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Chelsea players react after the Champions League semifinal first leg soccer match between Atletico Madrid and Chelsea at the Vicente Calderon stadium in Madrid, Spain, Tuesday, April 22, 2014. The match ended in a 0-0 draw. (AP Photo/Andres Kudacki)

Bild: AP

Das Nichtspektakel von Chelsea

Mourinho und die teuersten Betonmischer der Welt

Auf der «Baustelle» Vicente Calderon gab es ein Team, welches ein Tor erzielen wollte, und eines, welches Tore verhindern wollte. Das ist die Geschichte, wie elf Männer mit einem Gegenwert von einer knappen Milliarde Franken in ein Rasen-Schachduell geschickt werden.



«Es ist sehr schwierig Fussball zu spielen, wenn nur ein Team spielen will, sehr schwierig.»

José Mourinho drei Monate zuvor über West Ham theguardian.com

Es ist Champions-League-Halbfinal gestern Abend in Madrid. Zwei der aktuell stärksten Teams der Welt treffen in der Königsklasse des europäischen Fussballs aufeinander: Atlético Madrid und Chelsea. Was man erwarten dürfte anhand der Männer, die auf dem Platz stehen: ein tolles Fussballspiel. Schliesslich verkörpern die meisten Akteure Weltklasse.

Speziell Chelsea hat Spieler in ihren Reihen, um die sie die Fussballwelt beneidet. Doch das Ergebnis am Schluss: Viele Fouls, viele Unterbrüche, wenige Torszenen, gähnende Langeweile. 

Die Skeptiker ahnten es schon

Realistische Zeitgenossen rechneten damit, dass kein «Champagner-Fussball» geboten werden wird. Schliesslich trafen die beiden besten Defensiven aus Spanien und England aufeinander. Und auch Atlético Madrid ist nicht eine Mannschaft, welche bedingungslos die Offensive sucht. Doch dass gestern keine Werbung für den Fussball gemacht wurde, lag vor allem an den Londonern. Und ihrem Startrainer José Mourinho.

Zugegeben: Kein Trainer auf höchster Stufe hat solche Traumbilanzen wie Mourinho vorzuweisen. Unter den Rekorden sind beispielsweise neun Jahre ohne Heimspielniederlage, Gewinne der Champions League mit zwei verschiedenen Klubs oder der Fakt, der einzige Manager zu sein, der in England, Italien und Spanien Meister, Pokal- bzw. Supercup-Sieger wurde.

«Das ist Fussball aus dem 19. Jahrhundert.»

Mourinho drei Monate zuvor über West Ham. theguardian.com

Wie viel Beton darf man anmischen?

Es gibt noch etwas anderes in der Trainervita vom Portugiesen, als die Einträge in die Rekordbücher: die Art und Weise, wie er seine Teams (teilweise) spielen lässt. Es ist legitim und nur logisch, wenn die Devise «Erfolg vor Spektakel» gilt. Denn am Schluss interessiert nur Sieg oder Niederlage. Doch die Frage sei erlaubt, wie viel Kreativität man mit Absicht ersticken darf, wenn man ein Team zur Verfügung hat, welches knapp eine halbe Milliarde Schweizer Franken Kaderwert hat.

«Zehn Verteidiger im Strafraum, die keinen Fuss aus dem Sechzehner machen. Alles sehr statisch. Ich hoffe, das Remis bringt ihnen was.»

Mourinho drei Monate zuvor über West Ham theguardian.com

Wenn man als klarer Aussenseiter ins Rennen geht, ist eine defensive Ausrichtung nachvollziehbar. Auch dass ein Auswärtsteam bei K.O.-Spielen nicht volles Risiko auf sich nimmt, liegt in der Natur des Fussballsports. Aber impliziert Mourinho mit der gestrigen Taktikvorgabe nicht indirekt bei seinen eigenen Spielern eine Mangel an Klasse? 

Oder um es mit seinen eigenen Worten zu sagen («The Special One» vor knapp drei Monaten nach einem Remis gegen West Ham United): «Sie haben solch gute Spieler, eine gute Truppe. Schauen Sie sich die Bank an, gute Spieler mit Qualitäten. Also hoffentlich war dies nur Konsequenz ihres Bedürfnisses – welches ich total respektiere – und hoffentlich werden sie in Zukunft Fussball spielen.»

