Schweiz
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Käse, Brot und abgestürzte Rinder – diese 2 Städter verbringen den Sommer auf der Alp

Sonnenaufgang auf der Alp Furggen bei Grengiols VS. Bild: watson / christoph bernet

Für drei Monate haben Carole Eggmann (26) und Dani Früh (35) ihre Altbauwohnung in Winterthur gegen eine Alphütte ohne Strom und Warmwasser hoch in den Walliser Alpen eingetauscht: Eine Reportage über Schnee im August, abgestürzte Rinder und die Sehnsucht nach einem Thermalbad.



«Kein Netz.» Nach der letzten Kurve der Alpstrasse, die sich vom Oberwalliser Dorf Grengiols 1600 Höhenmeter den Hang hoch ins Saflischtal windet, ist auch beim Blick aufs Handy klar: Hier endet die Zivilisation.

Früh hat es eingedunkelt an jenem Augustabend, ein kurzer Sommerregen fällt und kühlt die Luft auf 2300 Meter über Meer empfindlich ab. Am Hang leuchtet die Stirnlampe von Dani Früh, der in Regenmontur den Zaun einholt. Am nächsten Morgen bei Tagwacht um 5 Uhr morgens zeigen es die langsam verblassenden Sterne am Firmament an: Bald geht die Sonne an einem wolkenlosen Himmel auf.

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Sie wollen bald gemolken werden. Bild: watson / christoph bernet

Für rund 120 Milchkühe und Rinder sind Früh und seine Freundin Carole Eggmann von Ende Juni bis Mitte September zuständig, zusammen mit einer Sennin und einer weiteren Hirtin, beide aus Deutschland. Die Tiere auf der Alp Furggen gehören fünf Bauernfamilien aus dem Tal, die sich zu einer Alpgenossenschaft zusammengeschlossen haben.

Bei einem Treffen im Juni in Winterthur sagt Carole:  «Wie in den Anden soll es da oben angeblich aussehen.» Sie sitzt in ihrer geschmackvoll eingerichteten Wohnung mit Parkettboden. Eine Untermieterin ist bereits gefunden, das Wichtigste schon gepackt, bald geht es «z Alp». Zustande gekommen ist das Abenteuer via Internet: Das Paar schaltete ein Inserat auf einer Jobvermittlungsplattform für Alpberufe. Kurz darauf meldete sich eine Alpgenossenschaft bei ihnen.

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Bald geht es los auf die Alp: Dani Früh (links) und Carole Eggmann (rechts) in ihrem Garten in Winterhur. Bild: watson / christoph bernet

Bei ihrem Job im Service legt die 26-Jährige über den Sommer eine dreimonatige Pause ein. Dort verdient die ausgebildete Ergotherapeutin normalerweise ihr Geld, wenn sie nicht gerade im erlernten Beruf eine Stellvertretung übernimmt. Dani legt seinen Beruf als Zimmermann ebenfalls auf Eis. Seine Temporäranstellung bei einer Zimmerei hat er gekündigt. Er hofft, dass es im Herbst dort wieder Arbeit für ihn gibt.

Carole rechnet mit einem strengen Sommer: «Es wird sicher eine Grenzerfahrung.» Die Höhe, das frühe Aufstehen, das Melken, das Käsen, das Leben als Paar auf engstem Raum mit zwei ihnen bisher unbekannten Menschen: Das alles ist neu für die beiden. Die körperliche und psychische Gesundheit, die Gruppendynamik und die Frage, ob man sich die ganze Zeit für das harte Älplerleben motivieren kann, machen Carole und Dani am meisten Sorgen.

Die sympathischen Winterthurer über ihre Erwartungen an den Alpsommer

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Video: Angelina Graf

Alp-Neulinge sind sie aber nicht: Zwei Sommer haben sie bereits auf einer Alp in der Innerschweiz zugebracht. Dabei handelte es sich allerdings um eine Rinderalp mit bloss ein paar Kühen, wo wenig gemolken und nicht gekäst werden musste. Und weil die Alp auf bloss 1250 Metern über Meer liegt und es warmes Wasser und eine normale Dusche gab, betrachteten die beiden diese Erfahrung nur als Testlauf für einen «richtigen Alpsommer».

