigentlich der Dumme? 

Es ist kein komplizierter Fall, den das Bezirksgericht Dietikon heute behandelt. Es geht um mehrfache Sachbeschädigung, Drohung und Behinderung einer Amtshandlung. Davon gibt es jährlich Hunderte. Drohungen wie die, für die Carlos heute vor Gericht steht, kommen in den schummrigen Ecken der Zürcher Langstrasse jedes Wochenende vor. 

Doch hier geht es um Carlos, um den, der völlig unvorbereitet für ein Exempel an der Schweizer «Kuschel-Justiz» herhalten musste, den man dann einzig und allein aufgrund des daraus entstandenen öffentlichen Drucks zurück ins Gefängnis steckte und später in eine stationäre Massnahme, in der er durchdrehte und sein Zimmer zu Kleinholz hackte. Dafür muss er heute gerade stehen. Doch die von der Zürcher Justizdirektion verhängte und vom Obergericht bestätigte Inhaftierung aufgrund des Medienrummels war unrechtmässig, wie das Bundesgericht am 18. Februar 2014 entschied. Carlos hätte gar nie in der Zelle sitzen dürfen, die er zerstört hatte. 

Und jetzt soll er wieder rein. Im Oktober 2014 soll er einen Mann in der Langstrasse bedroht haben und danach geflüchtet sein. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Geldstrafe für Carlos und eine elfmonatige Haftstrafe, die zugunsten einer ambulanten Behandlung aufgeschoben werden soll. Eine erneute Therapie also, nach Artikel 63 im Strafgesetzbuch anwendbar für psychisch schwer gestörte Täter und Drogensüchtige. 

Was genau sich der Staatsanwalt unter dieser ambulanten Therapie vorstellt, wird er erst heute vor Gericht ausführen. Ironischerweise könnte sie ganz ähnlich aussehen, wie das Sondersetting, das Gürber damals für ihn kreierte. Mit anschliessendem elfmonatigem Gefängnisaufenthalt.

Wer ist dann der Dumme? Ist es Hansueli Gürber, der seinen Therapiemusterknaben allzu naiv im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorzeigte? Oder ist es sein ehemaliger Chef, der Grüne Martin Graf, der damalige Zürcher Regierungsrat und Justizdirektor, der seinen Mitarbeiter nicht stützte, sondern ihn unter dem medialen Druck fallen liess und das Sondersetting ebenfalls verurteilte? Oder sind es etwa die Medien, die den «Fall Carlos» erst skandalisierten?  

Oder sind es wir, die Gesellschaft, die jugendliche Straftäter zwar hervorbringt, aber nachher nicht mit ihnen umzugehen weiss? Die sie lieber für immer wegsperrt, als dass einer, wie es der inzwischen pensionierte Hansueli Gürber tat, die Verantwortung für sie übernehmen würde? Die Schweizer Gefängnisse sind zum Bersten voll. Junge Männer warten unter Umständen bis zu einem Jahr in Haft, bis sie ihre Therapien überhaupt beginnen können

Es sind Jugendliche in stationären Massnahmen, denen, wie bei Carlos ein angespannter Psychiater ein Gutachten ausstellt, mit dem sie es kaum je wieder aus der Massnahme raus schaffen. Doch Wegsperren ist keine Lösung – und schon gar keine billige. Jugendliche Straftäter haben eine zweite Chance verdient, manchmal auch eine dritte und eine vierte. Wenn nur jeder vierte bis zum 25. Altersjahr sozialisiert werden kann, ist das insgesamt immer noch günstiger, als die Schäden lebenslanger Kriminalkarrieren und die damit einhergehenden Haftstrafen zu finanzieren. 

Welches Urteil das Bezirksgericht Dietikon heute auch immer fällt: Es sollte auf Therapie statt Strafe für den 19-Jährigen setzen. 

Sonst sind wir am Ende alle die Dummen. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • dockyard____ 28.08.2015 11:19
    Highlight Highlight Unsere ganze Diskussion sollten wir doch auf später verschieben?! Beginnen wir doch erst, wenn das Zürcher Gericht ihr Urteil gefällt hat;)
  • Asmodeus 28.08.2015 10:10
    Highlight Highlight Sondersetting? JA
    Kampfsportausbildung in so einem Milieu? NEIN

    Wir müssen hier den grauen Bereich finden. "Carlos" ist kein Opfer der Gesellschaft die ihn weg schliessen will. Er ist ein Junge/Mann mit ernsthaften psychischen Problemen.

    Es ist wichtig, dass er betreut und therapiert wird. Dies liegt im Sinne der Allgemeinheit.

    Aber es liegt ebenfalls im Sinne der Allgemeinheit, dass man eine labilen Mann nicht noch gefährlicher macht, als er es vorher war.

