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Spieler, Staff und Fans der SCL Tigers feiern den Einzug in die Playoffs 2018/19 nach dem 4:2-Sieg gegen Bern.
Spieler, Staff und Fans der SCL Tigers feiern den Einzug in die Playoffs 2018/19 nach dem 4:2-Sieg gegen Bern.Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Langnau: Der Hockey-Himmel die Limite und der Playoff-Final das Ziel? Ja, warum nicht?

Mehr geht nicht: Langnau holt die Playoffs vor eigenem Publikum mit einem Sieg (4:2) gegen den SC Bern. In einem Spiel, das die ganze Saison zusammenfasst und alle Qualitäten der SCL Tigers zeigt
03.03.2019, 04:2003.03.2019, 13:44

Hat der SCB den Langnauern den Sieg geschenkt? Nein. Die Frustration ist so gross, dass SCB-Topskorer Mark Arcobello in der Schlussminute zwei plus zehn Minuten für Reklamieren kassiert.

War es ein grosser, mächtiger SCB? Nein, es war ein gewöhnlicher SCB mit einem gewöhnlichen Leonardo Genoni. Aber auch ein gewöhnlicher SCB mit einem gewöhnlichen Leonardo Genoni ist im Vergleich zu den SCL Tigers gross und mächtig. Es war also ein grosser Sieg der Langnauer.

Leonardo Genoni
Leonardo GenoniBild: KEYSTONE

Die Regie ist perfekt. Die Playoffs werden daheim mit einem Sieg gegen den SCB gesichert. Nicht im fernen Rapperswil-Jona. Es wäre ja fast peinlich gewesen, einen Sieg gegen die «Miserablen» zu feiern. Dem Tabellenletzten war der Sieg zu gönnen.

Das Spiel gegen den SC Bern ist Drama und Lehrstück zugleich. Drama, weil der Sieg lange Zeit an einem seidenen Faden hängt. Ein Lehrstück, weil auf eine eindrückliche Art und Weise die grösste Qualität der SCL Tigers sichtbar wird: die Fähigkeit, sich gegen Widerstand durchzusetzen und in kritischen Situationen stärker zu werden. Sie biegen sich unter dem Druck von Ungemach. Aber sie brechen nicht. 24 Stunden nach einem blamablen 2:5 gegen den Tabellenletzten bodigen sie den Qualifikationssieger aus Bern 4:2.

Aber es ist ein langer Weg zu diesem 4:2. Das Unheil nimmt scheinbar seinen Lauf.

  • 48:10 Minuten: Damiano Ciaccio kassiert zwei Minuten, weil er in der Not das Tor absichtlich verschiebt.
  • 49:41 Minuten: Zack Boychuk nützt dieses Powerplay zum 2:2.
  • 51:49. Leitwolf Chris DiDomenico dreht durch. Er «rächt» einen Bandencheck von Daniele Grassi gegen Anthony Huguenin. Zwei plus zwei plus zehn Minuten plus Spieldauerdisziplinarstrafe. Duschen. Er wird seiner Mannschaft nicht mehr zur Verfügung stehen. Als alle abgeurteilt sind, wird die Partie mit einem Zweiminuten-Powerplay für den SCB fortgesetzt. In der ausverkauften Arena verdichten sich Zorn, Wut, Grimm, Entrüstung, Empörung, Erregung, Hoffnung, Ungeduld, Nervosität, Vorfreude, Anspannung, Hektik und Unbehagen zu den Quellwolken der Gefühle, aus denen sich grosse Dramen zu entladen pflegen.
Chris DiDomenico
Chris DiDomenicoBild: PPR

Die Playoffs sind so nahe und drohen doch zu entgleiten. Eine gewöhnliche Mannschaft wäre unter dieser Belastung gegen diesen SCB untergegangen.

Aber hier ist nicht eine gewöhnliche Mannschaft am Werk. Sondern die SCL Tigers. Sie gewinnen. Getragen vom treusten Publikum Europas. Sie schöpfen aus dieser «Wir gegen den Rest der Welt»-Stimmung auf wundersame Art und Weise noch einmal Energie.

