Schweiz
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Thomas Imholz, Oberstaatsanwalt, ist auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf anlaesslich des Berufungsprozesses im Fall Ignaz Walker am Montag, 19. Oktober 2015. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Oberstaatsanwalt Thomas Imholz auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf anlässlich des Berufungsprozesses im Fall Ignaz Walker.
Bild: KEYSTONE

Platzt jetzt der Prozess im Fall des Urner Cabaret-Betreibers Ignaz Walker? «Rundschau» enthüllt die Lügen der Staatsanwaltschaft

Der Hauptbelastungszeuge im Fall Ignaz Walker wurde nie vor Gericht befragt. Der Holländer sei unauffindbar, behauptet die Urner Staatsanwaltschaft seit Jahren. Recherchen der «Rundschau» zeigen nun: Das war gelogen. Ein bedenklicher Höhepunkt eines Justizskandals.

Carmen Epp



Was bisher geschah:

Am 4. Januar 2010 rief Johannes Peeters die Urner Polizei an: Ignaz Walker habe soeben vor dessen Cabaret in Erstfeld auf ihn geschossen. Der Holländer hatte zum Tatzeitpunkt 2,58 Promille im Blut. Fünf Monate später wurde Peeters in einen Drogendeal in Altdorf verwickelt und musste sich wegen Halluzinationen behandeln lassen.

Kronzeuge nie vor Gericht befragt

Ein Grund, an der Glaubwürdigkeit des Holländers zu zweifeln? Nicht für die Urner Richter. Im Gegenteil: Sie vertrauen auf die Aussagen von Peeters und sprechen Ignaz Walker 2012 und 2013 schuldig, in besagter Januarnacht auf den Gast aus Holland geschossen zu haben.

Walker hingegen beteuert bis heute, er habe damals in Erstfeld nicht geschossen. Mehr noch: Walker erzählt, dass Peeters ihn ein paar Tage später aufgesucht habe, um sich für die falsche Anschuldigung zu entschuldigen. Der Holländer habe ihm erklärt, er sei bei seiner Aussage von der Polizei unter Druck gesetzt worden.

Ignaz Walker ist auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf am Montag, 19. Oktober 2015, in dem heute der Prozess Walker beginnt. Das Obergericht Uri verurteilte Walker im September 2013 wegen versuchter vorsaetzlicher Toetung und versuchten Mordes in Mittaeterschaft zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und erhoehte damit die vom Landgericht verhaengte Strafe um 5 Jahre. Im Dezember 2014 hiess das Bundesgericht eine Beschwerde Walkers teilweise gut, hob das Urteil auf und schickte den Fall zur Neubeurteilung ans Obergericht Uri zurueck. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Ignaz Walker auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf am Montag, 19. Oktober 2015.
Bild: KEYSTONE

Walkers Verteidiger Linus Jaeggi verlangte mehrmals, dass das Gericht den Holländer noch einmal befragen sollte. Ohne Erfolg.

Im Oktober 2012 wurde Peeters zwar vom Landgericht zur Verhandlung vorgeladen, erschienen ist er aber nicht. Die Urner Staatsanwaltschaft liess ausrichten, Peeters sei an der von ihm gemeldeten Adresse nicht erreichbar. Hinweisen, wonach sich der Holländer womöglich in Frankreich in Haft befindet, wurden nicht nachgegangen.

Jaeggi jedoch liess nicht locker: Er verlangte auch vor Obergericht im August 2013, den Holländer als Zeugen zu befragen. Diesmal wollte das Gericht aber gar nicht erst darauf eingehen und wies den Antrag zurück. Auch hier mit der Begründung der Staatsanwaltschaft, man wisse nicht, wo sich Peeters aufhalte.

Ignaz Walker, rechts, und Linus Jaeggi, links, Walkers Verteidiger, sind auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf am Montag, 19. Oktober 2015, in dem heute der Prozess gegen Ignaz Walker beginnt. Das Obergericht Uri verurteilte Walker im September 2013 wegen versuchter vorsaetzlicher Toetung und versuchten Mordes in Mittaeterschaft zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und erhoehte damit die vom Landgericht verhaengte Strafe um 5 Jahre. Im Dezember 2014 hiess das Bundesgericht eine Beschwerde Walkers teilweise gut, hob das Urteil auf und schickte den Fall zur Neubeurteilung ans Obergericht Uri zurueck. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Ignaz Walker (rechts) zusammen mit seinem Verteidiger Linus Jaeggi.
Bild: KEYSTONE

Im Dezember 2014 hielt das Bundesgericht schliesslich fest: Ein Hauptbelastungszeuge, der nie vor Gericht befragt wurde – das geht nicht. Das Obergericht müsse Peeters zur Berufungsverhandlung vorladen und dafür alles mögliche unternehmen, um dessen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.

