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Laut Roland Zimmermann machen sich jüngere Frauen während der Schwangerschaft weniger Sorgen. Bild: shutterstock

Das grosse Geschäft mit den verunsicherten Schwangeren: «Vorgesehen sind sieben Untersuchungen – viele Frauen gehen aber zehn- bis zwölfmal zum Arzt» 

Wie viel Vorsorge ist während der Schwangerschaft tatsächlich nötig – und wie viel fordern werdende Mütter in der Schweiz ein? Ausserdem: Welche Rolle spielen Tests, die beispielsweise das Down-Syndrom erkennen können? Roland Zimmermann, Frauenarzt am Universitätsspital Zürich, liefert Antworten.

05.08.15, 20:01


Weil der Bauch nicht richtig wächst, das Baby sich nicht zu bewegen scheint oder es zu Blutungen kommt – viele Frauen rennen während einer Schwangerschaft immer wieder zum Arzt. Von der Krankenkasse vorgesehen sind aber nur gut eine Handvoll Untersuchungen. Seit Mitte Juli übernimmt die Versicherung nun auch einen Bluttest zur Down-Syndrom-Abklärung. Gynäkologe Roland Zimmermann erklärt, warum sich viele Frauen öfter untersuchen lassen als nötig.

Herr Zimmermann, wie viele Vorsorgeuntersuchungen sind während einer Schwangerschaft in der Schweiz vorgesehen? 
Roland Zimmermann: Sofern es sich um eine «normale» Schwangerschaft handelt, bei der also alles nach Plan verläuft, übernehmen die Krankenkassen sieben Untersuchungen, plus eine weitere sechs Wochen nach der Geburt. Bei einer Risikoschwangerschaft muss anhand des klinischen Befunds entschieden werden, wie viele Untersuchungen nötig sind.

Halten Sie diese Zahl für angebracht? 
Es kommt nicht unbedingt darauf an, wie viele Untersuchungen gemacht werden, sondern viel mehr, was genau dabei untersucht wird. Zahlenmässig befinden wir uns hier in der Schweiz aber schon eher am unteren Ende. 

Roland Zimmermann, Direktor der Klinik fuer Geburtshilfe der Universitaet Zuerich zeigt den Medien an einer Nachgeburt (Plazenta) wie wichtig die darin enthaltenen Stammzellen fuer die Forschung sind, am Dienstag, 26. Oktober 2004 in Zuerich. Am 28. November 2004 wird in der Schweiz zum Bundesgesetz ueber die Forschung an embryonalen Stammzellen 
(Stammzellenforschungsgesetz) abgestimmt.
(KEYSTONE/Dorothea Mueller)

Gynäkologe Dr. Roland Zimmermann ist Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich. Bild: KEYSTONE

Sieben Untersuchungen sind also eher wenig? 
Ja, die Schweiz, Österreich und Belgien bilden das untere Ende der Skala ab. In Ländern wie beispielsweise Deutschland sind 12 Untersuchungen vorgesehen. 

Wo Sie gerade Deutschland erwähnen: Eine Studie besagt, dass die Frauen dort «überversorgt» sind. Das heisst, sie lassen noch mehr Untersuchungen als die eigentlich vorgesehenen durchführen. Ist das in der Schweiz auch so? 
Genaue Studien gibt es dazu in der Schweiz leider nicht. Ich würde auch gerne mal eine Zahl sehen, die zeigt, wie oft eine schwangere Frau in der Schweiz tatsächlich im Durchschnitt zum Arzt geht. Denn zu den vorgesehenen Vorsorgeuntersuchungen kommen meistens noch zusätzliche – von der Frau veranlasste – Termine hinzu.

Es bleibt also nicht bei den sieben Untersuchungen? 
Nein, bei dieser Zahl bleiben die wenigsten. Viele kommen sicher auf zehn bis zwölf Arztbesuche während der Schwangerschaft. Ich merke, dass die Verunsicherung bei den Frauen sehr gross ist. Manche stehen fast jede Woche bei uns auf der Matte, weil hier was zwickt und da was drückt. 

