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Wie konnte der «Lehrer der Nation» jahrelang Schüler missbrauchen? Ein Bericht klärt auf

Rechtsanwalt Michael Budliger, links, die Zuercher Regierungsraetin Silvia Steiner, Mitte, und Markus Zangger,  rechts, Autor des Buches Juerg Jegges dunkle Seite an der Medienkonferenz Resultate der Aufarbeitung des Falls Juerg Jegge in Zuerich am Donnerstag, 28. Juni 2018. KEYSTONE/Walter Bieri)

An einer Pressekonferenz wurde der Untersuchungsbericht der Zürcher Bildungsdirektion vorgestellt. Dieser stellt den damaligen Behörden ein durchzogenes Zeugnis aus. Bild: KEYSTONE



Wie konnte es dazu kommen, dass der einstige «Lehrer der Nation» Jürg Jegge während Jahren unbemerkt Schüler missbrauchte? Der Untersuchungsbericht der Zürcher Bildungsdirektion stellt den damaligen Behörden ein durchzogenes Zeugnis aus.

Neunzig Seiten dick ist der Bericht, den der Rechtsanwalt Michael Budliger im Auftrag des Kantons erstellte. Budliger befragte dafür ehemalige Mitarbeiter der Erziehungsdirektion, Zeitzeugen und Schüler. Stapelweise Akten wurden ausgewertet.

Das Resultat ist für die damaligen Verantwortlichen beim Kanton und in den Gemeinden wenig schmeichelhaft: Sie hatten es schlicht verpasst, den «Lehrer der Nation» richtig zu führen. So konnte sich Jegge ein eigenes Reich schaffen, in dem die Missbräuche überhaupt möglich wurden und erst Jahrzehnte später ans Licht kamen.

ARCHIV - ZUR VEROEFFENTLICHUNG IM ANGEBLICHEN MISSBRAUCHSFALL UM JUERG JEGGE STELLEN WIR IHNEN DIESES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Juerg Jegge, Paedagoge, stellt sein Buch

Jürg Jegge im Jahr 1977. Bild: KEYSTONE

Aus heutiger Sicht sei die zuständige Schulpflege führungsschwach und nachgiebig gewesen, schreibt Budliger in der Untersuchung, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Im damaligen Kontext sei das aber nachvollziehbar. Jegges Kultstatus, vor allem wegen seines Buches «Dummheit ist lernbar», habe zu einer gewissen Unberührbarkeit geführt.

17 Schulbesuche in zwei Jahren

Diese Unberührbarkeit führte dazu, dass Jegge die Anweisungen der Schulpflege schlicht ignorierte – und damit durchkam. Im Untersuchungsbericht sind seitenweise Sitzungen aufgeführt, in denen die überforderte Laienbehörde über den charismatischen «Lehrer der Nation» diskutierte.

Rechtsanwalt Michael Budliger zum Untersuchungsbericht:

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Video: streamable

Dabei ging es etwa darum, dass er seine Pflichten als Lehrer nicht erfüllte, seine «Methoden» als seltsam empfunden wurden oder weil er Forderungen stellte, wie beispielsweise den Aufklärungsunterricht einführen zu dürfen. Ein Verdacht, dass die pädagogische Lichtgestalt Knaben missbrauchen könnte, ist allerdings nirgends vermerkt.

Markus Zangger, links, und der Journalist Hugo Stamm, rechts, an einer Medienkonferenz in Zuerich, am Dienstag, 4. April 2017. Der Schweizer Paedagoge und Schriftsteller Juerg Jegge steht unter Missbrauchsverdacht: Zangger hat am Dienstag an einer Pressekonferenz ein Enthuellungsbuch praesentiert. So soll Jegge den Buchautoren ueber Jahre sexuell und psychisch missbraucht haben. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Markus Zangger (links) ist eines der Opfer Jegges. Er brachte gemeinsam mit watson-Blogger Hugo Stamm im Frühling 2017 den Fall Jegge an die Öffentlichkeit.  Bild: KEYSTONE

Zwar wurde Jegge innerhalb von zwei Jahren stolze 17 Mal von einem Visitator beim Unterricht beobachtet. Ob dieser Visitator etwas von den Übergriffen ahnte oder vielmehr Anhänger von Jegges Methoden war, kann heute aber nicht mehr geklärt werden. Die Berichte sind nicht auffindbar, der Visitator ist gestorben.

