DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Lesungen, Informationsstände, Konzerte: Der Zürcher Platzspitz war am Wochenende Schauplatz eines Openair-Festivals mit politischem Hintergrund. Bild: ajour magazin

«Parc Sans Frontières» – die Platzspitz-Besetzung in 5 Akten

Am Freitagabend besetzten Aktivisten den Platzspitz-Park neben dem Hauptbahnhof Zürich. Sie demonstrierten gegen die repressive Ausländer- und Asylpolitik, hielten Vorträge und tanzten zu Live-Musik. Bis am Sonntagmorgen feierten mehrere hundert Personen im Herzen Zürichs. Es handelte sich um eine der grössten Besetzungsaktionen der letzten Jahre in der Stadt Zürich. 



Der Auftakt

Als bei der Stadtpolizei kurz vor 18 Uhr die Meldung einging, dass der Platzspitzpark besetzt ist, war es schon zu spät, um die Aktion zu unterbinden. Aktivisten hatten den Park «flashmob-mässig» gestürmt, die Eingänge mit Stahlketten abgeriegelt – den Beamten der Stapo, die gemäss Beobachtern mit mehreren Kastenwagen vor Ort waren, wurde der Zugang laut Medienmitteilung «auf friedliche Art und Weise» verwehrt.

Zwei Anwälte standen beim Eingang des Platzspitz im Dialog mit den Beamten, einer davon war Marcel Bosonnet, der unter anderen schon Edward Snowden oder den Terroristen Carlos verteidigt hatte. Bosonnet bestätigt, dass er im Auftrag der Organisatoren vor Ort war – «als juristischer Handlanger», wie er am Telefon lachend sagt. Es sei seinen Klienten ein Anliegen gewesen, dass das Fest ohne Polizeieinsatz über die Bühne gehen könne.

Mit Erfolg. Nach Rücksprache mit Sicherheitsvorsteher Richard Wolff entschieden sich die Polizisten schliesslich, den «politisch motivierten Anlass zu tolerieren». Es blieb ihnen aber auch gar nicht viel anderes übrig. Matthias Ninck, Sprecher des Sicherheitsdepartements, sagte gegenüber watson, der Entscheid sei aus Gründen der Verhältnismässigkeit gefällt worden, die «unschönen Lärmbelästigungen» habe man angesichts der möglichen Konsequenzen einer Räumung in Kauf nehmen müssen.

Zur gleichen Zeit machten SMS die Runde, die die Besetzung des Parks als «Aktion gegen Zwangsmassnahmen und Ausgrenzung» verkündeten und zu Konzerten, Party und Essen aufriefen. Eine Website mit den entsprechenden Hintergrundinformationen war ebenfalls verlinkt. Journalisten wurde bedeutet, die Kamera zuhause zu lassen, auf Twitter wurde für 20 Uhr eine Pressekonferenz angekündigt.

Der Überbau

Am westlichen Eingang, dort, wo sich Sihl und Limmat kreuzen, lieferte eine Informationstafel Aufschluss über die politischen Beweggründe der Besetzer. Man wolle einen temporären Raum schaffen, um den Protest gegen Zwangsmassnahmen im Asylbereich sichtbar zu machen. «Parc Sans Frontieres» – Park ohne Grenzen – unter diesem Motto lief die Veranstaltung.

Bild

Bild: ajour magazin

Der Platzspitz wurde nicht zufällig gewählt: Anfang der 90er-Jahre erlangte der Park im Herzen Zürichs als offene Drogenszene weltweite Bekanntheit. Hunderte Fixer setzten hier täglich die Nadeln an. 1992 zog die Stadtregierung die Notbremse und schloss den Park. In der Folge verlagerte sich die Szene in den Kreis 5, später auf den stillgelegten Lettenbahnhof. 1995 räumte die Stadt auch den Letten und sorgte mit der konsequenten Durchsetzung der Viersäulenpolitik für einen Rückgang des sichtbaren Konsums harter Drogen in Zürich.

