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Nino Hischier zückt gegen die Russen die Fäuste.
Nino Hischier zückt gegen die Russen die Fäuste. Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Die verlorene Magie des rauen Spiels – die Schweizer am «WM-Nullpunkt»

Die Schweizer sind nach den beiden Niederlagen gegen Schweden (3:4) und Russland (0:3) am emotionalen «WM-Nullpunkt» angelangt. Der Ankunft von Nino Niederreiter kommt entscheidende Bedeutung zu.
20.05.2019, 04:08
klaus zaugg, bratislava

Ein nebliger Tag in der Vorrunde macht noch kein verregnetes Viertelfinale. Nach dem 0:3 gegen Russland kann das Wetter bis zum Viertelfinale am Donnerstag wieder sonniger werden.

Oder war die Zuversicht nach den vier Siegen gegen Italien, Lettland, Österreich und Norwegen und dem Gewinn der «B-WM» ein Irrtum? Sind die Schweizer doch noch keine Titanen des internationalen Hockeys? Fast scheint es so. Sie haben gegen Weltmeister Schweden (3:4) und nun auch gegen Russland (0:3) verloren.

Die leise Enttäuschung ist der Preis für grandiose Leistungen. Noch vor ein paar Jahren wären diese beiden Niederlagen als Ruhmestat, als «Niederlagen, die uns weiterbringen» gefeiert worden. Auf Augenhöhe mit den Besten gespielt! So knapp verloren!

Warum haben wir gegen Russland auch die zweite Partie gegen einen Grossen verloren? Die Antwort ist ziemlich einfach. Die Magie im Spiel der rauen Kerle sind verloren gegangen. Auf dem Eis zeigt sich das so: zu viel Roman Josi, zu wenig Nico Hischier, zu wenig Kevin Fiala, ein gewöhnlicher Reto Berra und ein gewöhnlicher Leonardo Genoni.

Zu viel Roman Josi. Der beste Schweizer Verteidiger aller Zeiten ist zu stark forciert worden. Er leistet ein unglaubliches Pensum. 25 Minuten und 57 Sekunden gegen Russland, gar 27 Minuten und 19 Sekunden gegen Schweden. Auf dem grossen Eisfeld ist das gegen die beiden wahrscheinlich schnellsten und technisch besten Nationalmannschaft der Welt zu viel.

Roman Josi am Sonntag gegen Russland.
Roman Josi am Sonntag gegen Russland.Bild: KEYSTONE

Weniger wäre in diesem Fall mehr. Denn durch diese extreme Belastung wird er zum «gewöhnlichen» Spieler. Eine entscheidende Prise Leichtigkeit, Unberechenbarkeit, Kreativität und offensive Wirkung seines Spiels geht verloren. Leichtfüssig tanzen ist immer besser als mit schweren Schritten marschieren. Die Gegenspieler können sich auf ihn einstellen. Gegen Schweden und Russland ist ihm nur noch ein Skorerpunkt gelungen.

Zu wenig Nico Hischier und Kevin Fiala. Hischier, das Genie des talentiertesten Schweizer Mittelstürmers der Geschichte flackert immer wieder auf. Aber es erhellt die Offensive der Schweizer zu wenig konstant. Er ringt mit sich. Er ist enttäuscht. Er weiss, dass er mehr kann und er spürt die Belastung dieser Verantwortung. Die Ankunft des NHL-Titanen Nino Niederreiter wird keinem so sehr helfen wie ihm. Auf und neben dem Eis.

Nico Hischier kann sich gegen Russland zu wenig durchsetzen.
Nico Hischier kann sich gegen Russland zu wenig durchsetzen.Bild: KEYSTONE

Gleiches können wir über Kevin Fiala sagen. Er und Nico Hischier können als «X-Faktor» die offensive Differenz machen. Gegen Schweden und Russland haben die beiden zusammen nur noch keinen einzigen Skorerpunkt gebucht. Oder noch krasser: Nico Hischier, Kevin Fiala und Roman Josi haben gegen Österreich, Norwegen, Italien und Lettland zusammen 17 Skorerpunkte gesammelt. Gegen Schweden und Russland noch einen einzigen.

Ob das Powerplay der Schweizer miserabel, schlecht, ungenügend, genügend, gut, sehr gut oder grandios ist, hängt zu einem sehr grossen Teil von Roman Josi, Nico Hischier und Kevin Fiala ab. Das Powerplay war bisher ungenügend.

Wenn Josi oder Hischier und Fiala nicht dazu in der Lage sind, die Differenz zu machen, dann sind es in der Regel Gaëtan Haas, Raphael Diaz, Vincent Praplan, Simon Moser, Lino Martschini, Andres Ambühl oder Sven Andrighetto auch nicht. Nino Niederreiter wird das Powerplay verbessern. Es wird vor dem gegnerischen Tor rumpeln.