Doch auch der dritte Anlauf scheiterte: Zu Beginn der Berufungsverhandlung vor Obergericht vom vergangenen Montag, 19. Oktober, liess Obergerichts-Vizepräsident Thomas Dillier ausrichten: Peeters sei nicht da, er konnte nicht ausfindig gemacht werden.

Holländer als Drogenhändler in Haft

Recherchen der «Rundschau» zeigen nun: Peeters befand sich seit August 2012 in Untersuchungshaft in Nordfrankreich. Dies wegen des Verdachts, zwischen 2009 und 2012 regelmässig Amphetamine, Ecstasy, Kokain und Cannabis von Holland nach Frankreich, Deutschland und die Schweiz geliefert zu haben. Im Juli 2015 wurde Peeters wegen der zahlreichen Drogendelikten zu drei Jahren Freiheitsstrafe und einer Busse von 3000 Euro verurteilt. Das französische Nachrichtenportal «La Voix Du Nord» berichtete darüber.

Da sich während den Untersuchungen gegen den Holländer herausgestellt hatte, dass er die Drogen auch in den Kanton Uri lieferte, stellten die französischen Behörden der Urner Staatsanwaltschaft im Februar 2013 ein Rechtshilfegesuch. Spätestens von diesem Zeitpunkt an, also noch vor dem Prozess vor Obergericht im August 2013, wusste die Urner Staatsanwaltschaft sehr wohl, wo sich Peeters aufhält.

Gemäss Mitteilung der «Rundschau» bestätigt dies Folco Galli vom Bundesamt für Justiz gegenüber der Sendung: «Anfang Juli entschied die Staatsanwaltschaft Uri, welche Dokumente und Beweismittel an die französischen Ermittler herausgegeben werden. Im September 2013 erfolgte die Herausgabe an die Behörden von Douai.»

Dass der Holländer mit Drogen zu tun haben könnte, ist indes nicht neu. Jaeggi mutmasste dies bereits vor dem Landgericht im Oktober 2012. Vielleicht, hielt der Verteidiger damals fest, sei die Täterschaft nicht bei Walker, sondern in der Drogenszene zu suchen.

Bild

Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi.
Bild: ur.ch

Von der Urner Staatsanwaltschaft erntete Jaeggi dafür nur Spott und Hohn. Bei der Theorie eines Drogenrings rund um Peeters handle sich um «wilde Spekulationen und Fantasiegeschichten der Verteidigung», sagte Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi vor Obergericht im August 2013 – damals bereits im vollen Wissen darüber, dass Johannes P. sehr wohl mit Drogen zu tun hat. Ulmi behauptete stattdessen weiter, die Staatsanwaltschaft wisse nicht, wo sich Peeters gegenwärtig aufhalte.

Damit entlarvt die «Rundschau» die brandschwarzen Lügen des Oberstaatsanwalts Ulmi im Verfahren vor Obergericht im August 2013. Und bringt damit ein weiteres Kapitel eines ausgewachsenen Justizskandals ans Tageslicht.

Verteidiger prüft Anzeige gegen Staatsanwaltschaft

Christof Riedo, Professor für Strafprozessrecht, ist überzeugt, es wäre ganz einfach gewesen, Kronzeuge Peeters im französischen Gefängnis zu finden und 2013 zum Prozess vors Urner Obergericht zu bringen. Gemäss Vorschau zur Sendung spricht Riedo in der «Rundschau» von einem «groben Verstoss gegen prozessuale Grundsätze», begangen durch die Staatsanwaltschaft Uri.

Für Riedo hat das Verhalten der Urner Staatsanwaltschaft Folgen für den Prozess: Weil dem Obergericht die Kenntnisse zu Peeters Strafakten aus Frankreich und damit sein Aufenthaltsort verschwiegen wurden, vereitelte die Staatsanwaltschaft letztlich bewusst eine nochmalige Befragung des Hauptbelastungszeugen. Riedo ist deshalb äusserst skeptisch, ob das Gericht die ursprünglichen Aussagen von Peeters nun noch verwerten kann, wie die «Rundschau» mitteilt.  

