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Schweiz
Offen gesagt

Opernhaus bleibt offen: Trotz Coronavirus und mit einem Trick

Offen gesagt

«Lieber Herr Homoki, schliessen Sie das Opernhaus – sofort ...»

Wegen des Coronavirus soll die Jugend auf Clubs, Konzerte und Fasnacht verzichten. Um die Seniorinnen und Senioren vor der Ausbreitung des Virus zu schützen. Dass diese dann selbst weiter in die Oper gehen, birgt Potential für eine ungute Debatte.
06.03.2020, 19:5206.03.2020, 21:44
Maurice Thiriet
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Maurice Thiriet
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Lieber Herr Homoki

Meine Grossmutter hat am Wochenende Geburtstag, sie wird 99 Jahre alt. Wenn wir sie besuchen im Altersheim, dann spielen wir mit ihr jeweils «Eile mit Weile» und lassen uns von ihr lehrmeistern und versuchen zu mogeln, ohne dass sie es merkt. Aber sie merkt es immer.

Ich weiss nicht, ob Sie auch gerne «Eile mit Weile» spielen oder welche Qualifikationen man als Intendant eines Opernhauses von Weltformat mitbringen muss, aber ich nehme an, dass Sie ein humanistisch gebildeter Mann sind.

Dann kennen Sie bestimmt auch die Geschichte von Menenius Agrippa, der irgendwann im fünften Jahrhundert den Auftrag hatte, die streikenden Plebejer-Infanteristen zurück in den Dienst zu reden, da ansonsten das römische Heer handlungsunfähig und das Weltreich dem sicheren Untergang geweiht gewesen wäre.

Menenius Agrippa überzeugte die geschundenen, einfachen Leute mit einer guten Story. Demnach habe in grauer Vorzeit ein jeder Körperteil seinen eigenen Willen besessen und da habe es auch Streit gegeben, weil die anderen Körperteile den Magen für einen faulen Sack hielten, der sich nur an allem labe, was Hände, Mund und Zähne ihm zuführten. Danach verweigerten sie ihren Dienst und fütterten den Magen nicht mehr. Mit der Konsequenz natürlich, dass bald der ganze Körper verweste.

Vor einer ähnlichen Situation stehen wir nun im Angesicht der Corona-Epidemie. Nur wenn alle Bevölkerungsteile und Institutionen solidarisch mithelfen, ihren Beitrag zur Verlangsamung des Epidemie-Verlaufs beizutragen, kann es gelingen, das Gesundheitswesen vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Und damit auch die Wirtschaft und unser Leben, wie wir es kennen.

Wenn Sie nun das Opernhaus offen halten mit der Begründung, man lasse ja nur noch 900 Leute aufs Mal herein und man könne das kulturelle Leben ja nicht einfach abstellen, dann gehen Sie mit historisch aufgeladenem, klassensymbolischem Beispiel voran und tragen zu einer zerstörerischen Debatte – ähnlich unfruchtbar wie der Streit der Organe – bei.

Denn dann kommen bald die Jungen und sagen: Warum müssen wir auf die Fasnacht und den Ausgang verzichten, um die verletzlichen Seniorinnen und Senioren vor dem Virus zu schützen, während diese weiter jeden Abend schön in die Oper gehen?

Dann kommen die Club-Besitzer und sagen, stimmt, warum eigentlich? Und halten ihre Clubs für nationales und internationales Publikum offen.

Dann kommen die Feministinnen und sagen, sie dächten nicht daran, ihre Riesen-Demonstrationen am Wochenende abzusagen, solange die patriarchal-unterdrückerische Kulturmaschinerie weiterlaufe.

Und dann folgen andere, die, wie die Messebranche und Sportverbände, aus wirtschaftlicher Not mit in die Debatte einsteigen, ob denn diese Verbote von Menschenansammlungen sinnvoll oder gerecht oder zu befolgen seien oder nicht.

Dann ist die Solidarität weg und das verunmöglicht die Arbeit derjenigen, die von Berufs wegen versuchen, eine unkontrollierte Verbreitung des Virus und damit den Ausnahmezustand zu verhindern.

Ich habe mich sehr auf den «Eile mit Weile»-Nachmittag mit unserer Gross- und Urgrossmutter gefreut und sie sich auch, nehm' ich an. Trotzdem werde ich den wohl auslassen, um unsere Gross- und Urgrossmutter und ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner im Altersheim keiner Gefahr auszusetzen.

Meine Grossmutter würde sich sehr freuen, auch am 100. Geburtstag mit uns «Eile mit Weile» zu spielen und uns beim Mogeln erwischen zu können. Aber die Chancen, dass sie das kann, sinken, wenn Sie Ihren Betrieb aufrechterhalten.

Schliessen Sie deshalb bitte das Opernhaus – sofort.

Mit freundlichen Grüssen

Ihr Maurice Thiriet

Anmerkung: Die Vorstellung des «Nussknackers» musste heute wegen eines Coronavirus-Verdachtsfalls im Ensemble abgesagt werden. Das Publikum hatte sich bereits eingefunden. Alle Informationen zur aktuellen Lage gibt's im Liveticker:

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86 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Else
06.03.2020 19:40registriert August 2017
Maurice Thiriet, ich war seit den kurzen Hosen im Büro nicht mehr so einig mit Ihnen wie jetzt. Bravo!
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So oder so
06.03.2020 19:03registriert Januar 2020
Was bekommt das Opernhaus pro Jahr an Subventionen ?
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Miss Anthrop
06.03.2020 21:57registriert Juni 2018
Nächstes Jahr dürfen Sie leider nicht mehr mit Ihrer Grossmutter Eile mit Weile spielen, da die obere Altersgrenze bei 99 Jahren liegt :(
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