Fehlende Ausbildung

Beim Kanton hatten Jegges Ideen immer starken Rückhalt. Er galt als Experte – obwohl er dafür eigentlich gar nicht ausgebildet war. Jegge hatte zwar ein Primarlehrerpatent, aber keines für die Oberstufe und keine heilpädagogische Ausbildung.

Trotzdem konnte er während 14 Jahren als Sonderklassenlehrer arbeiten. Niemand sei auf die Idee gekommen, von ihm das Nachholen der Ausbildung zu verlangen, schreibt Budliger in der Untersuchung.

Grosse Freiheiten erhielt Jegge auch für seinen Schulversuch in Lufingen. Der Verantwortliche des Kantons genehmigte, dass Jegge fünf Schüler in seiner Privatwohnung unterrichten durfte – während eineinhalb Jahren ohne jegliche Kontrolle von aussen.

Der damalige Erziehungsdirektor, der im Februar 2018 verstorbene ehemalige Regierungsrat Alfred Gilgen (LdU), wurde erst nach Projektstart darüber informiert und war alles andere als begeistert. Er habe den Zuständigen bei der Erziehungsdirektion scharf gerügt. Allerdings genehmigte Gilgen den Wohnungs-Unterricht dann doch.

«Dieses Sondersetting ist aus heutiger Sicht unverständlich und problematisch», schreibt Budliger. Es gebe keine gesetzliche Grundlage dafür und habe Jegge viel Freiraum verschafft.

Aber auch das Vorgehen des Kantons müsse in einen zeitlichen Kontext gestellt werden, betont Budliger. Es sei rechtmässig gewesen, Jegges Ansätze zu testen. Der zuständige Mitarbeiter bei der Erziehungsdirektion habe als Macher gegolten, als offen für Neues.

Zu viele Freiheiten

Budliger betont im Bericht, dass aber «mit Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass bei der Erziehungsdirektion niemand von den Missbräuchen wusste und Jegge schützen wollte».

Der Umgang mit Lehrern bei «Unzuchtsfällen» war damals eher unzimperlich. Sie wurden meist fristlos entlassen, ohne das Strafverfahren abzuwarten. Eine Unschuldsvermutung gab es nicht.

Zusammengefasst sieht die Untersuchung die Probleme bei allen Behörden, die mit Jegge zu tun hatten: Jene in Gemeinde und Bezirk hätten aus heutiger Sicht zu zögerlich und führungsschwach gehandelt. Der Kanton wiederum habe ihm zu viele Freiheiten gewährt. (sda)

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    Alle Leser-Kommentare
  • drüber Nachgedacht 28.06.2018 13:49
    Highlight Highlight In der Zeit als noch der Durchleuchtungswagen auf dem Pausenplatz auftauchte um jährlich vorsorglich alle Kinder zu Röntgen, war das Verständniss für sexuelle Übergriffe noch minim.

    Oftmals wusste man genau, welche Lehrer oder andere Personen Kinder sexuell missbrauchten. Solange den Kindern aber keine andere ernsthaften Verletzungen zugefügt wurden, sahen die Leute einfach drüber hinweg.

    Ob es wirklich noch jemandem hilft in diesen dunkeln Gefilden zu fischen ist fraglich.

