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Zu Besuch in Montreal: So arbeitet der Chefankläger des Schweizer Eishockeys

Stéphane Auger ist der wichtigste Mann unserer Hockey-Justiz. Er lebt und arbeitet in Montreal. Ein Besuch beim ehemaligen NHL-Schiedsrichter.



Nein, ein Fixstern am kanadischen TV-Himmel ist er nicht. Aber als Sternschnuppe, die immer wieder am TV-Firmament über Montreal aufglüht, darf er schon gelten. Stéphane Auger (46) ist beim französischsprachigen Sender «TVA Sports» so etwas wie ein Sascha Ruefer der Regelkunde.

Seine TV-Tätigkeit ist ihm sofort anzumerken. Ein freundlicher Mann, durchdrungen von seiner Wichtigkeit, aber durchaus mit Sinn für Humor und Selbstironie.

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Stéphane Auger lebt und arbeitet in Montreal.  bild: watson/klauszaugg

Kaum einer der TV-Zuschauer, die sich in der Provinz Québec in und um Montreal Sinn und Unsinn von Schiri-Entscheiden aus der NHL und dem Juniorenhockey erklären lassen, ahnt etwas von seinem zweiten Beruf. Stéphane Auger ist auch «Player Safety Officer» der Nationalliga.

Dieser sperrige Ausdruck bedeutet übersetzt: «Sicherheitsbeamter der Spieler.» Das ist natürlich Unsinn. Stéphane Auger ist unser Hockey-Staatsanwalt oder Hockey-Chefankläger. Der Job ist nach dem Rücktritt von Einzelrichter Reto Steinmann im Sommer 2015 neu geschaffen worden. Der Zuger Rechtsanwalt war jahrelang beides: Ankläger und Richter. Er filterte die Bösewichte selber heraus oder beurteilte Eingaben der Klubs und der Schiedsrichter und sprach sodann die Strafen aus. Eine Doppelbelastung, die der modernen Justiz, der Trennung zwischen Ankläger und Richter, nicht mehr entsprach.

ARCHIV - ZUM RUECKTRITT DES EINZELRICHTERS DER NATIONAL LEAGUE ENDE SAISON STELLEN WIR IHNEN DIESES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG. - Der Zuger Rechtsanwalt und Notar Reto Steinmann, aufgenommen am Montag, 1. Dezember 2003, in seinem Buero in Zug. Steinmann wurde am Samstag, 29. November 2003 an der DV der Schweizer Eishockey Nationalliga in Zug zum Einzelrichter gewaehlt. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Hat den Hörer im Sommer 2015 abgegeben: Ankläger und Richter Reto Steinmann  Bild: KEYSTONE

«Letzte Saison schlug ich noch das Strafmass vor. Das haben wir geändert.»

Stéphane Auger

Von Montreal nach Bern und Zürich

Nun melden die Schiedsrichter und die Inspizienten Stéphane Auger bis etwa zwei Stunden nach einem Spiel alle Vorfälle, die noch einmal überprüft werden sollten. Auch die Klubs können bis zwei Stunden nach dem Ende einer Partie eine Eingabe machen. Der Kanadier sichtet alle kritischen Szenen und leitet sie anschliessend den beiden Einzelrichtern Oliver Krüger in Bern und Victor Stancescu im Züribiet weiter.

Sie sprechen die Sperren aus. «Letzte Saison schlug ich noch das Strafmass vor. Das haben wir geändert. Ich sage nur noch, ob ein Vergehen nach meiner Meinung keine Sperre, eine Spielsperre oder mehrere Spielsperren verdient. Alles andere entscheiden die Einzelrichter.»

Der Kanadier sieht sich sowieso nicht als Chefankläger oder Staatsanwalt des Hockeys. Sondern als Dienstleister. «Ich bin ein Teil des gesamten Systems. Das Ziel muss es sein, den Spielern zu helfen und das Spiel besser zu machen.» Auf seine Anregung hin werden die Urteile inzwischen samt Video und Begründung für alle einsehbar im Internet publiziert. Eine Massnahme, die ganz wesentlich zur Professionalisierung und Beruhigung beigetragen hat. «Ich sehe das auch als Hilfsmittel für die Spieler. So kann jeder sehen, was erlaubt ist und was nicht.»

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Ein Beispielvideo zu einem Vorfall. Video: streamable

Seine Kompetenz als TV-Experte und als Hockey-Chefankläger ist unbestritten. Er war als NHL-Ref zwar oft heftig umstritten. Meistens wegen verbalen Auseinandersetzungen mit einem Spieler oder einem Coach. Darüber mag aber er nicht mehr reden und hält fest: «Ich habe meinen Job nach bestem Wissen und Gewissen gemacht und meine Vorgesetzten sind jedes Mal auch zu diesem Schluss gekommen.» Der Familienvater begann 1994 seine Karriere als Profischiedsrichter, zwischen 2000 und 2012 arbeitete er für die NHL und leitete über 500 Partien, inkl. 10 in den Playoffs. Am 15. Juni 2012 trat er zurück

OTTAWA, ON - JANUARY 19:  Referee Stephane Auger (15) throws a glove back towards the bench after a fight in a game between the Chicago Blackhawks and the Ottawa Senators at Scotiabank Place on January 19, 2010 in Ottawa, Canada.  The Ottawa Senators defeated the Chicago Blackhawks 4-1.  (Photo by Phillip MacCallum/Getty Images)

Stéphane Auger leitete über 500 NHL-Partien. Bild: Getty Images North America

Sechs Stunden Zeitdifferenz als Luxus

Ich treffe Stéphane Auger in Montreal. Der Mann, der das Nationalliga-Hockey überwacht, ist Kanadier und sitzt in Kanada. Nicht in Zürich, Zug oder Bern. Der ultimative Beweis für die Globalisierung dieser Welt. Die Hockeywelt ist ein Dorf.

