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Frauen erobern Comics – jetzt schlagen sie endlich zu

Die Herrschaft der harten Kerle in der Comic-Szene ist beendet. Selbstbewusste weibliche Autoren, Zeichner und Redakteure erfinden originelle Frauenfiguren und erschliessen so ein neues Publikum.

Andreas Borcholte



Ein Artikel von

Spiegel Online

Manche Klischees sind so hartnäckig, sie gehen sogar in Serie: In der TV-Sitcom «The Big Bang Theory» ist es ein wiederkehrender Gag, dass die Blondine Penny verständnislos mit den Augen rollt, wenn ihre nerdigen Nachbarn mal wieder über «Star Trek», «Star Wars» oder Superhelden enthusiasmieren.

Den Comic-Laden, den in der Serie ein ebenso schrulliger Typ betreibt, betritt sie, wenn überhaupt, nur unter Zwang. Der Comic-Shop als exklusiver, frauenfreier Ort für ewig pubertierende Geeks, die zwischen den Heften ihren Träumen von Sexgöttinnen und Superkräften nachhängen können - das mag im vergangenen Jahrhundert mal so gewesen sein.

Einer der ersten «coolen» Nerds: Seth von der US-Serie «O.C. California»

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gif: giphy.com

Inzwischen haben sich zumindest in der US-amerikanischen Comic-Szene einige Vorzeichen geändert. Der schon mehrfach totgesagte Markt der Heft-Reihen erlebt seit einigen Jahren einen Boom und erhält Zulauf durch ein jüngeres und diverseres, verstärkt auch weibliches Publikum, das einerseits durch die erfolgreichen Comic-Verfilmungen im Kino angelockt wird.

Ein anderer wichtiger Faktor für das Revival ist jedoch auch die Digitalisierung: Wer heutzutage irgendwo auf der Welt das neue «Spider-Man»-Heft am Tag seines Erscheinens lesen will, der braucht nur einen Internetzugang, eine Kreditkarte und Englischkenntnisse. Erfolgreiche Apps wie Comixology, inzwischen von Amazon gekauft, bieten Mainstream-Comics ebenso wie Alternatives und Abseitigeres als kostenpflichtige digitale Downloads an, gelesen werden die Storys auf dem Handy oder Tablet.

Ein Besuch in der Nerd-Höhle Comic-Shop ist als weiblicher Fan also längst nicht mehr vonnöten, allerdings wird diese vermeintliche Männerdomäne längst von einer wachsenden Zahl junger Frauen unterwandert, die als Comicbuch-Verkäuferinnen arbeiten und sich im Netz als «Valkyrien» solidarisieren. Ihre Helden heissen nicht mehr Captain America, Superman oder Conan.

Sie lesen weniger maskulin definierte Heftreihen wie «Saga», «Sex-Criminals», «The Wicked + The Divine», «Bitch Planet» oder «Lazarus» und schwärmen für Superheldinnen wie den zurzeit weiblichen «Thor», den aus Pakistan stammende New Yorker Teenager «Ms. Marvel», die schwangere «Spider-Woman», ihre junge, hippe Kollegin «Spider-Gwen», die füllige «Faith» oder die durchgeknallte Ex-Freundin von Batman-Erzfeind Joker, Harley Quinn.

Vaughan & Staples: Saga 5

Comic-Bestseller «Saga». bild: Vaughan & Staples/ Cross Cult

Doppelt so viele weibliche Helden

Bereits 2014 gehörten Frauen zwischen 17 und 33 Jahren zu der am schnellsten wachsenden Gruppe von Comic-Lesern. Wie der amerikanische Comic-Historiker Tim Hanley herausfand, hat sich allein in den letzten fünf Jahren die Anzahl der Heft-Reihen mit führenden weiblichen Charakteren verdoppelt.

Die Industrie, dominiert von den drei grossen Verlagen Marvel, Image und DC, hat sich längst darauf eingestellt: Soeben kündigte Marvel an, im Herbst mit «Iron Man» einen weiteren ikonischen Heldencharakter durch eine Frau zu ersetzen – und verkündete auf der Comic-Con in San Diego, dass Oscar-Preisträgerin Brie Larson im kommenden Kinofilm die Superheldin «Captain Marvel» spielen wird.

