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Weil sie Mitglied der Missbrauchspräventions-Stelle Mira werden wollte, sendete die Musikschule ihren Mitarbeitern ein fragwürdiges Formular. Bild: Google Streetview

Ärger am Konservatorium Zürich

«Die Schule ruft zur Jagd nach möglichen Pädophilen auf. Das geht zu weit» 

Die Missbrauchspräventions-Stelle Mira verpflichtet Mitglieder per Unterschrift, sich bei Verdachtsfällen gegenseitig zu denunzieren oder allenfalls sich selbst zu belasten. Das machten die Konsi-Lehrer nicht mit. 

20.05.14, 19:32 15.07.14, 13:36

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Ist Kollegen zu denunzieren der richtige Weg, um Pädosexuelle zu entlarven?

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Es ist ein höchst fragwürdiges Formular, das vor wenigen Wochen im Briefkasten des Musiklehrers M. K.* liegt: Seine Schule, das Konservatorium Zürich, fordert in einem Schreiben die gesamte Fachschaft dazu auf, ein Formular mit unter anderem folgender Formulierung zu unterzeichnen:

Das Formular der Mira für das Konservatorium Zürich. «Für den Unterzeichnenden ist es nicht ersichtlich, wie die Fachstelle Mira mit diesen – doch sehr vertraulichen – Meldungen, auch bezüglich Datenschutz, umzugehen hat», kritisiert Rechtsanwalt und Strafrechtsexperte Ernst Reber. Bild: zvg

In einem zweiten Punkt sollen sich die Lehrer verpflichten «die Verantwortlichen zu informieren» wenn sie Kenntnis davon haben, dass «die Unversehrtheit von Kindern gefährdet sei». 

Das entsprechende Formular stammt von der Mira, einer privaten Vereinigung, die sexuelle Ausbeutung in Schule und Freizeit vorbeugen will. Das Konservatorium Zürich forderte alle seine Mitarbeitenden auf, das Papier zu unterzeichnen, um das Gütesiegel der Mira zu erlangen. 

«Die Schule ruft zur Jagd nach möglichen Pädophilen auf. Das geht zu weit.»

Musiklehrer M. K.*

K. unterzeichnete das Papier wie viele seiner Kollegen nicht. «Die Schule ruft zur Jagd nach möglichen Pädophilen auf. Und wir stehen alle unter Generalverdacht. Das geht einfach zu weit.»

Er selbst habe das Formular nicht unterschrieben, viele andere auch nicht. «Wir unterschreiben keine Denunzierungs-Aufforderung», so K. Die Folge: Das Konservatorium erhält das Mira-Gütesiegel nicht. 

Das Papier widerspricht der Bundesverfassung

Die Lehrer weigern sich zu Recht. Denn das Formular ist in doppelter Hinsicht fragwürdig: Zum einen hält das Mira-Papier einer juristischen Prüfung nicht stand. Niemand, der unter Verdacht steht, eine Straftat begangen zu haben, muss sich selbst belasten. Gemäss Artikel 32 der Bundesverfassung hat nämlich jeder Angeschuldigte das Recht, seine Aussage zu verweigern. «Ein solches Schweigen darf dem Beschuldigten nie negativ angelastet werden», sagt Rechtsanwalt und Strafrechtsexperte Ernst Reber. Der Vorwurf, nur wer etwas zu verbergen habe, mache von diesem Recht Gebrauch, sei völliger Unfug, so Reber.

Zum anderen ist die Vorgehensweise problematisch: «Das Konservatorium offenbart den Mitarbeitenden ein gewisses Misstrauen», sagt Ernst Reber. Der Aufruf zur Meldung verdächtiger Aktivitäten – so gut er auch gemeint sei – sorge in den seltensten Fällen für ein gutes Arbeitsklima. Ausserdem: Eine Wahl, das Formular zu unterschreiben, hätten die Mitarbeiter kaum. «Wer es nicht tut, macht sich ja in den Augen vieler per se schon verdächtig», so Reber.

Kritische Vorgehensweise der Mira

Ausserdem manövriere sich die Mira mit dem Papier in eine fragwürdige Position: «Für die Untersuchung von Straftatbeständen sind grundsätzlich die Strafuntersuchungsbehörden zuständig», sagt Reber. Werde vorgeschlagen, im Verdachtsfall eine Fachstelle zu kontaktieren, vergehe unter Umständen (zu) viel Zeit, bis die Strafverfolgungsbehörde Kenntnis erhalte.

Genau das will die Mira aber: Sie fordert die Unterzeichnenden, sich bei den «Verantwortlichen unserer Organisation» zu melden – nicht bei den Strafuntersuchungsbehörden.

Die Mira geriet mit ihrem Vorgehen bereits 2011 in die Kritik. Ihr wurde vorgeworfen, von einem sexuellen Übergriff eines Lehrers in einem Kletterzentrum gewusst zu haben. Die Mira habe, ohne die Polizei einzuschalten, auf ein Konfrontationsgespräch – eine höchst umstrittene Interventionsstrategie – gesetzt.

«Formulierung im Sinne der Unterzeichnenden»

Im aktuellen Fall weisen das Konservatorium sowie die Mira die Kritik zurück. Mira-Chefin Janine Graf bezeichnet es als «unausweichlich», dass Personen, welche den begründeten Verdacht der sexuellen Ausbeutung hegen, zur Klärung beitragen würden, so Graf.

