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Enttaeuschte Klotener mit Dennis Hollenstein, im sechsten Eishockey Spiel der Ligaqualifikation der National League zwischen dem EHC Kloten und den SC Rapperswil-Jona Lakers am Montag, 23. April 2018, in Rapperswil-Jona. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Der EHC Kloten darf sich in Spiel 7 keinen weiteren Ausrutscher mehr leisten.  Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Kloten und die Angst, an einem Abend 56 Jahre Geschichte zu verspielen

Rapperswil-Jona erzwingt mit einem 2:1-Sieg ein 7. Spiel in Kloten. Nun werden am Mittwoch in Kloten nicht mehr Geschichten geschrieben. Am Mittwoch wird Geschichte geschrieben. Logisch wäre ein Kloten-Sieg zwischen 4:0 und 7:0.



Dieses Bild wird im Gedächtnis haften bleiben, sollte Kloten am Mittwoch verlieren und absteigen.

Soeben hat Rapperswil-Jona 2:1 gewonnen. Oben auf der Medientribüne stehen Felix Hollenstein (53) und Roman Wäger (55) auf. Die Helden der grossen Tage. Hoch dekoriert mit vier Meistertiteln de suite (1993, 1994, 1995, 1996). Sie helfen ihrem Trainer André Rötheli in diesen schweren Zeiten als Spielbeobachter.

Die Eishockeyspieler Felix Hollenstein, rechts, und Roman Waeger des EHC Kloten feiern am 1. April 1995 im Stadion Schluefweg in Kloten, Schweiz, den Sieg der Eishockey Meisterschaft. (KEYSTONE/Str)

Roman Wäger und Felix Hollenstein beim Meistertitel 1995. Bild: KEYSTONE

Die zwei Legenden machen sich schweigend auf den Weg nach unten in die Kabine. Sie wirken müde. Sie gehen langsam, gemessenen Schrittes. Wen sie kennen, grüssen sie freundlich. Es ist, als schreite Kloten würdevoll von der Bühne des grossen Hockeys in die untergehende Sonne hinein. Obwohl es draussen regnet.

Niemand macht Sprüche. Auch die vorwitzigen Chronisten nicht. Tiefer Respekt für zwei Persönlichkeiten, die für Kloten so viel geleistet haben.

Aber für Felix Hollenstein und Roman Wäger und «ihre» Klotener ist noch nicht aller Tage Abend. Es gibt eine allerletzte Chance am Mittwoch. Wir haben am Montagabend in Rapperswil-Jona noch nicht das letzte Defilee der ältesten Truppe der Liga gesehen.

Diese Lakers gehören eigentlich in die National League

Kloten hätte mit einem Sieg am Montag den Ligaerhalt sichern können. Aber die Lakers sind nach drei Niederlagen noch einmal aufgestanden. Sie haben 2:1 gewonnen. Es kommt zum 7. Spiel.

Wie ist es möglich, dass die Klotener diese Partie verlieren konnten? Sie hatten doch alle Vorteile auf ihrer Seite. Hockey-Puritaner monieren, es sein ein miserables Spiel gewesen. Kloten sei nicht bereit gewesen! Und diese Fehler!

Aber diese Beurteilung wird der Sache ganz und gar nicht gerecht. Es war ein grosses, ein dramatisches, ein packendes Spiel.

Die Klotener versuchen alles. Aber sie sind ganz einfach der Belastung nicht gewachsen. Deshalb machen sie viele Fehler. Und ihr Leitwolf Denis Hollenstein reibt sich in Zweikämpfen auf. Inzwischen hat er pro Partie 20:48 Minuten gespielt – länger als jeder andere Stürmer in dieser Liga-Qualifikation.

