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Studenten sonnen sich auf der Polyterrasse der ETH Zürich. bild: keystone/bearbeitung: watson

«Professoren sind kleine Könige in ihrem Königreich» – Ex-Doktoranden prangern Mobbing an 

Mobbing an der Elite-Universität: Der publik gewordene ETH-Fall schlug hohe Wellen. Kein Einzelfall, wie sich zeigt. 2016 nahmen rund 42 Doktoranden die Beratung der Ombudsstelle in Anspruch. Ex-Doktoranden sprechen von einem «strukturellen Problem».



Der Bericht über den Mobbing-Fall an der ETH schlug hohe Wellen. Laut Recherchen der NZZ am Sonntag schikanierte und mobbte eine Professorin am Institut für Astronomie über zehn Jahre lang Doktoranden. Kaum jemand wagte sich zu wehren, aus Angst um die Karriere. Denn besagte Professorin war nicht alleine, auch ihr Mann war Professor am Institut.

Erst als sich eine junge Doktorandin traute, die Stimme zu erheben, wurden die Missstände bekannt. Wegen «nicht tolerierbarem Führungsverhalten» wurde das Institut für Astronomie an der ETH Zürich quasi über Nacht geschlossen. Das zuständige Professoren-Ehepaar befindet sich momentan in einem sechsmonatigen Sabbatical.

Machtmissbrauch

Das Problem scheint sich nicht auf das Institut für Astronomie zu beschränken. Auf Anfrage von watson berichten zwei ehemalige Doktoranden der ETH von ihren Erfahrungen. Beide möchten anonym bleiben, zu gross ist die Angst vor den Konsequenzen. 

«Ich konnte es nicht ausstehen, so respektlos behandelt zu werden. Eine Zusammenarbeit mit meiner Betreuerin war nicht mehr möglich, das Vertrauen war zerstört.»

Melanie, ehemalige Doktorandin

Melanie* freute sich über die Zusage zur Doktoratsstelle an der ETH. Doch die Freude war von kurzer Dauer. Bereits im ersten Monat gab es Probleme mit der Betreuerin. «Sie hat gedroht, mir zu kündigen», berichtet Melanie und ergänzt: «Ich habe mich extrem unter Druck gesetzt gefühlt.» 

Daraufhin sass Melanie mit ihrer Betreuerin zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Laut Professorin funktioniere die Zusammenarbeit nicht, primär aus persönlichen Gründen. Auf Nachfrage von Melanie konnte sie die Gründe aber nicht genauer nennen. «Sie sagte, es sei mehr so ein Gefühl. Zudem machte sie einen Kommentar über mein Aussehen und mein Make-up. Das war sehr unprofessionell. Ich habe mich diskriminiert gefühlt», erzählt Melanie. 

«Bei einem normalen Job kann man einfach kündigen und sich einen neuen Job suchen. Eine abgebrochene Dissertation sieht ganz anders aus im Lebenslauf.»

Petra

Nach dem Gespräch wandte sich Melanie an die Ombudsstelle der ETH. Denn auch in ihrem Fall waren die persönlichen Verstrickungen innerhalb des Instituts gross: Der Zweitbetreuer war der Ehemann ihrer Professorin. 

Im persönlichen Gespräch mit der Ombudsstelle erhielt Melanie zwar Tipps, wie sie mit der Situation und ihrer Betreuerin umgehen solle, viel habe dies aber nicht geholfen, so die ehemalige Doktorandin. 

Mittlerweile hat sie die Doktorandenstelle gekündigt. Zu gross war der Druck und ihre Wut. «Ich konnte es nicht ausstehen, so respektlos behandelt zu werden. Eine Zusammenarbeit mit meiner Betreuerin war nicht mehr möglich, das Vertrauen war zerstört», sagt Melanie.

Nach ihrer Kündigung hat das zuständige Departement nicht mehr reagiert. Dabei wollte sie nur zukünftige Doktoranden vor dem gleichen Schicksal bewahren. «Das war eine sehr schlechte Erfahrung und ich trage es immer noch mit mir rum», sagt Melanie heute. 

Menschen geniessen den schoenen Wintertag auf der Polyterrasse der ETH in Zuerich am Dienstag, 7. Januar 2014. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Ausblick von der Polyterrasse: Hier arbeitet ein Teil der 4000 ETH-Doktoranden.  Bild: KEYSTONE

Doktoranden sind ausgeliefert

Petra*, eine ehemalige Doktorandin der ETH, spricht von einem strukturellen Problem. Die Macht der Professoren innerhalb ihrer Lehrstühle sei nahezu unkontrolliert. «Sie sind kleine Könige in ihrem Königreich», sagt sie und ergänzt: «Kontrollmechanismen seitens der ETH-Leitung gibt es quasi kaum.»