Cristina Hospenthal, Direktorin des Konservatoriums, beteuert, dass die Schule nicht die Absicht hätte, mit dem Formular auf Lehrpersonen «loszugehen». Es solle lediglich zeigen, dass sich die Institution mit dem Thema der sexuellen Ausbeutung befasse und sich um das Gütesiegel der Mira bemühe.

«Die Formulierung ist hart, aber im Sinne der Unterzeichnenden.»

Cristina Hospenthal, Direktorin Konservatorium Zürich

Dass sie bereit ist, für dieses Gütesiegel über Paragraphen-Leichen zu gehen, erscheint ihr unproblematisch. Die Formulierung sei zwar «hart», aber im Sinne der Unterzeichnenden. Hospenthal: «Wird eine Person zu Unrecht beschuldigt, tut sie ja gut daran, sich zu den Mira-Punkten zu erkennen. Das stärkt ihre Glaubwürdigkeit.»

* Name geändert



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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • L Gandi 21.05.2014 11:23
    Highlight Seit Jahren kooperieren hunderte von Verbänden und Organisationen mit der Fachstelle mira. Die meisten davon nutzen die erwähnte Selbstverpflichtung. Die Entrüstung im Konsi Zürich ist für micht nicht nachvollziehbar.
    Im dringenden Tatverdacht soll selbstverständlich direkt die Polizei angegangen werden. "Im Verdachtsfall" jedoch, so steht es in der Informationsbroschüre der Polizei "Sexuelle Ausbeutung und Missbrauch von Kindern." (Konkordat Nordwestschweiz) wird empfohlen eine Fachstelle zu kontaktieren. Das Vorgehen von mira scheint also durchaus im Sinne der Strafverfolgungsbehörde zu sein.
    0 0 Melden
  • Wiederkehr 21.05.2014 08:51
    Highlight Wer Pädokriminelle schützen will macht sich zum Mittäter
    1 0 Melden
  • Matthias Studer 21.05.2014 01:23
    Highlight Die Schweiz kehrt zurück ins Mittelalter. Wer schützt Lehrer gegen Verleumdung von Schüler und deren Eltern? Alles schon in nächster Nähe erlebt. Auch bei der Unschuld wird kein Lehrer nachher noch seinen Beruf ausüben können. Gehört das zu Kollateralschaden und wird geduldet?
    10 1 Melden
  • elivi 20.05.2014 23:38
    Highlight Das man die Mira noch vor der Polizei informiert sein will ... erinnert mich an das hoffentlich alte verhalten der Kirche wenn sie in ner Beichte von straftaten erfahren und dann dies nicht meldenten.
    finde diese 'zertifizierung' auch völlig unnötig. Das verdächtiges verhalten gemeldet wird, ist wohl schon im grundkurs eines lehrer ausbildung ...
    6 0 Melden
  • David 20.05.2014 20:28
    Highlight Viele Missbrauchsfälle können verhindert werden, indem das Umfeld wachsam ist, hinschaut und handelt, schon bevor ein handfester Beweis vorhanden ist, der für eine Strafverfolgung reicht. Man kann das als «Denunzieren von Kollegen» und «Jagd nach Pädophilen bezeichnen» bezeichnen. Es ist aber die einzige Chance, um zu vermeiden, dass Kinder über Jahre hinweg sexuell ausgebeutet werden. Wem das Wohlergehen der Kinder unter eigener Obhut gelegen ist, der sollte erdulden können, dass er sich in einem sensibilisierten Umfeld bewegt, wo nicht weggeschaut wird. Genau dies schreibt diese Selbstverpflichtung fest.
    2 15 Melden
    • Sonja Schumacher 21.05.2014 12:58
      Highlight Es ist zwar wichtig, dass das Umfeld und auch alle Lehrer wachsam sind. Aber gleich jede Person unter Versacht zu stellen - was dieses Formular macht - ist schwachsinnig.
      Ausserdem hilft es den Kindern nichts, wenn ihr Peiniger nicht bei der Polizei, sonder einer Organisation wie Mira, gemeldet wird.
      Zu dem sollte man beachten, dass eine Lehrperson, sobald der Verdacht ausgesprochen wurde, nie mehr auf ihrem Beruf arbeiten kann. Ob sie nun schuldig ist oder nicht.
      1 0 Melden
  • Oberon 20.05.2014 19:54
    Highlight Wahnsinn und übermorgen wird der Rechtsstaat abgeschafft?
    18 0 Melden
    • Alnothur 20.05.2014 20:30
      Highlight Nicht übermorgen. Vorgestern. Mit dem Segen des Volkes.
      16 2 Melden
    • Oberon 20.05.2014 20:41
      Highlight Das war leider erst der Vorbote.
      5 0 Melden
  • Micha Moser 20.05.2014 19:50
    Highlight Man kann alles übertreiben..
    7 0 Melden
  • Ben Rosch 20.05.2014 19:48
    Highlight Man ersetze lebenslange psychische Schäden mit "leichten Verletzungen und Sachbeschädigungen", Mira mit Staatsanwaltschaft und Pädophile mit Hooligans, schon ist die Scheinheiligkeit perfekt.

    Oder seid ihr etwa keine Heuchler, habt ihr etwa Folgendes hinterfragt?

    http://www.watson.ch/!130511467

    Glaubt nicht, dass mein Medium anders wäre.
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