Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Bezirksgericht Zürich hat entschieden: 54 Monate für Stoss vom Perron

Das Zürcher Bezirksgericht hat einen 33-jährigen Deutschen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 4,5 Jahren verurteilt. Er hatte im Dezember 2015 am Hauptbahnhof Zürich auf einem Perron eine Frau geschubst. Sie stürzte unter eine abfahrende S-Bahn. Dabei wurde ihr der linke Unterarm abgetrennt.



Das Gericht wertete die Tat als eventualvorsätzliche Tötung mit Notwehrexzess. Der Mann hatte sich von der Frau bedroht gefühlt, weil sie im Streit angekündigt hatte, ihn zu schlagen. Er stiess sie mit grosser Wucht von sich.

Strafmindernd wirkte sich unter anderem aus, dass der Mann stark alkoholisiert war und unter Drogeneinfluss stand. Damit sei die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten eingeschränkt gewesen, sagte der Richter am Mittwochabend bei der Urteilseröffnung.

Er sagte jedoch auch zum Beschuldigten: «Es ist unerträglich anzusehen, wie Sie mit vollem Körpereinsatz diese Frau gegen den Zug schmeissen». Der ganze Tathergang war von den Videokameras im Hauptbahnhof Zürich aufgezeichnet worden.

Das Gericht ordnete an, dass der Beschuldigte neben den Verfahrenskosten und den Kosten für die Anwältin der Geschädigten ein Schmerzensgeld von 120'000 Franken zahlen muss.

Die Staatsanwältin hatte eine Freiheitsstrafe von acht Jahren gefordert für versuchte Tötung. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert weil der Beschuldigte zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig gewesen sei; oder alternativ auf eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren.

Rail passengers walk through the shopping arcade at Loewenstrasse train station in Zurich Main Station, Switzerland, pictured on July 14, 2014. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Reisende gehen durch die Ladenpassage im Bahnhof Loewenstrasse am Hauptbahnhof Zuerich, aufgenommen am 14. Juli 2014. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Der Vorfall passierte vor etwas mehr als einem Jahr. Bild: KEYSTONE

Verteidiger: «Es war Notwehr»

Bei der Tat handelte es sich laut dem Verteidiger um Notwehr. Die Geschädigte habe seinen Mandanten angegriffen: «Hätte er stehenbleiben und sich schlagen lassen sollen?»

Ohnehin sei sein Mandant nicht zurechnungsfähig gewesen. Zur Tatzeit habe er rund 2,6 Promille Alkohol im Blut gehabt und sei unter dem Einfluss von zwei bis drei Linien Kokain sowie Cannabis gestanden. Den Zug habe er nicht wahrgenommen.

Der Deutsche war zuvor noch nicht straffällig geworden, arbeitet als Verkäufer bei einem Grossverteiler und hat Aussicht auf eine Führungsposition. Er möchte ausserdem seine Verlobte heiraten.

«Ein nichtiger Streit»

An einem Sonntagmorgen im Dezember 2015 um fünf Uhr früh hatte der Mann eine Frau auf dem Perron zu Gleis 43 am Zürcher Hauptbahnhof angetroffen. Es entstand ein Wortgefecht zwischen ihm und ihr.

Der Beschuldigte sagte, es sei ein nichtiger Streit gewesen. «Vielleicht war der Anlass, dass wir beide Deutsche sind», sagt er vor Gericht. Er und die Frau hätten sich gegenseitig heruntergemacht. An den Inhalt erinnere er sich nicht mehr.

Der Beschuldigte versicherte wiederholt, er habe keinen Streit gesucht. Auch habe er noch nie mit Gewaltdelikten zu tun gehabt. Er habe die Frau später weggestossen, weil er Angst und Panik gespürt habe. In ihrem Gesicht habe er gesehen, dass sie ihn schlagen wollte.

Das Gericht konfrontierte ihn mit drei Ausschnitten aus den Aufzeichnungen der Überwachungskamera. Darauf war zu sehen, wie der Angeklagte in Richtung der Frau gestikulierte, wie er zweimal an ihr vorbei ging und wie der Zug ein- und wieder anfuhr.

Zudem war zu sehen, wie die Geschädigte schliesslich auf ihn zukam, sich nahe vor ihn stellte und er sie dann mit Wucht von sich weg stiess. Sie stürzte auf die abfahrende S-Bahn zu und verschwand in der Lücke zwischen Perronkante und Zug.

Angst und Panik

In der Folge wurde sie vom Zug mitgeschleift, geriet bald unter den Waggon und wurde überrollt. Sie kletterte später stark blutend aus eigener Kraft auf das Perron zurück. Dort versorgten sie Ersthelfer, bevor sie ins Spital gebracht wurde.

Die Anwältin der Geschädigten führte aus, die Frau sei auf ihn zugegangen, um ihm zu sagen, dass er sie in Ruhe lassen solle. Die Geschädigte habe ihn nicht geschlagen. Die junge Frau sei seit dem Unfall arbeitsunfähig, in psychologischer Behandlung und lerne aktuell, mit der Unterarmprothese alltägliche Handgriffe auszuführen. (sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Kesb-Vormund erschleicht sich über 300'000 Franken

Ein von der Kesb als Vermögensverwalter eingesetzter Vormund hat sich während dreier Jahre selbst 316'000 Franken vom Konto seines Schützlings überwiesen. Das Bezirksgericht Zürich fällte am Montag aber kein Urteil, sondern wies den Fall an die Staatsanwaltschaft zurück.

Der heute 70-jährige Vormund hatte unter anderem von 2016 bis 2019 Geld vom Konto seines Mündels auf sein eigenes überwiesen. Um seine Taten zu vertuschen, stellte er gefälschte Rechnungen aus, wie aus der Anklageschrift …

Artikel lesen
Link zum Artikel