DC bringt mit «Wonder Woman» bereits vorher die älteste Superheldin überhaupt auf die Leinwand und startete unlängst die zugehörige Heft-Reihe neu. Autor ist erneut Greg Rucka, der sich in Comics wie «Queen & Country», «Stumptown» und «Lazarus» um stark ausformulierte Frauenfiguren verdient gemacht hat und als Feminist gilt.

Lynda Carter als «Wonder Woman»

Wonder Woman Lynda Carter http://www.fanpop.com/clubs/lynda-carter/images/34432476/title/wonder-woman-photo

Bild: Fanpop

Aber nicht nur in den Comics balanciert sich das Ungleichgewicht der Geschlechter allmählich aus, auch hinter den Kulissen bewegt sich einiges. Immer öfter werden Serien, in denen es um Heldinnen geht, bei DC aktuell «Batgirl» und «Harley Quinn», weiblichen Kreativen und Redakteuren betreut.

Eine von ihnen ist Sana Amanat, die 2014 zusammen mit der Bestseller-Autorin G. Willow Wilson eine der zurzeit beliebtesten Marvel-Figuren erfand: Kamala Khan alias Ms. Marvel.

«Hätten Sie mir vor zehn Jahren erzählt, dass ich einmal mitverantwortlich für die Erschaffung einer Superheldin sein würde, die ein muslimisches Teenager-Mädchen ist, wäre ich wahrscheinlich an meinem eigenen Gelächter erstickt», sagte die 33-Jährige in einem Interview. Innerhalb von zwei Jahren stieg die Redakteurin zur Leiterin jener Abteilung auf, die beim Comic-Giganten Marvel die Entwicklung von Inhalten und Charakteren vorantreibt.

Ms. Marvel co-creator Sana Amanat holds up a Marvel comic book featuring President Barack Obama as she introduces him during a reception for WomenÃs History Month in the East Room of the White House in Washington, Wednesday, March 16, 2016. (AP Photo/Jacquelyn Martin)

Marvel-Redakteurin Sana Amanat. bild: AP

Die Beförderung weiblicher Talente und Themen fand jedoch nicht vorrangig bei Marvel oder DC statt, sondern bei ihrem inzwischen wichtigsten unabhängigen Konkurrenten, dem 1992 gegründeten Verlag Image Comics. Dessen Hauptanliegen es damals war, Autoren und Zeichnern die Rechte an ihren Werken zu sichern.

Heute gehören viele der sogenannten Creator-owned Comics, die unter dem Image-Label erscheinen, zu den absatzstärksten Reihen auf dem US-Markt. Eine der prominentesten ist der inzwischen multimediale Blockbuster «The Walking Dead» von Image-Vorstandsmitglied Robert Kirkman.

24 unfassbar sexistische Werbungen, die tatsächlich mal gedruckt wurden

Bei Image haben die Talente nahezu jede Freiheit, auch abseitigere, düstere oder explizitere Geschichten zu erzählen, die sich abseits der Superhelden-Universen an ein erwachseneres, weniger homogeneres Publikum richten. So entstanden Serien, die eine konsequent weibliche, wenn nicht gar offen feministische Perspektive einnehmen und die Welt in ihrer ethnischen und sexuellen Diversität abbilden.

Autorinnen und Zeichnerinnen wie Gail Simone («Batgirl», «Red Sonja»), Kelly Sue DeConnick, Marjorie Liu («Monstress»), Becky Cloonan («Demo», «The Punisher»), Emma Rios («Pretty Deadly»), Fiona Staples oder Branchen-Veteranin Amanda Conner («Power Girl», «Harley Quinn») machten sich mit ihren Indie-Stoffen einen Namen und sind inzwischen als gefragte Fan-Favorites dabei, auch bei den Grossverlagen tradierte Geschlechterrollen durcheinander zu wirbeln.

Zwei Power-Couples gaben entscheidende Impulse

Einige von ihnen sind gut befreundet, andere sogar miteinander verheiratet. Tatsächlich gehören zu den Schlüsselfiguren der aktuellen Comic-Reformation zwei Power-Couples.

