Schweiz
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Der Zürcher Polizist und die Spionin – eine Geschichte wie ein Agenten-Thriller

Die Anklageschrift liest sich wie das Drehbuch eines Agenten-Thrillers. Am Zürcher Bezirksgericht wird am Mittwoch der Fall eines Kantonspolizisten verhandelt, der einer deutschen Spionin Informationen über einen ukrainischen Oligarchen beschafft haben soll.



Es ist schwer nachzuvollziehen, was ihn dazu getrieben hat. Das wenige Geld kann es kaum gewesen sein. Ebenso wenig mangelte es ihm an Spannung in seinem Leben: Er kannte sich bestens in der Islamisten-Szene aus und kämpfte gegen Drogen- und Menschenhandel. Was also trieb Christoph Gerber* dazu, einer ehemaligen Stasi-Agentin geheime Informationen zuzustecken?

Am Mittwoch wird am Bezirksgericht Zürich der Fall des ehemaligen Zürcher Kantonspolizisten Gerber verhandelt. Ihm wird passive Bestechung und mehrfacher Amtsmissbrauch vorgeworfen. Bis zu einem rechtskräftigen Gerichtsurteil gilt die Unschuldsvermutung.

Die Ex-Stasi-Mitarbeiterin und der Kantonspolizist aus Zürich

Glaubt man der Anklageschrift, so soll alles mit dem Treffen von Christoph Gerber und Christina Wilkening begonnen haben.

Wilkening ist in Berlin geboren und lebt auch heute noch dort. Die mittlerweile 72-Jährige ist keine Unbekannte. Zu DDR-Zeiten war sie unter dem Decknamen «Nina» für die Stasi tätig, nach dem Fall der Mauer versuchte sie sich als Buchautorin, wechselte aber schnell wieder in bekanntere Gefilde. Als private Nachrichtenhändlerin verdiente sie Geld damit, Informationen zu verkaufen, die auf legalem Weg nur schwer erhältlich sind. So versuchte sie zum Beispiel, für den rumänischen Rohstoffkonzern Petrom Öldiebstähle aufzuklären.

Ihr letzter Auftrag brachte Wilkening in ein deutsches Gefängnis. Sie wurde am 20. April 2016 wegen des Vorwurfs der Bestechung verhaftet. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass Wilkening sich für Informationen auf ein internationales Netzwerk an Polizisten und anderen Amtsträgern verlassen konnte. In Österreich wird deswegen gegen einen Nachrichtendienstler ermittelt, in Deutschland wurden zwei Polizisten verhaftet – und in der Schweiz der Kantonspolizist Christoph Gerber.

Gerber und Wilkening sollen seit Dezember 2013 zusammengearbeitet haben. Wie genau es zu dieser Partnerschaft kam, ist aus der Anklageschrift nicht ersichtlich. Der Tagesanzeiger berichtete letztes Jahr, dass sich die beiden bereits im Oktober 2012 auf einer Wiener Tagung zu Wirtschaftskriminalität kennenlernten und Wilkening seitdem versuchte, das Vertrauen von Gerber zu gewinnen.

Teure Essen im Baur au Lac und Bestechungsgelder aus der Ukraine

Gemäss Anklageschrift kam es immer wieder zu Treffen zwischen den beiden, mal in der Confiserie Sprüngli am Paradeplatz, mal im Baur au Lac am Bürkliplatz. Christine Wilkening sprach oft von ihren «Projekten», wie sie sie nannte. Dabei handelte es sich um Aufträge verschiedenster Art. Im Januar 2014 fragte sie Gerber zum ersten Mal an, seinen Status als Amtsinhaber für einen Auftrag zu missbrauchen.

Der Kantonspolizist sollte für Wilkening die Herkunft eines Schlüssels abklären, von dem private Auftraggeber der Überzeugung waren, er könne zu einem Bankschliessfach in der Schweiz gehören. Gerber willigte ein, machte Anfragen unter dem Deckmantel offizieller polizeilicher Ermittlungen. Und fand nichts heraus.

Trotzdem fütterte Wilkening den Angeklagten weiter mit Aufträgen. Diese wurden auch zunehmend brisanter. So sollte er im Januar 2015 Recherchen über die Verhaftung des ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch anstellen. Firtasch hatte eine mutmassliche Erzfeindin mit Beziehungen zu einer Schweizer Firma. Gerber soll Namen, Adressen und Telefonnummern von Personen dieser Firma in polizeilichen Systemen gesammelt haben.

Wilkening liess die Arbeit des Polizisten nicht unhonoriert. Bei ihren Treffen – zumeist lud sie Gerber zum Nachtessen ein – händigte sie ihm jeweils einen Umschlag mit Bargeld aus. Zwischen 1000 und 2500 Euro befanden sich darin.

Die Beziehung zwischen Wilkening und Gerber gipfelte im «Projekt Delta». Dabei ging es um Mykola Martynenko, ukrainischer Politiker und Vorsitzender der parlamentarischen Energiekommission. Dieser geriet 2013 in einen Bestechungs- und Geldwäschereiskandal. Ihm wurde vorgeworfen, 30 Millionen Franken Schmiergeld von der tschechischen Firma Skoda JS angenommen zu haben. Dafür soll Martynenko einen milliardenschweren Auftrag zur Modernisierung ukrainischer Kernkraftwerke an die tschechische Firma vergeben haben.

Das Bestechungsgeld wurde auf dem Konto einer Schweizer Privatbank eingefroren, und die Schweiz nahm Ermittlungen gegen Martynenko auf. Wilkening sollte eine Gegenstrategie für den Ukrainer ausarbeiten und brauchte dazu Informationen über den Stand der Ermittlungen in der Schweiz. Zuerst versuchte sie, an den ehemaligen Bundesanwalt Michael Lauber oder einen seiner Mitarbeiter zu kommen, jedoch vergeblich.

Gerber nahm daraufhin Recherchen in verschiedenen polizeilichen Systemen auf. Er lieferte Wilkening unter anderem die Privatadresse des fallführenden Staatsanwaltes des Bundes. Dabei wandte er abenteuerliche Methoden an. So hat er den zuständigen Ermittler bei der Bundeskriminalpolizei unter dem Vorwand kontaktiert, er habe durch Vladimir Martynenko (einen imaginären Bruder) Informationen über eine russische Rockergruppierung namens «Putins Nachtwölfe» sammeln können. Was genau er mit diesem Vorwand erreichen wollte, ist in der Anklageschrift nicht ersichtlich.

Der Fall des Kantonspolizisten weist einige Fragen auf. Nichtsdestotrotz fordert die Staatsanwaltschaft eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten und 25'000 Franken Ersatzzahlungen wegen Amtsmissbrauchs.

*Name geändert

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