Im Zuge der Needlepark-Elends habe die Stadtregierung exemplarisch Repressionsmassnahmen getestet, die mittlerweile zum Standardrepertoire in der ganzen Schweiz gehörten, erklären die Besetzer in der aufwendig gemachten «Gazette du Parc sans Frontières», in der unter anderem der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr – erklärtes Feindbild linksautonomer Kreise – sein Fett wegbekam.

Bild

Bild: screenshot/ajourmagazin

Die jüngsten Verschärfungen im Asylbereich – Eingrenzungsmassnahmen und Streichung der Sozialhilfe für vorläufig Aufgenommene – seien als weiteres Kapitel der Zürcher Repressionshistorie zu sehen.

Auf der Website parcsansfrontieres.ch findet man das offizielle Manifest, das Konzertprogramm sowie «Bildmaterial für die Presse». Eine Domainsuche führt zum Unternehmen FLX Labs, das «individuelle Lösungen für den Webauftritt» anbietet. Geschäftsführer Stefan Eggmann bestätigt am Telefon, dass seine Firma die Domain parcsansfrontieres.ch hoste. Wer dahinter steht, wisse er aber nicht. Er habe vor einiger Zeit eine anonyme Anfrage erhalten. Da er mit der dahinter stehenden politischen Haltung sympathisiere, habe er zugestimmt – unentgeltlich. Ob die Organisatoren auch weiter eine Verwendung haben für die Website, könne er nicht sagen. «Wenn nicht, dann fällt sie mir wieder zu.»

Die Vorbereitungen

Bereits letzten Herbst versuchten Aktivisten, den Platzspitz zu besetzen, bliesen die Aktion aber im letzten Moment ab. Ob es sich bei den Veranstaltern um dieselben Personen handelt, ist nicht bekannt. Die Stapo hat keine weitergehenden Angaben zu den Organisatoren, wie sie auf Anfrage mitteilte. Anwalt Bosonnet sagte, es sei seinen Klienten ein Anliegen, dass keine Namen genannt werden.

Silvio*, der für das autonome Online-Magazin «Ajour» vor Ort war, sagte gegenüber watson, es handle sich um ein Kollektiv aus dem linksradikalen und antirassistischen Spektrum, das die Aktion seit mehreren Monaten geplant habe. In die Planung sei nur ein kleiner Personenkreis eingeweiht gewesen.

Die Besetzung reiht sich ein in ähnliche Aktionen linksautonomer Kreise, wie etwa der Hardturm-Besetzung «Brot & Äktschn» im Jahr 2008, der Errichtung der Shantytown-Siedlungen am Sihlufers 2005, oder der Besetzung des Kino Razzia im Seefeld 2011. 

Die Party

Wer am Freitagabend den Park betrat, wähnte sich an einem Openair-Festival inmitten Zürichs. Auf der Konzertbühne neben dem Musikpavillon spielten bekannte Bands wie «None of Them» oder «One Sentence Supervisor», auf verschiedenen kleineren Bühnen spielten DJ-Sets Hip-Hop, House und Goa-Trance. Improvisierte Essenstände boten Bratwürste oder Pommes Frittes feil, eine Bar verkaufte Bier und Wodka-Maté, ein paar Meter gab es frische Popcorn aus einer Maschine mit Nostalgie-Verdacht. Mobile Generatoren lieferten Strom, immer wieder mal setzte einer der Generatoren aus und tauchte einen Abschnitt des Parks ins Dunkel. Auf einer kleinen Wiese war ein knappes Dutzend farbiger Zelte aufgereiht, die Besetzer waren gekommen um zu bleiben – mindestens für eine Nacht. 

Gegen 20 Uhr wurden mehrere Toitoi-WCs angeliefert – offenbar eine der Bedingungen der Stapo Zürich. Auf der Hauptbühne wurde zwischen zwei Bandauftritten ein ausgeschaffter Asylbewerber live aus Marokko zugeschaltet. Er bedankte sich für die Unterstützung und verabschiedete sich mit der Hoffnung, bald wieder in Zürich bei seinen Kollegen weilen zu können. 

