Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Skirennen am Euroinferno 2019 in Braunwald.

Der Start zum Skirennen auf dem Gumen in Braunwald. bild: foraus

Brexit in Braunwald: Das «kleine» WEF der Euroturbos im Glarner Schnee

Seit zehn Jahren versammeln sich Europafreunde aus dem In- und Ausland an einem Wochenende zu Jahresbeginn im Ferienort Braunwald zum Skifahren und Debattieren. Im Zentrum stand dieses Jahr der Brexit.



Scheitert der britische Austritt aus der EU am Toilettenpapier? Für Denis MacShane ist dies eine real existierende Möglichkeit. «Wir sind der grösste Verbraucher von Klopapier in Europa», sagte der frühere Labour-Abgeordnete und Europa-Staatssekretär. Der grösste Teil werde importiert. «Wenn wir bis zum 29. März keine Lösung finden, befindet sich Grossbritannien im Brexshit.»

MacShane hat das Fäkal-Beispiel nicht zum ersten Mal erwähnt, und der britische Verband der Papierproduzenten widerspricht dem apk(l)okalyptischen Szenario vehement. Eine gute Pointe liefert es in jedem Fall. Das Publikum im Berggasthaus auf dem Grotzenbüel in Braunwald amüsierte sich bestens über den launigen Sprücheklopfer aus dem Vereinigten Königreich.

Euroinferno Braunwald. Brexit-Podium mit Nicola Forster. Denis MacShane, Christa Markwalder, Janet Owen und Breifne O'Reilly (von links)

Das Brexit-Podium mit Moderator Nicola Forster, Denis MacShane, Christa Markwalder. Janet Owen und Breifne O'Reilly (von links). bild: foraus

Der autofreie, idyllische und etwas verschlafene Ferienort im Glarner Hinterland wird an einem Winterwochenende zu Jahresbeginn jeweils zum Treffpunkt von europhilen Köpfen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Euroinferno nennt sich der Anlass. Man fährt Ski, isst Fondue, macht Party und hört sich eine Diskussion zu einem aktuellen europapolitischen Thema an.

Iren bleiben in der EU

An Debattenmaterial bestand dieses Jahr kein Mangel. Das Rahmenabkommen mit der EU beschäftigt die Schweiz. Die EU selbst wird durch die Wahlen im Mai und Populisten in Atem gehalten. Das Podium aber wurde dem Brexit gewidmet. Der Zeitpunkt nur Tage nach der Schlappe von Premierministerin Theresa May im Unterhaus konnte kaum besser sein.

Mit Denis MacShane (ein überzeugter Brexit-Gegner, und das nicht nur wegen seiner einstigen Tätigkeit in der Regierung von Tony Blair) sass passenderweise Jane Owen auf dem Podium, die Botschafterin Ihrer Majestät in Bern. Sie blieb angesichts der heiklen Materie diplomatisch-dezent. Einen Ausweg aus dem Schlamassel konnte sie ohnehin nicht aufzeigen.

Etwas verbindlicher war ihr irischer Kollege Breifne O'Reilly, der als Botschafter für die Schweiz, Liechtenstein und Algerien («ich weiss auch nicht, wieso») zuständig ist. Er betonte die Bedeutung der offenen Grenze für den Friedensprozess in Nordirland. Spekulationen über einen möglichen «Irxit» erteilte er eine Absage: «Wir bleiben in der EU.» Die früher oft störrischen Iren hätten heute mehr Sympathie für Europa.

Emily und Oliver – unsere zwei Briten erklären den Brexit

Video: watson/Oliver Baroni, Emily Engkent

Komplettiert wurde das Podium durch die (fast) unvermeidliche Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder. Sie fiel neben den britisch-irischen Gästen ziemlich ab. «Wir müssen eine Win-win-Situation finden, im Moment aber riskieren wir, eine Lose-lose-Situation zu erzeugen», lautete eine Aussage von Markwalder, die man getrost als Binsenweisheit bezeichnen kann.