Seine Arbeit für unsere Hockeyjustiz ist ungefähr ein Halbtagsjob. Die andere Hälfte füllen seine TV- Auftritte aus. Ein Leben zwischen TV-Studio und Video-Studium. Hin und wieder hält er Gastreferate vor Managern über schnelle und präzise Entscheidungsfindung unter maximalem Stress – was er ja als Ref auf dem Eis jahrelang gemacht hat. Nach seiner Schiedsrichterkarriere hat er für verschiedene europäische Verbände gearbeitet und so ist der Kontakt zu den Schweizer Hockey-Bürogenerälen entstanden. Sein Vertrag mit unserem Verband läuft noch zwei Jahre bis ins Frühjahr 2019.

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Hier fallen Entscheide über unser Hockey: die Skyline von Montreal. bild: shutterstock

Eine wesentliche Erleichterung für seine Arbeit ist die Zeitdifferenz von sechs Stunden zwischen der Schweiz und Montreal. Stéphane Auger bezeichnet dies sogar als Luxus. Er hat daheim in seinem Büro über Computer auf die TV-Bilder aller NLA-Partien und auf Video-Aufzeichnungen der NLB-Spiele Zugriff. Mit der heutigen Technologie findet er zügig die aus der Schweiz gemeldeten Szenen. «Es ist unser Bestreben, dass wirklich jede fragliche Szene analysiert wird. Auch jene, die keine Strafe oder keine Verletzung zur Folge hatten.» Diese Saison hat er bereits etwas mehr als 200 Situationen analysiert und ausgewertet und er rechnet damit, dass es am Ende wohl erstmals über 400 werden. Er erstellt eine Liste aller ausgewerteten Szenen, die er den Klubs zur Verfügung stellt.

«Jeder hat eine andere Sicht» sagt Stéphane Auger aus langjähriger Erfahrung. Deshalb nutzt er sein Netzwerk, um von anderen Experten aus Nordamerika und auch Europa eine Meinung zu strittigen Szenen einzuholen. In seine Empfehlungen fliesst sozusagen das gesamte Wissen der globalen Hockeyjustiz ein, auch aus der NHL.

Keine Beeinflussung

Und wie steht es mit der Beeinflussung? Reto Steinmann hatte es nicht einfach. Jeder Trainer, Sportchef und Chronist hatte seine Handy- Nummer. Es gab durchaus einen Mangel an Respekt bei Trainern, Sportchefs und Chronisten, die gegen seine Urteile polemisierten.

Davon bleibt Stéphane Auger in Montreal unberührt. Er sagt, noch nie habe ein Sportchef oder Trainer oder sonst jemand versucht, ihn zu beeinflussen. Und er ist sowieso in seinem Job ein typischer Nordamerikaner: Selbstsicher genug, um jede Einmischung von sich zu weisen und sorgsam darauf bedacht, Distanz zu wahren.

Gerne plaudert er über seine Tätigkeit als NHL-Schiedsrichter, über Hockey, über Gott und die Welt – aber vor Anekdoten aus seiner Tätigkeit für unseren Verband, vor Erzählungen über das Wesen und Wirken einzelner helvetischer Exponenten hütet er sich wie der Teufel vor dem geweihten Wasser. Da zeigt sich die jahrelange Tätigkeit als Profi-Schiedsrichter in der streng regulierten Welt der NHL. Er erzählt, dort sei es den Coaches, Spielern aber auch Chronisten untersagt, sich ausserhalb des Spielgeschehens mit den Refs zu unterhalten.

Phoenix Coyotes coach Dave Tippett, center, talks with referee Stephane Auger in the third period of an NHL hockey game against the Pittsburgh Penguins in Pittsburgh, Tuesday, March 25, 2014. The Coyotes won 3-2. (AP Photo/Gene J. Puskar)

Phoenix-Coach Dave Tippett im Gespräch mit Auger. In der NHL darf ausserhalb des Spielgeschehens nicht mit den Refs gesprochen werden. Bild: Gene J. Puskar/AP/KEYSTONE

Diese strikten Trennlinien zwischen Funktionen sind typisch für den nordamerikanischen Profisport, eignen sich aber nur bedingt für eine so kleine Welt wie unser Hockey. Dessen ist sich Stéphane Auger sehr wohl bewusst und deshalb legt er viel Wert auf die neue Transparenz, auf die Offenlegung der Entscheidungen im Internet. «Damit klar ist, warum was entschieden wird.» Sozusagen als Aufklärung, um etwa dem im Welschland weit verbreiteten Aberglauben einer «Deutschschweizer Mafia» entgegenzuwirken.

Am Ende des Tages hilft aber auch in einer globalisierten Welt, weit weg vom Geschütz zu sein. Seit der Chefankläger nicht mehr in Zug, sondern in Montreal sitzt, gibt es um unsere Hockeyjustiz keine ernstzunehmende Polemik mehr. Was nicht heissen muss, dass heute alles besser ist als früher.

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