Das Publikum war durchmischt, junge Leute waren ebenso zugegen wie Familien mit Kindern, unter politisch motivierte Besucher mischten sich Partytouristen, auch verirrte sich der eine oder andere nichtsahnende Spaziergänger auf den lauschigen Kieswegen neben dem Landesmuseum. Die Stadtpolizei hatte derweil mit einem Kastenwagen in Sichtweite des Westeingangs Stellung bezogen. Ausrücken musste sie freilich nicht, die Stimmung war gemäss Medienmitteilung «friedlich», abgesehen von «rund zwei Dutzend Lärmklagen».

An der Bar erzählte Pablo*, wie er mit ein paar Kollegen auf einer Dachterrasse oberhalb des Centrals feierte, als sie, von wummernden Bässen neugierig gemacht, auf den Platzspitz gelockt wurden.

Bild

Festivalprogramm des «Parc Sans Frontières». Bild: ajour magazin

Am Samstag standen weitere prominente Bands auf dem Programm, unter anderem Jeans for Jesus, die Rapperin Big Zis, Stereo Luchs und Laurent & Max. Laut Angaben der Stadtpolizei verlief die Veranstaltung auch am Samstagabend ohne Zwischenfälle, sieht man von wiederum «rund zwei Dutzend Lärmklagen» ab.

Der (vorgezogene) Schlusspunkt

Die Stadtpolizei Zürich hatte die Besetzung in Absprache mit dem Sicherheitsdepartement bis Sonntagnachmittag 15 Uhr toleriert. Um 5 Uhr morgens notierten die diensthabenden Beamte allerdings, «dass im Park bereits Aufräumarbeiten im Gang waren und die Musik abgeschaltet wurde». Kurz vor Mittag zogen die letzten Aktivisten ab. Die für Sonntag angekündigten Aktivitäten – «Katerbrunch», «Yoga im Park» – waren offenbar ein Bluff, wie die Besetzer in einem Communiqué schrieben: «[Das Sonntagsprogramm] war von Anfang an ein taktisches Manöver, um einen sicheren Abzug für alle zu ermöglichen». 

Die Polizei fand den Park gemäss Mitteilung in «grundsätzlich sauberem Zustand» vor, notieren in einer Medienmitteilung aber «diverse Plakate und Sprayereien». 

Ob die Aktion ein juristisches Nachspiel haben wird, wird sich zeigen. Detektive haben Ermittlungen aufgenommen, im Fokus stünden Sachbeschädigungen, wie die Stapo gegenüber watson mitteilte, auch die Lärmbelästigungen seien Gegenstand von Ermittlungen. 

Ninck, Sprecher des Sicherheitsdepartements, sagte, man habe noch keine Bilanz gezogen. Anwalt Bosonnet, der das Wochenende über mehrmals auf dem Platzspitz war und von der «friedlichen Atmosphäre» schwärmte, sagte, ein solcher Anlass tue Zürich gut. 

Am späten Sonntagnachmittag hatten dann wieder Touristen und Flaneure den Park in Beschlag genommen. Wenig erinnerte daran, dass hier die letzten zwei Nächte mehrere Hundert Menschen durchgefeiert hatten.

Das könnte dich auch interessieren:

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Grossbrände in Kapstadt verwüsten Uni und Hospital

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Smart Farming

Die «Pestizid-Hölle Schweiz» ist nur ein Furz im Wasserglas

Du musst jetzt stark sein. Denn unser Agrarjournalist widerlegt deine Vorurteile über die «Pestizid-Hölle Schweiz»: Die Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil und Glyphosat sind weniger gesundheitsgefährdend als ein Glas Whisky oder eine Portion Erdbeeren.

«Im ganzen Kanton Bern gibt es keine einzige Wasserfassung, bei der man von einem ernsthaften Gesundheitsrisiko sprechen müsste!» Das erklärt der Berner Regierungspräsident Christoph Ammann kategorisch.

«Bei uns kann man bedenkenlos in jeder Gemeinde das Wasser aus jedem Wasserhahn trinken», erklärt auch Alda Breitenmoser, Leiterin des Amtes für Verbraucherschutz im Kanton Aargau, dessen Grundwasser am stärksten belastet ist: «Die Schlagzeilen von der Pestizid-Hölle sind reine Hysterie!»

Wer hat …

Artikel lesen
Link zum Artikel