Oftmals seien die Doktoranden den Professoren ausgeliefert – umgehen könne man das Problem kaum. «Bei einem normalen Job kann man einfach kündigen und sich einen neuen Job suchen. Eine abgebrochene Dissertation sieht ganz anders aus im Lebenslauf. Eine andere Doktorandenstelle zu finden, ist meist auch nicht so einfach und verlangt grosse geographische Mobilität», so Petra. 

«Schwierige Situation»

Das Verhältnis zwischen Doktoranden und ihren Betreuern sei alles andere als einfach, bestätigt auch der Ombudsmann der ETH Zürich, Dr. Wilfred F. van Gunsteren. Denn der Betreuer hat mehrere Funktionen zugleich, er ist Professor, Vorgesetzter, Betreuer für die Doktorarbeit und muss diese auch bewerten. «Das ist oftmals eine schwierige Situation, denn diese unterschiedlichen Funktionen lassen sich nicht voneinander trennen», erklärt van Gunsteren. 

«Kontrollmechanismen seitens der ETH-Leitung gibt es quasi kaum.»

Petra, ehemalige Doktorandin

Laut dem Jahresbericht beanspruchten 2016 108 Personen die Ombudsstelle der ETH. 42 davon waren Doktoranden. Das sei jedoch keine ungewöhnliche Zahl, so van Gunsteren: «Schliesslich sind sie auch eine grosse Gruppe an der ETH, nämlich rund 4000.»   

Als Ombudsperson, so van Gunsteren, fungiere er als Sicherheitsventil. «Ich bin ein unabhängiger Mentor für Doktoranden in Schwierigkeiten.» Van Gunsteren vermittelt zwischen Doktorand und Betreuungsperson, findet er keine Lösung, nimmt er mit der zuständigen Leitung des Departements Kontakt auf. «Kann auch die Departementsleitung den Missstand nicht beheben, kommt die Schulleitung ins Spiel, das passiert aber sehr selten», sagt er.  

Das sind die besten Universitäten der Welt

Ehepartner im gleichen Institut

Zum Fall am Institut für Astronomie nimmt er keine Stellung. Dass Ehepartner aber im gleichen Institut angestellt sind, wie es auch bei Melanie der Fall war, sei töricht, sagt er. «Da sollte man sehr strikt sein, denn das ist ein wirkliches Problem. Das steht aber auch im Reglement.» 

Tatsächlich ist in den Richtlinien der ETH folgender Absatz zu lesen: «Sie [Ehegatten/-innen oder Lebenspartner/-partnerinnen] sind zudem in einem anderen Bereich (z. B. Institut, Professur, Abteilung) einzubinden als der Ehegatte/die Ehegattin oder der Partner/die Partnerin tätig ist. Scheinkonstrukte sind nicht erlaubt.» Erlassen wurden die Richtlinien aber erst im Jahr 2013.  

Melanie hat dieses Reglement nicht viel gebracht. Sie hätte sich von Seiten der ETH mehr Unterstützung gewünscht. Und allen voran zwei unabhängige Betreuer, die nicht miteinander verheiratet sind. «Meiner Meinung nach braucht es bei jedem Doktoratsabbruch ein Austrittsgespräch. So können Missstände schneller aufgedeckt werden», sagt sie heute. 

Auch Petra sieht Möglichkeiten für eine Verbesserung. «In England funktioniert es in meinen Augen besser. Da suchen sich Doktoranden Kooperationen mit verschiedenen Professoren und sind nicht von einer einzigen Person abhängig.» Denn Professoren werden nach ihrer Reputation als Forscher ausgewählt. «Ein guter Forscher ist nicht zwangsläufig ein guter Manager oder Betreuer», sagt Petra. Eine Verteilung auf mehrere Professoren würde das Abhängigkeitsproblem ihrer Meinung nach entschärfen.  

