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Eismeister Zaugg

Die Lakers, die reinste Form des Hockeys und Mitleid mit dem SCB

Leichtigkeit und Eleganz mahnen an Eisballett, die Präzision an Landvermesser und über allem ein Hauch von Genie – besser und schöner als beim 5:2 gegen Meister SC Bern haben die Lakers wahrscheinlich noch nie gespielt.
03.02.2021, 04:59

Ist es das wunderschöne rote Leibchen? Mag ja sein, dass auch der optische Eindruck ein bisschen blendet. Aber die roten Lakers mahnen nicht nur optisch an die Russen der 1980er Jahre. Es ist vielmehr ihr Spiel. Eishockey in seiner reinsten Form. Eishockey wird gespielt, zelebriert und nicht gearbeitet. Eishockey als Kunstform und mit Pablo Picasso dürfen wir nach dem 5:2 gegen den meisterlichen SCB sagen: Diese Kunst wäscht den Staub des mühseligen Alltags von der Hockeyseele.

Die Lakers gegen den meisterlichen SC Bern – ein grandioses Schauspiel so wie einst ein Länderspiel der Sowjets gegen die Schweiz.

Diese krasse spielerische, technische und taktische Überlegenheit, diese Leichtigkeit und Präzision mahnen an einen unvergesslichen Nachmittag im Berner Eishockeytempel. Am 6. Dezember 1986 spielen die Sowjets (Russen) in Bern erstmals seit 14 Jahren wieder gegen die Schweiz und gewinnen 10:2.

10:2 für die Lakers wäre am Dienstag gegen den meisterlichen SCB auch das richtige Resultat gewesen.

Die meisterlichen Berner haben die Scheibe so wenig gesehen wie damals die Schweizer. Die Lakers kontrollieren Ebbe und Flut des Spiels von der ersten bis zur letzten Minute nach Belieben wie damals die Sowjets die Schweizer.

Nie sieht es aus wie Mühsal. Nicht Wucht, Härte, Anstrengung, Heftigkeit, Ungestüm oder gar Provokationen prägen diese Kunstform des Eishockeys. Sondern Präzision, Leichtigkeit, Feinheit, Harmonie, Eleganz und ein Hauch von Genie.

Die Lakers glänzen mit Präzision, Leichtigkeit, Feinheit, Harmonie, Eleganz und einem Hauch von Genie.
Die Lakers glänzen mit Präzision, Leichtigkeit, Feinheit, Harmonie, Eleganz und einem Hauch von Genie.
Bild: keystone

Es gibt im Mitteldrittel eine Szene, die es so vielleicht lange Zeit nicht mehr geben wird. Die «Rappi-Russen» dominieren die meisterlichen Berner fast zwei Minuten lang ununterbrochen mit einem Powerplay bei fünf gegen fünf Feldspieler. Wie letztmals die Russen am 6. Dezember 1986 in Bern die Schweizer.

Allein Roman Cervenka spielen zu sehen, ist die anderthalbstündige Reise nach Rapperswil-Jona an den Saum des Kantons St.Gallen wert. Der Tscheche hat die seltene Gabe, völlig stressfrei, und leichtfüssig übers Eis schwebend das Spiel ein paar Züge im Voraus zu erahnen und so immer zu kontrollieren. Mit exakten Pässen macht er seine Mitspieler besser. Ein wenig so wie einst Wayne Gretzky.

Mindestens zweimal trifft der «Rappi-Gretzky» die Torumrandung. Und mit einem Kunstschuss, nicht wuchtig, aber genau wie ein Laserstrahl, lässt er den Puck zum 3:1 ins Netz des wehrhaften Philip Wüthrich rauschen und entscheidet das Spiel.

Roman Cervenka – oder der «Rappi-Gretzky».
Roman Cervenka – oder der «Rappi-Gretzky».
Bild: keystone

Die Lakers bescheren den meisterlichen Bernern (der SCB ist nach wie vor Titelverteidiger!) die grösste Schmach seit dem Wiederaufstieg am grünen Tisch im Frühjahr 1986.

Der SCB ist in der einzig wahren Statistik Letzter

Um das zu verstehen, müssen wir das Selbstverständnis der meisterlichen Berner kennen. Die Begebenheit ist nun gut zwei Wochen her. Ein Berner namens M.L. (das ist tatsächlich die richtige Abkürzung seines Vor- und Nachnamens und es handelt sich nicht um Marc Lüthi) ist seit Anfang der 1980er Jahre SCB-Saisonkartenbesitzer. Er hat sein erstes SCB-Saisonabi aus Karton, auf dem jede Partie mit der Lochzange entwertet worden ist, aufbewahrt und hütet es wie einen Schatz.

