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Kuh «Haiti»: Rekordmilchproduzentin und Haustier in einem



Die Kuh «Haiti» im bernischen Grasswil feiert am kommenden 21. April ihren 20. Geburtstag. Sie ist derzeit die noch lebende Kuh mit der höchsten Milch-Lebensleistung: Über 191'000 Kilogramm Milch hat sie bisher produziert.

Für den Landwirt Markus Wyss, dessen Frau Susanne und die vier Kinder Michelle, Lukas, Laura und Stefanie ist «Haiti» aber mehr als nur eine grosse Milchlieferantin. «Sie ist für uns ein richtiges Haustier geworden, das wir lieb gewonnen haben», sagt Wyss.

Deshalb geniesst die Kuh auch einen Sonderstatus: Sie verfügt über eine eigene grosse Box mit Auslauf zwischen einem Pferd und Kälbern und kann selber entscheiden, wann sie auf die Weide will. «Sie hat ein herrliches Leben», meint Bauer Wyss, der sie um nichts auf der Welt hergeben würde.

Vater Rudolph als Samenspender

«Haiti» stammt aus der Dynastie des vor Jahren verstorbenen kanadischen Stiers Rudolph, mit dessen Samen Tausende von Kühen weltweit trächtig geworden sind. Der Stier war bekannt dafür, dass seine Nachkommen jeweils Milchlebensleistungen von über 100'000 Kilogramm erbringen.

«Haiti» ist aber ein Sonderfall. Noch fehlen ihr zwar etwa sechstausend Kilogramm Milch zum absoluten Schweizer Rekord, aber die über 191'000 Kilogramm Lebensleistung stellen die höchste Milchleistung aller derzeit lebenden Kühe dar. Und da sie täglich immer noch 16 bis 18 Kilogramm Milch liefert und sich einer ausgesprochen guten Gesundheit erfreut, steht einem Rekord aus heutiger Sicht nichts im Weg.

Dabei hat die Kuh «Haiti» bereits vor gut vier Jahren zum letzten Mal ein Kalb geboren. Es war das Elfte insgesamt. Damals war «Haiti» krank geworden und musste hochträchtig zwei Wochen im Tierspital verbringen. Eine genaue Diagnose gab es nicht, zurück auf dem Hof erfreute sie sich aber rasch wieder bester Gesundheit. Wyss folgte allerdings dem Rat der Tierärzte, auf eine weitere Besamung der Kuh zu verzichten. Milch gab sie trotzdem weiterhin in grosser Menge.

Längst wird die schwarze Kuh mit weissen Beinen von der Bauernfamilie nicht mehr als Nutztier und damit als Wirtschaftsfaktor angesehen. Dies zeigt sich auch im täglichen Umgang. Auf Zurufen reagiert sie sofort. Am Kopf kraulen lässt sie sich zwar nicht gern. Gegen eine Rückenmassage von menschlicher Hand hat die sonst eher scheue Kuh aber nichts einzuwenden.

Einst dominant, heute eher ängstlich

Aus der einst dominanten schwarz-weissen Kuh auf der Weide sei ein eher ängstliches Tier geworden. «Heute geht sie am liebsten allein auf die Weide», sagt Wyss. Herumtollende Kälber sind ihr zuviel geworden, da läuft sie lieber einfach davon oder zurück in den Stall. Allerdings: Ab und zu, in einem unbeaufsichtigten Moment, schleicht sie sich auch mal zu den Kälbern, um sich dort etwas zum Fressen zu stibitzen.

«Haiti» hält sich genau an den ihr gewohnten Tagesablauf. Sie weiss, wann es Zeit ist zum Melken oder wann es Futter gibt. Wenn sich das Metallgatter öffnet, streckt sie sofort den Kopf aus dem Stall, um zu sehen, «ob die Luft rein ist».

Zu einer Kuh könne man sehr wohl eine tiefe emotionale Beziehung aufbauen, sagt Bauer Wyss. Das sei zwar nicht überall so und auch nicht mit allen Tieren. So leben auf dem Landwirtschaftsbetrieb neben «Haiti» 60 Kühe und ebenso viele Aufzuchttiere.

Für ihn sei sein Beruf Leidenschaft. Wenn man das Wort auseinandernehme, so bedeute dies «leiden» und «schaffen». Leid gehöre zur Tierhaltung: Immer wieder gebe es Unfälle oder ein Tier müsse wegen eines Leidens abgetan werden. «Und das schmerzt natürlich. Schliesslich arbeiten wir jeden Tag mit den Tieren zusammen», sagt Wyss.

Vergleich mit Spitzensportlerin

Das Aussergewöhnliche an «Haiti» sei, dass sie trotz ihres hohen Alters immer noch sehr gesund sei und auch qualitativ gute Milch liefere. Damit widerspreche sie auch der gängigen Meinung, dass Hochleistungskühe nicht alt würden, sagt Wyss. Er verglich «Haiti» mit einer Spitzensportlerin: Auch sie könne alt werden und lange gesund bleiben.

Er sei auch schon gefragt worden, warum er das mache mit «Haiti», und warum er sie nicht zum Metzger gebracht habe. Die Antwort sei ganz einfach: «Sie war immer gesund, hatte eine gute Fruchtbarkeit, hat immer gute Milch gegeben, gute Beine und gute Klauen gehabt.»

Kurz: «Es hat nie einen Grund gegeben, sie abzutun», sagt Wyss. Und über all die Jahre ist «Haiti» der Familie so sehr ans Herz gewachsen, dass so etwas ohnehin nie in Frage käme. Zunächst steht ihr Geburtstag an. Und der soll mit Züchterkollegen ausgiebig gefeiert werden. (sda)

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