Auch wenn der beste Spieler von Chelsea verletzt war (Eden Hazard) und sich gleich zu Beginn Torhüter Petr Cech verletzte, dies darf keine Ausrede sein für die Mauer-Taktik. Fernando Torres – nach meiner (bescheidenen) Ansicht völlig unterschätzt – durfte sich als Einzelkämpfer gegen die Defensivabteilung von Atlético Madrid abmühen und konnte mit Glück den Ball für einige Sekunden in der gegnerischen Platzhälfte halten, was dem ehemaligen Atlético-Madrid-Star nur selten gelang. 

Der Rest igelte sich hinten im Strafraum ein. Oscar und André Schürrle, die nach den verletzten Hazard und Eto'o besten Skorer bei Chelsea, durften nur auf der Bank Platz nehmen. Atlético Madrid liess den Ball gekonnt laufen, aber die zündende Idee gegen die massierte Abwehr um Organisator John Terry fiel ihnen nicht ein. Die hohen Bälle waren ein gefundenes Fressen für die grossen Abwehrtürme. Die Pässe in die Tiefe kamen gegen die dicht gestaffelten «Blues-Beine» selten an den Empfänger.  

«Ich habe das 0:0 nicht gesucht. Ich hätte lieber 5:0 gewonnen.»

José Mourinho lequipe.fr

Same Same but different, Chelsea gegen Manchester City.

Wie San Marino spielen lassen

Der Sohn eines ehemaligen portugiesischen Spitzentorhüters ist ein exzellenter Fachmann. Früh interessiert sich der intelligente Mourinho für die taktischen Belange des Fussballs. «Mou» ist ein charismatischer Zeitgenosse, er versteht es gut, durch polemische Aussagen den Druck von der Mannschaft auf seine Person zu lenken. Dass selten ein ehemaliger Spieler über den 51-Jährigen ein schlechtes Wort verliert, spricht für seinen Umgang mit Menschen (ausgenommen Journalisten). Doch grosses Spielermaterial einkaufen und nachher wie San Marino spielen lassen?

Sicher ist Mourinho in die Sparte der sogenannten Resultate-Trainer einzuordnen. Er muss ja nicht gleich wie die Holländer das Verlieren zur Kunst machen, die an der WM 1974 mit ihrem schönen «Voetbal Totaal» zwar alle Fussball-Gourmets verwöhnten, jedoch das Siegen vergassen.

Doch auch die ergebnisorientierten Coaches müssen ein Minimum an Offensivgeist mitbringen. Bei seiner ersten Chelsea-Episode 2004-2007 liess der stets Braungebrannte aus der Küstenstadt Setubal einen Powerfussball spielen, der die ganze Premier League überrollte und auch in Europa Furore machte. Dieser Geist war gestern bei Weitem nicht zu spüren.

Am Ende wird alles egal sein – oder doch nicht?

Im Rückspiel hat Mourinho nun genau die Ausgangslage, die er gewollt hat. An der Stamford Bridge war Chelsea bis zum letzten Wochenende in 77 Spielen ohne Niederlage. Doch wenn es im Fussball Gerechtigkeit geben sollte, muss Chelsea für dieses unsägliche Mauern im Hinspiel bestraft werden.

«Wir sind nicht glücklich. Wir wollten gewinnen. Aber sie spielten defensiv, weil sie denken, sie können an der Stamford Bridge gewinnen.» 

Atlético-Captain Gabi  goal.com

Das Schlimme ist: Chelsea-Boss Roman Abramowitsch wird seinem Trainer weiterhin Kreativ-Spieler wie zuletzt Basels Mohamed Salah einkaufen. Mit Atléticos Stürmerstar Diego Costa steht schon der nächste Offensivstar auf der Einkaufsliste. Aber will sich Costa das wirklich antun?

Die Chelsea-Fans feiern bereits ihren möglichen Neuzugang. YouTube/Oliver Todd

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