Herzblut für Braunwald

Die Bernerin sitzt im Vorstand des Euroinferno. Der eigentliche Begründer ist Benedikt Wechsler, derzeit Schweizer Botschafter in Dänemark. Der gebürtige Basler engagiert sich mit viel Herzblut für Braunwald. Derzeit plant er mit dem Bündner Stararchitekten Peter Zumthor den Bau eines Musikhotels, als Ergänzung zu dem bei Familien sehr beliebten «Märchenhotel» Bellevue.

Das Jahrestreffen der Euroturbos – eine Art bescheidene und familiäre Version des Davoser WEF – ist ein weiteres Element seiner Braunwald-Offensive. Der Name leitet sich ab vom Inferno-Skirennen in Mürren im Berner Oberland. Dieses ist auf der Originalstrecke fast 15 Kilometer lang. Die Braunwalder Ausgabe nimmt es lockerer. In Dreier- oder Vierergruppen stürzen sich die Teilnehmer jeweils am frühen Samstagmorgen auf der noch jungfräulichen Piste ins Tal.

Ärger über mutlosen Bundesrat

Wer gewinnt, ist zweitrangig. Das Beisammensein im Glarner Schnee steht im Vordergrund. Und das Politisieren. Zweites Topthema am letzten Wochenende war das Rahmenabkommen. Der Baselbieter SP-Nationalrat Eric Nussbaumer – ein weiterer «üblicher Verdächtiger» – äusserte sich sehr positiv zum CVP-Vorschlag für ein Genehmigungs- und Umsetzungsgesetz in der Schweiz: «Es ist die bislang vernünftigste Idee», meinte Nussbaumer zu watson.

Skirennen am Euroinferno 2019 in Braunwald.

Morgenstimmung über Braunwald. Die Euroinferno-Teilnehmer haben die Piste um diese Zeit für sich.   bild: foraus

Mit Vernunft hat man in dieser emotional geführten Debatte jedoch einen schweren Stand. Das zeigte sich beim Fondue, dessen Farbe und Konsistenz für Stirnrunzeln sorgte. Man vernahm nicht wenig Ärger über die mutlose Haltung von Bundesrat sowie CVP und FDP, die sich nicht zu einem klaren Ja oder Nein zum Rahmenvertrag durchringen können.

Mays «Hugo-Chavez-Demokratie»

Das führte zu einer gewissen Ratlosigkeit, auch beim Thema Brexit im Panel, das von Nicola Forster moderiert wurde, dem Gründer des Thinktanks Foraus und Neupolitiker (er wurde kürzlich zum Co-Präsidenten der Grünliberalen des Kantons Zürich gewählt). Eine Prognose, was am 29. März passieren wird, wollte niemand riskieren, auch nicht der umtriebige Denis MacShane.

Er ist für eine zweite Abstimmung. Theresa Mays kategorische Weigerung bezeichnete er als Hugo-Chavez-Demokratie: «Man macht eine Abstimmung, die für immer gilt.» Botschafterin Jane Owen zeigte sich skeptisch: «Ein zweites Referendum wäre sehr schwierig. Es könnte das Land noch tiefer spalten und am Ende keine klare Antwort liefern.»

Diese 20 Cartoons fassen das Brexit-Chaos perfekt zusammen

Brexit

Chaos in London – so könnte es jetzt mit dem Brexit weitergehen

Link zum Artikel

Schottische Regierungs-Chefin will Unabhängigkeit – 2020 soll Referendum kommen

Link zum Artikel

«Kein Brexit ohne Parlament!» John Bercow sagt Johnson in Zürich den Kampf an

Link zum Artikel

Was Boris Johnsons «Einknicken» beim Brexit für die Schweiz bedeutet

Link zum Artikel

Brexit: Boris Johnsons grosser No-Deal-Bluff

Link zum Artikel

Johnson will britisches Parlament beurlauben, Queen gibt Okay

Link zum Artikel

Diese 5 Politiker bestimmen jetzt über Grossbritanniens Zukunft

Link zum Artikel

So könnte ein Ausweg aus dem Brexit-Chaos aussehen

Link zum Artikel

Brexit, Sex und Korruption: Diese Affären verfolgen Boris Johnson

Link zum Artikel

Politiker schmeisst genervt den Bettel hin: Was nach dem Brexit-Votum sonst noch passierte

