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Switzerland's players look disappointed after losing against Austria, during the IIHF 2015 World Championship preliminary round game Switzerland vs Austria, at the O2 Arena, in Prague, Czech Republic, Saturday, Mai 2, 2015. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Enttäuschte Gesichter nach dem verpatzten Auftakt. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Nach dem verpatzten Auftakt: Die Schweizer Hockey-Nati ist nicht gut genug, um ungestraft arrogant zu sein

Zum Auftakt gegen Österreich «a bissrl Operettenhockey». Das 3:4 nach Penaltys gegen Österreich ist die bitterste Schmach seit der Rückkehr in die Weltklasse im Frühjahr 1998.



Ein bisschen Nostalgie, ab und zu lüpfige Spektakel-Einlagen und ein dramatisches Ende: Der WM-Auftakt hat uns Operettenhockey im besten Wortsinne beschert. Wenn eine Operette eine mit Musik untermalte Komödienhandlung ist, dann bedeutet Operettenhockey eine mit Spektakel untermalte Komödienhandlung.

Die Österreicher spielen wie die Schweiz im letzten Jahrhundert. Offensiv, optisch überlegen und mutig. Aber taktisch so naiv, dass sich der Untergang mit fliegenden spielerischen Fahnen von der ersten Sekunde an abzeichnet. Diese ersten Takte lassen schon die ganze Musik erahnen. Die Österreicher gewinnen das erste Bully, belagern das Schweizer Tor – aber der erste Schuss bringt das 1:0 für die Schweiz. Es ist vorbei, bevor es richtig begonnen hat. So denken alle. Aber es wird ganz anders kommen.

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Das wundervolle 1:0 durch Félicien Du Bois. Es sollte nicht wegweisend werden. gif: srf

Auf Augenhöhe mit den Titanen war früher das grösste aller Gefühle

Erinnerungen an längst vergangene Zeiten werden wach. Ach, wie oft haben wir im letzten Jahrhundert so gegen die Grossen gespielt wie jetzt die Österreicher gegen uns. Wir filterten aus jeder Aktion ein Stückchen Weltklasse heraus, wähnten uns nach knappen Niederlagen schon fast auf Augenhöhe mit den Titanen, die uns gar nicht ernst genommen hatten – und waren doch chancenlos. So war es bei uns in den 1980er und 1990er Jahren, bis uns der Hockey-Messias Ralph Krueger ab 1998 aus den Niederungen der Zweitklassigkeit erlöste und ins gelobte Land der Weltklasse führte.

Noch typischer für die taktische Naivität dieses Gegners: Die erste Strafe gegen die Schweiz nützen die Schweizer mit Andres Ambühl und Roman Josi zu einem Treffer in Unterzahl. Bloss 3:42 Minuten nach dem 1:1. Der Ausgleich konnte seine Schockwirkung gar nicht erst entfalten. Und wie es sich gehört, war dieser Ausgleich auch ein Operetten-Tor. NHL-Titan Reto Berra liess den Puck in der nahen Ecke durchschlüpfen. Beim Versuch, diese Szene für einen Film nachzustellen, würde Thomas Raffl 100-mal scheitern. Es passt zu diesem Operetten-Auftakt, dass nicht NHL-Stürmer Mike Raffl den Treffer erzielte. Sondern sein kleiner Bruder Thomas. Der Treffer war so kurios, dass er sekundenlang ein ungläubiger Thomas war, ehe er realisierte, dass dieser Puck den Weg ins Netz gefunden hatte.

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Roman Josi und Andres Ambühl kombinieren sich in Unterzahl zur erneuten Führung. gif: srf

Die Hockeygötter sind also Nationaltrainer Glen Hanlon freundlich gesinnt. Auf den ersten Treffer hatte sein Vorgänger Sean Simpson 2010 bei der WM in Deutschland gegen Lettland bloss 146 Sekunden gewartet (Schlussstand 3:1). Glen Hanlon hat nun bereits nach 74 Sekunden über das 1:0 gegen Österreich gejubelt. Er ist schneller gestartet als der WM-Silberschmied.

Spielt doch gegen diese Österreicher keine Rolle

Die Schweizer treten beim WM-Auftakt mit dem Selbstvertrauen und der Arroganz eines WM-Titanen auf. Nach dem frühen 1:0 spielt der WM-Finalist von 2013 mit der lässigen Gewissheit, dass das zweite Tor nur eine Frage der Zeit und der Sieg sowieso sicher ist. Kevin Romy scheitert mit einem Penalty an Bernhard Starkbaum (3:14 Min.) und acht Minuten Powerplay können die Schweizer nicht zu einem weiteren Treffer nützen. Ach, spielt doch gegen diese Österreicher keine Rolle.

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Kevin Romy kann den Penalty nicht verwerten – egal, ist ja nur Österreich? Denkste! gif: srf

Aber die Schweizer sind nur im Kopf WM-Titanen. Nicht aber in den Beinen und Händen. Sie spielen mit der Arroganz eines WM-Titanen – aber sie verstehen es nicht, mit der Arroganz eines WM-Titanen zu siegen. Sie sind nicht gut genug, um ungestraft arrogant zu sein. Die Russen oder die Kanadier oder die Schweden oder die Finnen oder die Tschechen hätten mit der gleichen Einstellung die Österreicher noch besiegt. Ralph Krueger oder Sean Simpson hätte mit ziemlicher Sicherheit früh erkannt, dass es so nicht geht und hätte in der ersten und zweiten Pause so viel Einfluss auf die Mannschaft gehabt, dass das Unheil (und diese Niederlage ist ein Unheil) verhindert worden wäre.