«Es gibt auch Ärzte, die diese Ängste schüren.»

Roland Zimmermann

Woher kommt diese Verunsicherung? 
Zu einem Grossteil spielt das Alter eine Rolle. Viele Mütter sind bei der ersten Schwangerschaft nicht mehr Anfang 20, sondern eher Anfang 30 – oder noch älter. Da ist das Projekt Baby eine ganz geplante Sache. Die Frauen wollen alles kontrollieren können, lesen ständig Dinge bei «Doktor Google» nach und haben entsprechend auch mehr Angst. Es gibt aber auch Ärzte, die diese Ängste schüren. 

Dann ist die Zahl der Arztbesuche während der Schwangerschaft gestiegen? 
Auf jeden Fall. Vor 20 Jahren – als die Mütter im Durchschnitt deutlich jünger waren – war die allgemeine Verunsicherung noch nicht so gross.  

Gemäss der zuvor erwähnten Studie lassen deutsche Frauen häufig zusätzliche Untersuchungen durchführen, die gar nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Ist das in der Schweiz auch so?
Das sind die so genannten «Igel-Leistungen». Die gibt es in der Schweiz so gar nicht. Das ist das Gute an unserem System: In den von der Versicherung übernommenen Leistungen sind «notwendige Laboruntersuchungen» aufgeführt. Dieser Begriff lässt natürlich viel Interpretationsspielraum. Lediglich der Bluttest zur Abklärung des Down-Syndroms musste in den vergangenen Jahren von der Patientin selbst bezahlt werden. 

«Igel» = Individuelle Gesundheitsleistung

Die so genannten «Individuellen Gesundheitsleistungen» – kurz Igel – sind Leistungen, für welche die deutschen Krankenkassen nicht leistungspflichtig sind oder deren Sicherstellung anderen Leistungserbringern obliegt. Beispielsweise der gesetzlichen Unfall- oder Rentenversicherung. Weil gewisse Untersuchungen so zu einer Art «Verkaufsobjekt» werden, gelten diese Leistungen als umstritten.

Und das hat sich nun geändert? 
Genau, seit Mitte Juli gehört auch dieser Test zu dem Paket der Vorsorge-Untersuchungen, die von der Krankenversicherung bezahlt werden, mit dazu. Meiner Meinung nach sollte die Frage der Kostenübernahme aber ohnehin eine Nebenrolle spielen und nicht ausschlaggebend dafür sein, ob man einen Test durchführen lässt oder nicht. 

Die Tatsache, dass man heute während einer Schwangerschaft so viele Tests durchführen kann, ist ethisch stark umstritten. Wie gehen Sie mit diesem Thema um? 
Wir raten den werdenden Eltern immer dazu, sich zunächst einmal Gedanken zu machen, ob ein entsprechendes Testergebnis überhaupt Folgen für sie hätte. Wenn ein Schwangerschaftsabbruch so oder so gar nicht in Frage kommt, dann braucht man die Tests auch nicht zu machen. Diese Frage sollte sich aber nicht erst nach einem solchen Test – sondern unbedingt davor stellen. Und dafür braucht es wiederum einen gewissen Vorlauf, damit genügend Bedenkzeit bleibt. 

Wäre es Ihrer Meinung nach erstrebenswert, die Zahl der von der Krankenkasse bezahlten Vorsorgetermine zu erhöhen, wenn ohnehin die meisten Frauen häufiger kommen? 
Nein, mehr als diese sieben braucht es eigentlich nicht. Alle Abklärungen und Tests, die in der Vorsorge nötig sind, können wir dort unterbringen – sofern es sich nicht um eine Risikoschwangerschaft handelt. 