Die Fans des SC Rapperswil-Jona Lakers feiern im sechsten Eishockey Spiel der Ligaqualifikation der National League zwischen dem SC Rapperswil-Jona Lakers und dem EHC Kloten am Montag, 23. April 2018, in Rapperswil. (KEYSTONE/Lars Mathis)

Die Rappi-Fans jubeln nach dem letzten Heimspiel der Saison. Bild: KEYSTONE

Noch einmal lodert bei den Lakers die Leidenschaft auf. Eishockey als Mannschaftsport im besten Wortsinne. Und Torhüter Melvin Nyffeler ist «heiss»: aggressiv und doch cool und konzentriert. Immer im Spiel. Schliesslich trägt ein grossartiges Publikum, stehend, applaudierend, singend die Lakers durch die letzten Minuten. Auch der neutrale Beobachter bekommt Gänsehaut. Und denkt: diese Lakers gehören eigentlich in die National League.

Das teuflische 7. Spiel

Das Undenkbare ist denkbar geworden. Noch eine Niederlage und die 56-jährige NLA-Geschichte des EHC Kloten ist zu Ende. Die Kommentare und Analysen die am Montagnachmittag schon zur Rettung Klotens geschrieben worden sind, können noch nicht gedruckt oder online geschaltet werden. Vielleicht können sie gar nie gedruckt und online geschaltet werden.

Alle NLA-Absteiger seit Einführung der Zwölfer-Liga

Wie stehen die Chancen? 7. Spiele in der Liga-Qualifikation sind fürs Heimteam eine teuflische Sache. Lausanne verliert 2005 gegen Basel die 7. Partie auf eigenem Eis 0:4 und steigt ab. 1999 gewinnt Langnau in Chur nach einem 0:2-Rückstand 7:2 und bleibt in der NLA. Todd Elik erzielt ein Tor und lässt sich sechs Assists notieren.

Wer siegt in Spiel 7?

Aber heute zählt das alles nicht mehr. Die Statistik hat etwa so viel Aussagekraft wie der hundertjährige Kalender im «hinkenden Boten»: in diesem Bauernkalender, der seit 1707 erscheint, ist Tag für Tag das Wetter vor 100 Jahren aufgeführt. Heute noch schwören viele Landwirte auf diese Wetterprognose.

«Druck gibt es nur, wenn man auf die Toilette sollte und einfach keine Autobahnausfahrt in Sicht ist.»

Lakers-Legende Sven Lindemann

Oder wiederholt sich der 16. April 2013? An diesem Dienstag geht eines der grossen Dramen unseres Hockeys über die Bühne: der SCB feiert durch ein 5:1 gegen Gottéron in Bern oben den Titel. Gleichzeit verliert Langnau in Lausanne 2:3 und steigt in die NLB ab. Meister und Absteiger im gleichen Kanton. Am gleichen Tag, ja zur gleichen Stunde. Genau das kann den Zürchern blühen. Die ZSC Lions können am Mittwoch Meister werden und Kloten kann absteigen.

Jubel bei den ZSC Lions im vierten Eishockey Playoff-Finalspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem HC Lugano am Mittwoch, 18. April 2018, im Zuercher Hallenstadion. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Den ZSC Lions fehlt noch ein Sieg zum Meistertitel. Bild: KEYSTONE

Was so einfach und doch so schwer ist

Wie stehen die Chancen? Hockeytechnisch müssten die Klotener dieses 7. Spiel klar für sich entscheiden. Sie haben die besseren Einzelspieler und Torhüter Luca Boltshauser ist ein sicherer Rückhalt. Wenn in einem einzigen Spiel eine ganze verpfuschte Saison und 56 Jahre Geschichte auf eigenem Eis gerettet werden können, dann sind Motivation und Leidenschaft grösser als Nervosität, taktische Mängel und Zweifel. Logisch wäre ein Resultat zwischen 4:0 und 7:0.

SC Rapperswil-Jona Lakers Stuermer Sven Lindemann, rechts, gegen EHC Kloten Torhueter Luca Boltshauser im dritten Eishockey Spiel der Ligaqualifikation der National League zwischen dem EHC Kloten und dem SC Rapperswil-Jona Lakers am Dienstag, 17. April 2018, in Kloten. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Sven Lindemann gegen Klotens Luca Boltshauser. Bild: KEYSTONE

Aber Lakers-Legende Sven Lindemann – er ist am Montag 40 geworden – sagt in die Mikrophone: «Druck? Druck gibt es nur, wenn man auf die Toilette sollte und einfach keine Autobahnausfahrt in Sicht ist. Wir haben keinen Druck. Wir haben nichts zu verlieren und freuen uns riesig auf dieses Spiel in Kloten.»