*Name der Redaktion bekannt

9 Typen, denen du im Studium oder in der Schule begegnest

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Marmey 25.10.2017 19:17
    Highlight Highlight In diesem Artikel wird der Eindruck erweckt, dass es fast nur Probleme mit den Professoren gibt. In meinem Fall war das völlig anders: ich hatte einen menschlich hervorragenden Professor, es war wirklich eine Freude mit ihm zusammenzuarbeiten. Das Doktorat bei ihm habe ich in bester Erinnerung.
  • dracului 25.10.2017 11:56
    Highlight Highlight Erwachen Doktoranden einfach erst so spät in der Realität? Letztlich sind wir doch überall den Lehrern, den Schulen, den Fahrprüfungsexperten, dem Lehrmeister, den Chefs, den Ärzten oder den „Sympathien“ des Produzenten für eine Filmrolle ausgeliefert. Es gibt keinen Doktortitel, ausser in der med. Fakultät, wo jedoch das Studium selber schon eine lange „Dissertation“ ist, ohne die Gunst der Professoren und eine Zeit des Verzichts. Die Zeit am Institut ist sogar eine gute Lebensschule, denn in der Arbeitswelt läuft es später nicht viel anders.
    • atlas 25.10.2017 12:31
      Highlight Highlight Ich glaube du verstehst nicht viel von funktionierenden Organisationsstrukturen. Wenn die Schilderungen zutreffen, sind es in der Tat strukturelle Probleme, welche einer Überprüfung/Anpassung bedürften...
    • Whitchface 25.10.2017 13:57
      Highlight Highlight Hauptsache Dracului blitzen. Ihre kommentar jedoch, könnte kaum näher an der Realität sein. Mobbing ist in der Arbeitswelt allgegenwärtig und vestimmt kein Unisyndrom.
    • Eine_win_ig 25.10.2017 17:55
      Highlight Highlight Und deshalb sollte man es an einer Doktorandenstelle tolerieren? Da es auf das Berufsleben vorbereitet? Sorry, so ein No-Go diese Aussage meiner Meinung nach. Mobbing gehört aufgeklärt und bestraft.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Asmodeus 25.10.2017 11:55
    Highlight Highlight "«Kann auch die Departementsleitung den Missstand nicht beheben, kommt die Schulleitung ins Spiel, das passiert aber sehr selten», sagt er."

    Oder auf Gut Deutsch.

    "Wir vergraulen die Leute zum Glück bevor wir wirklich etwas unternehmen müssen"
    • Pedro Salami 25.10.2017 12:31
      Highlight Highlight @Asmodeus: Polemisierst du jetzt einfach mal drauf los? Diesen Eindruck habe ich jetzt. Ich bewege mich schon zwei Jahrzehnte in diesem Umfeld und kenne auch van Gunsteren seit vielen Jahren. Glaub mir, du tust ihm da sehr unrecht. Müsste ich jetzt korrekte und integre Leute benennen, gehört dieser Herr ganz bestimmt dazu.
    • Asmodeus 25.10.2017 16:47
      Highlight Highlight Ein "wenig" Polemik ist hier absolut mit dabei.

      Meine Kritik richtet sich nicht an ihn als Ombudsmann sondern an die ETH direkt, respektive die vielen anderen Institute und Firmen schweizweit, wenn nicht sogar weltweit die es sich angewöhnt haben so komplexe Verfahren aufzubauen, dass die "Störenfriede" lieber selber abhauen/aufgeben als dass man sich ernsthaft mit der Problematik auseinander setzen müsste.

      Wie das HR dass der Assistentin einen Stellenwechsel empfiehlt, damit man nicht gegen den Abteilungsleiter vorgehen muss, etc.
    • Asmodeus 25.10.2017 16:48
      Highlight Highlight Oder anders formuliert.

      Es ist viel einfacher 1-10 Doktoranden zu ersetzen als 1-2 Professoren.
  • flugsteig 25.10.2017 11:14
    Highlight Highlight «Bei einem normalen Job kann man einfach kündigen und sich einen neuen Job suchen. Eine abgebrochene Dissertation sieht ganz anders aus im Lebenslauf.»
    Petra

    Liebe Petra,
    den allermeisten Menschen stehen nicht die nötigen Mittel zur Verfügung, einfach so ihren Job zu kündigen. Sie finden auch nicht einfach so einen neuen Job. Die, die wirklich in einer Abhängigkeit von ihrem Job leben und dadurch machtlos sind, finden Sie nicht an einer Hochschule.
    • CASSIO 25.10.2017 11:56
      Highlight Highlight flugsteig, Du hast nicht ganz unrecht. nur muss ich einwenden, dass weil es andere nicht einfach haben (resp. schwer), ist dies noch lange keine rechtfertigung dafür, dass man doktoranden schlecht behandeln darf. Gleichzeitig muss sich aber auch Petra den Vorwurf gefallen lassen, nur durch ihre eigene Brille zu schauen. speziell in der wissenschaft wünsche ich mir personen, die über den tellerrand schauen können. konsequenzen der eigenen wissenschaftlichen arbeiten abschätzen zu können, fehlt wohl den meisten.
    • Asmodeus 25.10.2017 11:56
      Highlight Highlight Einigen wir uns darauf, dass es in jedem Lebensbereich Menschen gibt, die abhängig von Arschlöchern sind.