Dennoch kommt es – wie Sie sagen – am Ende zu mehr Arztbesuchen. Wie regieren die Krankenversicherungen darauf? 
Die scheinen insgesamt entspannt zu reagieren. Ich habe es noch nie erlebt, dass eine schwangere Frau irgendwelche Kosten selbst übernehmen musste. Aber wenn sie alles in allem auf zehn oder zwölf Arztbesuche kommt, dann liegt sie ja auch immer noch unter dem Durchschnitt der deutschen Frauen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • _kokolorix 06.08.2015 09:31
    Highlight das interview ist irreführend.
    nach meiner erfahrung machen fast alle frauen genau das was der arzt/ärztin sagt. und da werden so viele termine gesetzt wie möglich, auf jeden fall immer mehr als nötig. dabei werden viele probleme erkannt die gar keine sind. wie viele kinder unnötig abgetrieben werden ist ohne not unbekannt, da nach dem abbruch keinerlei kontrollen durchgeführt werden ob die annahmen nun gestimmt haben oder micht.
    zum down syndrom bluttest sagt der chefgynäkologe genau den scheiss wie alle anderen. es geht nur im abtreibung oder nicht. dabei wäre es doch unglaublich wichtig vor der geburt zu wissen das man/frau ein besonderes kind bekommt. für viele eltern von kindern mit ds ist es ein schock wenn die diagnose erst nach der geburt gestellt wird. ausserdem wird von den sogenannten fachleuten immer nur auf die probleme welche ein ds mit sich bringt hingewiesen. hier wäre der test ein wahrer segen, bringt er uns doch die zeit uns mit dem ds vertrautzumachen, evtl mal mit einer familie zu reden welche ein solches kind hat etc. aber die ärzte sprechen nur die entscheidung für oder gegen das kind an.
    5 1 Melden
  • Laubos 06.08.2015 04:51
    Highlight Als Schwangere muss ich mich regelrecht gegen FA-Termine wehren. Das fängt beim ersten Telefon an: kommen Sie bei 6w für ersten US (ähm, lieber nein, das ist mir zu früh). Bei 12w: xy sehen wir noch nicht allzu genau, kommen Sie nächste Woche nochmals (nein danke, mir reicht es so), na dann aber bei 16w (Wofür? Damit es wieder ungenau ist? Nein, lieber bei 23w, dann bringt das Organscreening auch was) usw. Notabene ist das keine Frage vom FA ob/wann man kommen will, sondern da wird man informiert. Wenn man sich nicht lautstark wehrt, kommt man ruckzuck au 10+ Termine.
    11 2 Melden
  • Maya Eldorado 05.08.2015 22:35
    Highlight Ich habe meine beiden Töchter 78 und 80 geboren. Ich bin sehr froh, dass der Druck für Untersuchungen noch nicht so gross war.
    Allerdings bei meiner jüngeren Tochter gab es schon Ultraschall. Die Aerztin wollte - ich nicht. Sie sagte mir, dass ich das meinem Kinde schuldig sei. So gab ich nach. Prompt fand sie etwas - der Kopf sei zu klein. Ich fühlte mich wohl und weil ich, egal was sei, keinen Abbruch wollte. Ging ich nicht mehr zur Aerztin. Ich fühlte mich so gut, dass ich einfach keine Angst hatte, etwas könnte nicht gut sein.
    8 0 Melden
  • Michael Mettler 05.08.2015 20:50
    Highlight Erste Antwort sagt alles. Auf die Frage wie viele Untersuchungen es braucht sagt der Arzt die KK zahlt sieben. Noch Fragen? Für was braucht es überhaupt eine Untersuchung bei einer normalen Schwangerschaft?
    9 11 Melden
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 05.08.2015 21:26
      Highlight Beim ersten Ultraschall kann man aufgrund der grösse vom Embryo den Erwartungstermin bestimmen. Wir machen nur den und einen weiteren :-)
      7 1 Melden
  • Yelina 05.08.2015 20:22
    Highlight Fängt ja schon beim Frauenarzt an: Kurz nach einem Umzug suchte ich eine neue Frauenärztin in Luzern, per Telefon. Oft wollte die Dame am Telefon wissen, ob ich schwanger sei. Wenn ich verneinte, hatte man keinen Platz für neue Patientinnen... Gemäss meiner heutigen Frauenärztin gehts dabei ums Geld der Krankenkasse... (7 garantiert bezahlte Termine)
    16 0 Melden

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