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Bei vielen Schülern hapert es an der Orthografie, andere schaffen es nicht, ganze Sätze zu bilden. Das Phänomen zieht sich durch alle Stufen. Bild: shutterstock

Die Anxt vor Fehlern – wenn Kinder nicht mehr richtig schreiben können

An den Schulen tobt ein Glaubensstreit: Wie sollen Kinder Rechtschreibung lernen? Eine neue Studie zerpflückt eine verbreitete Methode – und stellt den Unterricht vor grosse Probleme.

yannick nock / schweiz am wochenende



Ein Artikel von

Wer mit Lehrern und Professoren spricht, bekommt oft das Gleiche zu hören: Kinder und Jugendliche können heute nicht mehr richtig schreiben. Bei vielen hapert es an der Orthografie, andere schaffen es nicht, ganze Sätze zu bilden. Das Phänomen zieht sich durch alle Stufen.

Rolf Dubs, renommierter Pädagoge und emeritierter Professor der Universität St.Gallen (HSG), erkennt einen regelrechten Zerfall der Rechtschreibkenntnisse. «Selbst an den Hochschulen haben Studenten und Doktoranden heute Mühe, fehlerfreie Sätze zu schreiben», sagt er. Es komme vor, dass der Inhalt einer Dissertation zwar gut sei, die Sprache aber schlicht ungenügend.

Einen Grund sieht Dubs in der umstrittenen Methode «Schreiben nach Gehör», auch «Lesen durch Schreiben» genannt. Sie wird seit Jahren in vielen Primarschulen praktiziert. Erstklässler schreiben so, wie sie meinen, dass es richtig ist. Korrekturen sind nicht vorgesehen – manchmal bis in die zweite oder dritte Klasse. So wird aus «und» «ont», aus «Wasser» «wasa» oder aus «Eule» «oile».

ARCHIV - ZUM SPRACHENSTREIT UND DEM VORSCHLAG DER LANDESREGIERUNG ZUR EINFUEHRUNG VON ZWEI FREMDSPRACHEN IN DER PRIMARSCHULE STELLEN WIR IHNEN DIESES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG. - Schulhaus in Movelier am Dienstag, 17. Juni 2008. In den gemischten Klassen gehen deutschsprachige Kinder aus dem Dorf Ederswiler ueber die Sprachgrenze hinweg zur Schule. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

«Selbst an den Hochschulen haben Studenten und Doktoranden heute Mühe, fehlerfreie Sätze zu schreiben», sagt Rolf Dubs, renommierter Pädagoge und emeritierter Professor der Universität St.Gallen (HSG).  Bild: KEYSTONE

Die Methode soll den Schülern die Angst (oder «Anxt», wie sie selber schreiben) vor Fehlern nehmen und sie zum Schreiben animieren. Der Vorteil: Kinder können erstaunlich schnell kleinere Geschichten aufschreiben statt nur einzelne Wörter. Doch die Methode, die vom verstorbenen Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelt wurde, ist schon länger umstritten. Nun gerät sie noch stärker unter Beschuss.

Eine ganze Generation leidet

Eine neue Studie der Universität Bonn zeigt die Überlegenheit des klassischen Orthografieunterrichts mit Regeln und Rechtschreibebüchern. Dafür wurden die Leistungen von 3000 Grundschülern analysiert. Es ist eine der wenigen grossen Untersuchungen zum Thema. Kinder, die in der klassischen Methode unterrichtet wurden, schnitten demnach in der Rechtschreibung deutlich besser ab als jene, die erst nach Gehör lernten. Kritiker in Deutschland und der Schweiz fühlen sich bestätigt. «Es ist ein grosser Fehler, wenn Kinder einfach drauflosschreiben dürfen, ohne jegliche Kenntnisse der Rechtschreibung», sagt Pädagoge Dubs. Sie brauchten eine Struktur. «Ohne geordnetes Wissen werden Schüler nie gut schreiben können.» Es sei ein Trugschluss, zu glauben, dass die Rechtschreibung in höheren Klassen ohne Abstriche nachgeholt werden könne.

So wird aus «und» «ont», aus «Wasser» «wasa» oder aus «Eule» «oile».