Einen solchen hat das Paar bekommen, das wird beim Besuch Ende August schnell klar: «Es ist eine sehr rauhe, eine sehr abwechslungsreiche Alp», sagt Carole. Man sei nahe an der Natur, am Leben und am Tod: «Deshalb ist es sehr intensiv hier oben und das gefällt mir gut.»

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Die Alphütte in der «Stafel Brunegge»: Die Alp Furggen besteht aus vier sogenannten Stafeln. Die Alp-Equipe wechselt alle paar Wochen zur nächsten Stafel, wo die Kühe wieder frisches Gras finden. Bild: watson / christoph bernet

Zwei Monate sind Dani und Carole jetzt bereits oben – und haben vieles erlebt: Die Totgeburt eines Kalbs, einen Wintereinbruch im August, als sie plötzlich inmitten von 20 Zentimetern Schnee aufwachten. Sie litten an Erkältungen, an Durchfall und mussten trotzdem immer aufstehen und ihre Arbeit machen. Ein Rind stürzte über einen Felsvorsprung direkt vor Danis Füsse – und verstarb später an den Folgen.

Das Alpleben bedeutet Verzicht: Die Notdurft wird auf einem Plumpsklo verrichtet, wer warm Duschen will, muss das Wasser dazu über einem Holzfeuer wärmen. Carole und Dani schlafen in einem Wohnwagen vor der Alphütte, der wenigstens ein bisschen Privatsphäre bietet. Während der besonders intensiven Zeit am Anfang des Sommers hatte die vierköpfige Alp-Equipe wochenlang kaum Zeit, etwas Warmes zu kochen. Es gab Brot mit  Käse, Wurst oder Honig – bei allen vier Mahlzeiten am Tag.

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Dani am Melken: Zu Beginn des Sommers wurden 60 Kühe täglich zweimal gemolken, jetzt sind es noch 30. Bild: watson / christoph bernet

Die Tage sind lang. Manchmal geht der Wecker um 3 Uhr morgens und die letzten Aufgaben des Tages sind erst um 20 Uhr erledigt. Obwohl Dani und Carole auf engem Raum zusammenleben, sehen sie sich während des Tages nicht viel. Denn ihre Aufgaben sind ganz unterschiedlich.

Dani ist als Hirte für die Sicherheit und Gesundheit der Tiere zuständig. Sein Tag beginnt damit, die Kühe von der Weide zur Alp zu treiben, wo sie gemolken werden. Danach werden sie auf eine neue Weide getrieben, welche zuerst eingezäunt werden muss. Den Tag verbringt er bei den Kühen draussen. Er passt auf, dass sie nicht unwegsames Gelände vordringen, wo sie abstürzen könnten. Zwischendurch liegt auch mal ein kurzes Nickerchen drin.

Carole geht als Zusennin beim Käsen zur Hand. Sie macht Feuer und reicht der Sennin das Material, welches zur Käseproduktion gebraucht wird: Tücher, Kessel, Kellen. Ein wichtiger Teil ihrer Aufgabe ist Abwaschen. Hygienevorschriften müssen auch auf 2300 Meter über Meer beachtet werden. Denn ab und zu schaut auch der kantonale Lebensmittelinspektor vorbei. In Caroles alleinige Verantwortung fällt die Herstellung des Zigers: Ihr Frischkäse ist beliebt – nicht nur im Dorf unten, auch bei Wanderern, welche bei der Alphütte vorbeikommen.

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Carole beim Käsen: Die frische Milch muss direkt auf der Alp verkäst werden – denn eine gekühlte Lagermöglichkeit fehlt. Bild: watson / christoph bernet

Das Zusammenleben mit den beiden anderen Alpbewohnerinnen scheint gut zu klappen. Die Hirtin, die wegen eines Sturzes zwei Wochen pausieren musste und aus Deutschland zurückgekehrt ist, wird herzlich begrüsst. Sie erkundigt sich nach dem Befinden der Tiere. Hier oben spreche man eigentlich fast nur über die Kühe, entschuldigt sich Carole lachend: «Irgendwann träumst du sogar von Kühen.»

Nicht immer war das Gruppenleben so harmonisch. Am Anfang sei es schwierig gewesen, erzählt Carole: «Wir mussten uns erst finden.» Man lerne sich sehr gut kennen – die positiven und die negativen Sachen: Das Zusammenleben habe sich aber zum Positiven entwickelt.

