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Das Leid des Boulevard-Journalisten: Wie sich der «Blick» im Fall Rupperswil ins Fettnäpfchen simste



Im Boulevard-Journalismus gilt das eherne Prinzip: «Kein Bild, keine Story». Das gilt sowohl bei Alkohol-Eskapaden von Fussballstars, Busenblitzern jedwelcher Art als auch für Schicksalsgeschichten, Unfälle und dergleichen – im Fachjargon wird das Ressort auch «Blut und Sperma» genannt.

Da Boulevardjournalisten gleich wie alle anderen entlassen werden, wenn sie keine Stories publizieren, graben sie hartnäckiger nach Bildern, als ihre gemässigteren Berufskollegen. Dabei geht der Schuss hin und wieder auch nach hinten los.

So auch im Fall Rupperswil: Nachdem die Kantonspolizei Aargau am Freitagnachmittag ihren Ermittlungserfolg bekannt gab, begann für die Journalisten erst die eigentliche Recherchearbeit. Der Name des mutmasslichen Täters war schnell eruiert, auch ein Foto hatten die «Blick»-Journalisten offenbar vorliegen, nur liess es sich nicht zweifelsfrei dem mutmasslichen Täter zuordnen. 

Also erkundigte man sich bei dem Seniorenobmann des SC Seengen, bei dem Thomas N. als Juniorentrainer und Koordinator tätig war. Blöd nur, dass der Obmann hauptberuflich Redaktor beim «Tages-Anzeiger» ist – und die SMS-Konversation auf Twitter veröffentlichte.

Die Unterhaltung gibt einen Einblick, welche Tricks angewendet werden, um an ein Bild zu kommen: Wenn er nicht wolle, dass ein Unschuldiger an den Pranger gestellt wird, dann solle er doch – «um Himmels Willen» – ein richtiges Foto zur Verfügung stellen. 

Auf Twitter und Facebook wurde die veröffentlichte Passage rege kommentiert – vornehmlich unter Journalisten und Kommunikationsspezialisten. Der Tenor: Ein bisschen Ekel, ein bisschen Unverständnis, ein bisschen Empörung – und wohl auch etwas Schadenfreude darüber, dass ein Journalist ausgerechnet an einen Journalisten geraten ist.

Ehemaliger Chefredaktor St.Galler Tagblatt.

Mitinhaber der PR-Agentur Furrer Hugi.

Dass es der «Tages-Anzeiger»-Journalist unterliess, die Namen der Beteiligten – des mutmasslichen Täters und des Blick-Journalisten – zu schwärzen, eröffnete dann noch einen Nebenschauplatz. Der Vorwurf an die Adresse des Tagi-Journalisten: Mit seinem Tweet sei er weiter gegangen als der «Blick», der den Nachnamen des mutmasslichen Täters bislang nicht ausschreibt. 

Freischaffender Photograph, u.a. für den «Blick»

Web-Developer, ehemals «Blick»

Der betreffende «Blick»-Reporter wollte gegenüber watson keine Stellung nehmen. Seitens der Ringier-Kommunikationsabteilung heisst es lapidar: «Wir legen Wert darauf, dass berufliche und ethische Standards eingehalten werden.» Mit dem Kollegen habe man dazu bereits ein Gespräch geführt.

Auf die Frage, weshalb er die Konversation veröffentlichte, sagte der «Tages-Anzeiger»-Journalist, es gehe nicht an, mit solchen Methoden zu arbeiten: «Dass wir uns als Sportclub unterstellen lassen mussten, wir schützten einen Verbrecher, hat mich dazu bewogen, an die Öffentlichkeit zu gehen.»

Dass er mit seinem Tweet den Nachnamen des Täters verbreitete, sei für ihn vertretbar: «Als Person der Zeitgeschichte darf man so jemanden meiner Meinung nach beim Klarnamen nennen.» Ausserdem schütze es andere Personen mit gleichem Namen: «Thomas N. trifft auf Dutzende Fussballtrainer im Kanton Aargau zu.»

Beim Namen des «Blick»-Journalisten – auch das ein Kritikpunkt auf Social Media – habe er hingegen keine Sekunde gezögert: «Ich würde den Namen auch heute sofort wieder publik machen. Ich lasse mir nicht drohen.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Pasch 20.05.2016 18:58
    Highlight Highlight Wo ist Erdogan wenn man ihn braucht?
  • Midnight 19.05.2016 06:48
    Highlight Highlight Deshalb habe ich nie zu den Blicklesern gehört! Der Blick ist bei mir etwa so beliebt wie die ewige SVP Propaganda im Briefkasten...
  • Therealmonti 18.05.2016 18:18
    Highlight Highlight Watson macht mit diesem Artikel billige Kollegenschelte – nicht gerade die feine Art von Journalismus.
    • giguu 18.05.2016 21:13
      Highlight Highlight Hat nichts mit Kollegenschelte zu tun. Der Blick geht über Leichen für "gutes Material". Ich weiss von einem Unfall mit Todesfolge, wo Nachbaren angerufen wurden für gutes Material und Infos zur Ehe usw dieser Person. Einfach widerlich und gut, dass Watson solches anspricht! Bravo
  • TurnOver87 18.05.2016 13:19
    Highlight Highlight Meiner Meinung nach kann man den vollwertigen Namen auch publik machen..(Natürlich erst nach Urteilsverkündung)