  • 56:05 Minuten: Eero Elo trifft zum 3:2.
  • 59:18 Minuten: Eero Elo trifft ins leere Tor zum 4:2.
  • Es ist vollbracht.

Die SCL Tigers sind zum zweiten Mal nach 2011 in den NL-Playoffs. Es ist der grösste Erfolg der Klubgeschichte seit dem Meistertitel von 1976. Es ist keine «Jahrhundert-Sensation», die nicht mehr wiederholbar ist wie damals 2010/11. Es ist ein logisches Wunder. Diese Playoffs haben ihre Logik. Sie sind Stück für Stück seit dem 21. September erarbeitet, gebaut worden. Nun wird mit dem 4:2 gegen den SCB das Richtfest gefeiert.

Sieben Figuren, allesamt gut genug für einen Hockey-Hollywood-Film haben in diesem Spiel und in dieser Saison die Hauptrollen gespielt.

Damiano Ciaccio
Damiano CiaccioBild: KEYSTONE
  • Damiano Ciaccio ist in diesem Derby mit einer Fangquote von 93,75 Prozent und auch sonst in jeder Beziehung besser als Leonardo Genoni (Fangquote 88 Prozent). Wegen einer Verletzung von Ivars Punnenovs hängt seit der Spengler Cup Pause alles an ihm. Er zerbricht an dieser maximalen Belastung nicht. Sie macht ihn stärker. Er ist weder der talentierteste noch der stilsicherste Torhüter der Liga. Aber er ist der kampfstärkste und mental robusteste. Seine Geschichte wäre gut genug für Hollywood: 2013 Abstiegs-Sündenbock. 2015 Aufstiegsheld. 2019 Playoff-Hockeygott. Geformt von Goalietrainer Dusan Sidor.
  • Antony Huguenin: Bei Biel in zwei Anläufen gescheitert. Bei Gottéron gescheitert. Bei den Lakers nur ein kurzes Gastspiel. Die Karriere ist im Frühjahr 2016 eigentlich fast vorbei. Sein Talent ist unbestritten. Er ist einer der ganz wenigen Verteidiger mit einem Hauch von offensivem Genie. Aber zu weich. Taktisch zu undiszipliniert. Zu eigenwillig. In den Zweikämpfen zu ängstlich. Trainer Heinz Ehlers macht aus ihm Langnaus besten Offensiv-Verteidiger. Anthony Huguenin assistiert gegen den SCB zum 2:1. Das ist die Kunst, die ein Aussenseiter wie Langnau beherrschen muss: aus Talenten, die sich anderswo nicht durchsetzen konnten, Titanen zu formen.
  • Pascal Berger: Im Sommer 2016 vom SC Bern gekommen. Der bestverdienende Schweizer Spieler in Langnau. Die Kunst der Sportchefs eines Aussenseiters ist es, das Geld in die richtigen Spieler zu investieren. Pascal Berger ist Captain, Leitwolf und neben Chris DiDomenico der zweite Dynamo des Spiels. Nicht so talentiert wie Michael Horisberger, der Captain des Meisterteams von 1976. Aber im Wesen und Wirken durchaus ähnlich. Der Simon Moser des armen Mannes.
  • Andrea Glauser: Von der ganzen Liga übersehen und auch Gottérons Operetten-Sportdirektor Christian Dubé ahnt nicht, welches Talent er in seiner eigenen Nachwuchsorganisation hat. Aber die Langnauer wissen es. Weil sie um Alfred Bohren (Stürmer im Meisterteam von 1976) das beste Scouting-System der Liga aufgebaut haben. Andrea Glauser ist im letzten Sommer nach Langnau gekommen und hat sich zum Nationalverteidiger entwickelt.
  • Chris DiDomenico: Im Februar 2017 lässt er Langnau im Stich bevor der Ligaerhalt gesichert ist. Er will seinen Lebenstraum NHL erfüllen. Verräter. Im letzten Sommer kehrt der verlorene Sohn heim. Er ist neben Pascal Berger der zweite Dynamo des Spiels. Der Team-Topskorer ist ein leidenschaftlicher Leitwolf. Wenn er das Eis betritt, passiert immer etwas. Einer der dominantesten, charismatischsten und wirkungsvollsten Spieler der Liga.
  • Heinz Ehlers: Ein grosser Trainer. Ein grosses Team braucht einen grossen Trainer. Ein Aussenseiter wie Langnau braucht einen noch grösseren Trainer. Der Däne übernimmt die SCL Tigers am 3. Oktober 2016. Seit diesem Tag entwickelt, konstruiert und konzipiert er die Mannschaft Stück für Stück. Er hat ihr ein System beigebracht und sorgt für taktische und sonstige Disziplin. Diese Playoffs mit Langnau sind die Krönung einer ganz besonderen Trainerkarriere. Heinz Ehlers hat bis heute bei jedem Klub das geforderte Ziel erreicht. In Biel 2008 den Wiederaufstieg, in Langenthal den B-Meistertitel (2012), mit Aufsteiger Lausanne gleich die Playoffs (2014) und nun auch mit Langnau die Playoffs.
  • Peter Jakob: Als Nationalrat Hans Grunder die SCL Tigers im Sommer 2009 ganz nahe an den finanziellen Ruin heruntergewirtschaftet hat, übernimmt er die Verantwortung und wird Präsident. Er saniert die Hockeyfirma, orchestriert den Stadionumbau und nach dem Abstieg von 2013 den sportlichen Neuaufbau. Ein ruhiger, freundlicher, bescheidener und kluger Unternehmer und Patron. Er hat seinen Verwaltungsrat fast so klug zusammengestellt wie Heinz Ehlers die Mannschaft. Seine Leistung ist eher noch höher zu bewerten als Marc Lüthis Aufbau des SCB zum Hockey-Konzern.