An einem einzigen Abend können 56 Jahre Geschichte verloren gehen. In einem unberechenbaren Spiel auf rutschiger Unterlage. Wenn die Hockey-Götter am Mittwoch würfeln, dann kann ein einziger «verirrter» Puck, ein einziges Missverständnis, ein einziger Fehler 56 Jahre Geschichte löschen und die Lakers in die NLA katapultieren. Alle wissen das. In Klotens Kabine. In Klotens Entourage. Aber niemand sagt es. Es ist die unausgesprochene und doch allgegenwärtige Angst, an einem einzigen Abend 56 Jahre Geschichte zu verspielen.

EHC Kloten Stuermer Denis Hollenstein, vorne links, und seine Mitspieler enttaeuscht nach der 2-1 Niederlage im sechsten Eishockey Spiel der Ligaqualifikation der National League zwischen dem SC Rapperswil-Jona Lakers und dem EHC Kloten am Montag, 23. April 2018, in Rapperswil. (PPR/Patrick B. Kraemer)

Die Klotener Spieler stehen vor einem Schicksalsspiel. Bild: PPR

Am Mittwoch werden nicht, wie sonst üblich, Geschichten geschrieben. Am Mittwoch wird Geschichte geschrieben. Am Mittwoch werden strahlende und tragische Helden geboren.

Klotens Trainer André Rötheli wird gefragt, wie gross nun die Belastung vor einem so schicksalsschweren Spiel sei. Er fasst es kurz und bündig zusammen: «Nur nicht dran denken. Einfach spielen.» Sagt’s und verlässt die Arena zusammen mit Felix Hollenstein und Roman Wäger.

Klotens Rezept: Alles vergessen, was war. Alle Energie für die Gegenwart mobilisieren und einfach spielen. Und siegen.

So einfach ist es. Und doch so schwer.

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43 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
parakalo
24.04.2018 07:33registriert December 2014
Ich kann nur hoffen, dass Kloten am Mittwoch endlich absteigt. Sorry, aber sie haben es so was von nicht verdient, oben zu bleiben.
Auf der anderen Seite haben wir ein Rapperswil-Jona, welches eine fantastische Saison spielt, drei NLA-Teams auf dem Weg zum Cup-Sieg aus dem Weg räumte.
Dieses Rapperswil-Jona soll und darf sich nicht von einem heruntergewirtschafteten Kloten die Party verderben lassen.
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Bergler19
24.04.2018 07:35registriert April 2017
Alle sprechen immer davon, dass die Klotener die Rapperswiler aufgrund dem breiteren Kader vom Eis fegen sollten. Ja aber Mensch, wenn sie das könnten hätten sie es doch nicht zu einem Spiel 7 kommen lassen?!
Mir fällt es einfach schwer zu glauben, dass ein Team das 50 Quali-Spiele und in den Playouts psychisch so angeschlagen war, auf einmal Rappi in einem alles entscheidenden Spiel 7 schlagen kann. Ich glaube den Klotener zittern so mächtig die Beine und keiner will zu der Truppe gehören, die 56 Jahre den Bach runter schickt... In dieser Haut möchte ich nicht stecken!
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emptynetter
24.04.2018 08:10registriert April 2014
Natürlich gehört Kloten eigentlich auf die Landkarte des NLA-Hockeys. Aber man hat jahrelang sportliche und finanzielle Misswirtschaft betrieben und vor sich hinwgewurstelt, Fans verärgert und ihnen in Bettelaktionen das Geld aus dem Sparsäuli geholt, um danach alte Stars damit einzukaufen. Wenn es eine sportliche Gerechtigkeit gibt, wird dieses Gebahren jetzt einmal mit dem Abstieg bestraft. Bei Rappi damals wars ähnlich; und die haben aus Ihrer Geschichte gelernt.
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