    Gerade sein Trainer ist ja alles andere als ein unbeschriebenes Blatt.
  • Str ant (Darkling) 28.08.2015 10:08
    Highlight Highlight Krebskranke erhalten heutzutage ein "Stempfel" wieviel sie Geld sie beanspruchen dürfen für die Massnahmen und Medikamente die sie zum überleben brauchen.
    Es ist in diesem Zusammenhang nicht zu abwegig das kosteneffektive Lösungen auch im Strafvollzug angewendet werden.
    • poga 28.08.2015 11:13
      Highlight Highlight @ christian grey zahlen sie keine Krankenkasse ein?
  • Wilhelm Dingo 28.08.2015 10:03
    Highlight Highlight Ja, auch jugendliche kriminelle sollen eine 2., 3. oder 4. Chance bekommen. Das ist ja an sich richtig. Aber ich denke man muss das Mass wahren. Nur schon das faire Angebot für eine Ausbildung oder eine vorübergehende Finanzierung durch das Sozialamt sollten eigentlich reichen. Wenn das nicht reicht, kommt halt die Strafe.
  • atomschlaf 28.08.2015 09:57
    Highlight Highlight Ist "Carlos" mittlerweile nicht ohnehin zu alt für ein Sondersetting?
  • skibba 28.08.2015 09:23
    Highlight Highlight da ersticken 70 flüchtlinge qualvoll in einem lastwagen und wir diskutieren zum gefühlten 26543. mal den 'fall carlos'? wirklich?
  • Hugo Wottaupott 28.08.2015 09:21
    Highlight Highlight am meisten reut mich der Lohn der/die/das Linguisten/Innen/S fürs wort Sondersetting.
  • Karl33 28.08.2015 08:35
    Highlight Highlight Naja, ist wohl viel Steuergeld, aber das fliesst ja wieder zurück in die Privatwirtschaft zu einer Firma mit Wohltäterinnen und Wohltätern, die 250 Stutz in der Stunde verrechnen. Zumindest die sind nicht die Dummen.
  • dimitris muse 28.08.2015 08:03
    Highlight Highlight Carlos wird der Verlierer bleiben. Nach alldem was ihm die skandalgeilen Boulevardmedien angetan haben, wird Carlos mal wieder der Verlierer sein( und bleiben).
    • atomschlaf 28.08.2015 09:59
      Highlight Highlight Das waren nicht nur die Boulevardmedien sondern auch und vor allem der grüne Ex-Regierungsrat mit Null Rückgrat!
  • Namenloses Elend 28.08.2015 07:55
    Highlight Highlight Ich denke einen solchen Text kann nur jemand verfassen, der noch nie Gewalt erleiden musste. Heute wurde noch ein anderes Urteil gefällt. 10 Monate teilbedingt für eine Person die sieben mal mit einem Messer in den Hals und Kopf des Opfers gestochen hat. WTF??? Glaub mir wenn jemand von deiner Familie oder du selber mal bleibende Schäden einer unnötigen Attacke davonträgst, änderst du deine Meinung.
    • Namenloses Elend 28.08.2015 12:04
      Highlight Highlight @ d00a

      Nein meine Worte waren an die Autorin gerichtet. Wenn ich folgendes lese:

      " Jugendliche Straftäter haben eine zweite Chance verdient, manchmal auch eine dritte und eine vierte. Wenn nur jeder vierte bis zum 25. Altersjahr sozialisiert werden kann, ist das insgesamt immer noch günstiger, als die Schäden lebenslanger Kriminalkarrieren und die damit einhergehenden Haftstrafen zu finanzieren. "

      Da hört mein Verständnis auf. Die geschädigten Personen leiden unter Umständen ein Leben lang an den Folgen. Hier von Kosten zu sprechen finde ich fehlplatziert.

      Ich möchte mich einfach generell gegen Gewalt aussprechen. Und ja ich finde, dass Gewaltdelikte stärker bestraft werden sollen. Das andere Gewaltdelikt zeigt eben genau auf wie lasch hier die Justiz durchgreift
  • nay 28.08.2015 07:07
    Highlight Highlight Es wird wohl leider so rauskommen, dass wir am Schluss alle die Dumen sind.
  • Tilia 28.08.2015 06:39
    Highlight Highlight wie recht du hast rafaela!
  • Pana 28.08.2015 06:36
    Highlight Highlight Eine beispielslose Medienhetze war das. Geprägt von einem geradezu unglaublich idiotischen Rassismus (der Junge ist nicht weniger schweizerisch als ein Roger Federer), und einer rachegeilen, nach Blut lechzender Öffentlichkeit bzw Boulevard Leserschaft. Man könnte wirklich vieles noch zu dem Thema schreiben. Ich unterlass dies jedoch vorerst und freue mich auf eure alternative bzw faire Berichterstattung.
    • poga 28.08.2015 08:59
      Highlight Highlight Es kann durchaus sein dass dieser Junge so schweizerisch wir RF ist. Ich denke auch dass der Abbruch des Sondersettings ein Fehler war. Och bin aber schockiert dass mit solchen Sondersettings usw gerademal ein Viertel "resozialisiert" werden kann. Aber hallo für eine Million sollte da bedeutend mehr drinn liegen. Und darum kam es auch zur Medienhetze. Für solche Beträge sollten auch Resultate folgen.
    • Dä Brändon 28.08.2015 09:26
      Highlight Highlight Das hat nichts damit zu tun wie schweizerisch er ist. Carlos, oder wie er auch immer heissen sollte, ist ein Verbrecher und dazu uneinsichtig. Er ist erwachsen genug um sich an den Riemen zu reissen, er hatte genug Zeit den Medien den Wind aus den Segeln zu nehmen, er war zu stolz dafür, also tut's jetzt umso mehr weh.

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