      Egal ob man nun auf dem Bau, als Maler, als Zeichner, als Informatiker oder was auch immer arbeitet oder ob man eben studiert.
  • zialo 25.10.2017 11:07
    Highlight Highlight Mobbingfälle bei Studierenden kenne ich aus meiner Studienzeit. Zunehmend wollten Professoren Leute loswerden.
    In einem Fall war die Person schizophren aber in Behandlung, in einem andere Fall wurde eine psychisch auffällige Person zu einem Gutachten gezwungen. Obwohl die Studienfähigkeit in dem psychiatrischen Gutachten bestätigt und keine konkrekte Diagnose gestellt wurde, gingen Drohungen und Diskrimierung unbeirrt weiter.
    Die Person wechselte die Hochschule verängstigt.
    Betroffene bekamen vom Rektorat kaum Hilfe.
  • Eine_win_ig 25.10.2017 10:31
    Highlight Highlight 1/5 der Studenten verursachen fast 50% der Beschwerden bei der Ombudsstelle und es gebe kein Problem? Echt jetzt? Dachte an der ETH wird Mathe unterrichtet.
    • Asmodeus 25.10.2017 11:59
      Highlight Highlight Statistik auch.

      Von 4000 Doktoranden melden sich ja nur 40 Stück. Ergo. 99% aller Doktoranden sind voll Happy.

      (oder halten gefälligst die Klappe wenn sie wissen was gut für sie ist)
    • Eine_win_ig 25.10.2017 12:09
      Highlight Highlight Denke leider das Zweite. Aber recht hast du natürlich :)
  • Kronrod 25.10.2017 09:58
    Highlight Highlight In einem Departement der Uni Zürich, mit dem ich vertraut bin, haben Doktoranden die Möglichkeit, bei Problemen den Professor zu wechseln. Diese Lösung ist einfach und hat sich schon mehrfach bewährt. Einziger Wermutstropfen ist, dass der Doktorand sich dann thematisch etwas neu ausrichten muss, aber nach dem vorangegangenen Frust kommt das oft gerade recht.
    • dyncorp 25.10.2017 10:51
      Highlight Highlight Ein ähnliches System:
      An manchen Unis (ich kenne solche im Ausland) sind die Doktoranden nicht fix an einen Professor gebunden, sondern an ein Institut oder Departement mit mehreren Professoren.
      Das verhindert solche Probleme weitestgehend, da es keine "Königreiche" mehr gibt.
    • CASSIO 25.10.2017 12:02
      Highlight Highlight Dyncorp, das ist auch für mich die einzig wahre Lösung. Da es überall "menschelet" und dies ein objektives Problem (= Risiko) ist, muss im Sinne eines Risk Managements eine Lösung für dieses Risiko gefunden werden. Risk Management muss also auch Sache der Hochschulen sein.
  • olga 25.10.2017 08:56
    Highlight Highlight Guter Artikel. Aber es nervt mich, wie immer verallgemeinernd von "Professoren" und "Doktoranden" und "Studenten" geschrieben wird, zumal die Geschichte offensichtlich weibliche Protagonistinnen enthält. Ich würde mir sehr wünschen, dass man mehr Acht gibt auf solche Dinge. Als geschlechterneutrales Wort würde sich zB Doktorierende & Studierende anbieten, dann hat man schon die halbe Miete.
    • andre63 25.10.2017 10:31
      Highlight Highlight dieser aspekt der ganzen angelegenheit stört mich also auch massiv mehr, als der umstand, das sich professor (innen) unprofessionell verhalten?
      alles gendergerecht geschrieben olga?
    • Bav 25.10.2017 10:38
      Highlight Highlight So ist die deutsche Sprache nun mal. Es ist sicher nicht falsch den normalen Plural zu verwenden. Der Plural über das Verb ist unschön und wird normalerweise nur von ofizieller Seite verwendet. Es gibt also kein Grund sich zu nerven.
    • jjjj 25.10.2017 10:45
      Highlight Highlight Student*in heisst das doch heute.
      Meine Güte hast du Probleme...
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