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Peter Volkart: «Die Unschärfen sind zentral»



Peter Volkart ist freischaffender Filmemacher und Künstler. Gegenüber den Behörden gibt er sich lieber als «Bricolleur» oder «Dekorateur» aus. Beides ist richtig, denn seine Kunst lebt von einer verwunderlichen Ästhetik des Handwerklichen.

Peter Volkart kommt mit seinen Kurzfilmen weit in der Welt herum. Er gastierte schon in Hongkong, Montréal, Siena, Neuchâtel oder Zürich, wo er jeweils mit Preisen geehrt wurde. Jüngst im April 2019 war er ans Busan International Short Film Festival in Südkorea eingeladen. Die Veranstalter versprachen sich von ihm einen «magischen Moment», wie es auf der Website hiess.

Die Erwartung überrascht nicht, denn seine Kurzfilme haben eine magische Anziehungskraft. Peter Volkart liebt es, mit «rein imaginierten Reiseberichten», wie er sagt, «die Realität hinter der Realität zu zeigen, wie es nur der Film kann».

«Zusammenprall von zwei Welten»

In den letzten fünfzehn Jahren hat er so eine ganz eigene Filmästhetik und Filmgattung geschaffen, die als «imaginärer Realismus» bezeichnet werden könnte. Immer wieder neu provoziert er filmisch einen«situativen Zusammenprall von zwei Welten». Er inszeniert mysteriöse Reisen, die sich auf unbekanntes Gelände vorwagen und zugleich irrlichternd ins Bewusstsein eindringen, beispielsweise 2005 in «Terra incognita».

«Ich wollte immer schon eine Art Forscherfilm drehen, wie es sie um 1900 herum gab: verwackelte Aufnahmen von Expeditionen etwa von Amundsen oder Scott.» Wie diese macht sich der Pataphysiker Igor Leschenko auf, um den sagenhaften Nanopol zu suchen. Hier würde, nach seiner Berechnung, die Schwerkraft aufgehoben. Gelingt das Unterfangen tatsächlich, oder bloss im Kopf des Helden?

Wie «Terra incognita» verfolgt jeder von Peter Volkarts Kurzfilmen einen eigenen Spleen, doch gemeinsam ist allen eine «Vintage- oder retro-future-Ästhetik», die er mit viel Geduld selbst herstellt. Nebst seiner sprudelnden Fantasie besitzt er eine grosse Schwäche für handwerkliche Arbeiten.

Ein handwerkliches Talent

Dieses Talent erkannte er schon früh. Er ist 1957 in Steinmaur im Zürcher Unterland auf einem Bauernhof geboren. Anstatt wie seine Geschwister mitzuarbeiten, erfand er lieber Apparate wie eine «Apfelauflesemaschine, die das Bücken verhindern sollte». Die Beschreibung aus der Erinnerung klingt noch immer abenteuerlich, und sie lässt erahnen, dass das Konzept nicht ganz ausgereift war. «Aber die Idee war da», betont Peter Volkart.

Weil ihn die moderne Technik interessierte, begann er eine vierjährige Lehre als Radioelektriker. Sie war für ihn in mehrerer Hinsicht ein Glücksfall. Die dadurch erworbenen Fertigkeiten leisten ihm bis heute gute Dienste in seiner künstlerischen Arbeit.

Vor allem aber absolvierte er seine Lehre im Zürcher Niederdorf, womit sich ihm ein neues Milieu auftat. Über die Gasse hinweg konnte er am Arbeitsplatz beobachten, wie Künstler, namentlich Dieter Meier, ganze Nachmittage im Café Schlauch beim Billardspiel verbrachten. «Das zeigte mir schon damals, dass Künstler eine Option wäre.»

«You wanna do that job?»

Vier Wochen nach dem Tod von Elvis und zwei Wochen nach Lehrabschluss trat Peter Volkart 1977 in die Kunstschule F+F ein. Bei den Eltern stiess die Entscheidung auf Skepsis. «Später schrieb mir die Mutter einmal», erinnert er sich, «falls ich mal kriminell würde und ins Gefängnis müsste, würden sie schon für mich schauen». Soweit kam es nicht. Peter Volkart hatte seinen Weg gefunden, er ging ihn resolut weiter.

Gleich nach dem Abschluss an der F+F ging er 1980 zusammen mit einer Freundin für zwei Jahre an die New York School of Visual Arts. Es wurden schliesslich neun Jahre daraus, in denen er in New York studierte, sich künstlerisch entfaltete und nebenher alle möglichen Jobs verrichtete.