So sieht es auf der Alp aus: Eindrücke aus 2300 Meter über Meer

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Video: Angelina Graf

Von Reue über das Abenteuer Alp ist beim Paar nichts zu spüren. Über längere Zeit habe ihnen die Motivation nie gefehlt, sagen beide. Es seien einzelne Tage, an denen man mal zu beissen habe, meint Dani. «Wenn du halt nicht wirklich fit bist, wenn du erkältet bist oder Schmerzen hast, dann denkst du manchmal schon: Hey, muss das eigentlich sein?» Aber insgesamt überwiegen für ihn die positiven Seiten: «Ich würde es auf jeden Fall wieder machen.»

Es sei eine Befreiung, keine Termine zu haben, Abstand zu den Alltagssorgen zu gewinnen, tagelang nicht aufs Handy zu schauen. Sorgenlos ist das Leben aber nicht: «Sind die Tiere gesund? Wird der Käse gut? Wie ist das Wetter?» Diese Fragen prägen den Tag.

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Anstrengende Arbeitstage: Dani und Carole arbeiten regelmässig von 4 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. Bild: watson / christoph bernet

Jetzt, wo es auf den Herbst zugeht, beginnen auch die kleinen Dinge des Lebens zu fehlen: «Eine normale WC-Spülung, eine Dusche, ein frisch bezogenes Bett, frische Kleider», zählt Dani auf. Carole will sich als erstes eine Massage und einen Coiffeurbesuch gönnen: «Man vernachlässigt sich selber ein wenig hier oben.»

Für die erste Woche nach dem Alpabzug haben Dani und Carole bereits zwei Nächte in einem Viersternehotel mit Zugang zu einem Thermalbad gebucht. Den Entschluss dazu haben sie am Ende eines ganz besonders strengen Tags gefasst. Unterstützt in ihrer Entscheidung hätten sie sich von Amda gefühlt, die gerade neben ihnen stand, sagt Carole: «Sie ist die gemütlichste Kuh hier oben. Sie findet unseren Plan sicherlich gut.»

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • pilajos 01.09.2017 20:42
    Highlight Highlight
    Kann mir nicht vorstellen, dass alle Kühe wirklich von
    Hand gemolken wurden. (Zeit und schmerzende Hand-
    gelenke) Und das 2 x am Tag!
    Aber sonst, sicher eine schöne Erfahrung!
    Als Bub hütete ich in der Freizeit Schafe und z.T. Ziegen,
    zusammen mit einem Schulfreund, für Fr. 2.-- pro Tag
    plus "Znüni". Wir schnitzten Wanderstöcke oder Pfeifen
    und rauchten getrocknetes Gras. Abends brachten wir
    einen Blumenstrauss heim und wir hatten rote Wangen.
  • gnp286 01.09.2017 12:08
    Highlight Highlight Ihr seid Pussys :D
    Wir hatten nicht mal Wurst auf der Alp, da gabs nur Brot, Käse und Butter. Mit Glück auch mal Konfi! Wenn man ein paar extraproteine wollte gabs Fliegen und das Plumpsklo war Luxus 😍
    Die Geosseltern hatten ein Bett, alle anderen haben im Heustock gepennt und geduscht wurde dann nach dem Alpabzug. DAS ist noch Älplerleben ✌
  • gnoam 31.08.2017 18:08
    Highlight Highlight sooooo cool! ich will das auch machen. braucht es dafür irgendwelche vorkenntnisse? wie kann ich da einsteigen?
    • Jol Bear 31.08.2017 20:11
      Highlight Highlight Gehe mal auf www.zalp.ch
    • Christoph Bernet 31.08.2017 20:27
      Highlight Highlight Hallo gnoam
      Hier findest Du viele Informationen und weiterführende Links zu Leben und Arbeit auf der Alp: http://www.zalp.ch
      Freundliche Grüsse
  • Raphael Stein 31.08.2017 17:01
    Highlight Highlight Schön gibt es Leute wie diese beiden, die ihre Pfade mal verlassen um zu sehen wie es "hinter den Bergen" so sein mag.
    Ob das nun Städter sind oder nicht, ist gar nicht so wichtig. Höchstens für Städter?
    • Lichtblau 31.08.2017 18:14
      Highlight Highlight Interessante Einblicke, gut geschrieben und bebildert. Von Christoph Bernet läse ich gerne mehr - schon wegen dem "Firmament" zu Beginn des Textes ...

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