    Wichtig ist, dass wir die jetzigen und zukünftigen Missbräuche reduzieren können.
  • pamayer 28.06.2018 12:19
    Highlight Highlight zuerst, um klarzustellen, sind sämtliche übergriffe zu verurteilen und zu bestrafen.

    jegge führte die schule aus der schwarzen pädagogik, aus dem lineal-auf-die-finger und nachsitz-unterricht. eine grosse leistung.

    mit dem bitteren fetten ende der missbräuche.

    dass er den weisungen der meist völlig ahnungslosen und konservativen behörden keine folge leistete ist folgerichtig. dass die behörden mit nicht "schwierigen" kindern mit ihrer scharzen pädagogik überfordert waren, spielte jegge in die hand, da er keine angst von den "schwierigen" hatte.


  • DerSimu 28.06.2018 11:39
    Highlight Highlight Ich wünsche den Opfern viek Kradt und der Gerechtigkeit wegen einen fauren Prozess mit amgemessener Strafe.

    Mich würde zudem noch interessieren, was der Bund oder die Kantone gedenken zu tun, um künftig solche Fälle zu verhindern.
    • DerSimu 28.06.2018 12:30
      Highlight Highlight Sorry wegen den Rechtschreibfehlern.. Handytastatur und schnelles Tippen geht bei mir kaum jemals gut aus.
  • Boadicea 28.06.2018 10:44
    Highlight Highlight Ich erinnere mich, Ende 60er in der Hoffnung auf Rettung dem Lehrer erzählt zu haben, was mein Vater und seine Freunde meiner Schwester und mir antaten. Gab es damals den Begriff "Sexueller Missbrauch" schon? War er nur uns Kindern nicht bekannt? Der Lehrer beschimpfte mich. Ich solle aufhören zu lügen und mich wichtig zu machen. Väter würden mit ihren Töchtern sowas nicht machen. Als Krönung erhielt ich noch eine Strafaufgabe für's Lügen. Und meine Schwester und ich mussten es weiter aushalten bis wir mit 16 daheim ausziehen konnten.
    Deswegen bin ich 100% für sexuelle Frühaufklärung!
    • häxxebäse 28.06.2018 13:06
      Highlight Highlight Es tut mir sehr leid, was Deiner schwester und Dir widerfahren ist. Ich hoffe Du hast trotz allem freude am leben ❤❤❤ die devise lautet: nur nie aufgeben! Und danke fürs erzählen.
  • Echo der Zeit 28.06.2018 10:00
    Highlight Highlight Völlig unverständlich dass so einer noch Freigesprochen wurde - Absolut unerklärlich Verjährung hin oder her. Missbrauchsopfer von ihm, die Führungs Aufgaben in seiner Stiftung übernahmen zeichnen ein Gruseliges Bild wie dieser Jegge diese Menschen Psychologisch Abhängig gemacht hat. Andere versanken ihm Drogensumpf, unglaublich wie diese Macht ausgespielt wurde von Jegge, sich denn Schwächsten anzunehmen. Und Heute wird ein Bisschen Aufgearbeitet - ein Hohn.
    • meine senf 28.06.2018 15:41
      Highlight Highlight Man kann ja schlecht von Richtern fordern, nicht nach den Gesetzen zu urteilen.

      Wenn man das ändern will, müsste man eine Initiave lancieren, die Verjährungsfristen bei bestimmten Delikten ändert oder abschafft.

      Gewaltenteilung und so.

Weshalb Hunderte Zürcher Schüler und Schülerinnen streikten

Nach dem Vorbild von Australien und dem Aufruf von Greta Thunberg haben am Freitag 400 bis 500 Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Kantonsschulen von Zürich den ersten Schweizer Klimastreik durchgeführt.

Unter anderem fordern die Schülerinnen und Schüler vom Kanton Zürich, nach dem Vorbild von London, einen «Climate Emergency», einen Klimanotstand also, auszurufen.

Die Streikenden versammelten sich vor dem Zürcher Stadthaus, wo sie diese Forderung bei einem Vertreter der Stadt Zürich …

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