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Vera Michalski: «Ich will den Rückgang des Lesens bekämpfen»



Während viele den Tod des Buches ankündigen, hat Vera Michalski sich entschieden, sein Überleben zu sichern. Die Mäzenin nutzt alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.

Im Verlag Noir sur Blanc, zwei Minuten vom Bahnhof Lausanne entfernt, wird ausgepackt: Eben sind die ersten Titel der Bibliothèque de Dimitri eingetroffen. Die neue Kollektion übernimmt das fremdsprachige Segment des Verlags L’Âge d’homme, die enorme Sammlung slawischer Werke also, die Vladimir Dimitrijevic auf Französisch herausgab.

Die Neuauflage der Werke erfolgt «im Respekt der Vision» des 2011 Verstorbenen. Für Vera Michalski-Hoffmann ist diese Akquisition eine Freude und eine Revanche: «Wie oft suchte man uns zu entmutigen, als wir 1986 Noir sur Blanc gründeten, indem man auf L’Âge d’homme verwies? Als ob es nur für einen auf Osteuropa ausgerichteten Verlag Platz gäbe!»

Dreissig Jahre später leitet die Verlegerin die Libella-Gruppe mit mehr als zehn Verlagen in der Schweiz, Frankreich und Polen. Ihr Terminplan führt sie von Madrid nach London oder Paris und von Buchmessen zu Verwaltungsratssitzungen. Nichts hat sie auf dieses Leben vorbereitet, das ihrer natürlichen Schüchternheit widerspricht.

Lehrjahre

Sie verbrachte eine glückliche Kindheit im Reservat Tour du Valat in der Camargue, das von ihrem Vater, dem Biologen Luc Hoffmann, begründet wurde, in ihrem Geburtsjahr 1954. Der Enkel des Gründers von Hoffmann-Laroche in Basel widmete das Anwesen bei Arles dem Umweltschutz und der Forschung und gehörte zu den Initiatoren des World Wildlife Fund (WWF).

Reiten und Unterricht in Naturnähe prägten die vier Kinder ebenso wie die Auseinandersetzung mit Büchern und mit Gästen aus der Forschung. Die Mutter, Daria Razumovsky, war russischer Herkunft, die Grossmutter war vor der Revolution geflohen.

Familiensprachen waren Deutsch und Französisch, Russisch blieb Hintergrundmusik, Englisch diente dem wissenschaftlichen Austausch. Fürs Abitur wechselte Vera vom warmen Paradies ins kalte Genf, wo sie nur wenige Freunde fand.

Auf ein besseres Klima traf sie am Institut für internationale Studien und Entwicklung. Zumal es hier zur entscheidenden Begegnung mit einem jungen Exil-Polen kam, Jan Michalski. Sie heirateten 1983, Kontrapunkt zur historischen Animosität zwischen Russland und Polen, erinnert sie sich lächelnd.

Sie begann eine Dissertation über französische Weggefährten des Kommunismus von 1928 bis 1939, ein Phänomen politischer Blendung oder Gefälligkeit, das sie faszinierte. Doch bald verdrängten andere Projekte die Forschungsarbeit.

Lieben und verlegen

1986 gründete das Paar in Montricher den Verlag Noir sur Blanc. Ihr Projekt: Brücken bauen zwischen Polen und dem Rest Europas. Polnische Geschichte und Literatur waren damals wenig bekannt. Die Michalskis leisteten Pionierarbeit, indem sie Dokumente und Werke aus Polen auf Französisch veröffentlichten.

Aber auch auf Polnisch gaben sie Bücher heraus, um sie hinüberzuschmuggeln. Das erste auf Französisch verfasste Buch des Verlags, «Proust contre la déchéance», hatte 1987 symbolischen Wert. Der Maler Joseph Czapski, einer der raren Überlebenden des Massakers von Katyn, hält darin die Vorträge fest, die er im Lager Griaziowietz ohne Unterlagen über Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit» hielt und die ihn und seine Mitgefangenen vor dem Verzweifeln bewahrten.

In Paris übernahmen die Michalskis auch die Geschäftsführung der Librairie polonaise am Boulevard Saint-Germain. Als dann 1990 die Grenzen aufgingen, brachte die Oficyna Literacka Noir sur Blanc erstmals so unterschiedliche Autoren wie Henry Miller, Umberto Eco, Blaise Cendrars, Nicolas Bouvier und Paul Auster an ein Publikum, das lange von Neuerscheinungen aus dem Westen abgeschnitten war. 2002 erlaubte die Privatisierung von Wydawnictwo Literackie es den Michalskis, dieses renommierte Verlagshaus in Krakau weiterzuführen.

Expansion und Diversität

Im Jahr 2000 kauft das Paar den Verlag Buchet-Chastel mit seinem umfangreichen Sortiment. Bei dieser Gelegenheit gründet es die Verlagsgruppe Libella. Der vorzeitige Tod von Jan Michalski, 49-jährig, zwingt Vera Michalski 2002 dazu, die Aufbauarbeit zu übernehmen, die er mit Bravour eingeleitet hat.

Mutig tritt sie aus dem Schatten und an die Spitze einer Verlagsgruppe, die sich ständig erweitert: um Le Temps Apprivoisé mit Publikationen zum Kunsthandwerk, um Phébus mit (Reise)Geschichten aus der Welt, um die Cahiers Dessinés unter der Leitung von Frédéric Pajak, und um die Taschenbuchreihen Libretto und Notabilia.

Zwei Verlage gelten der Fotografie: Delpire und Photosynthéses. Jüngst sind der unkonventionelle Verlag Au Diable Vauvert (deutsch: «Am Arsch der Welt») aus der Camargue und zwei polnische Verlage hinzugekommen. Diese diversifizierte Verlagstätigkeit wird durch die englischsprachigen World Editions in Amsterdam und die Fotogalerie Folia in Paris ergänzt.

Vermächtnis und Mäzenat

Doch was motiviert Vera Michalski? Eine Leidenschaft für Bücher und Literatur, die auf andere künstlerische Aktivitäten übergreift. Neben der kommerziellen Tätigkeit entwickelt sie ein breites Sponsoring in verschiedenen Kunstbereichen. Über die Jan-Michalski-Stiftung unterstützt sie eine Vielzahl von Aktivitäten rund ums Schreiben.

Das Juwel ist La Maison de l’écriture in Montricher, am Fuss des Juras, in der Nähe des Familienhauses, ein ambitioniertes Werk des Architekten Vincent Mangeat. Es bietet begehrte Schriftstellerresidenzen, eine reiche Bibliothek sowie Ausstellungs- und Veranstaltungsräume.

Der mit 50'000 Franken und einem Kunstwerk dotierte Jan-Michalski-Preis wird jedes Jahr für das «beste Buch» aller Gattungen und Sprachen vergeben, das in den fünf Jahren zuvor veröffentlicht wurde. Ein unmöglicher Anspruch? «Mit Absicht», lächelt Vera Michalski, "ich will den Rückgang des Lesens bekämpfen“, auch wenn das den üblichen Praktiken zuwiderläuft.

Verfasserin: Isabelle Rüf, ch-intercultur

Übersetzung: Daniel Rothenbühler (sda)

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