Nationaltrainer Patrick Fischer hat alles richtig gemacht. Er steht nun vor der schwierigsten Aufgabe, die es für einen Coach gibt. Es obliegt ihm, die Magie in unser Spiel zurückzubringen.

Ein gewöhnlicher Reto Berra und ein gewöhnlicher Leonardo Genoni. Gegen Schweden und Russland waren Reto Berra und Leonardo Genoni sehr gute, aber keine grossen Goalies.

Darf der Chronist seine Analyse von zwei Niederlagen einfach auf ein paar Spieler (Josi, Hischier, Fiala, Berra, Genoni) beschränken? Ja, er darf. Ohne dabei in den Verdacht der billigen Polemik zu geraten.

Romain Löffel (links) und Andres Ambühl (rechts) suchen den Puck.
Romain Löffel (links) und Andres Ambühl (rechts) suchen den Puck.Bild: EPA/KEYSTONE

Die Schweizer haben gegen Schweden und Russland mit allen vier Linien auf Augenhöhe gespielt und sowohl gegen Schweden (24:29) als auch gegen Russland (31:34) war das Schussverhältnis fast ausgeglichen.

Bei der Ausgeglichenheit auf Weltniveau, die heute so gross ist wie noch nie – die Schweiz und Deutschland haben in sechs Jahren dreimal das Endspiel eines Titelturniers erreicht – machen Details die Differenz.

Beispielsweise die Form von Roman Josi oder Nico Hischier und Kevin Fiala. Beispielsweise Reto Berra oder Leonardo Genoni, wenn sie «auf dem Kopf» stehen. So wie Leonardo Genoni im WM-Halbfinale von 2018 gegen Kanada. Reto Berra und Leonardo Genoni standen hier in Bratislava gegen Schweden und Russland auf den Schlittschuhen.

Nationaltrainer Patrick Fischer hat alles richtig gemacht. Er steht nun vor der schwierigsten Aufgabe, die es für einen Coach gibt. Es obliegt ihm, die Magie in unser Spiel zurückzubringen.

Mannschaften sind nie starre Gebilde. Sie sind unablässig Veränderungen unterworden. Deshalb gibt es ja Formschwankungen. Die Dynamik in dieser Gruppe junger, rauer Kerle verändert sich von Tag zu Tag. Diese Dynamik kann eine positive sein und ein Schweizer WM-Team auf höchste Höhen tragen (wie 2013 oder 2018). Aber sie kann auch eine negative sein und zu einem Scheitern im Viertelfinale beitragen.

Die nächsten 72 Stunden sind die wichtigsten bei dieser WM. In diesem Zeitraum wird sich entscheiden, ob die Dynamik wieder eine positive wird.

Das Glas ist halb voll. Nicht halb leer. Und zwar auf sehr hohem Niveau. Nun geht es darum, das Glas wieder zu füllen. Die Schweizer sind nach fabelhaftem Beginn nun emotional sozusagen am «WM-Nullpunkt» angelangt. Alles befindet sich jetzt in der Schwebe. Die nächsten 72 Stunden sind die wichtigsten bei dieser WM. In diesem Zeitraum wird sich entscheiden, ob die Dynamik wieder eine positive wird, ob die Schweizer diesen «Nullpunkt» zu überwinden vermögen.

Manchmal braucht es bei einer Mannschaft, die so intakt ist und so gut gecoacht wird wie das Schweizer WM-Team gar nicht viel. So wie der Flügelschlag eines Kolibris einen Tornado auslösen, so kann ein Detail die positive Dynamik wieder in Gang setzen.

Beispielsweise die Ankunft von Nino Niederreiter. Auch einer der besten der Welt. Einer, der sich in der NHL durchgesetzt hat. Wie Roman Josi, Nico Hischier und Kevin Fiala.

Kann es Nino Niederreiter richten?
Kann es Nino Niederreiter richten?Bild: KEYSTONE

Am Dienstag gegen Tschechien (12.00 Uhr) wird dieser Titan, Dollarmillionär und WM-Silberheld von 2013 und 2018 zum ersten Mal antreten. Im Idealfall als Flügel und Mutmacher neben Nico Hischier.

Seine Gegenwart wird eine emotional erfrischende Wirkung haben wie Kohlensäure im Mineralwasser und dazu führen, dass jeder so spielen wird, als sei er ein paar Zentimeter grösser, ein paar Kilo kräftiger und ein paar Stundenkilometer schneller.

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Nico Hischiers Teammates packen über ihn aus

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