Mit dieser Meinung ist Dubs nicht allein. Weitere Professoren und Lehrer warnen vor den Folgen – in beiden Ländern. Oder wie es eine Lehrervertreterin im «Spiegel» ausdrückt: «Eigentlich müssten sich die Verfechter dieser unseligen Methode bei einer ganzen Schülergeneration entschuldigen.»

Braucht es ein Verbot?

Zwei Bundesländer haben «Schreiben nach Gehör» mittlerweile aus der Schule verbannt. Eine Idee, die auch in der Schweiz gut ankommt. SVP-Nationalrätin (TG) und Bildungspolitikerin Verena Herzog fordert Massnahmen: «Die Bildungsdirektoren müssen zur Vernunft kommen und diese Methode verbieten», sagt sie. Sie müsse komplett aus den Klassenzimmern verbannt werden. «Sich zuerst Fehler anzugewöhnen, die nachher mit grossem Aufwand wieder ausgebügelt werden müssen, ist völlig ineffizient.» Leidtragende seien vor allem Kinder, die ohnehin Mühe mit der Sprache hätten.

Wie viele Schulen hierzulande «Schreiben nach Gehör» praktizieren, ist nicht bekannt. Schweizer Studien dazu fehlen. Experten gehen aber davon aus, dass die Methode oft angewendet wird – zumindest in einem Mix mit klassischem Rechtschreibunterricht. Für Afra Sturm, Professorin für Deutschdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz, ist die Schweiz deshalb nicht mit Deutschland vergleichbar. Hierzulande würde «Schreiben nach Gehör» früher durch expliziten Rechtschreibunterricht abgelöst werden. «Wenn der Mix stimmt, kann die Methode einen Grundstein legen.»

Auch der oberste Lehrer der Schweiz, Beat Zemp, hält deshalb nichts von einem Verbot. Die Lehrpersonen müssten selber entscheiden können, welche Methode sie anwenden möchten. Er empfiehlt ebenfalls einen Mix, wie es die meisten Schweizer Lehrbücher ohnehin vorsehen würden. Zemp hebt aber die Bedeutung des Orthografieunterrichts hervor, denn auch er stellt fest, dass Kinder heute mehr Fehler machen. «Es ist wichtig, dass Kinder üben und auch einmal ein Diktat schreiben», sagt er. «Anders geht es nicht.»

ZUM THEMA JUGENDLICHE UND MOBILTELEFON STELLEN WIR IHNEN HEUTE, DONNERSTAG, 14.01.2016, FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Female adolescents use their smart phones while commuting in the city train between Zurich and Zug, Switzerland, on June 16, 2015. (KEYSTONE/Christof Schuerpf)

Jugendliche benutzen ihre Smartphone im Zug reisend, aufgenommen am 16. Juni 2015 in der S-Bahn zwischen Zuerich und Zug. (KEYSTONE/Christof Schuerpf)

Anstatt zu lesen, schreiben Jugendlich lieber SMS-, Whatsapp- oder Twitter-Nachrichten. Bild: KEYSTONE

Jugendliche lesen nicht mehr

Zemp empfiehlt zudem, Schülerinnen und Schüler ihre Texte gegenseitig korrigieren zu lassen. Dabei soll jedes Kind für eine andere Regel zuständig sein. Eines soll beispielsweise auf die Grossschreibung achten, ein anderes auf «ie», ein drittes auf den Unterschied zwischen «das» und «dass». So würden sich Kinder die richtige Schreibweise einprägen, ohne dass die Lehrer den Rotstift ansetzen müssten.

Doch das Problem liegt laut Zemp tiefer. «Jugendliche lesen heute weniger Bücher als früher», sagt er. Stattdessen würden sie sich SMS-, Whatsapp- oder Twitter-Nachrichten schreiben. Rechtschreibung und vollständige Sätze sind da zweitrangig. «Darunter leiden die Lese- und Schreibleistungen», sagt Zemp, der selbst seit 35 Jahren unterrichtet. Deshalb sei es auch Aufgabe der Schulen und Eltern, den Kindern wieder die Freude am Lesen zu vermitteln.

World of Watson: Lehrertypen

Video: watson

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