Aber der freundliche Glen Hanlon steht hilflos an der Bande. Auf einmal findet er sich in diesem Operetten-Spiel in der Rolle des Operetten-Coaches wieder. Die Österreicher erholen sich und sie spüren, dass dieser Gegner zu packen ist. Aus Arroganz wird bei den Schweizern nach und nach Verunsicherung. Aus Lässigkeit Verkrampfung. Am Ende schaffen die Österreicher mit sechs gegen fünf Feldspieler den Ausgleich zum 3:3. Diesmal trifft NHL-Stürmer Mike Raffl nach Vorarbeit seines Bruders Thomas, der in der Mozart-Stadt Salzburg sein Geld verdient.

Wenn nicht Josi, wer dann?

Im Penaltyschiessen zeigt sich im Zeitraffer die zu Verunsicherung gewordene Arroganz der Schweizer. Reto Suri, Damien Brunner und am Schluss, symbolisch für diesen Fehlstart, gar der NHL-Titan Roman Josi scheitern am starken gegnerischen Torhüter. Wenn uns Roman Josi nicht vor der Schmach erretten kann – wer dann? Ja, die Art und Weise, wie Damien Brunner scheiterte, ist ein Musterbeispiel für Verunsicherung und Ratlosigkeit. Er kam nicht einmal zum Torschuss. Der Goalie kontrollierte vorher schon den Puck. Es passt zu diesem Operetten-Spiel, dass einer aus der Mozart-Stadt Salzburg unser Schicksal besiegelt. Konstantin Komarek trifft als Einziger im Penaltyschiessen.

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Komarek mit dem goldenen Treffer im Penaltyschiessen. gif: srf

Nach dieser Schmach gilt erst einmal die sportliche «Unschuldsvermutung». Noch ist es zu früh für Polemik. Noch haben die gängigen Sprüche Gültigkeit: Nichts verloren. Wir können immer noch ins Viertelfinale und bis ins Endspiel stürmen. Es ist ein heilsamer Schock. Wir müssen daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Es kann nur besser kommen.

Nationaltrainer Glen Hanlon ist gefordert. Schafft er nach diesem Fehlstart die Viertelfinals doch noch, ist er ein Held auf Augenhöhe mit seinen Vorgängern Ralph Krueger und Sean Simpson. Wenn nicht, dann war er in diesem ersten Zirkusspiel gegen Österreich der Clown an der Bande und wird diese Rolle bis zur WM 2016 in Moskau nicht mehr los.

Wir wollen die Berichterstattung zum ersten WM-Spiel positiv abschliessen. Die Besten beim Auftakt: Roman Josi, Andres Ambühl, Cody Almond und Kevin Fiala. Roman Josi ist mindestens so gut, wenn nicht sogar besser als bei der Silber-WM von 2013, und damals war er bester Einzelspieler des Turniers. Diesen positiven Eindruck kann auch der gescheiterte Penalty-Versuch nicht verwischen. Andres Ambühl bringt Energie ins Spiel, Cody Almond ist unser bester Center und bereits jetzt ist zu sehen: Kevin Fiala ist unser talentiertester Stürmer.

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    Alle Leser-Kommentare
  • goldmandli 03.05.2015 02:00
    Highlight Highlight Mir immer noch schleierhaft, wie es spieler, wie bodemann, bieber und noch weitere dieses jahr in die nati geschaft haben. Aber seis drum, jetzt wissen sie wo sie stehen. ps. Martschini hätte den Penalty wohl gemacht.
  • marak 02.05.2015 18:31
    Highlight Highlight Ja, ja. Stimmt schon.
    - Überheblich
    - Schlechte Chancenauswertung
    - Ein paar merkten beim 2:2, dass man mehr tun müsste, aber das reicht nicht.
    Und dann sagt der Fiala am Ende, dass die Schweizer klar besser gewesen seien. Er darf das mit seinen 18 Jahren sagen. Da kann er schon eine dicke Lippe riskieren. Aber derselbe Kevin hat sich im 3. Drittel ziemlich auseinandernehmen lassen. Ich hoffe, dass er weiss dass er hinten noch Luft nach oben hat.
    Es kommt wie es kommt. Entweder "ist man zusammengerückt" oder "hat den Einstieg verpasst"
  • länzu 02.05.2015 17:52
    Highlight Highlight Bin einverstanden mit der Nominierung der besten Spieler. Es waren aber auch die einzigen, die höheren Ansprüchen genügten. Streit war fehleranfällig wie immer in der Nati und hat eindeutig zu viel Einflusss: Romy, Brunner, Hollenstein, Bodenmann, Grossmann - eine einzige Katastrophe. Und wieso Hanlon nicht Genoni spielen liess ist ein Rätsel. Berra war kein sicherer Rückhalt. Und wieso er Walker so wenig Eiszeit gabe, bleibt auch sein Rätsel. Er hat lieber einmal mehr den völlig wirkungslosen Brunner-Block laufen lassen, bei dem es hinten immer eng wurde. Der Frust ist gross.
    • manolo 03.05.2015 10:43
      Highlight Highlight @länzu- du hast wohl nicht grosse Ahnung von hockey wenn du streit meinst! er war gestern einer der besten! mit den anderen namen bin ich aber einverstanden!
  • Neemoo 02.05.2015 16:40
    Highlight Highlight Das gibt den richtigen PFEFFER zum 2 Spiel!!!!
  • thompson 02.05.2015 16:17
    Highlight Highlight Alles andere als Weltmeister zu werden, ist eine Frechheit.
    Denn Eisgenossen fehlen die Secondos
  • Der Tom 02.05.2015 15:46
    Highlight Highlight Ist doch super! Nur ein Tor Unterschied und 2 mal sogar in Führung!

Die Schweiz ist «B-Weltmeister» – der erstaunlichste Reifeprozess aller Zeiten

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