Die handwerkliche Fertigkeit sollte ihm dabei zugute kommen. «You wanna do that job? wurde ich jeweils gefragt und dann: Can you do it? - das wars, der Rest erledigte sich bei der Arbeit.» So lernte er den Theaterbetrieb kennen, half bei Filmdreharbeiten mit, baute ein Experimentalkino mit auf oder arbeitete als Zimmermann und im Verkauf, wobei ihm Letzteres wenig behagt habe.

Wendelhammer

1989 endete das Abenteuer. Zurück in der Schweiz verlegte er sich künstlerisch auf skurrile Objektarbeiten und verspielte Konzepte. Den Übergang markiert ein heute vergriffenes Buch, zu dem 1990 auch eine Ausstellung gehörte. Dessen fiktive Titelfigur «Wendelhammer» versammelt in einem imaginären Museum allerlei archäologische Artefakte aus der Urzeit der Moderne, die Peter Volkart mit augenfälliger Lust selbst kreierte.

Den Lebensunterhalt verdiente er sich weiterhin nach dem Motto «interessante Jobs erledigen», etwa Dekorationsaufträge oder Grafikarbeiten, wofür er schon früh das Potenzial des Computers entdeckte. «Der Computer eröffnete Möglichkeiten für einen Selfmade-Spezialisten wie mich. Ohne feste Stelle habe ich weiterhin so getan, als wüsste ich, was ich tue.»

Dass Peter Volkart schliesslich wieder zum Gesamtkunstwerk Film zurückfand, verdankte er Ende der 1990er Jahre einer technischen Neuheit. «Die MiniDV-Kassette war damals ein revolutionäres Format, das ein ganz anderes Arbeiten ermöglichte.» Mit dieser ersten digitalen Filmkamera stand dem Einzelkämpfer Peter Volkart nichts mehr im Weg.

Das Objekt und seine Seele

Das Zusammenspiel von analog und digital zeigt sich in seinem Atelier in Zürich Altstetten. «Ich habe hier zwei Räume: den Computerraum und die Werkstatt», beschreibt er die Situation. Im Computer lassen sich Bilder animieren, verändern und mit Musik unterlegen. Doch «eine analoge Tapete ist und bleibt etwas anderes als eine digitale Tapete». Eine schön verwitterte Fake-Oberfläche lässt sich nur handwerklich herstellen, mit Sorgfalt und Liebe zum Detail, die «dem Objekt erst seine Seele verleiht».

Das Handwerk ist aber nicht das Ziel, es steht im Dienst einer Ästhetik, die virtuos mit Oberflächenpatina und verwackelten Bildern im filmischen Retro-Look arbeitet. Die kalkulierte Unschärfe erzeugt jene Effekte, die den Realismus ins Imaginäre kippen lassen. «Die Unschärfen, die Kippmomente der Erzählung sind zentral.» So unterlaufen seine Kurzfilme subtil unsere Vorstellungen von Raum, Zeit und Logik.

Um die imaginär-realistische Balance zu halten, verzichtet Peter Volkart in seinen Kurzfilmen ganz auf Dialoge. Mit der Beschränkung auf witzige Off-Kommentare behält er die Kontrolle über Text und Geschehen. Seine Protagonisten bleiben stumme Spielfiguren, die sich nie «hochrealistisch» selbst entlarven.

Das Sofortbild

Mit seinem jüngsten Werk «Subito. Das Sofortbild» hat er sich dieses Jahr einem anderen Filmgenre zugewandt. In dokumentarischer Form erzählt er die Geschichte des genialen Tüftlers Edwin Land, dem ein Geistesblitz die Idee für das Polaroid-Sofortbild eingab. Es wurde zur Erfolgsgeschichte, die erst durch die Digitalisierung ein abruptes Ende fand. In Peter Volkarts Film lebt die Ästhetik der Polaroid-Fotografie weiter.

Der Spontaneität bleibt er auch im Dokumentarischen treu. «Es ist meine Arbeitsweise, dass ich, anstatt den Film linear zu entwickeln, lieber spontan mit dem arbeite, was mir vorliegt» - also Found footage-Filme, alte Postkarten, eine schräge Musik oder digitale Tricks. Er arbeite dabei, ergänzt er, «einem Bildhauer ähnlich, der auf der Suche nach einer endgültigen Form an einem Ort beginnt, den Stein wegzuschlagen».

Die ästhetische Unschärfe gefällt Peter Volkart auch am Super-8-Film, dem er sein nächstes Projekt widmen wird: «Das 8mm-Universum. Die ganze Breite des schmalen Streifens.» Abermals begibt er sich auf die Suche nach jener Seele, die sich erst mit der Zeit und der Liebe zum Detail entfaltet. Daran hat sich im digitalen Zeitalter rein gar nichts geändert.

Einblick ins Universum von Peter Volkart geben:

http://www.subotika.ch

http://www.manufaktura.ch/

Von Beat Mazenauer, ch-intercultur (sda)

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