    Warum soll ich als Bürger nicht wissen sollen, dass XY, mein langjähriger Nachbar, ein Psychopath war?
    • Floatingsissy 19.05.2016 01:05
      Highlight Highlight Was geht dich das an was dein Nachbar tut?
    • TurnOver87 19.05.2016 08:36
      Highlight Highlight Grundsätzlich nichts Float, aber warum soll man den Täter noch schützen? Hat er es denn verdient? Ganz klar Nein!
  • cassio77 18.05.2016 11:57
    Highlight Highlight Und irgendwann räblet's beim Blick, dessen Mitarbeitern und bei den Ringiers. Und dann heisst's nur noch: und sie wurden die Geister nicht mehr los, die sie riefen. Die sozialen Netzwerke werden in Zukunft dafür sorgen, dass solche Kreaturen eins oder zwei auf die Schnauze kriegen... traurige Entwicklung, aber absehbar!
  • c_meier 18.05.2016 11:31
    Highlight Highlight Liebes Watson.
    Einerseits schreibt ihr immer wieder man sollte dies und das nicht machen und kritisiert andere Medien... Anderseits habt ja auch ihr das Foto mittlerweile übernommen (ZVG was auch immer das heisst...). Und ob das Foto der Anwältin so publik gemacht werden muss, ist ja auch eine andere Frage...
    • Visa 18.05.2016 12:19
      Highlight Highlight Zur Verfügung gestellt
    • Pisti 18.05.2016 12:32
      Highlight Highlight Der Anwältin kann es ja nur nutzen, wenn Sie in die Medien kommt. Bestes Beispiel ist doch Landmann der hat schon Nazis verteidigt, oder ist schon wegen irgendwelchen lächerlichen Nachbarschaftsstreitereien in den Medien gewesen. Geschadet hat es seiner Karriere sicher nicht, dürfte wohl einer der erfolgreichsten Anwälte in der Schweiz sein.
    • Joseph Dredd 18.05.2016 12:49
      Highlight Highlight "Zur Verfügung gestellt"
    Weitere Antworten anzeigen
  • So en Ueli 18.05.2016 11:08
    Highlight Highlight Wer liest schon den Blick? Und überhaupt finde ich es legitim Journalisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, wenn diese zu weit gehen. Und das dieser Blick Journalist zu weit ging ist ja offensichtlich. Seine Methode war wirklich unter aller Sau.
    • Nick Name 18.05.2016 19:13
      Highlight Highlight Grundsätzlich einverstanden - aber das grosse Problem ist die Antwort auf die Eingangsfrage: Leider viel zu viele. Oder besser gesagt: Leider nehmen das Zeug viel zu viele immer noch viel zu ernst.

      Und btw: "Seitens der Ringier-Kommunikationsabteilung heisst es lapidar: «Wir legen Wert darauf, dass berufliche und ethische Standards eingehalten werden.» "
      Wenns nicht traurig wär wegen der realen Folgen, die Ringier zu verantworten hat aufgrund von ... Erzeugnissen aus eigenem Haus, könnt ich mich kaum halten vor Lachen ob dieser Aussage.
  • Taeb Neged 18.05.2016 10:47
    Highlight Highlight Ich sage dazu nur, dass die meisten Journalisten wärend der Karriere den Arbeitgeber mehrfach wechseln. Wenn also Scheisse auf Scheisse scheisst, dann bleibt Scheisse übrig. Bitte Daumen und Zeigefinger weg von der Nase, dann riecht man es auch.
    • Taeb Neged 18.05.2016 16:10
      Highlight Highlight @Wurst Das glaube ich auch. Meine Aussage betrifft eigentlich die Journalisten per se. Journalistin bekämpfen sich gegenseitig und das je nach dem wo sie gerade in Lohn und Arbeit stehen.
  • PHM 18.05.2016 10:45
    Highlight Highlight Na ob skandalisierender Meta-Boulevardjournalismus dann so viel besser ist als der eigentliche Boulevardjournalismus?

    Versteht mich nicht falsch... auch ich habe den Artikel mit Genugtuung gelesen, ich glaube so ein Impuls ist menschlich. Überhaupt bin ich (fast) immer auf der moralischen und politischen Linie von Watson.

    Aber der Beitrag hier, in Kombination mit dem Interviews-mit-Rupperswilern-Artikel von letzter Woche, lässt so einen leicht schalen Nachgeschmack aufkommen.
  • azoui 18.05.2016 10:26
    Highlight Highlight Die Argumentation des Tagi Redaktors, warum er beide Namen veröffentlicht hat, kann ich voll und ganz nacgvollziehen.
    • demokrit 18.05.2016 11:14
      Highlight Highlight Überhaupt nicht, bei dieser Argumentation fällt seine Kritik am Blick in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
    • demokrit 18.05.2016 15:35
      Highlight Highlight Zwischen einem veröffentlichten Namen und einem Gesicht besteht mE jetzt kein relevanter Unterschied. Seine Schutzbehauptung mit dem öffentlichen Interesse kann man auf beides anwenden.
  • Calvin Whatison 18.05.2016 10:21
    Highlight Highlight Blick ist, war und bleibt ein Schmuddelblatt erster Klasse. Nein Danke.
    • Eskimo 18.05.2016 10:25
      Highlight Highlight Aber die meisten haben sich die Bildli im Blick trotzdem angesehen und vielleicht sogar mehr als nur den Titel gelesen...
      Die Neugier ist eben menschlich.
    • Texaner 18.05.2016 11:13
      Highlight Highlight Blick ist wie ein Unfall...keiner sieht es gerne und dennoch schaut jeder hin!

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