Im Gespräch fällt leichthin die Bemerkung, der meisterliche SCB sei Tabellenletzter und schlechter als die Lakers und die Langnauer. Er erstarrt und sagt, das könne gar nicht sein. Natürlich sei der SCB Tabellenletzter. Aber das sei nur wegen der vielen ausgefallenen Spiele. Statistisch sei der SCB nie und nimmer schlechter als die Lakers und die Langnauer. Das sei völlig ausgeschlossen. Wenn das einmal eintreffen sollte, dann … ja dann … wisse er nicht, was er tun werde.

Er kramt sein Smartphone hervor, setzt sich auf eine Treppe und wischt hin und her bis er triumphierend die Bestätigung findet: Der SCB hat pro Spiel bis zu diesem Zeitpunkt mehr Punkte geholt als die Lakers und Langnau.

Und nun ist auch das nicht mehr der Fall. Der meisterliche SCB ist auch in dieser einzigen wahren Statistik Letzter. Hinter den Lakers und Langnau. Ich werde M.L. anrufen.

  • 9. Lakers 1,06 Punkte pro Spiel
  • 10. Ambri 1,03 Punkte pro Spiel
  • 11. Langnau 0,90 Punkte pro Spiel
  • 12. SC Bern 0,87 Punkte pro Spiel

Damit ist der meisterliche SCB sogar nur noch minim besser als die Lakers in der Abstiegssaison 2014/15 (0,86 Punkte pro Spiel).

Den meisterlichen SCB nun für dieses 2:5 in Rapperswil-Jona zu schmähen, wäre eine Respektlosigkeit gegenüber den Lakers. Häme und Hohn für den meisterlichen SCB würde die hohe Kunst der Lakers schmälern.

Um Eishockey zu einer Kunstform zu entwickeln, haben die Sowjets jahrelang geübt. Sie hatten natürlich unendlich viel mehr Talent als die Lakers. Sie vereinigten in ihrer Mannschaft die Besten aus über einer Million Spieler. Jeder einzelne war ein Künstler. Ein Meister seines Faches. Slawa Fetisow, Igor Larionow, Sergej Makarow, Wladimir Krutow, Slawa Bykow, Andrej Chomutow. Nur Torhüter Wladimir Myschkin war kein Titan. Aber das ist Noël Bader bei den Lakers ja auch nicht.

Die Lakers haben nicht die Besten der Besten in ihren Reihen. Nur Roman Cervenka ist, so wie er gegen den meisterlichen SCB gespielt hat, der Beste der Liga. Die anderen sind Künstler durch Fleiss und Übung. Fleissig geübt wird im Training unter Anleitung des Trainers.

Beim Trainer wird gespart

Die Lakers üben nun schon seit 2015 unter der Anleitung von Jeff Tomlinson. Der meisterliche SC Bern übt hingegen seit dem Ende der letzten Saison ohne richtige Aufsicht und Anleitung.

Erst der kanadisch-österreichische Operetten-Bandengeneral Don Nachbaur und seit dem 1. Dezember 2020 der freundliche österreichische Juniorentrainer Mario Kogler. Da ist es nicht mehr weit bis zur boshaften Frage: Warum steht eigentlich Sportchefin Florence Schelling nicht auch an der Bande? Auch sie war Juniorentrainerin. Und zwar eine besonders tüchtige und von internationalem Format: Sie coachte unser U-18-Nationalteam der Frauen.

Das Management des meisterlichen SCB, trunken vom Ruhm aus drei Titeln in vier Jahren und arrogant geworden, geht davon aus, dass es eigentlich gar keinen richtigen Trainer mehr braucht. Dass beim Trainer Geld gespart werden kann.

Heute ist der qualitative Unterschied der Trainingsleitung und des Coachings zwischen den Lakers und dem meisterlichen SCB grösser als damals zwischen den Sowjets unter Victor Tichonow und den Schweizern.

Wenn die Schadenfreude dem Mitleid weicht

Und so sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir in Hockey-Bern seit dem ersten Meistertitel von 1959 noch nie waren: Niederlagen der mächtigen Hockey-Institution aus der Hauptstadt haben immer auch Schadenfreude geweckt. Gerade und vor allem auch in gewissen hügligen ländlichen Gegenden des Bernbietes.

Aber nun gibt es erstmals keine Schadenfreude mehr. Sondern nur noch Mitleid. Mitleid mit den tapferen Spielern, die alle guten Willens sind, aber von einem miserablen sportlichen Management im Stich gelassen und für dumm verkauft werden.

Mitleid mit dem meisterlichen SCB. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht. Nie ist ein Meister tiefer gefallen. Der meisterliche SCB befindet sich inzwischen ungefähr im gleichen sportlichen Zustand wie Basel in der Abstiegssaison 2007/08.

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