Sport
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(L-R) Chelsea's Brazilian midfielder Ramires, Brazilian midfielder Willian, Brazilian defender David Luiz and Brazilian midfielder Oscar arrive for a training session at the team's training ground in Cobham, south of London, on April 29, 2014, on the eve of their UEFA Champions League semi-final second leg football match against Atletico Madrid. AFP PHOTO / GLYN KIRK

Erwischt! Chelseas Spieler üben die Mauertaktik schon auf dem Weg ins Training. Und Spass scheinen sie dabei auch noch zu haben. Bild: AFP

Chelsea spaltet die Fussballwelt

Darf man so mauern? Eine Beton-Taktik, zwei Meinungen

Chelsea mauerte sich erst zum 0:0 bei Atlético Madrid, dann zum 2:0-Erfolg gegen Liverpool. Droht heute Abend im CL-Rückspiel das nächste Gähnspiel? Vielleicht. Aber ist das falsch? Die watson-Redakteure Philipp Reich und Reto Fehr sind gegensätzlicher Meinung.



Nach dem 0:0 im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals wurde Chelsea auch von uns für seine Defensivtaktik kritisiert. Im Spiel gegen Liverpool in der Meisterschaft setzten die «Blues» genau wieder dort an. Reds-Trainer Brendan Rodgers enervierte sich danach: «Chelsea hat mit einer Sechserkette gespielt, zwei Busse vor dem Tor parkiert.» Mourinho befand trocken: «Das bessere Team hat gewonnen. Wir haben uns den Sieg mehr verdient. So einfach ist das. Das ist meine Meinung. Unsere Raumdeckung war brillant, wir haben keine Fehler gemacht.»

«Chelsea hat zwei Busse vor dem Tor parkiert.»

Brendan Rodgers, Liverpool-Trainer

Heute Abend geht es um 20.45 Uhr (im watson-Liveticker können Sie bestimmen, für welches Team wir Partei ergreifen sollen) um den Finaleinzug, wo traditionell sowieso das Defensivdenken das Spiel bestimmt. Will man eine Mannschaft wie Chelsea in einem grossen Endspiel sehen? Darf man mit so einer Millionentruppe so defensiv spielen? Die watson-Redakteure Philipp Reich (Kontra) und Reto Fehr (Pro) haben ihre Meinungen gemacht. 

Was halten Sie von Chelseas Beton-Taktik?

Philipp Reich: «Niemand will die Betonmischer sehen»

Sport ist Unterhaltung. Zumindest sollte er das sein. Wer sich ein Fussballspiel ansieht, will viele Tore, schöne Tricks, sensationelle Paraden, spannende Wendungen sehen und mitfiebern können. Wer dem Publikum das bietet, dem gehört die Fussballwelt. Der wird umjubelt und geliebt.

Chelsea-Trainer José Mourinho ist ein Mann, der nicht geliebt werden will. Der Portugiese provoziert, meckert, reklamiert  – vor, während und nach den Partien. Auch die Art, wie er seine Mannschaften spielen lässt, zeigt, dass ihm die Zuneigung anderer egal ist. Für ihn und seine ihm stets getreuen Spieler heiligt der Zweck alle Mittel.

Chelsea manager Jose Mourinho arrives for a training session at Cobham in England, Tuesday, April 29, 2014. Chelsea will play a Champions League semifinal second leg soccer match against Atletico Madrid on Wednesday. (AP Photo/Kirsty Wigglesworth)

Ungeliebt: José Mourinho und seine zerstörerische Beton-Taktik. Bild: AP/AP

Mit seiner destruktiven Beton-Taktik führte er Chelsea 2005 und 2006 zu zwei Meistertiteln und Inter Mailand 2010 zum Gewinn der Champions League. Mit Real Madrid versuchte er Ähnliches, doch er verspielte mehr Sympathien als die Königlichen Trophäen in ihre Vitrine stellen konnten. 

Screenshot Fussball-App / Atletico Madrid / Chelsea

Die Statistiken zum Hinspiel. Bild: Spiegel online

Nun ist Mourinho zum zweiten Mal bei Chelsea. Wieder hat er Erfolg, wieder mit seiner altbekannten Mauertaktik: Das 0:0 im Hinspiel des CL-Halbfinals gegen Atlético Madrid war ein fussballerisches Trauerspiel. Keine Tore – ja nicht einmal Torchancen, keine Tricks, keine Paraden, keine Spannung. Mit Fussball hat Chelseas Verweigerungs-Taktik wenig zu tun. So etwas will niemand sehen.

Statt im 4-1-4-1 oder im 4-4-2 lässt Mourinho im 7-3-0- oder im 9-0-1-System spielen. Die Stürmerstars Fernando Torres und Samuel Eto'o sind die ersten Verteidiger und bestreiten mehr Zweikämpfe hinter der Mittellinie als dass sie aufs Tor schiessen. Die Verteidiger wagen sich selbst bei Eckbällen für die «Blues» kaum über die Mittellinie. 