Jaeggi zeigt sich von den neuen Recherche-Ergebnissen der «Rundschau» geschockt: «Die Staatsanwaltschaft hat das Gericht und die Verteidigung damals brandschwarz angelogen», wird er in der Mitteilung des SRF zitiert. «Da stellt sich die Frage, ob nicht strafbare Handlungen im Sinne von Urkundendelikten oder Amtsmissbrauch seitens der Staatsanwaltschaft begangen worden sind.» Eine Strafanzeige dürfte sich nicht nur gegen Oberstaatsanwalt Ulmi richten, sondern auch gegen dessen Nachfolger, den jetzigen Oberstaatsanwalt Thomas Imholz. Denn dieser verschweigt dem Verteidiger von Walker und auch dem Obergericht die Kenntnisse zum Hauptbelastungszeugen Peeters bis heute.

Bild

Oberstaatsanwalt Thomas Imholz
Bild: ur.ch

Bruno Ulmi hatte per 31. Mai 2014 seine Stelle als Oberstaatsanwalt in Uri gekündigt. Dies obwohl sein grösster Fall – Ignaz Walker – damals noch nicht abgeschlossen war. Der Abgang gab damals Anlass zu Spekulationen: Rettete sich der Oberstaatsanwalt vom sinkenden Schiff? Zu den «Rundschau»-Recherchen will Ulmi gegenüber der Sendung keine Stellung nehmen; er verweist auf seinen Nachfolger, Thomas Imholz. Doch auch dieser will die Fragen nicht beantworten und teilt gemäss Mitteilung gegenüber der «Rundschau» mit: «Die Staatsanwaltschaft Uri als Verfahrensbeteiligte wird zu einem laufenden Verfahren keine Stellung nehmen.»

Peeters nimmt Wahrheit mit ins Grab

Wieso wollte und will die Urner Staatsanwaltschaft partout verhindern, dass Peeters vor Gericht geladen wird? Eine mögliche Antwort liegt ebenfalls seit Jahren im Raum. Walker hatte nämlich bereits 2010 ausgesagt, dass der Holländer ihn nach dem Schuss auf ihn besucht und sich entschuldigt haben soll für seine Falschaussage; er sei von der Polizei gedrängt worden, Walker zu beschuldigen. Zeugen, die dieses Gespräch bestätigen könnten, wurden nie befragt. Auf Anraten seines Anwalts fuhr Walker den reuigen Holländer noch am selben Tag nach Altdorf zum Polizeiposten, damit dieser dort seine Aussagen revidieren könne. Als Walker später bei der Polizei nachfragte, hiess es, Peeters sei nie beim Polizeiposten gewesen.

Fürchtet sich die Staatsanwaltschaft davor, der Kronzeuge könnte seine Anschuldigung gegen Walker zurückziehen, und verheimlicht deshalb jahrelang dessen Aufenthaltsort? Eine Frage, auf die es keine Antwort mehr geben wird. Für eine Befragung des Holländers vor Gericht ist es nun nämlich ohnehin zu spät: Wie die «Rundschau» herausgefunden hat, ist Peeters am 18. August 2015 nach schwerer Krankheit in Roubaix, Frankreich, gestorben.

Die Autorin

*Carmen Epp verfolgt den Fall Ignaz Walker seit 2012, zunächst als Journalistin beim «UrnerWochenblatt», seit Februar diesen Jahres als Freischaffende. Sie wird für watson über den Berufungsprozess berichten.

Die Wahrheit darüber, was in jener Januarnacht 2010 vor dem Cabaret tatsächlich geschehen war, hat Peeters mit ins Grab genommen. Vor seinem Tod verfolgte er die Geschehnisse in der Schweiz offenbar mit grossem Interesse. So erhielt die «Rundschau» gemäss Pressetext im Februar, als Walker aus der Untersuchungshaft entlassen worden ist, ein Mail von Peeters, in der zu lesen ist: «Ich bin froh, dass er aus der U-Haft entlassen ist.»