Das eine besteht aus dem Kanadier Brian K. Vaughan und seiner Frau, der Zeichnerin Fiona Staples, die mit der farbenfrohen Fantasy-Serie «Saga» eine der zurzeit erfolgreichsten Heft-Reihen schufen: Es geht um ein gemischtrassiges, nicht-menschliches Paar – softer Hippie und kecke Soldatin – das mit dem gemeinsamen Baby zwischen die Fronten eines ethnischen Sternenkriegs gerät.

Neben allerlei phantastischen Alien-Figuren spielt auch ein schwules Reporterpärchen eine tragende Rolle. Autor Vaughan wurde damit bekannt, dass er die männliche Spezies schon einmal komplett ausrottete - bis auf einen einzigen verzagten Vertreter. Sein Comic-Roman «Y - The Last Man» ist ein moderner Klassiker des Genres.

Auch Kelly Sue DeConnick und Matt Fraction sind verheiratet, bisher haben sie jedoch noch keinen Comic zusammen gemacht. Beide waren jedoch wichtige Impulsgeber für die Diversifizierung der Szene. Fraction durfte 2012 als erster Marvel-Autor einen harten Helden zerlegen.

Avengers: Die Rächer

Comic-Heldin «Captain Marvel». bild: Marvel/ Panini

Unter seiner Regie wurde der «Avengers»-Bogenschütze Clint Barton alias «Hawkeye» zum schluffig-sympathischen Trottel, der sich ohne seine junge Kollegin Kate Bishop noch nicht einmal einen Kaffee selbständig eingiessen konnte. Heute schreibt Fraction zusammen mit Zeichner Chip Zdarsky die hemmungslose Gender-Farce «Sex Criminals» über ein dysfunktionales Pärchen, das mit jedem Orgasmus die Zeit anhalten kann.

Zeitgleich zu Fractions lässiger «Hawkeye»-Demontage transformierte DeConnick die blonde Heldin «Captain Marvel» vom freizügig gekleideten Sex Symbol zur Frauenpower-Ikone in hochgeschlossener Pilotenuniform.

Starke Frauen: Impressionen aus dem Kugelstossring

«Captain Marvel ist ein grossartiges Beispiel dafür, wie wir einen traditionellen, klassischen Marvel-Charakter derart neu erfunden haben, dass klar wird: Eine Heldin muss nicht unbedingt ihren gesamten Körper zur Schau stellen, um als stark und mächtig wahrgenommen zu werden», sagt Sana Amanat, die für die beiden gleichermassen bahnbrechenden Titel als Jungredakteurin zuständig war

Dank dieser Pionierarbeit ist die Ära von Comic-Heldinnen, die als grossbusige, tief ausgeschnittene Lust-Objekte höchstens den sexy Sidekick der Supermacker geben durften, so gut wie vorbei. Selbst Erotik-Fetische wie Vampirella oder Red Sonja werden aktuell von jungen Autorinnen betreut.

Einen der härtesten Pulp-Titel, «Bitch Planet» (offizieller Tumblr), verantwortet wiederum Kelly Sue DeConnick: In einer brutalen, radikal-feministischen Neudeutung des «Women in Prison»-Genres erzählt sie vom Aufstand auf einem Gefängnisplaneten, wo Frauen interniert werden, die sich in der von Männern dominierten Gesellschaft nicht unterordnen wollen.

«Eine Frau in einer von Männern dominierten Industrie zu sein, ist ziemlich beschissen», erklärt die Teilzeit-Dozentin DeConnick ihren Schülerinnen gerne, «aber es ist auch nicht beschissener als generell eine Frau in dieser Welt zu sein. Mein Ratschlag: Seid furchteinflössend!»

So kämpferisch muss es nicht zugehen. Marvel-Frau Sana Amanat reicht es, wenn sich die Perspektive auf Mainstream-Comic-Literatur langsam aber sicher weiter öffnet. «In ein paar Jahren», sagte sie «Vanity Fair», «werden die Leute vergessen haben, dass es einmal hiess: Oh, Comics, das ist nur etwas für Jungs!»