Link zum Artikel

Boris Johnson verliert wegen eines Überläufers die Mehrheit und ist jetzt in argen Nöten

Link zum Artikel

Juncker zum Brexit: «Es reicht jetzt mit dem langen Schweigen»

Link zum Artikel

«The Uncivil War»: Ein Dokudrama erzählt die wahre Geschichte des Brexit

Link zum Artikel

Brexit: Noch gibt es Auswege aus dem No-Deal-Albtraum

Link zum Artikel

Warum die Briten nochmals über den Brexit abstimmen müssen

Link zum Artikel

Warum britische Banker ihre Liebe zu einem Sozialisten entdecken

Link zum Artikel

Diese Grafik verschafft dir im Brexit-Chaos den Überblick 

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

9
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Wakuli* hasnümm vergässe 23.01.2019 21:51
    Highlight Highlight I♡ Bruwald
  • Henri Lapin 23.01.2019 11:35
    Highlight Highlight Was ist ein Euroturbo?
    • Watson - die Weltwoche der SP 23.01.2019 16:01
      Highlight Highlight Cédu Wermuth
      Christa Markwalder
      Christian Levrat

      Etc.
  • Watson - die Weltwoche der SP 23.01.2019 10:24
    Highlight Highlight Hach herrlich, dass es in der Schweiz immer noch ewig gestrige Eu-Turbos gibt
    • Chrigi-B 23.01.2019 16:42
      Highlight Highlight Kann ich mir auch nur verwundert am Kopf kratzen...
  • Skeptischer Optimist 23.01.2019 09:52
    Highlight Highlight Denis MacShane? Please.

    Als Befürworter eines EU Beitritts der Schweiz, bin ich bestürzt über das dürftige Trüppchen, das sich hier neben den Botschaftern eingefunden hat. Es wirkt wie das letzte Aufgebot der Neoliberalkonservativen.

    So wird das wohl nie was.
    • Watson - die Weltwoche der SP 23.01.2019 17:01
      Highlight Highlight Hoffentlich wird es nie was :)
    • Skeptischer Optimist 24.01.2019 11:29
      Highlight Highlight Irgendwann sind die Ewiggestrigen weg.
    • Steve46 24.01.2019 23:42
      Highlight Highlight Ja genau, dann wenn die EU implodiert ob ihrer Bürokratie sind dann die Ewiggestrigen EU-Turbos weg!

10 Tage Sommerferien in der Schweiz – hier kommt dein Reiseplan für das Zürcher Oberland

Nach den Ferienvorschlägen für den Jura und die Innerschweiz entdecken wir heute ein eher unbekanntes Gebiet: im und um das Zürcher Oberland. Ideal auch mit Kindern. Viel Spass!

Auch wenn die Grenzen doch noch öffnen: Ferien in der Schweiz dürfte für viele die Realität bedeuten. Damit wir nicht alle an den bekannten Hotspots die schönsten Tage im Jahr verbringen müssen, zeigen wir euch hier einige Vorschläge. Nach der Entdeckung des Juras und der Innerschweiz zieht es uns in der dritten Folge etwas nordöstlicher: von Winterthur via Tösstal ins Zürcher Oberland bis Rapperswil.

Warum? Der Autor kommt aus der Gegend. Eine Arbeitskollegin aus dem Aargau meinte kürzlich zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel