Schweiz
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Vorwurf der «Apartheid»: Künstler kritisieren Kooperation des Filmfests Locarno mit Israel



Schweizer Filmschaffende, unter ihnen Stina Werenfels und Romed Wyder, haben am Freitag in Locarno die Zusammenarbeit des Festivals mit dem Israel Film Fund beim Programm First Look scharf kritisiert. Das Filmfestival sieht seine Unabhängigkeit jedoch nicht in Gefahr.

Der Appell der Filmschaffenden unter dem Titel «Keine Carte Blanche für die israelische Apartheid» war bereits im Frühling lanciert worden und ist inzwischen weltweit von rund 400 Filmschaffenden unterzeichnet worden – unter ihnen Ken Loach, Elia Suleimani, Jean-Luc Godard, Alain Tanner, Rolf Lyssy und Samir.

Producer Samir, actors Lars Eidinger, Urs Jucker, Jenny Schily, director Stina Werenfels and actress Victoria Schulz (L-R) pose during a photo call to promote the in-panorama film

Produzent Samir, die Schauspieler Lars Eidinger, Urs Jucker und Jenny Schily, Regisseurin Stina Werenfels und Darstellerin Victoria Schulz bei der Vorstellung des Filmes «Dora or The Sexual Neuroses of Our Parents» bei der Berlinale im Februar 2015. Bild: STEFANIE LOOS/REUTERS

An einer Medienkonferenz der gegen Israel gerichteten Boykottbewegung BDS Schweiz zeigte sich Regisseurin Stina Werenfels am Freitag in Locarno «schockiert» über die Zusammenarbeit des Festivals mit vom israelischen Staat finanzierten Institutionen. Auch in der «neutralen Schweiz» dürfe man den politisch fragwürdigen Kontext nicht negieren.

Werenfels verzichtet aber darauf, das Festival deswegen zu boykottieren, wie sie der Nachrichtenagentur sda sagte. Ihr Film «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» wird am Samstag im Rahmen von Panorama Suisse – der Werkschau von Swiss Films zum aktuellen Schweizer Films – gezeigt.

Director Stina Werenfels attends a news conference to promote the in-panorama film

Werenfels geht mit Israel hart ins Gericht. Bild: STEFANIE LOOS/REUTERS

Solari: keine «Carte Blanche»

Stein des Anstosses ist die Sektion First Look, die 2011 unter dem Namen Carte Blanche ins Leben gerufen wurde. Sie ist jedes Jahr einem anderen Land gewidmet und stellt eine Auswahl von Filmen in Postproduktion vor, welche die jeweiligen Produzenten in Locarno Vertretern der Filmindustrie präsentieren können. Zudem vergibt eine Jury Preise.

Dank einer Partnerschaft mit dem Israel Film Fund werden den Industrievertretern in Locarno dieses Jahr sechs Filme aus Israel in Postproduktion präsentiert. Die Sektion wurde inzwischen jedoch umgetauft – von Carte Blanche zu First Look. Dies, weil der Namenswechsel zu «falschen Interpretationen führen könnte», wie das Festival schreibt.

Der bisherige Name habe zu Missverständnissen geführt, begründete Festivalpräsident Marco Solari den Namenswechsel in Zeitungsinterviews. Es habe sich nie um eine «Carte Blanche» im Wortsinn gehandelt, denn in Locarno entscheide aus Prinzip stets die künstlerische Leitung über die Auswahl der Filme.

Festival director Marco Solari arrives on the Red Carpet at the Piazza Grande during the opening of the 68th Locarno International Film Festival in Locarno, Switzerland, Wednesday, August 5, 2015. The festival runs from 5 to 15 August. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Festivaldirektor Solari Bild: KEYSTONE

Auch unterstrich Solari, dass Locarno wie jedes andere Filmfestival mit länderspezifischen Promotionsorganisationen zusammenarbeite, welche die Filmproduktion eines Landes vertreten und gegenüber staatlichen Stellen eine gewisse Unabhängigkeit wahrten.

Jurymitglied Lapid sieht Gefahr im Kommerz

Diese Unabhängigkeit stellen die Kritiker im Falle von Israel in Frage, weil der Israeli Film Fund eine staatlich finanzierte Organisation sei, die auch von der Filmabteilung des israelischen Aussenministeriums unterstützt werde, das zwangsläufig ein Propagandainteresse habe.

In einem Gespräch mit der US-Branchenzeitschrift «Variety» verwehrte sich Katriel Schory, Direktor des Israel Film Fund, gegen den Eindruck, dass die Meinungsfreiheit für Filmemacher in Israel nicht gewährt sei. Er setze sich mit aller Kraft dafür ein und erachte die Demokratie in Israel für stark genug, um Konflikte auszuhalten.

Der israelische Regisseur Nadav Lapid, der in Locarno in der Internationalen Jury sitzt, sieht die Gefahr eher in einer zunehmenden Kommerzialisierung, «die uns indirekt entmutigt, kritische Filme über den Konflikt zu drehen», sagte Lapid gegenüber «Variety». 

(sda)

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