Atlético de Madrid - Chelsea

Die Heat Map aus dem Hinspiel: Mourinhos Soldaten halten sich mehrheitlich im und vor dem eigenen Strafraum auf. Bild: Opta Sportdaten

Seit Jahren versuchen die Regelmacher den immer taktischeren Fussball der Neuzeit attraktiver zu machen. Die Offside-Auslegung bevorzugt die Stürmer, der Torhüter darf Rückpässe nicht mehr in die Hand nehmen. Doch was nützt das alles, wenn eine Mannschaft sich dem Spiel verweigert?

Aber ohne Tore zu schiessen, kommt Chelsea nicht in den CL-Final. Mourinho muss im Rückspiel etwas offensiver spielen lassen. Gehen seine «Blues» aber in Führung, wird wieder Beton angemischt. Ob es den Zuschauern gefällt oder nicht. Denn Mourinho definiert sich über Titel, nicht über Ästhetik.

Damit Chelseas Taktik nicht Schule macht und dem Fussball das Schöne nimmt, bleibt nur zu hoffen, dass Mourinho und seine Betonmischer am Ende der Saison ohne Titel dastehen. Denn am Ende sollte nicht derjenige oben stehen, der keine Fehler macht, sondern derjenige, der den begeisterndsten Fussball zeigt. 

Reto Fehr: «Es gibt keine Haltungsnoten»

Ich mache ein Zugeständnis: Mauerfussball sieht nicht schön aus. Aber das ist auch egal. Denn wir sind nicht im Skispringen, es gibt keine Haltungsnoten. Es zählt nur eines: das Resultat. Und wenn sich Chelsea mit José Mourinhos Taktik in den Final betoniert und von mir aus zwei oder drei Mannschaftsbusse dafür in den Strafraum stellen und aus Eden Hazard, Samuel Eto’o und Fernando Torres verteidigende Blutgrätschen machen muss – dann ist das halt der Preis dafür.  

Mit Reaktionen wie dieser auf Twitter musste Chelsea nach dem Hinspiel bei Atlético Madrid leben.

Der Aufschrei und das Klagen mag im Moment gross sein, falls Chelsea sich ins Endspiel mauert. Aber ich möchte auf zwei ähnliche Grosstaten in der Vergangenheit hinweisen, von denen heute eigentlich nur noch der Erfolg an sich, nicht aber die Art und Weise, wie er zustande kam in Erinnerung geblieben ist: Roberto di Matteo hat Chelsea 2012 den ersten CL-Titel beschert und das Milan der frühen 90er Jahre war schlicht phänomenal, die hatten im Final der Champions League einmal gar Barcelona 4:0 weggefegt.  

Chelsea coach Roberto Di Matteo, right, looks at UEFA president Michel Platini as he holds the trophy at the end of the Champions League final soccer match between Bayern Munich and Chelsea in Munich, Germany Saturday May 19, 2012. Chelsea's Didier Drogba scored the decisive penalty in the shootout as Chelsea beat Bayern Munich to win the Champions League final after a dramatic 1-1 draw on Saturday. (AP Photo/Kerstin Joensson)

Roberto Di Matteo ein langweiliger Maurermeister? Nein, der grosse Erlöser Cheleas. Bild: AP

Als Milan mit 36 Toren in 34 Spielen Meister wurde

Weiss jemand noch, dass Chelsea auf dem Weg zum Titel 2012 im Halbfinal Barcelona in einer Abwehrschlacht sondergleichen rausgekegelt hat? 193 zu 728 Pässe, 5 zu 24 Torschüsse, 2 zu 8 Chancen, 28 zu 72 Prozent Ballbesitz. Aber – wie die BBC damals schon richtig bemerkte: «Ein Schuss, ein Tor – die einzige Statistik, die zählt.» 

Und das grosse Milan, das Barcelona 1994 im CL-Final 4:0 und davor im Halbfinal Monaco 3:0 zerstörte, wurde in jener Saison auch zum dritten Mal in Serie italienischer Meister. Weiss jemand noch wie viele Treffer die Rossoneri dabei in 34 Liga-Spielen erzielten? 36. In Worten: Sechsunddreissig. Die damaligen Absteiger Udinese und Atalanta trafen 35-mal ins Schwarze. Das interessiert heute niemanden mehr. Die Leute wissen nur noch was in der Vitrine steht. Und dort hat es bei Chelsea und Milan dank defensiven Meisterleistungen den einen Pokal mehr. 

«Mit dem Sturm gewinnst du Spiele, mit der Verteidigung Meisterschaften»

José Mourinho vorzuwerfen, er spiele den falschen Fussball, ist – solange er Erfolg hat – schlicht dumm. Mourinho ist im Gegenteil einfach ein fantastischer Trainer. SkySports präsentierte kürzlich diese Statistik: In 457 Partien als Trainer hat Mourinho nur neun verloren, wenn sein Team 1:0 führte und gar nur deren drei, wenn er zur Pause vorne lag. 

Huub Stevens wusste schon zu seiner Zeit als Schalke-Trainer (1996 bis 2002): «Hinten zu Null und vorne hilft der liebe Gott.» Und auch diese Weisheit sollten sich viele «Jammeris» verinnerlichen: «Mit dem Sturm gewinnst du Spiele, mit der Verteidigung Meisterschaften.» 

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