Zusammenhang für den ganzen Fall Walker

Die Recherchen der «Rundschau» dürften sich auf den ganzen Fall Ignaz Walker auswirken. Können die Richter nicht überzeugt werden, dass Walker auf Peeters geschossen hat, dürfte es zudem schwierig werden, ihn mit dem Auftragsmord an Nataliya K. in Verbindung zu bringen. Der Zusammenhang der beiden Fälle, die gleichzeitig zur Anklage gebracht wurden, liegt nämlich in der Waffe, die bei beiden Taten identisch war. Kommt das Gericht zum Schluss, dass Walker nicht auf Peeters geschossen hat, fällt das Hauptindiz, die Tatwaffe, für den Schuss auf Nataliya K. weg.

Die Verhandlung vor Obergericht Uri wird heute mit dem Plädoyer der Verteidigung fortgesetzt und dauert voraussichtlich bis zum 3. November.

Die Recherchen der «Rundschau» werden heute Abend, 20.50 Uhr, auf SRF1 ausgestrahlt.

Ein Fall voller Ungereimtheiten

Bereits während den Untersuchungen im Fall Walker war es zu Ungereimtheiten gekommen, die aufhorchen lassen. So steuerte ausgerechnet ein Polizist eine DNA-Spur als Beweismittel gegen Walker bei, der mit dem Cabaretbetreiber bereits in ein Verfahren verwickelt war. Später stellte sich heraus, dass die besagte Spur gar einem forensischen Wunder gleichkäme; noch nie hatte Erbgut auf einer abgeschossenen Patronenhülse überlebt. Die Urner Oberrichter aber glaubten an das «Wunder von Erstfeld» und stützten ihren Schuldspruch gegen Walker auf ebendiese DNA-Spur.

Als im Mai 2012 Walkers Vater im Hause seines Sohnes F. starb, zeigten die Urner Ermittler wenig Interesse daran, den Todesfall aufzuklären. Auch dann nicht, als F. nach der Kremierung des Leichnams mit einem Testament auftauchte, das Walker enterbte und F. als grossen Nutzniesser bezeichnete. Mit der Verheimlichung des Aufenthaltsorts von Peeters wird die Geschichte der Ungereimtheiten im Fall Ignaz Walker nun um ein Kapitel reicher – und das Vertrauen in die Urner Justiz kleiner.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Louie König 21.10.2015 14:00
    Highlight Highlight Sehr sehr spannender Artikel. Liest sich wie ein Krimi, mehr davon. Dürfen auch Artikel über bereits gelöste Fälle sein.
  • Floh Einstein 21.10.2015 10:39
    Highlight Highlight Heute geht's grad auch rund. Der Forensiker hat gestern um 11 ein Ergänzungsgutachten eingereicht, und das Gericht musste erst entscheiden ob das Beweisverfahren wiedereröffnet wird. Dies erfolgte vor 1 Stunde gegen den Willen der Verteidigung.
    Mit der erneuten Befragung des Forensikers wurde begonnen, zur Zeit ist Pause, unter anderem damit der Verteidiger seine Fragen genau formulieren kann.
    Der Verteidiger hat impliziert dass die bisherigen Fragen missverstanden werden konnten.
  • Max Heiri 21.10.2015 10:10
    Highlight Highlight Ich muss ehrlich gestehen, dass hier der förderale Justizaufbau auch misslich ist. Ein so kleiner Kanton wie Uri, wo jeder jeden kennt und erst das Bundesgericht darüber wacht, ist mehr als nur ein kleiner Fehler.
  • Bucky 21.10.2015 09:29
    Highlight Highlight Der Fall sagt alles: Staatsanwälte sind alles andere als automatisch integre, seriöse, gewissenhafte Autoritäten. Es gibt mitunter ganz falsche Fünfziger und Inkompetenz unter den Staatsanwälten. Leute, die sich durch die Uni gemogelt und sich dann ein Jöbchen als Staats ergaunert haben. Staatsanwalt, das ist schon lange kein ehrbarer Beruf mehr, wenn es überhaupt jemals einer war. Denn wie heimlifeiss intrigiert Staatsanwälte vor 100 Jahren haben, als es keine so ausgebaute Medienlandschaft und Kontrollen ihrer Tätigkeit gab, können wir nur vermuten... Gilt auch für Richter.
  • Ani_A 21.10.2015 09:11
    Highlight Highlight Das wird ja immer spannender! Vielen Dank für eure ausführliche Dokumentation des Falls.

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Das Gericht hat am Mittwoch in Burgdorf eine Hundehalterin vom Vorwurf der Tierquälerei und des Betrugs freigesprochen. Das Urteil fiel nach dem Grundsatz «Im Zweifel für die Angeklagte».

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