Letztlich, so Amanat, gehe es immer nur darum, universelle Geschichten über die klassische Heldenreise zu erzählen, über Menschen, die danach streben, die beste Version ihrer selbst zu sein. Ob Mann oder Frau, schwarz oder weiss, hetero, schwul oder transgender wie der demnächst beim Kleinverlag Aftershock in Serie gehende Superheld Chalice, sollte dabei künftig egal sein. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Likos 04.08.2016 02:23
    Highlight Highlight Von dem Wirrwarr amerikanischer Comics bekomme ich immer Kopfschmerzen und besser wird es jetzt damit auch nicht.
    Bin deshalb wohl immer bei den frankobelgischen Comics hängen geblieben.
  • Neokrat 04.08.2016 02:14
    Highlight Highlight Sofern neue Heldinnen erschaffen werden, habe ich kein Problem. Das Problem was ich habe, ist der Geschlechtswechsel. Ich habe dabei immer das Gefühl, das es ein billiger Marketing Trick ist um auf sozial Bewusstsein zu setzen.

    • Asmodeus 04.08.2016 10:02
      Highlight Highlight Sehe ich ähnlich. Einen bekannten und etablierten Helden durch eine weibliche Version zu ersetzen ist billig, nicht von Bestand und ehrlich gesagt... es ist eine Beleidigung der Frau.

      Es suggeriert, dass sie "NUR" eine weibliche Kopie ist und das ist schade.
      Lieber einen komplett neuen Charakter mit eigener Hintergrundstory etc.
  • Ignorans 03.08.2016 23:40
    Highlight Highlight Freue mich schon auf Xena Revival...
  • Darkside 03.08.2016 23:27
    Highlight Highlight Ich für mich brauche keine weiblichen Superheroes. Egal ob sexy oder tough. Die ganzen She-Versionen der Originale gefielen mir noch nie. Und Wonder Woman ist so peinlich wie Superman. Das schlimmste ist der Witz den sie mit Thor abgezogen haben. Also bitte Marvel...
    Ich mag die Antiheroes wie Wolverine, den Punisher, den Goon, Preacher oder den Dark Knight.
    • Malina 04.08.2016 08:54
      Highlight Highlight Es gibt halt viele Mädchen und auch junge Frauen, die ein weibliches Vorbild in der Comicwelt haben möchten, mit welchem sie sich identifizieren können. Ich bin mit Superman und Star Wars aufgewachsen, und Leia war so ziemlich die einzige, die irgendein Idol für mich darstellen konnte (Lois Lane, Padmé usw waren kleine Nebenfiguren/schwache Charakter, sorry). Man wird echt davon geprägt, welche Geschlechte mehr oder weniger dargestellt werden - grösstenteils geschieht es unbewusst, aber es ist prägend. Und ja, ich stimme zu, dass die Genderswaps recht blöd sind. Dafür möcht mehr Originals! :)
    • G-Man 04.08.2016 11:02
      Highlight Highlight Was sagt das über jemanden aus, der eine lächerliche Kopie als Vorbild nimmt? (Iron(wo)man, Thor...) Ich hoffe das macht niemand :(
    • Darkside 08.08.2016 01:56
      Highlight Highlight @Malina: kein Thema, ich finde es gut wenn auch Mädchen oder Frauen Superheroes finden mit denen sie sich identifizieren können. Ich habe nur für mich und von meinen Vorlieben gesprochen. Und dann ist mir plötzlich doch noch eine weibliche Figur eingefallen die ich mag: Storm!
  • Luca Brasi 03.08.2016 22:43
    Highlight Highlight Ich freue mich auf den Wonder Woman-Film. Sie ist das Original. 😍😍
  • Ylene 03.08.2016 22:09
    Highlight Highlight Das oben erwähnte Monstress spielt in einem Alternativ-Asien und ist wirklich toll (wenn auch teilweise sehr brutal und fies). Dann finde ich Kurtis Wiebe's Rat Queens absolut grossartig mit seinen 4 toughen Heldinnen, die jedes Fantasy-Klischee und Taverne auseinander nehmen - ein Spass mit Hirn und Herz. Apropos Frauen, Tess Fowler hat den aktuellen 3. Band gezeichnet.

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