Der Einwand ist richtig: Eishockey ist ein Mannschaftsport. Aber es braucht eben beides: die grossen Figuren und die Fleissigen und Willigen. Langnau hat beides: die grossen Figuren und die Fleissigen und Willigen. Das ist auch ein Erfolgsgeheimnis.

Eine kluge, kaum beachtete Investition spielt eine ganz wesentliche Rolle: die SCL Tigers sind das einzige Team der Liga, das bisher in allen Partien vier ausländische Arbeitnehmer einsetzen konnte. Weil von Anfang an fünf beschäftigt worden sind. Ein Aussenseiter wie Langnau kann es sich nicht leisten, auch nur eine Partie nur mit drei Ausländern zu spielen.

2011 verloren die Langnauer nach der vorzeitigen Playoff-Qualifikation 9 von 10 Spielen inklusive alle vier Viertelfinalpartien gegen den SCB. Das war ein anderes Langnau. Weder taktisch so stabil wie heute, weder so gut gecoacht wie heute, weder so ausgeglichen wie heute. 2011 waren die Emmentaler ob den Playoffs so aufgeregt wie ein jungfräulicher Bräutigam vor der Hochzeitsnacht. 2019 sind sie gelassen und geläutert wie nach der vierten Scheidung.

Was ist in den Playoffs möglich? Die SCL Tigers haben nach dem SCB (95) und Zug (112) mit 122 am drittwenigsten Gegentore kassiert.

Die Defensive gewinnt Meisterschaften. Wer die drittbeste Abwehr hat, kann ins Halbfinale kommen. Und wenn dort der SCB wartet sollte, ist das Finale möglich. Torhüter machen die Differenz. Die SCL Tigers haben während der Qualifikation vier von sechs Partien gegen den SC Bern gewonnen. Damiano Ciaccio hat vier der sechs Derbys gespielt und war dreimal klar besser als Leonardo Genoni.

Hätten die ZSC Lions oder Lugano in dieser Qualifikation die exakt gleichen statistischen Werte erreicht und die gleichen Taten vollbracht wie die SCL Tigers, dann würden sie als heisse Titelkandidaten gelten.

Also der Hockey-Himmel die Limite und das Playoff-Finale das Ziel?

Ja, warum nicht?

Alle Playoff-Topskorer seit der Saison 2002/03:

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Alle Playoff-Topskorer seit der Saison 2002/03
quelle: keystone / walter bieri
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Das Büro steht Kopf, wir sind im Playoff-Fieber:

Video: Angelina Graf
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